Reportage / Impressionen: Das Syndikat wehrt sich – und zeigt sich am Kurfürstendamm // @syndikat44 @HeimatNeue @derjochen @BGemeinwohl u. v. a. #b1909 #Berlin #Syndikat #wirbleibenalle #Mietenwahnsinn #Verdrängung #Mietendeckel #Syndikatbleibt #PEARSGLOBAL #weicheBirne #Neukölln #Neukoelln #Schillerkiez #Kudamm

Fotos © Der Wahlberliner. Titelbild: 19.09.2019, Gewitterwolken über Kurfürstendamm / Tauentzienstraße.

Es ist noch gar nicht lange her, dass wir zuletzt über die Nordneuköllner Kiezkneipe Syndikat berichtet haben. Denn das Syndikat liegt in der Weisestraße in Neukölln und am 7. September 2019 haben wir das Weisestraßenfest besucht.

Es wurde vor 34 Jahren vom Syndikat mitinitiiert wurde und bis heute mitorganisiert wird. Der Beitrag ist oben verlinkt und unten angehängt, der heutige demnach wie ein Update konzipiert.

Gestern, bei Herbstwind und einem raschen Wechsel aus Wolken und Sonnenschein, nutzten wir nach der Demo für „Wohnen ist Menschnrecht“ (Bericht folgt)wir die Gelegenheit, die widerständige Kiezkneipe, die einen hinhaltenden Abwehrkampf gegen den Vermieter „Pears Global“ führt, erstmals bei einem ihrer monatlichen Demos vor dem Berliner Sitz der britischen Immobiliengruppe zu besuchen – zusammen mit Theo Daniel Diekmann von der Hausinitiative @HeimatNeue aus Berlin-Mitte (Habersaathstraße 40-48). Die @HeimatNeue (auch IG HAB) und das Kollektiv des Syndikats kennen einander nicht nur, sie verbindet auch etwas Spezielles: Ein zähes Ringen um das Recht auf Stadt. Die einen sind mit spekulativem Leerstand und einem Abrissverlangen des Vermieters für ihr erst 35 Jahre altes Haus konfontiert (zum letzten Udpate hier), die anderen fielen letztes Jahr nicht nur aus allen Wolken, sie konnten auch keinen Milieuschutz geltend machen, wie er für den „Schillerkiez“ normalerweise gilt, als Pears Global kundtat, dass man den Gewerbemietvertrag nicht zu verlängern gedenke. Dem britischen Großvermieter, hinter dem eine Mulitmilliardärsfamilie steht, gehört das Haus Weisestraße 56 mit dem Syndikat im Erdgeschoss seit 2015.

Bis heute gelten soziale Erhaltungssatzungen (Milieuschutz) nicht für Gewerbe. Man hatte bei der Konzeption schlicht vergessen, dass auch kleingewerbliche Kiezinstitutionen wie das Syndikat geschützt werden müssen, damit ein Milieu, das soziale Gepräge eines Viertels, erhalten bleibt. Wenn man günstige Wohnungen erhalten möchte, dann muss auch die auf meist recht günstigen Preisen und sozialen Kontakten aufgebaute Infrastruktur bewahrt werden.

Wie es dazu kam, dass das Syndikat überhaupt weiß, wer seine sehr diskreten Vermieter sind, haben wir in mehreren Artikeln beschrieben, unter anderem hier, als es kurzzeitig so aussah, als würde der Vermieter mit dem Kneipenkollektiv Kontakt aufnehmen und eine faire Kompromisslösung erarbeiten wollen. Diese Lösung gibt es aber bis heute nicht. Der Mietvertrag des Syndikats endete bereits am 31.12.2018, doch das Kollektiv übergab dem Hausverwalter seine Schlüssel nicht und bis heute geht der Kneipenbetrieb weiter. Dafür haben wir uns den Begriff „Anschlussbesetzung“ ausgedacht, um das Verhalten des Syndikats von einer „Aktivbesetzung“ zu unterschieden, bei der meist spekulativer Leerstand von Aktivist*innen in Beschlag genommen wird. Das Syndikat ist einfach geblieben, wie u. a. die autonomen Jugendzentren Potse und Drugstore in unserem Wohnbezirk. Wir finden es bewundernswert, wie Menschen einem solchen Druck so lange standhalten können. Es ist sicher auch der Mut der Verzweiflung, der hier eine Rolle spielt. Worin besteht der Druck?

