Mörder ahoi! (Murder Ahoy, UK 1964) #Filmfest 50

Filmfest 50 A

2019-01-25 filmfest - neue version mit mittiger schriftMiss Marple geht an und von Bord

Erstmalig wurde ein Miss Marple-Film nicht nach einem Roman von Agatha Christie inszeniert, sondern nach einem Originaldrehbuch. Als Erbin eines Kuratoriumssitzes und Nachfahrin eines Admirals zieht sich die resolute  Hobbydetektivin den Hut auf, die Uniform an und entert ein Schlachtschiff aus dem frühen 19. Jahrhundert (es kann auch aus dem späten 18. stammen), das mittlerweile eine Besserungsanstalt für straffällige Jugendliche ist.

Eine hoch originelle Idee, Jugendliche durch Marinedrill zu disziplinieren und ihnen gleichzeitig ein Ziel und viel Abenteuer zu vermitteln. Dass ein Teil der Mannschaft unter der Führung des Ersten Offiziers entgleist und ihre Landgänge zu Diebestouren benutzt, immer schön mit maritimer Disziplin, sodass der Kapitän nichts merkt und viele Zufälle notwendig sind, bis Miss Marple die Sache als Teil eines groß angelegten Betruges aufdeckt, ist nicht realistisch, aber das sind die Handlungen der ersten drei Miss Marple-Filme, die wir bereits rezensiert haben, ebenfalls nicht („16 Uhr 50 ab Paddington“Der Wachsblumenstrauß“ und „Vier Frauen und ein Mord“).

Damit haben wir zum ersten Mal im Filmfest eine Reihe komplett und es ist nicht die schlechteste in der Filmgeschichte. Für die Wiederveröffentlichung der vier Rezensionen haben wir es so eingerichtet, dass die vorliegende letzte davon zugleich das kleine Jubiläum für die Rubrik Filmfest bildet – 50 Rezensionen. Was es weiter über „Mörder ahoi!“ zu sagen gibt, steht in der 50. -> Rezension.

Handlung

Nach dem Tod ihres Onkels erbt Miss Marple dessen Mandat in der von ihrem Großvater gegründeten „Stiftung zur Besserung der Jugend“ in Milchester. Während der jährlichen Kuratoriumssitzung bricht das Vorstandsmitglied Ffolly-Hardwicke, gerade als es endlich zu Wort kommen will und eine Prise Schnupftabak nimmt, mit Herzversagen tot zusammen. Miss Marple, das neue Kuratoriumsmitglied, glaubt nicht an einen natürlichen Tod, denn kurz vor seinem Ableben hatte der Verblichene ein dringendes Anliegen vorzubringen, das die Stiftung betraf. Der Hobbydetektivin fallen zwei merkwürdige Umstände auf: Der verschwundene Inhalt der wertvollen Schnupftabakdose des Toten und ein offenes Fenster im Raum zur Feuerleiter hinaus. Inspektor Craddock jedoch glaubt trotz Kenntnisnahme der seltsamen Ereignisse nicht an ein Verbrechen.

Miss Marples Verdacht bleibt dennoch bestehen. Mit gezielten chemischen Giftnachweisen findet Miss Marple schließlich Spuren von Strychnin im Schnupftabak, von dem sie während der Sitzung versehentlich etwas verschüttete, was der Täter übersah. Als eifrige Kriminalroman-Leserin erkennt sie auch, dass der Mord dem Schema des Buches „Die Todesbüchse“ (im Original: „The Doom Box“) folgt, welches sie aus ihrer hauseigenen Bibliothek kennt. Da das Kuratoriumsmitglied zuletzt einen Inspektionsbesuch auf dem stiftungseigenen Segelschiff „H.M.S. Battledore“ durchgeführt hatte, beschließt nun auch Miss Marple, mit Unterstützung von Mr. Stringer, der jedoch vorerst an Land bleibt, an Bord der „Battledore“ nach dem Motiv für die Ermordung zu suchen.

An Bord ist sie jedoch nicht gern gesehen, und insbesondere ihr Wunsch, auf dem Schiff zu übernachten, um dort ihre Ermittlungen heimlich fortzusetzen, wird nur widerwillig geduldet. Nach ersten Ermittlungen wird schnell klar, dass sich an Bord eine Diebesbande befindet, die an Land Einbrüche verübt. Auch geschehen weitere Morde. Und so kommt es, dass sogar Mr. Stringer, der die Pläne der Einbrecher durchkreuzt, indem er ihnen ihr Beiboot entwendet, zeitweilig unter Mordverdacht gerät.

