Quartett in Leipzig – Tatort 458 / Crimetime 436 // #Tatort #WDR #MDR #Köln #Leipzig #Sachsen #Ballauf #Ehrlicher #Kain #Schenk #Quartett im #September

Crimetime 436 - Titelfoto © MDR / WDR

Burschenschaften und andere Krankheiten

Manche Milieus, wie etwa das der Kriminalpolizei, werden in Tatorten und Polizeirufen wirklichkeitsfern dargestellt, damit sie interessanter und sympathischer wirken. Dabei wird gerne mal Rechtliches komplett beiseite geschoben. Wir werden uns noch damit befassen, was das fürs allgemeine Rechtsverständnis von Millionen bedeutet, die fast jede Woche mindestens die neuen Tatorte oder Parallelfilme der Reihe Polizeiruf schauen. Andere Milieus werden permanent gebasht. Der Tatort arbeitet an der Dekonstruktion des Rufs der Ärzteschaft, das sehen wir hier wieder. Burschenschaften werden seltener genommen, weil recht aufwendig in der Darstellerung – Subgenre Kostümkrimi. Aber wenn studentische Verbindungen vorkommen, dann dürfen sie einer wenig respektvollen Behandlung sicher sein. Und wie haben sich die beiden Teams in diesem Szenario zwischen ärztlicher Kunstfehlerhaftigkeit und alkohollastiger Karriereförderungsanstalt?

Handlung

Im romantischen Rosenthal – mitten in Leipzig – wird Dr. Maik Frei tot aufgefunden. Der „Alte Herr“ der Burschenschaft Votania wurde hinterrücks erschlagen. Während die Leipziger Hauptkommissare Ehrlicher und Kain mit den Untersuchungen am Tatort beginnen, übernehmen die Kölner Hauptkommissare Ballauf und Schenk einen Mordfall im Burschenschaftsmilieu: Am Hauptbahnhof der Rhein-Metropole wird im Intercity aus Leipzig die Leiche von Dr. Karl Kuhn, ebenfalls „Alter Herr“ der Votania, gefunden.

Die gerichtsmedizinische Untersuchung ergibt bei ihm eine Codein-Vergiftung. Schnell stellt sich heraus, dass die beiden Toten kurz vor ihrem Ableben über ihre Mobiltelefone miteinander gesprochen haben. So kommen die beiden Kommissar-Duos zum erstem Mal in Kontakt. Rasch ist man sich einig: Jeder bleibt besser in seinem Revier. Als Ballauf jedoch erfährt, dass Karl Kuhn Leipzig für einen geheimnisvollen Besuch bei seinem Bruder in Köln verließ, überzeugt er seinen Kollegen Schenk, inkognito in der sächsischen Messemetropole zu ermitteln.

Alle Spuren deuten auf das dortige Burschenschaftshaus der Votania, wo Ehrlicher und Kain bereits mit ihren Nachforschungen begonnen haben. Die beiden sind wenig begeistert vom Überraschungsbesuch aus Köln. Doch schließlich ziehen alle an einem Strang. Ihre Ermittlungen führen sie zum Vorstand der Burschenschaft, Professor Kleist. Der anerkannte Lungenspezialist mit eigener Klinik kümmert sich engagiert um die Studenten seiner Vereinigung. Die Kommissare finden heraus, dass beide Mordopfer bei ihm angestellt waren. Frei arbeitete an einer wissenschaftlichen Studie und Kuhn als Assistenzarzt. Und beide hatten offensichtlich besondere Beziehungen zu Kleists hübscher Tochter Claudia, obwohl diese – nur auf Betreiben des Vaters – mit Kleists Juniorpartner Professor Hauke verlobt ist. Ihre Affären sind ein offenes Geheimnis unter den Burschenschaftlern.

Zu offensichtlich, als dass Eifersucht als Mordmotiv in Frage käme. Die Kommissare nehmen den Arbeitsplatz der Toten genauer unter die Lupe.

Rezension

Max Ballauf und Freddy Schenk hatten im Jahr 2000 ihre besten Zeiten noch vor sich bzw. waren mittendrin. Vermutlich hat Klaus J. Behrendt nie besser ausgesehen als um die Jahrtausendwende, Freddy Schenks, also Dietmar Bärs Aussehen hat sich viel weniger verändert, weil Form in Fülle für eine gewisse Konstanz sorgt – Falten beispielsweise zeigen sich erst relativ spät. Es war schon eine coole Idee, die beiden damals am Beginn einer großen Karriere stehenden Kölner mit den schon seit neun Jahren aktiven Leipzigern zusammenzuspannen und es gab mit „Unter Brüdern“ bereits ein Vorbild, in dem Schimanski, Thanner, Fuchs und Grawe zusammen einen Fall gelöst haben.