Niemand lebt auf Dauer gerne ohne rechtliche Grundlage in seinen Räumen, denn die Welt, auch die juristische, dreht sich immer weiter. Mittlerweile hat Pears Global gegen das Syndiakt Räumungsklage eingereicht, am 29.10.2019 ist der Gerichtstermin – den sich bitte alle vormerken, die ein Herz für einige mutige Menschen haben, die sich gegen die Übermacht des internationlen Immobilienkapitals stellen. Im verlinkten / untenstehenden Beitrag ist mehr zur aktuellen Lage und zu diesem Termin zu lesen.

Das Syndikat widersteht aber nicht nur diesem Druck, sondern ist auch solidarisch mit anderen, die um den Erhalt ihres Rechts auf Wohnen kämpfen – und sie gehen einmal im Monat zum Kurfürstendamm 177. Dort hat Pears Global eines von vielen Firmenschildern. Es fällt sofort auf, wieviele Immobilienunternehmen und verwandte Branchen darunter sind. Und im Erdgeschoss hat eine Immobilienfirma ihre Geschäftsräume. Auf einem fast fenstergroßen Bildschirm kann man Immobilienangebote nachlesen, nach einigen Sekunden wechselt das Bild. Es gibt viel mehr Angebote, als auf eine simple Schaufenstertafel passen würden.

Wir trafen also auf das Kollektiv, das ein großes rotes Transparent ausgerollt hatte und auf dem Fußboden ein weiteres mit der Aufschrift „Syndikat war, ist, bleibt!“. Und hinter den Angehörigen des Kollektivs schöne Angebote für nette Kiezwohnungen: Etwa 1,8 Millionen Euro für ein „Penthouse“ in irgendeiner halbweg guten Lage (in Berlin wird fast jede Dachgeschosswohnung als Penthouse bezeichnet) zum Beispiel. Aber am Kudamm trafen immer schon Welten aufeinander, seit er die Flaniermeile des alten West-Berlin wurde. Große Welt, Halbwelt, schicke Menschen und Touristenmassen, grandiose Wohn- und Büropaläste und soziales Elend hinter dem nächsten U-Bahn-Eingang. Oder mitten auf dem Gehsteig, wie gestern, wo wir auch Obdachlose sahen.

Ein paar Meter weiter donnerten Autos für 300.000 Euro, für eine halbe Million, mit 500 PS oder mehr vorbei oder standen breiter als einer der BVG-Busse, die hier in kurzen Abständen ebenfalls fahren, in der Gegend. Häufig im Halteverbot. So ein paar Tickets für Falschparken am Tag sind doch erst das Salz in der Suppe öder Shoppingtouren. Da spürt man sich noch ein bisschen: Was kostet die Welt, wenn man sie sich macht, wie sie einem gefällt – zum Beispiel mit Schwarzgeld.

Wir können uns keine Ecke in Deutschland vorstellen, in der, auf ein paar Quadratkilometern konzentriert, so viel davon nach außen sichtbar wird wie am Kudamm. Wir mussten mehrmals aufpassen, dass wir nicht laut loslachen, als wir sahen, welche nahezu undenkbaren Typen jenen „Schlitten“ entstiegen. Keine Details! Wenn man mit Freunden zusammen ist, kann man auch einen etwas niveauvolleren Austausch darüber führen, was an unserem System, das von einigen weniger elaborierten Teilnehmern am politischen und medialen Geschehen kurioser – oder böswilligerweise immer noch „Soziale Marktwirtschaft“ genannt wird, nicht ganz stimmt.

