Tartüff (DE 1925) #Filmfest 931

Filmfest 931 Cinema

Tartüff ist ein deutsches StummfilmDrama des Regisseurs Friedrich Wilhelm Murnau aus dem Jahr 1925. Es basiert auf der Gesellschaftskomödie Tartuffe oder Der Betrüger (Originaltitel: Tartuffe ou L’Imposteur) aus dem Jahr 1664 von Molière, ist aber in der damaligen Gegenwart angesiedelt.

Die Bedeutung des Regisseurs Friedrich Wilhelm Murnau für das deutsche Kino lässt sich schon daran ablesen, dass die Stiftung, die sich um die Pflege, die Bewahrung und Restaurierung alter deutscher Filme kümmert, nach ihm benannt ist („F. W. Murnau-Stiftung“). Berühmt wurde er für Filme wie „Der letzte Mann“ (1925) oder den bereits in den USA gedrehten „Sunrise“ (1927), und natürlich für „Nosferatur“ (1922). Wie steht dazu „Tartüff“ im Vergleich?

Handlung (1)

Ein wohlhabender alter Mann wird von seiner Haushälterin gehegt und gepflegt. Da diese es auf sein Vermögen abgesehen hat, versucht sie ihn beharrlich davon zu überzeugen, sie statt seines Enkels im Testament zu berücksichtigen. Durch eine Intrige gelingt ihr dies. Um an das Erbe zu kommen, fängt sie danach an, den alten Mann langsam zu vergiften.

Der Enkel schöpft Verdacht, kommt aber erst einmal nicht an seinen Großvater heran, um ihn zu warnen. Nun stellt sich heraus, dass seine Berufswahl als Schauspieler von Vorteil ist. Er verkleidet sich als Betreiber eines Wanderkinos und fährt vor dem Haus des Großvaters vor. Zuerst will die Haushälterin ihn abwimmeln, doch dann lässt sie sich durch seinen Charme davon überzeugen, ihn eine Filmaufführung im Hause durchführen zu lassen. Gezeigt wird der Film Tartüff, ein Film, dessen Geschichte von einem Heuchler und dem allzu leichtfertigen Glauben an ihn handelt. Der Heuchler im Film wird entlarvt und ebenso ergeht es nach der Aufführung der Haushälterin: Sie wird hinausgeworfen und Großvater und Enkel liegen sich in den Armen. Dem Film nach soll man Heuchler deshalb auch Tartüff nennen können.

Rezension 

Murnaus letzter Film „Tabu“ von 1931 war dann sein letzter, ebenfalls ein sehr bekanntes Werk. Und dann starb F. W. Murnau bei einem Autounfall. Sicher einer der größten Verluste im damaligen Weltkino, mit dem nicht zu rechnen war, denn die oben erwähnten Filme gehören zu den besten ihrer Zeit, der gesamten Stummfilmära und werden noch heute als Meilensteine des Kinos angesehen.

Zwischen „Der letzte Mann“ und „Sunrise“ ist „Tartüff“ zeitlich angesiedelt und natürlich sucht man in einem solchen Werk nach Spuren des großen Vorgängers und nach Anzeichen, die auf den später gedrehten Film hindeuten könnten. Um es gleich zu sagen: Die Bezüge in beiden Richtung halten sich in Grenzen, wenn man sie nicht sehr bemüht herbeischreiben will. Anders ausgedrückt: Hätte ich „Tartüff“ gesehen, ohne zu wissen, von wem er inszeniert wurde, hätte ich ihn für einen guten Stummfilm gehalten, mit einigen markanten Details ausgestattet, aber ich hätte nicht ohne Weiteres auf einen der größten Regisseure seiner Zeit geschlossen oder gar ausgerufen: „Das muss ein Murnau sein!“

Sicher ist der Film im Film interessant und gibt der Adaption von Molières Komödie „Tartuffe“ einen Kick, verdeutlich das Prinzip, die Botschaft, dass wir uns vor Heuchlern in unserer Nähe in Acht nehmen sollen, macht es sehr klar. Vielleicht ein wenig übermäßig klar, und wenn man so will, kann man diese überwältigende Eindeutigkeit durchaus mit „Der letzte Mann“ in Verbindung bringen, der diese Unzweideutigkeit ebenfalls aufweist, und zwar auf eine Weise, die schmerzlich ist und dem Betrachter keinen Ausweg aus der Trauer über das Schicksal des Portiers lässt, der übrigens ebenso von Emil Jannings verkörpert wird wie der Herr Tartüff ein Jahr später, was unter anderem die große Bandbreite dieses Schauspielers belegt – der wenig später auch den ersten Schauspieler-Oscar der Geschichte gewann.

Trotzdem ist mir dieses extreme Überspielen, das er in „Tartüff“ zeigt, ein wenig zu – genau, zu extrem. Sicher, der deutsche Film mit seinem deutlich vom Theater herrührenden Gepräge ist mehr von dem geprägt, was man heute als „Overacting“ bezeichnen würde als das angloamerikanische Kino, dessen Spielweise sich im Wesentlichen durchgesetzt hat, aber dieses ständige Grimassieren ist auch in einer Komödie oder Satire etwas, das man mögen kann oder aushalten muss. In „Der letzte Mann“ trägt Jannings einen dicken Bart, trotzdem wirkt die Gestik, wirken die Bewegungen noch sehr, sehr intensiv. Vermutlich besser, dass man die Mimik nicht auch noch wahrnehmen kann.