In der Schiffsbibliothek findet Miss Marple bei ihren Recherchen auch eine Ausgabe des Buches „Die Todesbüchse“, welches anscheinend als Anleitung für den ersten Mord gedient hatte. Der Kreis der Verdächtigen beginnt sich einzuschränken. Dennoch tappt Inspektor Craddock, der mittlerweile mit von der Partie ist, bei seinen Ermittlungen ohne die Mithilfe von Miss Marple allzu oft im Dunkeln. Erst als Miss Marple durch Zufall das Motiv für den ersten Mord erkennt, kann sie dem Mörder eine, wenn auch für sie lebensgefährliche, Falle stellen und Commander Breeze-Connington überführen.

Rezension

Man muss von einem Quartett sprechen, das ähnlich einem James Bond angelegt– ein festes Team und jedes Mal eine abgeschlossene Handlung, die in der Regel nichts mit den anderen Filmen zu tun hat. Wie aber bewerten wir „Mörder ahoi!“ innerhalb der Quattrologie?

Vielen gilt der letzte der vier Filme als der schlechteste, wir sehen es ein wenig anders und setzen ihn auf Rang 3. Der Ton ist besser, die Bildkontraste satter als zuvor, und in die klassische Miss Marple-Melodie von John Goodwin, die in allen vier Filmen verwendt wird, flechtet man hier tatsächlich deutsches Volksgut ein, wie etwa „Ein Männlein steht im Walde“. Der Sinn dahinter wurde uns nicht klar, aber steigert die Kuriosität dieses Filmes.

Wir rangieren ihn die dritte Stelle der vier – knapp hinter „Der Wachsblumenstrauß“, aber vor „Vier Frauen und ein Mord“. Er hat den mit Abstand ausgefeiltesten Krimiplot aller vier Miss Marples und das Szenario ist noch skurriler als bei den älteren Werken. Dass der Kapitän angesichts der vielen Unregelmäßigkeiten auf seinem Schiff ein wenig zu unbeleckt daherkommt, entspricht zwar der üblichen Figurenkonstellation in den Miss Marple-Filmen, aber ist auch ein wenig sehr übertrieben und natürlich gibt es einen Abzug dafür, dass er am Ende nicht Miss Marple ehelichen will, Altersunterschied hin oder her, sondern die Hausdame erster Klasse.

Kontinuität und eine letzte Flagge

Dass mehrmals die Flagge des Schiffes „H. M. S. Battledore“ auf Halbmast gesetzt werden muss, weil an Bord Morde geschehen, ist auch ein wenig Symbolik für Miss Marple – wir trauern darum, dass „Mörder ahoi!“ der letzte Film mit die Figur und mit Margaret Rutherford als deren Verkörperung ist.

Vieles in dem Film ist wie gehabt – der wundervolle britische Charme, das ebenso britische Milieu, die Regie, die Darsteller, die in jedem der Filme vorkommen: Neben Miss Marple sind das Mr. Stringer (Stringer Davis), ihr ergebener Hausfreund und Inspektor Craddock (Charles Tingwell), der dieses Mal noch mehr Mühe hat, Miss Marple zu folgen, als in den drei ersten Filmen. Das ist wörtlich zu nehmen, denn am Ende soll er sie eigentlich retten, nachdem sie den Mörder, wie üblich, dazu gebracht hat, sich zu offenbaren, indem er sie beseitigen will, weil er sie auf seiner Spur weiß.

Das gelingt aber nicht, weil die Luke zuklappt, unter der sich Craddock versteckt. So muss Miss Marple einen Fechtkampf ausführen, bei dem sie geradezu brillant ist und einem jüngeren und wesentlich größeren Mann gut standhält. Diese Szene gehört zu den Übertreibungen, die hier stärker ausgespielt werden als in den vorherigen Filmen und die man so oder so bewerten kann. Wir geben das für gut, aber das ist auch der Moment, wo wir dann doch froh sind, dass es bei vier Filmen geblieben ist – die Serie hätte sich verschlissen, wenn Miss Marple immer neue herausragende Eigenschaften angedichtet worden wären. In „Der Wachsblumenstrauß“ entpuppt sie sich ja schon als für ihr Alter außergewöhnliche Reiterin, in „Vier Frauen und ein Mord“ als bemerkenswert fähige Laienschauspielerin, wenn auch mit einem Hautgout. Demgegenüber wirkt ihre Arbeit als Hauswirtschafterin in „16 Uhr 50 ab Paddington“, dem ersten der vier Marple / Rutherford-Filme  vergleichsweise konventionell.