Solche Möglichkeiten, sich lächerlich zu machen, haben engagierte Kiezkneipenbetreiber*innen nicht und wir alle sind dankbar dafür, dass die Seriösen in dieser Stadt, die eigentlich Bürgerlichen, Maßvollen, diejenigen sind, welche den bunten, kreativen Protest gegen die Hybris des freidrehenden Finanzkapitals pflegen. Menschen wie die vom Syndikat bieten mehr: Gute Atmosphäre, Gemütlichkeit, ein wenig linkes Flair in ihrer kleinen, übersichtlichen Kneipe in einem noch vor kurzem einfachen Kiez, sie zapfen gutes Bier und sorgen dafür, dass alle Menschen im Kiez sich bei ihnen treffen können, ohne unter Beobachtung durch die Antisozialen dieser Welt zu stehen.

Sie sind fleißig, arbeiten viel, jeden Abend, jede Nacht, bieten Räume, haben einen intelligenten Zugang zu ihrer sozialen Umwelt – und im ganzen Jahr nehmen sie damit selbstverständlich nicht so viel um, dass dabei auch nur einziger, nehmen wir mal ein typisches Beispiel von gestern, Bentley-SUV dabei zusammenkommt. Wir meinen den Umsatz, nicht etwa den Gewinn.

Das Kollektiv hat gestern, wenig mehr als eine Armlänge entfernt von solchen Kaleschen seine Handzettel verteilt. Mit Infos zum Stand der Dinge, zum Gerichtstermin und es gab gelbe Aufkleber mit violetter Schrift: „Pears Global enteignen!“. Christian, einer der Betreiber des Syndikats, der auf zwei Bildern (weiter unten) zu sehen ist, hat eine kurze Ansprache gehalten, eine solidarische Rede von Daniel Diekmann folgte. Haben wir das schon erwähnt? Man weiß, wo der Schuh drückt. Wofür und wogegen man zusammensteht.

Ein paar der kleinen Papiere und Aufkleber haben wir mitgenommen und auch sonst haben viele Passanten zugegriffen. Die meisten davon waren wohl nicht jene, die am Kurfürstendamm heute noch wohnen können. Diejenigen, die sich informierten, kamen vorbei, wie wir, blieben stehen, schauten sich an, warum dort, wo selbst heutzutage noch Pelzmäntel ausgeführt werden und Modehündchen mit ihren Besitzer*innen zusammen einhertrippeln, plötzlich ein Hauch von Kreuzberg anzuschauen ist. Oder eben Neukölln. Interessiert sind fast immer Menschen wie wir, die nicht dort wohnen, wo die Verdrängung inszeniert, zelebriert, mit kaltem Herzen geplant und in woanders mit eiserner, unbarmherziger Haltung durchgeführt wird. Die daran nicht teilnehmen, sondern auf die eine oder andere Weise dagegen protestieren, wie mit der Mehrheit der Berliner*innen umgegangen wird. Zu dieser Mehrheit zählen wir uns und wir haben ein ureigenes Interesse daran, dass auch die spannenden Teile von Berlin erhalten bleiben, nicht nur eine Straße, die im Grunde für alles steht, was keine Zukunft hat.

Das elefantöse Berlin, das sich immer noch viel zu große Stücke von dem Kuchen names Erde genehmigt, der für uns alle reichen muss. Das Berlin, das nur Menschen wie Michael Zahn, der CEO der Deutsche Wohnen AG, lieben, die statt dieser hybriden, aus der Zeit gefallenen Existenzen jene friedliebenden 40.000 Menschen, die im April 2019 für den Erhalt der Sozialen Stadt auf die Straße gingen, als genau das bezeichnete, was wir eher am Kudamm sehen: Laut, hässlich .- und auf eine Weise protzig, die mittlerweile auch unfreiwillig komisch wirkt, das war, als wir nach Berlin kamen, noch nicht ganz so ausgeprägt. Der Kudamm 2019, das ist auch eine Art Realsatire.

Als wir gestern die Menschen vom Syndikat in dieser den Kapitalismus schon beinahe parodierenden Umgebung sahen, war uns klar, dass wir alle darum kämpfen müssen, dass sie hoffentlich wir mit ihnen noch da sein werden, wenn ein System seine Grenzen erfahren haben wird, in dem wenige auf eine wahrhaft unmäßige Weise davon profitieren und sich nicht selten daran delektieren, dass viele andere Angst um ihre Existenz haben müssen. Denn so witzig manches wirkt, es wird alles auf dem Rücken der Mehrheit generiert. Der Hintergrund wird immer ernst sein, egal, wohin sich sein optischer Ausdruck noch entwickelt.

