Ein Tag wie jeder andere – Tatort 1085 / Crimetime 236 // #Tatort #Franken #Nürnberg #TatortFranken #Voss #Ringelhahn #Tatort1085 #EinTagwiejederandere #Tag #BR

Titelfoto © BR, Hendrik Heiden

Die Uhr ist abgelaufen

In der Vorschau (in diesem Beitrag unterhalb der Rezension geparkt) schrieben wir: „Mit nur einem guten Film könnten sie (die Franken, in der Ermittler-Rangliste des Tatort-Fundus) an Lena Odenthal vorbeiziehen, weil bei einem Team, das erst fünf Fälle bearbeitet hat, die Bewertung jedes neuen Falls eine viel größere Rolle spiet als bei welchen, die schon Dutzende Filme der Reihe absolviert und manchen Flop geliefert und weggesteckt haben.“  Aber dass sie gleich einen Satz um fünf Plätze nach vorne machen, von 15 auf 10, damit hatten wir nicht gerechnet. Es liegt daran, dass „Ein Tag wie jeder andere“ derzeit unter den Top 20 aller bisherigen 1085 Tatorte geführt wird. Sind wir auch so wow? Darüber sprechen wir in der -> Rezension.

Handlung, Playlist, Besetzung, Stab

Der Tag in Bayreuth beginnt wie jeder andere. Doch dann geschieht ein Mord. Ein Bayreuther Anwalt erschießt im laufenden Prozess einen Richter. Kurz vor der Tat schaut er auf die Uhr und wartet die volle Stunde ab. Dann flüchtet er.

Exakt eine Stunde später stirbt eine Universitätsmitarbeiterin. Wieder ist Anwalt Peters der Täter. Es gibt zunächst kein erkennbares Motiv, keine Verbindung zwischen dem Täter und den beiden Opfern. Doch es gibt ein Tatmuster. Auch hier hat Peters die volle Stunde abgewartet. Und er ist weiter flüchtig. Droht ein dritter Mord zur nächsten vollen Stunde? Wer wird das Opfer sein? Und wo ist die Tat geplant?

Felix Voss, Paula Ringelhahn und ihr Team ermitteln in einem rasanten Wettlauf gegen die Zeit, um ein nächstes Menschenleben zu retten.

Mit dem „Tatort: Ein Tag wie jeder andere““ setzen Autor Erol Yesilkaya und Regisseur Sebastian Marka ihre erfolgreiche Zusammenarbeit („Tatort: Die Wahrheit““) für den BR nun in Franken fort. Produzenten sind Jakob Claussen und Uli Putz. 

Rezension

Wenn man nach ein, zwei Zeitsprüngen verstanden hat, wie sie funktionieren und dass es, im Gegensatz zu früheren Filmen dieser Art, keine optischen Merkmale gibt, durch die sie von Szenen auf der aktuellen Handlungsebene abgesetzt werden, kommt man damit gut klar. Man weiß in etwa, wo im Leben des Martin Kessler man sich gerade befindet. Vielleicht hätten wir in die Vorschau auch einen Satz einbauen sollen wie „Mal sehen, was Erol Yesilkaya wieder für ein Drehbuch rausgehauen hat“, denn er gehört zu den derzeit am meisten gebuchten Autoren in der Reihe und hat ungewöhnliche Filme wie den Berliner „Meta„, den bisher besten von Karow / Rubin, mit einem Plot versehen.

Eines kann man diesem Film nicht absprechen – dass er spannend gemacht ist. Das Drehbuch ist aber auch eines der unlogischsten, über dessen Umsetzung in laufende Bilder wir in jüngerer Zeit berichten durften. Es ist eben ganz auf Effekt gemacht, kein einziger Handlungspunkt ist zwingend, aber dadurch hat die Erzählweise auch etwas Magisches, Orientalisches, fragt nicht nach dem Muss, sondern erzählt vom Unwahrscheinlichen und will wohl auch so verstanden werden: Als ein Märchen von bösester Rache lieber Menschen, die ihr Liebstes verloren haben, bevor es ihr Leben erleuchten konnte. Und das alles wegen einem fiesen Lebensmittelvergifter-Unternehmer. Das passt so gut in die Zeit, dass man nicht so recht weiß, ob man es in antikapitalistischer Grundstimmung, also wie meistens, genießen oder ob man sich doch etwas über die Manipulation und das Klischee ärgern soll.  Aber wir sind ja in einem Krimi-Märchen, das wollen wir nicht vergessen. Wenn man diese Linie beibehält, darf man im Grunde über die Schwächen des Films, die auf Handlungsebene angesiedelt sind, gar nicht schreiben.

