Inklusive Risiko – Polizeiruf 110 Fall 94 / Crimetime 389 / #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Berlin #DDR #Risiko #Fuchs

Crimetime 389 - Titelfoto © Fernsehen der DDR / ARD (der Film ist in Farbe)

Fachkräftemangel 1984

Man kann wirklich nicht sagen, dass die Macher der Reihe Polizeiruf in den 1980ern nicht ihren Teil zur Erforschung der Jugend beitragen wollten. Der direkte Vorgänger von „Inklusive Risiko“ hieß „Freunde“ und zeigte zwei Kumpels, die von der großen Sause träumten und dafür einen Lohntransport überfielen, gerade erst haben wir den 1985 gedrehten Polizeiruf „Verlockung“ gesehen, in dem ein unglücklicher Jung-Postbeamter mi eher künstlerischem Talent eine Wertsendung mitgehen ließ, um zu einem Keramik-Brennofen zu kommen und nun ein Jung-Bauarbeiter, der lieber Journalist würde und kleine Brüche macht und bei einem größeren Coup an seine Grenzen stößt.

Überall dabei: Vater-Sohn-Konflikte und naive Mütter. Nicht zu vergessen der von „Inklusive Risiko“ aus betrachtet übernächste Polizeiruf „Lass mich nicht im Stich„, in dem sich ein Heimkind allerdings bewährt. Besser in einem guten Heim groß werden als in einer dysfunktionalen Familie. Was es noch zu sagen gibt, steht in der -> Rezension.

Handlung (Wikipedia)

Der 19-jährige Freddy Zieske kommt mit seinem Stiefvater Hermann nicht zurecht. Er glaubt, Hermann würde seinen eigenen Sohn Max ihm vorziehen. Tatsächlich hält Hermann von Freddy nicht viel, ist er doch in seinen Augen zu „unmännlich“: Freddy will gerne Journalist werden. Zudem leidet er an Asthma, weswegen er auf dem Bau nicht ernst genommen und nur für leichte Arbeiten eingeteilt wird. Da Hermann ihn in seinen Betrieb eingeführt hat, werden Beschwerden über Freddy, der regelmäßig zu spät kommt, direkt an ihn weitergetragen. Auch das verbessert das Vater-Sohn-Verhältnis nicht. Heimlich hat Freddy Freundschaft mit dem früheren Kriminellen Kulle geschlossen und plant, ihm sein Haus abzukaufen. Darin will er mit seiner Freundin wohnen. Erste Raten hat Freddy bereits abgezahlt. Was niemand weiß ist, dass Freddy heimlich kleinere Einbrüche begeht. Mit dem oftmals geringen Gewinn kann er über 1000 Mark für das Haus zusammenbekommen. Die Einbrüche begeht er in Anlehnung an Kulles frühere Brüche: Stets steigt er durch die Decke in darunterliegende Räume ein. Den Bauschutt fängt er mit einem aufgeklappten Schirm auf, hin und wieder spricht er während der Einbrüche seine Aktionen hörspielähnlich auf Band.

Freddys Mutter Traudel leidet unter dem schlechten Verhältnis von Freddy und Hermann. Sie überredet Hermann, Freddy an einem Abend auf ein Bier einzuladen. Freddy vergisst die Einladung jedoch, verbringt den Abend mit seiner Freundin, versucht in einen Laden einzubrechen und schlägt dabei einen Wachmann nieder, und setzt sich später zu Kulle auf ein Bier in eine Kneipe. Hier sieht Hermann ihn und holt ihn in den Sohn bloßstellender Art aus der Gaststätte. Zu Hause kommt es zum Streit und Freddy packt seine Sachen und geht. Er zieht in eine Waldhütte, wohin er sich von Max seine Einbruchswerkzeuge bringen lässt. Er hat in einem Kaufhaus den Raum der Schmuckabteilung gesehen und will nun endlich den großen Bruch machen. Nicht zuletzt braucht er schnell Geld, hat Kulle doch angeblich ein lukratives Angebot für sein Haus erhalten.