Das Muster funktioniert wieder blendend

Es ist immer das gleiche Muster, das diesem Eintauchen von Miss Marple in fremde Privatsphären zugrunde liegt: Sie ist zwar unter richtigem Namen unterwegs, aber unter falschen Vorzeichen. Sie schleicht sich in Herrenhäuser, in Reithotels, in Provinz-Theatergruppen ein – und geht auf ein Schiff. Aber es gibt doch einen Unterschied. In „Mörder ahoi!“ macht sie genau das, was jeder an Bord zumindest von Anfang an ahnen sollte. Sie überprüft als neues Kuratoriumsmitglied die Vorgänge, die zum Tod ihres Kollegen Ffolly-Hardwicke geführt haben.

Dieser wurde mit seinem eigenen Schnupftabak vergiftet, und um dies nachzuweisen, entwickelt Miss Marple ein weiteres Talent – das zur Chemikerin. Natürlich ist das eine Reminiszenz an Agatha Christie, die unzählige Substanzen in ihren Büchern verwendet hat, um Morde zu inszenieren. Da diese mit der damaligen Kriminaltechnik meist nicht nachweisbar waren, folgt daraus ein zweites Muster in den Miss Marple-Filmen (und in anderen, etwa denen mit Hercule Poirot): Der Mörder muss in Bedrängnis gebracht und gestellt werden, denn den Beweis zu führen, würde nicht gelingen.

Das ist auch das im Grunde Unlogische an allen vier Filmen und an ähnlich gestrickten Werken – im Grunde könnten die Verbrecher*innen (in einem Fall ist es eine Frau) viel ruhiger sein, denn wo kein Beweis, da kein Urteil, und auch die Indizienlage reicht für gewöhnlich nicht aus, um ein solches zu sprechen oder Anklage zu erheben. Aber die Täter geraten in Panik, wollen Miss Marple beseitigen und das führt regelmäßig zum Höhepunkt – hier in Form der erwähnten Fechtszene.

Einige Spitzengags

Der sicher schönste in einer Serie von Zufällen ist, dass sich die Verbrecher an Bord des Schiffes desselben Kommunikationsmittels bedienen wie Miss Marple, um Kontakt mit der Küste zu halten – einer Taschenlampe, mit denen sie Morsezeichen abgeben. Mr. Stringer empfängt also in der kleinen Pension, in welcher er sich eingenistet hat,  eine Nachricht von dieser Truppe und schreibt sie schön mit, weil er eine solche von Miss Marple erwartet. Ob ihm hätte auffallen müssen, dass sie von einer anderen Position gesendet wird als von der Kapitänskajüte, die man Miss Marple überlassen hat, ist eine andere Frage, genauso umgekehrt von Land Richtung Schiff, wo Miss Marple ihrerseits eine Antwort von falscher Stelle empfängt.

Die Idee jedenfalls ist witzig und wir sind eben hier nicht in einem Zeitalter, in dem ein Schiff mehr zur direkten Verbindung mit der Außenwelt zur Verfügung hat als den offiziellen Bordfunk, der hier nicht einmal gezeigt wird. Vielleicht gibt es ihn auf dem alten Segler nicht, weil man ihn aus pädagogischen Gründen nicht mit modernen Geräten ausstatten wollte.

Sehr schön auch, wie sich aus Mr. Stringers Mut, ein Boot auszuleihen und Miss Marple auf dem Schiff zu besuchen, eine Verfolgung durch die Polizei ergibt – und wie sogar Miss Marple kurzzeitig in einer Gefängniszelle Quartier nehmen muss, weil sie als an der Sache beteiligt angesehen wird. Das wäre in den vorherigen drei Filmen kaum denkbar gewesen, der Ton ist durchaus ein wenig rauer geworden, zwischen ihr und der Polizei – das merkt man auch an den Dialogen, in denen sie deren Qualitäten wesentlich offener anzweifelt als in den früheren Werken.

Fazit

Bei allen Nuancen, welche jeden der vier Filme und besonders den letzten, „Mörder ahoi!“, individualisieren, man muss sie zusammen gesehen haben, um zu würdigen, was Margaret Rutherford für Miss Marple und Agatha Christie getan hat. Es gab weitere Verfilmungen und sogar Serien, es gab Frauen, die Miss Marple sicherlich eher die Statur verliehen haben, die Agatha Christie sich vorgestellt hatte und die dadurch der Vorstellung von der eigenen Person, welche die Autorin in die Figur  der Hobbydetektivin hat einfließen lassen, näher kamen – doch die Klassiker, bei denen alles stimmte, Atmosphäre, Milieu, skurrile Figuren einschließlich der Hauptdarstellerin, das sind jene vier Filme, welche unter der Ägide der US-Produktionsgesellschaft MGM in deren britischen Studios in den Jahren 1961, 1963 und 1964 entstanden sind.