Nun sind wir aber neun Jahre weiter und Ehrlicher und Kain haben die Ostbefindlichkeit in ihren Dresden-Tatorten rauf und runter zelebriert. Den Westen haben sie gefressen, das konnte man in „Quartett in Leipzig“ nochmal richtig ausspielen – vor allem der alte VoPo-Knochen Bruno Ehrlicher hat erhebliche Vorurteile gegenüber den „Karnevalisten“. Und Freddy Schenk befürchtet, dass es in Leipzig kein Kölsch gibt. Das stimmt, während die Vorurteile gegenüber den damals noch recht jungen, sypathischen Köln-Cops unbegründet sind. Nun ja, nicht ganz. Deren lascher Umgang mit den Dienstvorschriften wird auch in diesem Tatort wieder bestätigt. Während Ehrlicher immer ehrliche Polizeiarbeit macht, kann man das von Max Ballauf nicht behaupten. Er arbeitet undercover und wirkt als Pfarrer so, dass man ihm gerne alles beichten würde, aber das Große Latinum hat er offensichtlich nicht. Das wäre einem wirklich gewitzten Gegner aufgefallen, wenn schon auf altitalienisch salbadert wird.

Die Frage, ob ein solcher Einsatz zulässig ist und ob man seine Ergebnisse verwerten darf, müssen wir mit ja beantworten. Da hat sich der eine oder andere geirrt, der das kommentiert hat. Jemandem eine Falle zu stellen, ist eine Sache, aber verdeckt zu ermitteln, ist legal. Sicher ist die Grenze nicht so einfach zu ziehen, denn auch dann, wenn sich ein Polizist als Pfarrer ausgibt, liegt eine Täuschung vor und wenn er das besondere Vertrauen, das er als vorgeblicher Kirchenmann genießt, dazu verwendet, Menschen leichter aushorchen zu können, kann man das durchaus kritisch sehen. Vielleicht ist das auch ein Punkt, der nicht mehr geht: Dass er sich ausgerechnet als Pfarrer ausgibt. Wäre er jünger und würde sich als Student ausgeben und sich Zugang zur Verbindung „Botonia“ verschaffen, wäre das nach unserer Ansicht zumindest ethisch anders zu bewerten. Klar kann man darüber hinwegsehen, dass er vorgibt, einem Ehrenkodex zu folgen, den ohnehin niemand wirklich befolgt. Das unabhängig von seiner Idee, den Pfarrer zu spielen.

Wie die beiden Teams aus Ost und West zusammenwachsen, das ist ganz nett gespielt, aber seien wir ehrlich, Herr Ehrlicher: Alle haben sich in dem Film einfach selbst dargestellt. Dass Peter Sodanns Aversion gegen die arroganten Wessis echt ist, davon dürfen wir ausgehen und auch die Darsteller Behrendt und Bär wirken in etwa so, wie wir sie uns als Realpersonen vorstellen. Gleiches gilt für Kain bzw. Bernd Michael Lade, der am unkompliziertesten in die neue Brüderschaft hineinfindet. Er ist nicht durch die Geschichte belastet, wie sein älterer Vorgesetzter und ermittelt nicht jenseits der Legalität, wie Ballauf in zweifacher Hinsicht und Schenk dadurch, dass er in ein fremdes Revier eindringt, ohne durch ein Amtshilfeersuchen abgesichert zu sein.

Wir hatten selbst die Möglichkeit, in eine Verbindung einzutreten, uns aber dagegen entschieden – allerdings war das keine Burschschaft, sondern eine katholische, nicht schlagende, nicht farbentragende Verbindung, das kann man nur bedingt miteinander vergleichen. Alter Herren, die junge Studenten fördern, gab es dort aber auch und eines gilt immer und überall: Connections sind durch nichts zu ersetzen. Auch nicht durch allerbeste Leistungen. Denn es gibt ja immer noch die Variante gutes Netzwerk plus gute Leistung, die logischerweise dem Vorhandensein nur einer von beiden Komponenten überlegen ist. Dass hingegen Eltern mit Einfluss schwach begabten Nachwuchs nach oben ziehen, haben wir oft gesehen und es war auch oft so, dass jener Nachwuchs keine Veranlassung sah, sich mächtig anzustrengen, weil ihm ein auskömmlicher Job eh sicher war. Sofern er das Studium wenigstens irgendwie abschließen konnte. Manchmal sogar dann, wenn das nicht der Fall war. Die vielgescholtene Ungleichheit im Land basiert ist nicht nur materiell basiert, sondern beruht auch auf Netzwerken.