Die Polizei um Hauptmann Peter Fuchs sucht bisher vergeblich nach dem Dieb. Ein Abgleich mit Altfällen bringt sie auf Kulle, der nach dem gleichen Prinzip wie der neue Dieb arbeitete. Kulle jedoch hat sich längst zur Ruhe gesetzt. Einige Tage später meldet Traudel ihren Sohn bei der Polizei als vermisst. Sie erwähnt dabei die Freundschaft ihres Sohnes mit Kulle, und die Ermittler werden hellhörig. Sie untersuchen Freddys Zimmer, finden dort den bei den Einbrüchen genutzten Schirm und auch Freddys Tonbandaufzeichnungen, in denen er ankündigt, endlich einen großen Bruch begehen zu wollen.

Freddy ist unterdessen in das Kaufhaus eingebrochen und will über einen Fahrstuhl in die Verkaufsräume eindringen. Gerade die Etagentür, die er sich ausgesucht hat, wurde jedoch von innen mit einem Seil gesperrt, da der Fahrstuhl als defekt galt. Da er nun tatsächlich weder rauf- noch runterfährt, Freddy jedoch auch die Tür zu den Verkaufsräumen aufgrund des Seils und fehlenden Messers nicht öffnen kann, versucht er die Seile mit Feuer zu durchtrennen. Dabei setzt er Papier in Brand. Der Qualm führt bei dem Asthmatiker zu Luftnot, doch kann er sich über den Notausstieg des Fahrstuhls aus der Kabine retten. Das Feuer sorgt unterdessen für Feueralarm. Peter Fuchs ahnt, dass der Alarm etwas mit Freddys angekündigtem Bruch zu tun hat, und begibt sich zum Kaufhaus.

Freddy seilt sich vom Fahrstuhl in den Schacht ab, muss unten jedoch feststellen, dass sämtliche Türen verschlossen sind. Er klettert mit letzter Kraft wieder am langen Seil nach oben und versucht, auf dem Fahrstuhl liegend zu Luft zu kommen. Er hört, wie Peter Fuchs und der dazugeholte Kulle im Nebenaufzug in seiner Etage ankommen. Aufgrund der Brandspuren ahnt Peter Fuchs, dass Freddy noch im Gebäude ist. Der versucht, sich flüchtend erneut abzuseilen, hat jedoch keine Kraft mehr. Er stürzt in die Tiefe. Im Krankenhaus wird seinen Eltern mitgeteilt, dass er zwar überlebt hat, jedoch querschnittgelähmt sein wird. Am Ende sieht man Hermann, der Freddy im Rollstuhl durch die Straßen der Stadt schiebt.

Rezension

Dass ein junger Mensch, wie in „Verlockung“ zu sehen, in einem Beruf landet oder hineingedrängt wird aus Familientradition und ihm der Beruf dann nicht liegt, das kommt in den besten Familien vor oder gerade dort. Aber der Fachkräftemangel ist kein neuer Begriff. „Inklusive Risiko“ benennt das, was wir sehen, so nicht, aber es ist schon sehr offensichtlich: Dass man einen schmächtigen, klein gewachsenen Jungen mit Asthma-Erkrankung am Bau arbeiten lässt, wo er nur halb so schwer heben kann wie die übrigen, ist bereits ein deprimierender Ausgangstabestand in diesem Film, den man nur verstehen kann, wenn man davon ausgeht, dass damals wirklich die letzten Kräfte mobilisiert werden mussten, um den Staat aufrecht zu erhalten, dem langsam die Puste ausging.

Erstaunlich umso mehr, mit welcher Energie der wuschelhaarige Freddy  seine Brüche ausführt, im Stil einer Hommage an den sogenannten Deckenstemmer. Wie gut, dass in Polizeirufen selten moderne Betonplatten als Setting dienen, sondern Altbauten mit gut zu durchbrechenden Holz-Mörtel-Strohdecken. Am Ende wird Freddy seine schwächere Konstitution doch  zum Verhängnis – zumindest wirkt es, als könnte diese eine Rolle gespielt haben -, als er im Aufzugschacht abrutscht. Doch der Mensch entwickelt, wenn er echte Leidenschaft verspürt, ungeahnte Kräfte. So wirkt sich sein Asthma vermutlich auch bei der Zweisamkeit mit Helga, die in der für damalige Verhältnisse nicht unüblichen Offenheit gezeigt wird, nicht so störend aus wie dann, wenn er in eine Drucksituation gerät.