Dagegen spielt Lil Dagover als verführerische Scheinverführte vergleichsweise zurückhaltend und liefert, wenn man es so sieht, die modernere Vorstellung ab, außerdem ist sie auf eine Weise in Szene gesetzt, dass man den Tartüff auch verstehen kann. Besonders der Topshot in ihren Ausschnitt während der „Mann-steht-hinter-Vorhang-Szene“, bei dem die Kamera subjektiv die Augenperspektive von Tartüff einnimmt, belegt, dass Murnau wusste, wie man das Publikum glauben macht, dass diese Frau wirklich genau auf den Punkt in der Lage ist, den Heuchler Tartüff so zu entlarven, dass ihr Mann, im Verborgenen miterleben kann, wie es sich mit dem Charakter des Tartüff wirklich verhält. Die Szene hat mich ein wenig an „Der Löwe im Winter“, den ich kürzlich gesehen habe, der auch dieses sehr theaterhafte und aus heutiger Sicht plottechnisch sehr vereinfachend wirkende Element des stummen und verborgenen Zeugen aufweist, mit dem man eine festgefahrene Handlung wieder flott machen kann, auch wenn solche Szenen nicht maximal glaubwürdig daherkommen. Um das Denken von Menschen zu entlarven, lässt man sie am besten sprechen, wenn sie sich unbeobachtet glauben.

Visuell ist „Tartüff“ ein Rückschritt gegenüber der berühmten „entfesselten Kamera“ in „Der letzte Mann“, aber ich halte es für denkbar, dass Murnau damit betonen wollte, dass es sich hier wirklich um ein verfilmtes Stück dreht, vor allem natürlich die Binnenhandlung betreffend. Der Rahmen ist stilistisch allerdings auch eher von statischen Einstellungen geprägt, wobei sich der Enkel des alten Mannes einmal ans Publikum wendet und die Vierte Wand durchbricht. Das wirkt, wie die Figur an sich, sehr sympathisch.

Die Raumkonzeption des Films ist von Großaufnahmen und Totalen beherrscht, durchaus spannend, aber schon damals nicht mehr absolut progressiv, und es gibt einen wegen seiner Seltenheit so auffälligen, achsengetreuen Kameraschwenk zur Seite, bevor Tartüff Emire verführen will, ansonsten bleibt das Bildaufzeichnungsgerät mehr oder weniger statisch.

Die Rahmenhandlung des Films hatt offenbar einen autobiografischen Hintergrund – der Großvater, der den jungen Mann verstößt, weil dieser sich der Schauspielerei  zuwendet, ist gleichzusetzen mit Murnaus Eltern und deren Einstellung zu seiner Filmleidenschaft in einer Zeit, als das Medium in der Tat noch keine sehr künstlerische Ausformung hatte. Der wandernde Filmvorführer, als welcher der Enkel im Film zurückkehrt, entspricht denn auch der ganz frühen Zeit der bewegten Bilder, als tatsächlich wandernde Kleinkinos ähnlich kleinen Wanderzirkussen über die Dörfer zogen und bewegte Bilder vorführten. Ob es im Leben von Murnau auch eine heuchlerische Person, wie beim Film-Großvater die Haushälterin, gegeben hat, die dazu beitrug, ihn seinen Eltern zu entfremden, habe ich nicht recherchiert, jedenfalls hätte eine solche Konstellation die Motivation für den gesamten Film gut erklärt.

Ob  Murnau politische Allegorien im Sinn hatte, wie sie in Fritz Langs Filmen, besonders in „Dr. Mabuse“ deutlich zum Vorschein kommen, ist eine weitere Frage, die ich mir gestellt habe, denn das Thema der Heuchler, die andere manipulieren, um von ihnen etwas zu erreichen, ist überzeitlich. Dennoch will ich nicht ausschließen, dass in der aufgeregten Weimarer Zeit durchaus das Einschleichen von Demagogen in die Herzen naiver Menschen ebenso  in den Film hineingelegt wurde wie die allgemeine, neurotische und angstgeladene Situation nach dem Ersten Weltkrieg, die den das Kino so verändernden und künstlerisch progressiven deutschen Filmexpressionismus zuwege gebracht hat, in dem die Angst in unzähligen Gestalten bildmächtig wird.

Finale

„Tartüff“ ist, anders als Murnaus erstes großes Werk „Nosferatu“ (1922), kein expressionistischer Film mehr und geht auch weiter vom Stil weg als „Der letzte Mann“ (1924), aber inhaltlich bewegt er sich auf einem Feld, das der Verunsicherung von Menschen durchaus förderlich ist: Er warnt explizit vor Menschen in der nächsten Umgebung und vielleicht darüber hinaus und steht damit in der Tradition des damaligen Kinos, in dem so vieles nicht ist, wie es scheint und das sich deutlich und nicht nur stilistisch vom straighten US-Kino jener Zeit absetzt.  Leider hat die vielfache filmische Warnung vor dem Wahnsinn und der Manipulation um uns herum nicht einmal über die folgende, furchtbare Zeit des Nationalsozialismus hinaus, nämlich bis heute nicht dazu geführt, dass die Deutschen ihre Naivität gegenüber allem, was dem gesunden Menschenverstand klar widerspricht, ablegen konnten. Die Tartüffen und Tartüffinnen sind weiterhin unterwegs, und sie haben es nicht nur aufs Geld braver Menschen abgesehen, sondern auch auf ihre Herzen und auf die Macht.

71/100

© 2023 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2016)

Regie Friedrich Wilhelm Murnau
Drehbuch Carl Mayer
Produktion Erich Pommer
Musik Giuseppe Becce
Kamera Karl Freund
Besetzung

 

 


Entdecke mehr von DER WAHLBERLINER

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Hinterlasse einen Kommentar