Wie aber war der Plot mit den sauffreudigen bösen Jungs und ihren alten Herren und den vier wackeren Cops aus der Domstadt und der Messestadt? Ohne wessimäßig überheblich sein zu wollen: Mehr MDR als WDR. Außerdem hat der WDR z. b. in der Schimanski-Ära viele wirklich krude Handlungen abgefilmt und außerdem ist die frühere Polizeiruf-Dramaturgin Sonja Goslicki für die WDR-Tatorte verantwortlich und hat Ballauf und Schenk von Beginn an betreut – und sie stammt tatsächlich aus Leipzig, daher lag es nah, mal ein solches MDR-WDR-Joint-Venture (witzigerweise ähneln sich auch die Namen der beteiligten Produktionsfirmen Colonia, Bavaria und Saxonia – könnten alles Burschenschaften sein) zu machen. Im Jahr 2012 hat man das mit dem Zweiteiler „Kinderland“ und „Ihr Kinderlein kommet“ mit den nun schon etwas gesetzteren Ballauf und Schenk und Saalfeld und Keppler noch einmal gemacht.

Wenn wir schreiben, der Plot ist eher MDR, dann heißt das leider auch, die Logik hinkt immer mal wieder und allzu rasant oder mächtig berührend ist das Ganze auch nicht geworden. Die einzige Figur, deren Schicksal uns ein wenig emotional eingebunden hat, war Claudia, die unglückliche Tochter aus dem Verbindungshaus Kleist, die wie in alten Zeiten zwangsverheiratet werden soll, um den Einfluss der Familie zu mehren. Ob das so unrealistisch ist, da sind wir nicht sicher. Wir glauben sehr wohl, dass z. B. Adelsfamilien einiges am Stallgeruch von Heiratskandidat*innen gelegen ist.

Womit wir leider nicht gut klargekommen sind, ist diese nicht bloß nervige Husterei von Ehrlicher, die leider ziemlich echt klang. Als Raucher einen Raucherhusten so herauszustellen und darauf die Handlung mehr oder weniger aufzubauen, ist schon ziemlich derb. Jeder, der sich so schädigt, sollte froh sein, wenn die Lungen-Röntgenaufnahmen nicht wirklich das zeigen, was Dr. Kleist dem Polizisten verklickern will. Kurz gefasst: Uns war das zu makaber und gibt Abzug bei der Bewertung. Vielleicht sollte dieser Schabernack mit Lungenkrankheiten eine pädagogische Wirkung haben, uns hat’s eher abgestoßen.

Finale

„Quartett in Leipzig“ ist nach Meinung der bewertenden Nutzer auf der Plattform Tatort-Fundus nicht mehr und nicht weniger als der beste Ehrlicher-Tatort. Powered by Cologne, sozusagen. Das heißt zwar nicht, dass er als überragender Klassiker angesehen wird (derzeit Platz 156 von 1101 in der Tatort-Gesamt-Rangliste) und bezeugt mit einem Durchschnitt von 7,29 auch, dass es keine Supertatorte mit Ehrlicher und Kain zu geben scheint, aber es ist doch beachtlich, wie hoch dieser Film eingeschätzt wird. Wir liegen oft etwas höher als der Durchschnitt der Fundus-Nutzer, dieses Mal nicht. Sicher, man kann das Zusammenspiel ganz in den Vordergrund rücken und Fall und Szenario und was sich damit alles an Manipulationen verbindet, als nebensächlich ansehen. Tun wir aber in unseren Rezensionen sonst nicht, also warum hier? Wegen des ungewöhnlichen Zusammentreffens? Sicher hebt das. Einerseits. Andererseits weist es uns fast 20 Jahre später auch darauf hin, wie wenig sich Ost und West oft immer noch verstehen. Das ist gerade angesichts der gerade gelaufenen Landtagswahlen in Sachsen und der teilweise frappierenden Hilflosigkeit bei deren Interpretation ziemlich bedrückend. Mit viel Willen zum west-östlichen Verständnis kommen wir auf