Es war die große Zeit der Schwarzweiß-Krimis, besonders jener mit britischem Hintergrund. Zur selben  Zeit wurden in Deutschland die Edgar Wallace-Verfilmungen gedreht; die besten davon  haben zumindest hierzulande einen ähnlichen Kultstatus erreicht wie die Miss Marple-Filme, die im Übrigen gar nicht auf Miss Marple-Geschichten beruhen. Dass man die beiden Serien überhaupt in einem Atemzug  nennen kann, ist nicht zuletzt darin begründet, dass die Deutschen es in einigen dieser Adaptionen überraschend gut verstanden hatten, englische Atmosphäre und sogar einen in Maßen britisch wirkenden Humor zu generieren.

Der älteste der Miss Marple-Filme hat nun 59 Jahre auf dem Buckel, der jüngste, „Mörder ahoi!“, immerhin 56. Aber sie gehören zu den Filmen, die den Test der Zeit nicht nur gut bestanden haben, sondern einen steigenden Nostalgiewert besitzen. Sie verändern sich nicht mehr, werden aber mehr und mehr als Sammlerstücke wahrgenommen, wie eben manch älteres Kunstwerk, obwohl sie reine Unterhaltungsfilme sind. Wenn man die folgenden zeitgenössischen Kritiken-Ausschnitte liest, die wir der Wikipedia entnommen haben, merkt man auch, dass damals der Nostalgiefaktor noch keine Rolle spielte und man durchaus kritisch mit „Mörder ahoi!“ umging. Über Margaret Rutherford und meist über die vielen liebevoll gezeichneten Figuren war man sich jedoch im Wesentlichen einig.

76/100

© 2020, 2013 (Entwurf 2011) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Kritiken

  • „Humoristisch getönte und spannende Unterhaltung, leider allzu routinehaft inszeniert (…).“ – „Lexikon des internationalen Films“ (CD-ROM-Ausgabe), Systhema, München 1997
  • „Ein Pluspunkt, (…): der absolute Mangel an Dilettantismus in Besetzung und Regie. Von der Verkäuferin in der Anfangsszene bis zum Vagabunden findet man Typen, von denen jeder einzelne einen Film allein tragen könnte. (…) Fast noch überraschender als die Lösung des Falles wirkt die Bekanntgabe des vierzehnjährigen Liebesverhältnisses zwischen dem lispelnden Kapitän und der Chefstewardeß.“ – Süddeutsche Zeitung, München
  • „Ohne harten Realismus und ohne raffinierte Konstruktion, gestalterisch insgesamt nur solides Handwerk, lebt der Film ganz von der Zentralfigur. Margaret Rutherford, eine angelsächsische Sandrock-Type, ist aber in der Tat ein Genuß für sich! Sehr geschickt hat man ihr auch diesmal unter den austauschbaren Rollen einen schauspielerisch ebenbürtigen Partner gegeben, nach James Robertson Justice und Robert Morley jetzt Lionel Jeffries.“ – Filmbeobachter
  • „Die Handlung kann getrost albern und wenig logisch sein – wer Miss Marple mag, amüsiert sich trotzdem.“ – Hamburger Abendblatt
  • „(…) hat nur stellenweise mit Motiven aus Christie-Geschichten zu tun. Dennoch amüsiert (…) [der Film] dank der köstlich schrulligen Protagonistin wie gewohnt.“ – Berliner Zeitung
  • „Margaret Rutherford als Miss Marple in den gewohnt mysteriösen Umständen (…).“ (Wertung: durchschnittlich) – Adolf Heinzlmeier und Berndt Schulz in Lexikon „Filme im Fernsehen“ (Erweiterte Neuausgabe). Rasch und Röhring, Hamburg 1990, ISBN 3-89136-392-3, S. 585
  • „Der Film hat einige tote Stellen, doch liegt am Ende die Langeweile auf den Planken eines verrückten Schiffes, erschlagen von der Komik.“ – Abendpost (Frankfurt am Main)
Regie George Pollock
Drehbuch David Pursall
Jack Seddon
Produktion Lawrence P. Bachmann
Musik Ron Goodwin
Kamera Desmond Dickinson
Schnitt Ernest Walter
Besetzung
Synchronisation

 

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