Die Ausführung der ersten beiden Morde zur vollen Stunde ist schon recht krude, aber natürlich muss das so geschehen, dass der Einflüsterer es beobachten kann, und da gibt es kein Zeitfenster, alles muss auf die Sekunde exakt getimt sein. Nun gut, hat ja funktioniert. Aber als dann Ringelhahn den Peters erschießt, geht es schon ziemlich dahin – woher weiß Kessler, dass sie ihn wirklich erschießt und ihm  nicht einen Schuss verpasst, der ihn nicht tötet, das war es, was wir in der Situation erwartet hatten. Dass der Anwalt, der sicher vorher noch nie die Waffe auf jemanden gerichtet hat, so, wie er wirkt, tatsächlich zwei Morde präzise ausführen kann und vor dem dritten – böses Omen – schon durch einen Taxifahrer beinahe daran gehindert wird, rechtzeitig ins Opernhaus von Bayreuth zu kommen, punktgenau von der Polizei gestellt wird – schön in die Inszenierung der Walküre auf einem Müllplatz hineininszeniert, aber reines Fantasiekino, natürlich.

Das Publikum steht auf und verlässt in Ruhe den Saal, nachdem die Schüsse fielen. Das ist nun wieder klar, denn es handelte sich ja gewiss um echte Wagnerianer, die man für ein paar Momente in Statisten verwandelt hat, und wer Wagner gut findet, der rennt nicht vor ein paar Knallgeräuschen davon. Wie am Schnürchen gezogen geht es nach dem geplanten Tod von Peters weiter, denn über dessen Ohrstecker nimmt die Polizei nun Kontakt mit Kessler auf. Der Zuschauer ahnt derweil längst, wer Peter’s Instrukteur ist und klopft sich auf die Schenkel, dabei hat der Drehbuchautor wieder einen Pluspunkt gemacht, weil der Zuschauer sich so easy bestätigt fühlt. Und wie Voss kombiniert, dass der Tod von Peters gewollt war, weil ja kein Fenster im Opernsaal – so cool, das wiederum hätte niemand ahnen können. Warum diese Wagner-Inszenierung auf einer Giftmüll-Deponie stattfindet, das werden wir noch erfahren.

Die Tochter von Peters muss nun gerettet werden, damit wird der äußerst typische und nicht sehr innovative Thriller mit Zeitfaktor Lebensgefahr ins Leben gerufen. Der Wechsel von „Nicht noch ein Mord zur vollen Stunde!“ und der Pflicht zur Rettung des Kindes als Thriller-Elemente ist toll gelungen, aber wir schrieben bereits, langweilig ist der Film nicht.

So unwahrscheinlich wie die Abläufe im ersten Akt, der passenderweise eine Pause in einer Wagner-Oper verursacht, so verrückt ist, dass Durchschnittsmenschen wie die Kesslers zu einem unfassbar hoch veranlagten Mörderduo mutieren, das seine Absichten bis zum Schluss Eins zu Eins umsetzen konnte. Oh ja, durch tiefe Täler! Martin Kessler hatte sich fast umgebracht, wurde dadurch querschnittsgelähmt, die Frau zieht aus, geht in ein anderes Land, kehrt unter Geburtsnamen und optisch verfremdet zurück, wird Sekretärin des Polizeichefs und schafft es, tatsächlich das Gift für den bösen Milchbubi in den Kaffee zu tun, das dann auch exakt zur vollen Stunde dessen Exitus hervorruft. Mit klassischem Krimi-Plotting hat das nichts mehr zu tun, aber das wissen wir ja längst und das Märchen verzaubert uns dadurch, dass die Handlungselemente mangels logischer und psychologischer Hinterlegung frei wählbar und somit höchst ansprechend, nicht gehindert durch banale Realitätsnähe, zu gestalten sind. Psychologisch? Da der zweite Teil des Films gerne mit „Das Schweigen der Lämmer“ verglichen wird, in dem auch ein Hirn hinter Gittern das Geschehen steuert: Das Böse ist ihm immanent, das kann man von den Kesslers bis zum Tod ihres Babys nicht sagen bzw. es deutet nichts darauf hin. Es reicht dann aber eine einzige Szene, in welcher der wegen des Milchskandals nicht zu belangende Koch sich in einem Fernsehinterview selbstgerecht zeigt, um Kessler von einem Opfer zum Handelnden zu machen. Bezaubernd.