Wir waren gestern selbstverständlich nicht zum ersten Mal am Kurfürstendamm, aber alles, was wir beschrieben haben und noch mehr waren Eindrücke aus etwa 90 Minuten. Wir finden es krass und schön, dass das Syndikat immer wieder in diese Umgebung zieht und klar macht, wie groß klein sein kann und wie schal und leblos das wirkt, was mit einer geradezu operettenhaften Grandezza daherkommt. Hätten wir eine Woche oder gar einen Monat Zeit, um uns eine persönliche Geschichte erzählen zu lassen und aufzuschreiben, dann würden wir sie gewiss keinem Miethai vom Kudamm widmen, der uns eine jener immer ähnlichen, konfektionierten Biografien auftischt und damit prahlt, wie man andere so übers Ohr haut, dass man Multimillionär werden kann (Atze Brauner, die einzige originelle und auch liebenswerte Person, die dort zuhause war und uns fasziniert hat, ist nun leider verstorben und ohne ihn ist der Kudamm noch profaner, als er zuvor war). Nein, wir würden das Syndikat-Kollektiv oder eine*n Vertreter*in davon wählen. Ihr Schicksal ist mit dem Mietenwahnsinn ebenso verbunden, den wir derzeit überall in der Stadt sehen und die uns mehr und mehr in den Bann ziehen – nur sind sie es, auf deren Seite wir uns sehen. Deswegen schreiben wir darüber, denken an die Betroffenen und wünschen Ihnen, dass sie ihre David-gegen-Goliath-Kämpfe gewinnen. Wir denken auch an #AllefürsKlima, die vielen Menschen, die heute dafür unterwegs sind, es sollen allein in Berlin mehrere Hunderttausend sein. Das Bündnis #Mietenwahnsinn hat einen eigenen Demoblock. Am Kudamm schlurfen und schlürfen derweil die Egozentriker.

Nun noch ein paar Fotos und wenn wir wieder in Neukölln sind, werden wir hoffentlich wieder mehr Details über das Syndikat für unsere Leser*innen bereithalten können, nachdem wir heute etwas mehr die Gegenseite betrachtet haben. Aber das hat sie sich verdient, denn über wie viele Mieter*innen haben wir schon geschrieben, die von jenen herausgefordert werden, die sich dort breitmachen?

So, wie vor zwei Wochen auf dem Weisestraßenfest. Solange es sowas gibt, kann man auch den Kudamm ab und zu aushalten.

TH

Als das Weisestraßenfest vor 34 Jahren zum ersten Mal die Bewohner*innen vom Neuköllner Schillerkiez zusammenführte, gab es den Begriff Mietenwahnsinn noch nicht.

Doch Kämpfe gegen das, was heute als solcher „Karriere“ gemacht hat, finden seit den frühen 1970er Jahren statt.

Mitte der 1980er war es eine Initiative, die u. a. von der damals gerade gegründeten Kiezkneipe „Syndikat“ ausging, die zum Weisestraßenfest führte – und zu ihr kehren wir zurück, denn sie ist einem der Symbole des Mietenwahnsinns in Berlin geworden.

Das Kneipenkollektiv zählte trotz seiner prekären Lage als Besetzer seiner Räume auch 2019 wieder zu den Initiatoren des Festes. Es kämpft gegen seine Verdrängung durch den Investor „Pears Global“, der dem Syndikat gekündigt hat, um eine wesentlich höhere Gewerbemiete durchsetzen zu können. Wir zeigen deshalb gleich ein Infoblatt, das uns vom Syndikat-Kollektiv gestern mitgegeben wurde und in dem das Neueste zur Entwicklung steht.