Nein, diesem und anderen Polizeirufen aus der Zeit kann man nicht vorwerfen, dass sie irgendetwas beschönigen. Wenn die DDR sich ehrlich machte, dann wohl am deutlichsten sichtbar in dieser Reihe. Das schält sich immer mehr heraus.

Es gab künstlerisch beachtliche Werke in jenen Jahren, aber vor allem welche, in denen die Familien als Keimzelle von Fehlentwicklungen ausgemacht wurden. Es ist schon interessant, wie man nun einiges an Verständnis für nach sozialistischen Maßstäben orientierungslose junge Menschen zeigt, bisher übrigens immer Jungs oder junge Männer.  aber dafür umso schärfer den Konflikt der Generationen herausstellt.

In den ersten Polizeiruf-Jahren ging es eher darum, das individuelle Fehlverhalten darzustellen und wie man es bekämpft und versucht, alle so gut wie möglich in die Gesellschaft zurückzuholen, die Fehler begangen haben. Einige Jahre später sterben unglückliche Jugendliche sogar („Verlockung“) oder enden querschnittsgelähmt und (Stief-) Vater und Sohn finden doch noch zueinander, unter sehr makaberen Umständen („Inklusive Risiko“) und nach einer Beinahe-Katastrophe, die unverrückbar die bisherigen Träume zerstört und nebenbei die dringend benötigten Werktätigen der Zukunft dem Arbeitsmarkt entzieht. Reporter mit Asthma im Rollstuhl, das wäre selbst heute, im Zeitalter des fortgeschrittenen Kampfes um die Barrierefreiheit, ziemlich schwierig.

Wenn man der Ansicht ist, in vielen Tatorten tritt das Kriminalistische hinter andere Elemente zurück, das persönliche oder soziale Drama beispielsweie, so gilt das für Polizeirufe jener Jahre, aber auch für viele aktuelle Filme.

Der Akzent liegt aber bei den klassischen Polizeirufen meist auf der Gestaltung der Episodenrollen, hier auf Freddy. Aus deren Perspektive wird überwiegend gefilmt, das ist bei Tatorten  anders. Nicht nur bei Whodunits, wo die Sichtweise der Ermittler zwangsläufig dominiert, sondern auch bei Thriller-Plots, in denen es zu Duellen zwischen der einen und der anderen Seite kommt und die man prinzipiell aus Tätersicht filmen könnte, wenn eben nicht die Cops diejenigen wären, die den Zuschauer ankern sollen.

Das tut der honorige, überaus kompakt wirkende Hauptmann Fuchs allerdings mit relativ wenig Spielzeit auch. Sehr sachlich und in diesem Film sich jeder Kommentierung enthaltend, kommt er – zu spät. Das Kind ist in den Aufzugschacht gefallen.

Er ist zwar dicht dran, hätte sicher Freddys nächsten Coup verhindert, doch es reicht nicht, um diesen jungen Mann vor sich selbst und seinen Konflikten zu retten. Was uns ebenso verblüfft hat, ist, wie differenziert zum Beispiel der frühere Deckenstemmer-Einbrecherkönig Kulle gezeigt wird. Er ahnte gar nicht, dass sein Schwadronieren von den alten Zeiten den fantasievollen Freddy zum Nachahmungstäter werden ließ und glaubt ihm offenbar, dass er das Geld, mit dem er Kulles Haus erwerben will, tatsächlich durch legale Überarbeit verdienen kann, der Junge, der doch eine chronische Krankheit aufweist, die ihn körperlich beeinträchtigt.

Kulle ist immer noch ein Materialist, eher äußerlich sauber nach der Haft als sozialistisch gewendet, aber er mag den Ungen  wirklich. Das Verhältnis zwischen den beiden ist ziemlich interessant und schwer in wenigen Worten zu beschreiben: Kulle ist kein Eratzvater, eher der einzige Vertrauensmann für Freddy. Hingegen nicht zum ersten Mal sehen wir, wie roh und diskriminierend es in einem Kollektiv zugeht, egal, ob einfach nur übergriffig oder mit Fürsorge begründet. Wie mit Freddy umgegangen wird, das wirft lange Schatten, falls es realistisch ist.