Geradezu peinlich wirkt es, wenn dann doch die Wirklichkeit in Form von Dialogen zwischen Voss und Ringelhahn Einzug hält, die sich noch ernsthaft Gedanken darüber machen, ob es denn angehe, den Unternehmer Koch möglicherweise unter Zwang in Kesslers Obhut zu befördern, um Peters‘ Tochter zu retten, wenn dieser nicht freiwillig mitmachen will, was ja sein Recht ist.

Gut, dass es noch die umgefallene Zeugin gibt. Und gut, dass Koch nicht denkt: Na, dann brauch ich doch nicht mehr zum Kessler, wenn die Polizei eine solche Aussage über meine Machenschaften hat, denn die darf sie ja nicht einfach verheimlichen, sondern muss sie an die Staatsanwaltschaft weiterleiten. Wo ist also der Unterschied, vom vorhersehbaren Ergebnis meiner Verurteilung her betrachtet? Da warte ich doch lieber in meinem stylischen Haus auf das, was kommt, als meinen Missetaten in Person eines gepeinigten, mörderischen Vaters so direkt ins Gesicht zu sehen. Es sah ja auch für einen Moment so aus, als würde er das wirklich tun und – nun ja, die nachvollziehbare Handlungsweise. Dass hingegen nicht mehr Menschen an der verseuchten Milch erkrankt sind – Schwamm drüber. In welchem Film hatten wir ein solch seltsames Phänomen neulich schon?

Jetzt sind wir halbwegs mit dem durch, was wir bei einem Krimi als Quatsch in Abzug gebracht hätten, aber wir sind ja in einem Rache-Märchen, das auch eine Botschaft transportiert, wie jedes Märchen: Da mag der Voss noch so über Rechtsstaatlichkeit philosophieren, das ist alles längst überholt. Und, ehrlich geschrieben, wir sind uns ziemlich sicher, das meint der Drehbuchautor auch so.

Kessler hatte ohnehin vom Leben nicht mehr viel zu erwarten und als Rächer seines toten Babys wird er im Knast auf Händen getragen werden; dito seine Frau, abzüglich Mitleidsfaktor wegen Lähmung. Im Gefängnis wird der Geschundene sich auch wieder anständig ernähren lassen und nicht solch eine weitläufige Messie-Topographie aufbauen können wie in seinem Haus. Und Peters‘ Tochter wird auch gerettet, sie kann ja nichts dafür, dass ihr Vater den Koch mit § 44 LFGB so richtig straflos hat ausgehen lassen. Diese Regelung gibt es tatsächlich, aber so formuliert, dass nur Spezialisten sie entschlüsseln können. Aber Anwalt Peters war offensichtlich ein solcher oder hat sich Rat von einem Fachmann geholt. Schade für die Anwaltszunft, aber nach einigen Lebensmittelskandalen könnte sich diese Regelung trotz ihrer komplexen Ausformulierung auch unter Strafverteidigern herumgesprochen haben.

Finale

Und damit sind wir natürlich auch beim Rechtsstaatsprinzip angelangt und in gewisser Weise beim grandiosesten Teil unseres Tatort-Märchens. Die strafbefreiende Selbstanzeige ist ja vor allem aus dem Steuerrecht bekannt und wirkt schon dort auf den Normalbürger ziemlich frech – aber erst bei vergifteten Lebensmitteln, durch die es zu Todesfällen kommen kann? Das ist fundierte Kritik an der Rechtsordnung und damit sind wir beim eigentlichen Anliegen des Films: Wie wenig Recht oft mit Gerechtigkeit zu tun hat. So wird auch der Exkurs von Kommissar Voss erklärbar. Auf der Ebene des Rechtlichen lässt sich der Film nichts zuschulden kommen.

Sicher ist das auch ein Hieb auf die Scheinheiligkeit unserer Rechtsordnung im Ganzen und zielt darauf, wie auf hochgradig elaborierte Weise Privilegierte vor Strafverfolgung geschützt werden, wenn wirtschaftlich motiviertes, an Profit orientiertes Fehlverhalten vorliegt. Es geht ja fast nicht anders, wir denken an den Mietenbetrug: Wer ihn als Vermieter begeht, geht absolut und in jedem Fall straffrei aus. Bisher jedenfalls. Ist das alles besser, gerechter als eine verständliche, harte, archaische Rechtsordnung, wie sie bei uns immer mehr Anhänger findet? Wir gehen jetzt nicht so weit, nachzuforschen, wie und wann diese Regelung ins LFGB kam, aber es bleibt ein fades Gefühl zurück. Wir denken auch wieder an die Inszenierung der Walküre mit dem giftigen Müllberg.