Es ist ein fantastisch geschriebenes Statement, das die meisten Berliner*innen ansprechen sollte. Viele Kiezinstitutionen sind in dem Blatt erwähnt und es gibt viele weitere, die von Verdrängung bedroht sind – vor allem viele Hausgemeinschaften, die auf verschiedene und mittlerweile sehr findige Weise den Kampf um ihren Verbleib in der Stadt führen. Das, was die Menschen vom Syndikat-Kollektiv formuliert haben, werden wir uns merken, es wird auch in den Duktus künftiger Beiträge von uns zum Mietenwahnsinn einfließen:

Vor dem Fest

Häufige Leser*innen wissen, dass wir zum Schillerkiez einen persönlichen Bezug haben, aber gestern waren wir erstmals auf dem Weisetraßenfest. Wir stiegen am U-Bahnhof Leinestraße aus und gingen, wie üblich, in Richtung Schillerpromenade. Die Weisestraße quert die Okerstraße, die wir nahmen, aber schon vorher und ab Herrfurthstraße in Richtung Norden war sie für das Fest gesperrt.

Herrfurthstraße? Leinestraße? Sagt uns das nicht etwas? Natürlich. Es gibt kaum eine Straße in dieser Gegend, in der nicht Mieter*innen gegen Investoren um ihren Verbleib kämpfen. Der letztlich erfolgreiche Kampf der Studentin Anna gegen eine krasse Eigenbedarfskündigung in der Leinestraße 6 war einer der ersten Fälle von Mietenwahnsinn, über den wir berichtet haben, ebenso haben wir über die Herrfurthstraße 20 geschrieben. Aktuell bittet die Gemeinschaft der Leinestraße 8 den Bezirksbaustadtrat Jochen Biedermann dringend um Ausübung des bezirklichen Vorkaufsrechts, um vor einem Investor gerettet zu werden:

Das sind nur wenige Beispiele des Mietenwahnsinns, der von Spekulanten und Herausmodernisierern, Glücksrittern des internationalen Immobilienbusiness – und vom konservativ-neoliberalen Teil der Politik angezettelt wurde und seit Jahren mit maximaler Wucht geführt wird.

Die Berliner*innen, die unsere Stadt erst zu etwas Besonderem machen, sollen raus, das ist das erklärte Ziel. Wagt aber sich tatsächlich jemand, ein solches Ziel offen zu erklären? Oh ja. „Das ist das laute, hässliche Berlin, das keine Zukunft hat“, sprach der CEO der Deutsche Wohnen SE, Michael Zahn, anlässlich einer Demonstration von nicht weniger als 40.000 Menschen gegen den Mietenwahnsinn Anfang April dieses Jahres. Im Anschluss an diese Demonstration zeigte die Polizei dann durch einen überharten Einsatz gegen die lediglich symbolisch gemeinte Besetzung eines leeren Ladenlokals, dass Menschen wie CEO Zahn viele Helfer haben, die bereit sind, deren turbokapitalistische Interessen bedingungslos durchzusetzen.

Das ist ein winziger Ausschnitt aus dem, was 2019 schon geschehen ist, aber er zeigt, was das Gepräge des Weisestraßenfestes 2019 bestimmt hat. Während wir an den Ständen vorbeigingen, konnten wir erkennen, was dem Kapital überhaupt nicht gefällt: Die Vernetzung der aktuellen Kämpfe gegen den Mietenwahnsinnn mit der traditionellen linken Kiezkultur in den Innenstadtbezirken, vor allem in Kreuzberg und Neukölln.

Jedes linke Projekt, das aufgeben muss, ist ein Sieg für das Kapital, jedes Projekt, das bestehen bleiben kann, ein Sieg für uns alle, die weiterhin in in einer Stadt der Vielfalt und des Miteinanders der Kulturen und Ansichten leben wollen.

Man muss Verdrängung von Mieter*innen und das permanente Drücken gegen das linke, das bunte Berlin zusammen betrachten, sonst steigt man nicht hinter alle Motive derer, die Verdrängung organisieren oder dabei helfen – vor allem nicht hinter die Motive der CDU und der FDP. Manchmal fragen wir uns, wer in dieser unheiligen und auf keinen Fall symmetrischen Allianz wen benutzt. Wir tendieren aber doch eher dazu, die Liberalkonservativen als Erfüllungsgehilfen anzusehen, deren eigenes Wählerklientel von der Hypergentrifizierung ebenfalls betroffen sein wird, wenn man alles so weiterlaufen lässt wie bisher – bis auf die knapp 5 Prozent Berliner*innen, die tatsächlich Einnahmen aus Vermietung und Verpachtung erzielen.