7/10

Vorschau: Quartette im September

Kurz nach dem Wechsel von Kain und Ehrlicher von Dresden nach Leipzig mit dem ersten Einsatz („Einsatz in Leipzig„) und der kompletten Verlegung des Teams ins Kommissariat („Tödliches Verlangen„) kommt es also zur Ost-West-Begegnung. Mit Schimanski, Thanner und den frühen-Nachwende-Ermittlern aus dem Osten Fuchs und Grawe, die in der DDR schon tätig waren gab es das neun Jahre zuvor schon einmal („Unter Brüdern“) und zwölf Jahre nach „Quartett in Leipzig“ noch einmal. Wenn man so will, kann man an den Titeln den Lauf der Geschichte unterschiedlich interpretieren. „Unter Brüdern“ wirkt kurz nach der Verbrüderung logisch und sehr nah, „Quartett in Leipzig“ wesentlich nüchterner, benennt aber immerhin noch den Ort – „Ihr Kinderlein kommet“ und „Kinderland“, die Doppelfolge mit Ballauf, Keppler, Saalfeld und Schenk hingegen versucht Normalität zu suggieren – oder ist es eine Wieder-Entfremdung?

Den Tatort 458 haben wir noch nicht gesehen, es ist der dritte für diese Woche, auf den das zutrifft und wir navigieren aufgrund der parallelen Aufarbeitung der Reihe Polizeiruf unverändert an der Kapazitätsgrenze. Doch erst einmal ein paar Worte zum Krimi:

Bereits der Beginn der Jubiläumsfolge „Quartett in Leipzig“ regt die Lachmuskeln des Fernsehpublikums an: Ballauf und Schenk finden bei einem Toten im Zug ein Handy. Das Opfer, Dr. Karl Kuhn, war im IC nach Köln unterwegs, als er vergiftet wurde. Kommissar Freddy Schenk drückt die Wahlwiederholungstaste des sichergestellten Mobiltelefons und reicht es dann an seinen Kollegen Max weiter. Am anderen Ende der Leitung klingelt das Handy – ebenfalls das eines Toten! Am Tatort in Leipzig steht neben dem zweiten Opfer Hauptkommissar Bruno Ehrlicher, der das Gespräch prompt annimmt. Nun versuchen beide Fahnder am Telefon, den unbekannten Gesprächspartner zu bluffen und dessen Identität zu ermitteln. Schließlich geben sich beide Kommissare zu erkennen, heißt es auf der Plattform Tatort Fans.

Das klingt ja beinahe gefährlich lustig. Mit dem Jubiläum ist dieses Mal aber nicht der Fall gemeint, wie die unspektakuläre Nr. 458 belegt, sondern es geht um 30 Jahre Tatort. Kaum zu glauben, dass nächstes Jahr das ganze große Jubiläum gefeiert wird – der Tatort wird 50. Eigentlich würden wir auch gerne die 100 noch miterleben, aber gleich zwei Gründe sprechene nach aktuellem Stand der Dinge dagegen. Der wichtigere: Wir glauben nicht, dass die Reihe in 50 Jahre noch existieren wird, bei aller Liebe, mit der wir uns diesem Format widmen.

Wir werden den Film also aufzeichnen und demnächst unseren Leser*innen mitteilen, ob wir ihn so gut finden, wie er angesichts von vier versierten Ermittlern sein sollte.

© 2019 Der Wahberleriner, Thomas Hocke

Kommissar Bruno Ehrlicher – Peter Sodann
Kommissar Kain – Bernd Michael Lade
Kommissar Freddy Schenk – Dietmar Bär
Kommissar Max Ballauf – Klaus J. Behrendt
Walter – Walter Nickel
Ricardo Kleist – Matthias Koeberlin
Frederike – Annekathrin Bürger
Professor Kleist – Vadim Glowna
Manuel – Fabian Busch
Claudia Kleist – Theresa Hübchen
Professor Hauke – Max Herbrechter
Böhme – Dirk Martens

Regie – Kaspar Heidelbach
Kamera – Daniel Koppelkamm
Buch – Hans-Werner Honert, Fred Breinersdorfer u. Wolfgang Panzer
Musik – Arno Steffen

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