8/10

Vorschau: Es kann kein Tag wie jeder andere sein

Denn es geschieht ein Mord. Und eine Stunde später noch einer. Und das kommt nicht einmal im Frankenland  jedem Tag vor. Der fünfte Fall des Teams Voss / Ringelhahn (Fabian Hinrichs, Dagmar Manzel) prunkt mit der Walküre und einer Plotanlage in Form des bekanntermaßen nervenzerfetzender Thrillers – der Täter ist bekannt, aber unter Zeitdruck muss er gefangen werden. Den Ritt der Walküre gibt es gemäß Playlist offenbar nicht zu hören, der ist ja auch  seit „Apocalypse Now“ beinahe ge- oder verbannt, dafür spielt das Original-Bayreuth-Festival-Orchestra auf. Nachdem letzte Woche das Sinfonieorchester des Hessischen Rundfunks  zugange war – ein Trend? Sicher nicht der schlechteste unter den aktuellen Tatort-Trends, dass die Sender endlich ihre Möglichkeiten nutzen, um musikalisch mehr zu zeigen.

Obwohl wir insbesondere Fabian Hinrichs‘ unprätentiöse Darstellung der Voss-Figur recht sympathisch finden und die beiden Ermittelnden zuletzt auch ein wenig diskutieren durften über dies und das und dabei leicht angeschrägt rüberkamen – es ist nicht wie einst in Frankfurt mit Steier / Mey, das war das erste Team, das neu gestartet war, nachdem wir die Arbeit mit der Tatort-Reihe aufgenommen hatten oder mit Faber & Co. in Dortmund, die mit großen Applomb und Medieninteresse gestartet waren. Diese Frankenmenschen muss man reifen lassen, sie schätzen lernen. Sie sind nicht so leutselig wie die realen Franken – vielleicht, weil sie keine Franken sind.

Offenbar geht’s nicht nur uns so: Sie werden nicht gebasht, wie einige andere Teams, die zu den weniger beliebten gehören, rangieren derzeit in der Liste des Tatort-Fundus jedoch auf einem recht bescheidenen Platz 15 unter 22 Teams. Da ist also noch viel Luft nach oben. Vielleicht heute Abend der nächste Schritt? Mit nur einem guten Film könnten sie an Lena Odenthal vorbeiziehen, weil bei einem Team, das erst fünf Fälle bearbeitet hat, die Bewertung jedes neuen Falls natürlich eine viel größere Rolle spiet als bei welchen, die schon Dutzende Filme der Reihe absolviert und manchen Flop geliefert und weggesteckt haben.

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Titel Komponist Interpret
Wagner: Die Walküre – Act 1: Prelude Richard Wagner Endrik Wottrich, Kwangchul Youn, Etc.; Christian Thielemann: Bayreuth Festival Orchestra
Wagner: Die Walküre – Act 1: Wes Herd dies auch, hier muss ich rasten Richard Wagner Endrik Wottrich, Kwangchul Youn, Etc.; Christian Thielemann: Bayreuth Festival Orchestra
Wagner: Die Walküre – Act 1: Kühlende Labung gab mir der Quell. Richard Wagner Endrik Wottrich, Kwangchul Youn, Etc.; Christian Thielemann: Bayreuth Festival Orchestra
Lookin‘ out my back door John C. Fogerty Creedence Clearwater Revival

Die übrige Filmmusik wurde eigens für den Tatort von Thomas Mehlhorn komponiert und ist nicht im Handel erhältlich. Vor- und Abspannmusik stammt von Klaus Doldinger.

Kriminalhauptkommissar Felix Voss Fabian Hinrichs
Kriminalhauptkommissarin Paula Ringelhahn Dagmar Manzel
Kriminalkommissarin Wanda Goldwasser Eli Wasserscheid
Kriminalkommissar Sebastian Fleischer Andreas Leopold Schadt
Leiter der Spurensicherung Michael Schatz Matthias Egersdörfer
Thomas Peters Thorsten Merten
Martin Kessler Stephan Grossmann
Rolf Koch Jürgen Tarrach
Jana Kessler Karina Plachetka
Polizeipräsident Bruchner Thomas Kügel
Taxifahrer Günes Cem Ali Gültekin
Mira Peters Jule Hermann
Frau Peters Julia Heinze
Katrin Tscherna Katharina Spiering
Anna Giesen Lena Dörrie
Musik: Thomas Mehlhorn
Kamera: Willy Dettmeyer
Buch: Erol Yesilkaya
Regie: Sebastian Marka

 


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