Und selbst diese könnten mittelfristig auf die Nase fallen, wenn der Bogen überspannt wird, während das ausländische Kapital einfach weiterzieht und uns Berliner*innen mit der sozialen Verwüstung alleine lässt.

Das sind Gedanken, die nicht ausbleiben können, wenn man durch den Schillerkiez läuft, wie er sich im Moment darbietet.

Erste Eindrücke

Mittlerweile sind wir an der Ecke Herrfurthstraße / Weisestraße angekommen und hier die ersten Bilder:

Das Plakat, auf dem das Quartiersmanagement, das in Neukölln besonders dicht gestaffelt ist und besonders gepflegt wird, solch eine negative Bewertung erhält, hat uns betroffen gemacht. Ist das QM ist tatsächlich als Abwehrwaffe gegen internationale Spekulanten, die im großen Stil versuchen, Berlin aufzukaufen, erfunden worden? Vielleicht ist es auch umgekehrt wie bei den Kapitalisten: Man versucht, mit Knallerbsen auf Panzer zu schießen. Ist Quartiersmanagement also in der Lage, den Mietenwahnsinn zu bremsen, wenn es engagiert und kundig betrieben wird? Oder ist erst der Zusammenschluss der Politik auf Bezirks- und Senatsebene mit der Stadtgesellschaft dazu geeignet? Vielleicht schreibt der Neuköllner Baustadtrat Jochen Biedermann ein paar Zeilen hierzu.

Wir sind nun bis fast zur Bühne gewandert, haben ein paar Fotos gemacht und uns gefreut, dass weitere Initiativen auf dem Weisestraßenfest waren, über die wir geschrieben haben. Zum Beispiel die Hausinitiative der Urbanstraße 67 aus Kreuzberg. Glückwunsch an dieser Stelle nochmal zum geglückten Vorkauf! Wie viel stärker wären wir als Bewegung schon, wenn alle, die ihr eigenes Ding erfolgreich durchgebracht haben, sich so verhalten würden wie derzeit die Urban 67. Nämlich weiter mitmachen und solidarisch sein. Wir freuen uns auch darüber, dass wir die richtigen Prioritäten gesetzt hatten, als wir über dieses Haus recht ausführlich berichteten. Leider haben wir das Plakat wirklich erst später bei der Sichtung der Fotos entdeckt. So viel auffälliges Rot drumherum.

Nun das Syndikat! Wir sind fast schon vorne an der Bühne. Da die Angabe der Bands keinen Zeitablauf beinhaltet, können wir nicht sagen, wer gerade spielte, aber dass wir erstmals mit Mitgliedern des Syndikat-Kollektivs sprechen konnten, das ist sicher. Wir haben sie aber, wie alle anderen Teilnehmenden und Veranstaltenden, auf den Fotos unkenntlich gemacht.

Auch das ist ein Ausdruck von Solidarität und ein Statement: Wenn das Kapital sich so gibt, wie es im oben abgebildeten Folder des Syndikats beschrieben wird, dann tragen wir nicht dazu bei, dass es seine um ihre Existenz kämpfenden Gegner*innen identifizieren kann. Das war gestern eine generelle Handhabe, wir wissen, dass das Syndikat mit offenem Visier vorgeht und sogar in London war, um den Peinigern von Pears Global einen Besuch abzustatten. Wir haben ein solidarisches Getränk zu uns genommen und sind weiter zur Bühne, um ein paar Bandfotos zu schießen. Es war laut, es war stark, es war widerständig, das schreiben wir, weil wir in diesem Beitrag kein Video zeigen.

Wir haben durch etwas Querrecherche doch ermittelt, dass es sich um die erste Gruppe handelte, die gestern auftrat: Muttakuchen. Sorry, dass wir das nicht einfach mal so wussten. Wir wären gerne geblieben, hätten uns auch The Inserts, Ghostmaker, The Not Amused, die Rabble Rousers angehört, aber unsere Zeit war leider begrenzt. Falls das auf dem Ablesegerät nicht groß genug zu ziehen ist, auf dem angeleuchteten Plakat steht:

Reclaim Our Cities!
Enteignen! Vergesellschaften! Selbstverwalten!
Solidarische Nachbar:innen!
Solidarische Kieze!
Kiezkultur von unten!

