„Klimareligion – Das erste Buch Greta“ (Jan Fleischhauer, Der Spiegel) / #Thunberg #Greta #GretaThunberg #FridaysforFuture #DERSPIEGEL #Klimawandel #Klimareligion

2018-11-12 Umwelt und KlimaNachdem wir zuletzt ein kurzes Licht auf die aktuelle deutsch-französische Politik geworfen haben, kehren wir heute zum Thema Umwelt zurück und um was sollte es an einem Freitag im Frühjahr 2019 sonst gehen als um #FridaysforFuture?

Genauer gesagt, es geht um Greta Thunberg, unseres Wissens die jüngste je für den Friedensnobelpreis nominierte Person und von den deutschen Grünen gerade zur Prophetin der Klimareligion erhoben, dazu empfehlen wir einen Kolumnenbeitrag von Jan Fleischhauer im Spiegel.

Es wurde von Leugnern des Klimawandels mit Häme vermerkt, dass Greta Thunberg jüngst äußerte, sich könne sich in begrenztem Rahmen und für bestimmte Länder, die arm an Möglichkeiten zur Anwendung erneuerbarer Energien sind, eine Option sein, zwecks CO²-Reduzierung Atomkraft einzusetzen. Die Spekulation, dass in Deutschland nun unter Thunbergs Anhänger_innen einen Schock erleiden und sich von ihr enttäuscht abwenden könnten, ist nach dem, was wir beobahten, bisher nicht aufgegangen.

Das hat Jan Fleischhauer für den Spiegel antizipiert oder zum Zeitpunkt, als der Beitrag verfasst wurde, schon absehen können: Auch die Propheten der Bibel waren nicht immer eindeutig und selbst oder auch gerade Jesus seinen Jüngern gegenüber manchmal recht fordernd. Wir meinen, einen leicht ironischen Unterton aus dem Text herauslesen zu können („Katrin Göring-Eckardt, die Frau, die mit den Bienen spricht“), aber Jan Fleischhauer ist dafür bekannt, innerhalb der Spiegel-Redaktion eine relativ unabhängige Position einzunehmen. Ein bisschen unfair ist es trotzdem, denn die biblischen Vergleiche liegen bei Göring-Eckardts Herkunft nah und sie ist konservativ genug, aus diesem Setting nicht einfach auszusteigen und in den Untergrund zu gehen, wie es Pastorentöchter zwei Generationen zuvor hin und wieder taten – aber Göring-Eckardt hat ja lediglich selbst mal Theologie studiert und mit sich wohl keinen Generationenkonflikt auszutragen.

Mit einer gewissen Distanz beschreibt Fleischhauer, wie Greta Thunbergs Biografieals Passionsgeschichte dargestellt wird, wozu es nun auch das passende Buch gibt „Szenen aus dem Herzen: Unser Leben für das Klima“ hat die Familie Thunberg ihre eigene Bibel genannt.

Ob Fleischhauer Widerstand provozieren will, wenn der Thunberg mit Che Guevara vergleicht? Bei uns hat er das jedenfalls geschafft, was wohl damit zu tun hat, dass wir zwischen den Generationen liegen, die den Arzt-Revolutionär anhimmeln und jenen, die Thunberg klasse finden. Der bisher recht kurze Hype um Thunberg ist durch eine Instant-Medienwelt befördert worden, die es zur Zeit der linken Bewegung ab Mitte der 1960er noch nicht gab. Das Linksrevolutionäre war auch elitär, dafür aber wesentlich tiefgründiger und radikaler als das, was sich bis jetzt bei den #FridaysforFuture zeigen konnte. Damals wurde nicht die Schule geschwänzt, es wurden ganze Studienjahre für die politische Selbstermächtigung abgezweigt.

Noch einmal getriggert hat uns dann der letzte Absatz, den direkt zu zitieren wir uns deshalb erlauben, denn da nimmt Fleischhauer zumindest sich selbst ernst:

„Meine Auffassung von Journalismus ist dezidiert eine andere. Ich würde immer sagen, die Aufgabe von Journalisten ist nicht Ermunterung oder Anfeuerung, auch wenn einen das dem Verdacht aussetzt, kalt und herzlos zu sein. Aber das ist offenbar Geschmackssache. In Zeiten, in denen der Signetbegriff von auszeichnungswürdigem Journalismus „Haltung“ lautet, muss man den Journalisten als Fan als eine konsequente Fortschreibung des Medienmenschen als Aktivist begreifen.“

Eine journalistische Auszeichnung werden wir für das, was wir mit dem Wahlberliner machen, wohl nicht bekommen, aber in der Tat versuchen wir, basierend auf einem Mindestmaß an Fakten, eine aktivistische Haltung einzunehmen, in unterschiedlicher Ausprägung nach Thema und Ziel. Aber wir können uns auch distanzieren, wenn wir bemerken, dass ein Starkult Überhand nimmt – so auch im Fall von Greta Thunberg.

Sonst hätten wir nicht Jan Fleischhauers Kolumne als Beitrag für den heutigen Freitag für die Zukunft ausgewählt.

Dies bedeutet nicht, dass wir nicht in den Sozialen Netzwerken Posts teilen oder liken, die von ihr stammen oder sich positiv auf sie beziehen. Für uns ist das aber kein Glaubensbekenntnis, sondern die Unterstützung der notwendigen umweltpolitischen Diskussion und wir haben nicht immer ein angenehmes Gefühl bei dem Kult, den wir dabei wahrnehmen.  Es braucht für die Zentrierung von Aktivitäten häufig mediale Figuren, auf die man sich ausrichten und beziehen kann, aber Heilsversprechen ersetzen keine profunde Beschäftigung mit einer Materie, die allein zur dauerhaften Selbstermächtigung in einer Gemeinschaft von Gleichberechtigten führen kann.

Ansonsten wünschen wir den Schüler_innen heute schönes Wetter, dass auf den Straßen viel los ist und die Erwachsenen Verständnis für den ersten Jugendprotest seit vielen Jahren haben und sich vielleicht sogar selbst hinterfragen.

TH

Unsere bisherigen Empfehlungsbeiträge der Serie „jeden Tag ein Blick nach draußen“:

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s