Wenn wir gewisse heutige Erscheinungsformen in den „NBL“ sehen, müssen wir leider denken: So kam es also zu dieser unterentwickelten Empathie, die in einen beängstigenden Rechtsdrall mündete. Wir haben nun mehrfach hintereinander in Polizeirufen Arbeitsbrigaden gesehen, in denen gemobbt und äußerst unkollegial miteinander umgegangen wird – auf eine Weise, die auch das Kooperative, das man dem Egoisten immerhin noch aus eigennützigen Motiven nachsagt, nicht besonders berücksichtigt. Der Stand der Solidarität sollte es sein, nicht die Verprollung. Wir werden sehen, ob sich diese zuletzt in mehreren Polizeirufen aus den 1980ern in ununterbrochener Folge zu sehende Tendenz des Kollektivs zur Ausgrenzung und zu wenig rücksichtsvollem Umgang weiter fortsetzen wird oder ob es auch mal Arbeitsplätze zu besichtigen gibt, an denen man selbst gerne einchecken würde.  Immerhin verüben in „Inklusive Risiko“ nicht ganze Brigaden Straftaten, wie zuletzt in „Fehlrechnung“ schon in den 1970ern oder kommt es durch laxe Dienstauffassung zu Problemen. Aber: Auch hier wird wieder Baumaterial abgezweigt und die Technik ist vielerorts renovierungsbedürftig.

Dass dies alles so offen dargestellt wird und Sicherheitsmängel wie unbeleuchtete Höfe und klemmende Lifttüren gezeigt werden dürfen, deutet vielleicht darauf hin, dass die Zensur gar keine Lust mehr hatte, überall zu deckeln. Vielleicht ahnten die Zuständigen von der Kunstbewertungsstelle eher als viele treue Parteigenoss_innen oder verbohrte Apparatschiks, dass dieses Ventil der eigentlich deprimierenden Realismusdarstellung notwendig war, damit die Zuschauer_innen sich nicht auch noch vom beliebten Polizeiruf abwendeten, aufgrund der Feststellung, auch in diesen Filmen wird etwas vorgespielt, was nicht ist.  Es gab zum Ausgleich Filme, die eher im gehobenen Milieu spielen und erkennbar anders gefilmt sind: Mehr Aufwand, gute Farben, anspruchsvolle Visualität und Handlungsführung mit mehreren Ebenen wie „Ein Schritt zu viel„. Auch „Inklusive Risiko“ ist fängt fast am Ende an und blendet dann zurück, aber das ist der einige Sprung, wir rechnen ihn deshalb zur Klasse der „einfachen“ Polizeirufe – auch die Länge von 69 Minuten ist für die 1980er bereits unterdurchschnittlich und es kommt mit Hauptmann Fuchs nur einer der besonders profilierten Ermittler zum Einsatz.

Finale

Der Film ist nicht zum Wohlfühlen, ähnlich wie der zuvor innerhalb der Epoche angeschaute „Verlockung“, und wenn man will, kehren die aktuellen Polizeirufe mit ihren oft schonungslosen Darstellungen wieder in jene  Zeit zurück, graben diese Wurzeln aus oder wie immer man es bezeichnen mag. Tatorte sind durch die dominanten Ermittlerfiguren mehr abgefedert, auch heutige Polizeirufe sind allerdings aus Ermittlersicht gefilmt, das Schema der Westfilme hat sich auch auf diesem Gebiet durchgesetzt. Gestern Abend haben wir „Crash“ gesehen, der im letzten Jahr herauskam – freilich kann man Polizist*innen auch so zeigen, dass sie die emotionale Trostlosigkeit der Welt eher verstärken.

Einige der Polizeirufe enden ziemlich traurig, das war etwa bei „Verlockung“ der Fall, der ein Jahr nach „Inklusive Risiko“ entstand, hier gibt es immerhin noch ein bisschen Hoffnung, ein Fenster fürs Menschliche, weil Sohn und Stiefvater jetzt ein neues Verständnis füreinander aufzubauen scheinen. Der eine ist auf den anderen angewiesen, der andere hat seine Mitschuld erkannt. Das alles läuft aber auf einer rein privaten Ebene ab.

7/10

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Thomas Jacob
Drehbuch Hariette Plath
Produktion Gabriele Rötger
Musik Arnold Fritzsch
Kamera Horst Klewe
Schnitt Bert Schultz
Besetzung

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