Kürzer als in der zweiten Zeile kann man den Fahrplan hin zu einem besseren Wohnen nicht darstellen. Besser natürlich nur für diejenigen, die es satt haben, Spielball von Spekulanten zu sein. Besser für jene, die nicht vom Kapital abhängig bleiben, sondern sich selbst ermächtigen wollen. Es gibt sicher auch welche, die sich in der dienenden Position wohlfühlen. Die dürfen sich dann gerne zum Dank für ihre unterwürfige Loyalität weiter von freundlichen Vermieter*innen mit Preisaufschlägen und anderen einseitig verkündeten Maßnahmen von oben herab piesacken lassen. Derweil müssen wir an der Rückkehr zur Gemeinwohlorientierung der Wohnungspolitik arbeiten.

Zunächst aber gehen wir auf der anderen Seite der Weisestraße zurück zum Ausgangspunkt Ecke Herrfurthstraße.

Der Besuch am Dosenwurfstand hat uns ein Abschiedlächeln gezaubert.

Natürlich kennt jeder, der sich mit dem Mietenwahnsinn befasst, die Unternehmen oder Unternehmer, die auf die Dosen gemalt oder gesprayt wurden. Die Deutsche Wohnen SE ist der größte Vermieter in Berlin und berüchtigt für seine Kombination aus Mietentreiberei und schlechter Verwaltung (ca. 116.000 Wohnungen). Akelius ist ebenfalls einer der größten Privatvermieter mit etwas über 12.000 Wohnungen in der Stadt und besonders auffällig durch seine extreme Mietspekulation. Das hat für Neukölln eine Bedeutung. Denn dort hat Akelius mehrere Häuser, auch im Schillerkiez. Und immer wieder tun findige Menschen bei Immoscout24 Angebote dieser Firma auf, die von 40 Euro kalt / m² künden. Dagegen muss etwas getan werden. Wer das nicht versteht, der versteht nicht, wovon eine Stadt wie Berlin, in der die Einkommen immer noch relativ niedrig sind, lebt – und wovon sie niemals wird leben können.

Gegen diese rüde Form von Hypergentrifizierungsversuchen hilft wohl am Ende nur die Enteignung solcher Konzerne. Ach ja, Padowicz haben wir als Dosenaufschrift auch gelesen. Kein Konzern im engeren Sinn, sogar in Berlin ansässig, aber bekannt für seinen besonders harten Umgang mit Mieter*innen. Anzahl der „Objekte“ nicht genau bekannt, da in einem kaum durchschaubaren Firmengeflecht untergebracht.

Veranstaltungen wie das Weisestraßenfest hingegen sind für jeden begehbare Ankerpunkte der Kiezkultur und ganz wichtig dafür, dass Berlin wenigstens Teile seiner Identität, seiner Vielfalt und ein wenig Kommerzbegrenzung bewahren kann.

Vielleicht ein Argument für jene, die alles etwas mehr aus der eigenen Perspektive betrachten: Wir werden die Erfahrungen und Ideen der Menschen, die links sein wirklich leben und anderen gegenüber aufgeschlossen sein können, noch dringend brauchen, wenn der Gier-Kapitalismus endgültig abgewirtschaftet hat. Der Mietenwahnsinn ist bereits ein deutliches Zeichen dafür, dass der Ausbeutungsladen nicht mehr richtig läuft und dem Großkapital nicht mehr viel Neues einfällt.

Und ganz zum Schluss: Bitte jetzt schon einen wichtigen Termin vormerken! Am 29. Oktober wird um die Mittagszeit die Räumungsklage von Pears Global gegen das Syndikat verhandelt, eine Stunde zuvor soll eine Kundgebung vor dem Landgericht am Tegeler Weg stattfinden. Wer immer kann, bitte freinehmen und zum Gericht gehen, um das Kollektiv zu unterstützen. Wir werden aber vorher Genaueres dazu schreiben und weitere Entwicklungen beobachten.

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Aufruf vom 6.9.2019:

Es ist wieder an der Zeit für einen Aufruf. Morgen findet in Neukölln das Weisestraßenfest statt, das auf eine 34jährige Tradition zurückblicken kann. Die Weisestraße liegt im Schillerkiez von Neukölln-Nordwest, an der Grenze zu unserem Wohnbezirk.

Warum ein Straßenfest, das viel Tradition hat und nicht auf den ersten Blick dem Häuserkampf gewidmet scheint, von uns einen Unterstützungsaufruf bekommt, erklärt sich aus dem, was auf dem Blog des Festes zu lesen ist. Hier ein Auszug:

Das diesjährige Weisestrassenfest steht unter dunklen Vorzeichen. Das Syndikat, aus dessen Dunstkreis vor vielen Jahren die Idee zu diesem Straßenfest – selbstorganisiert, unkommerziell, von Nachbar*innen für Nachbar*innen – entstanden ist, droht nach über 34 Jahren Existenz das Aus. Doch ist dies nur die Spitze des Eisbergs.

Im ganzen Schillerkiez zeigt sich seit Jahren sehr deutlich die hässliche Fratze des Mietenwahnsinns. Einst einer der verrufensten Kieze Neuköllns, ist der Schillerkiez nun Investitonsfläche für Renditejäger*innen und Betongold-Fetischist*innen. Nachbarschaften werden durch explodierende Mieten, Umwandlung in Eigentumswohnungen und Eigenbedarfskündigungen zerstört. Alteingesessenes Kleingewerbe wird Stück für Stück verdrängt (…).

Wir kennen den Schillerkiez, wir haben mehrfach über den Kampf des Syndikats gegen seine Verdrängung durch Pears Global geschrieben, wir haben seit Oktober 2018 einige Mieter*innen-Gemeinschaften medial begleitet, deren Häuser von Investoren gekauft wurden. Wir haben dabei viel über den Mietenwahnsinn gelernt und warum eine lebendige Stadt mit 3,7 Millionen Einwohner*innen nicht zum Spielball von Profitinteressen verkommen darf.

Die Zeichen mehren sich, dass das absurde Rennen um immer höhere Kaufpreise und immer höhere Mieten bald zu Ende sein wird. Aber nicht wegen des Berliner Mietendeckels, wie gewisse Kreise es dann sofort wieder umdeuten werden wollen, obwohl eine lehrbuchhafte marktwirtschaftliche Korrektur eintritt, sondern weil hemmungslose Gier die Möglichkeiten wieder einmal überreizt hat.

Aber das hilft den bereits Verdrängten nicht mehr und der Zeitpunkt, wann der Wind sich dreht, steht noch nicht genau fest. Daher muss der Kampf weitergeführt werden und jedes Haus, das in die Hände von „Investoren“ fällt und jede Kiezkneipe wie das Syndikat und jeder Kiez, in denen solche Häuser und Läden angesiedelt sind, muss verteidigt werden, so gut es geht.

Daher ist der Besuch des Weisestraßenfestes auch ein Solidaritätsbesuch – dazu einer, der Spaß macht, denn es wird auch im 34. Jahr und ungeachtet der drohenden Gefahren durch Zwangsräumung (Prozessbeginn gegen das Syndikat am 29. Oktober 2019) eine gute Stimmung herrschen und man wird viele interessante Menschen treffen. Wie es im Blog heißt: Einander kennernlernen, sich vernetzen, eine schöne Zeit haben und Stärkung mitnehmen für den Abwehrkampf gegen Briefkastenfirmen und andere Haie. Das Syndikat-Kollektiv aus der Weisestraße 56 gehört mittlerweile zu den Profis des Abwehrkampfs und gibt gerne Tipps, wie man Konsorten à la Pears Global auf lokaler Ebene das Leben so schwer wie möglich macht. Das Kapital vagabundiert global, aber Verdrängung und sich dagegen erheben sind lokale Vorgänge, die uns alle betreffen.

Wir wünschen für morgen herrliches Spätsommerwetter und eine hohe Besucherzahl.

Heute unsere Solidarität mit dem Schillerkiez und der Weisestraße!

TH

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