Gribiche – Heimweh nach der Gasse (Gribiche, F 1925) #Filmfest 62 DGR

Filmfest 62 A Die große Rezension

2019-01-25 filmfest - neue version mit mittiger schriftIst das Leben saucy, wenn der Nickname auf einer Soße beruht?

„Sauce gribiche ist eine traditionelle Sauce aus der französischen Küche. Sie wird aus hartgekochtem Eigelb, Kapern, Gurken, Senf, Essig und Öl hergestellt. Dabei werden die Eigelb so fein gehackt, dass sie zu einer Paste werden und dann die Flüssigkeiten langsam hinzugegeben. Die fein gehackten Gurken und Kapern werden am Ende untergehoben.

Eine Sauce gribiche ist traditionell etwas säuerlich. Sie wird häufig zu Kalbskopf oder Sülzen gegessen. Sie wird aber auch zu Gerichten wie Fisch, Krebsen oder anderen Schalentieren serviert.“

So steht es in der deutschen Wikipedia, wenn man den Begriff „Gribiche“ sucht. Dass eine Mutter ihren Sohn nach einer Soße benennt, kann man nur verstehen, wenn man das französische Verhältnis zum Essen kennt. Es ist einfach liebevoll. Vielleicht hat der Regisseur des Films „Gribiche“ diese Eigenschaft gemeint, als er betonte, nur Filme mit nationaler Note könnten international erfolgreich sein. Was das Essen angeht, haben die Franzosen weltweit viel erreicht. Zum Glück für uns Deutsche.

Außerdem waren Spitznamen und Künstlernamen in jener Zeit der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts in Frankreich an der Tagesordnung. Berühmte Schauspieler hatten keine Vor- und Zunamen, sondern nur einen Künstlerbegriff, der auch in den Vorspannen von Filmen so erschien. Auch das ist weltweit in dieser Ausprägung einmalig. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich diese  Eigenart verloren. Sie entsprach dem Volkstümlichen in der Schauspielkunst und war marketingtechnisch perfekt. Ein Mensch, ein Charakter, ein Schlagwort.

Obwohl in der Wikipedia steht, die Soße sei etwas säuerlich, nehmen wir vorweg, der Junge Gribiche, mit arbeiterbürgerlichem Namen Antoine Belot, um den es im Film geht, ist äußerst süß und spielt auf eine so natürliche Art, dass man ihm tatsächlich ohne Langeweile mehr als zwei Stunden lang zuschauen kann, wie er vom Arbeiterkind zum Snob erzogen werden soll und am Ende wieder nach Hause geht. Solche Geschichten gibt es vielfach, die britische Literatur ist zum Beispiel reich an Pygmalion-Darstellungen. Es ist aber immer wieder interessant zu sehen, wie unterschiedlich man sie künstlerisch umsetzen kann.

Handlung

Ein kleiner Arbeiterjunge wird von einer reichen amerikanischen Familie adoptiert. Trotz des Wohlstands, der ihn umgibt, vermisst der Junge sehr schnell seine natürliche Umgebung und flieht zurück zu seiner richtigen Mutter. 

Nachdem Gribiche (Jean Forest) ausgerissen ist, begreift Madame Maranet (Françoise Rosay), dass er zu seiner leiblichen Mutter (Cécile Guyon) gehör achdem der kleine Gribiche die im Kaufhaus vergessene Handtasche voller Geld an seine Besitzerin – eine reiche Amerikanerin – zurückgegeben hat, entschließt sich diese, ihn zu adoptieren. Schweren Herzens lässt ihn seine Mutter, eine Fabrikarbeiterin, ziehen. Sie hofft, ihm so eine bessere Zukunft zu bieten. Einen Vater hat der Kleine seit dem Krieg nicht mehr. Die Mutter hat in Philippe Gavary, Vorarbeiter in derselben Fabrik, einen galanten Verehrer …

Für Gribiche beginnt ein neues Leben. Madame Maranet sorgt sich um das Wohl des Jungen und er bekommt einen straffen Tagesplan, der eingehalten werden muss. Er lernt nun Mathematik und Literatur, muss merkwürdige Dinge essen und darf nicht mehr viel spielen. Eingesperrt in einem goldenen Käfig versucht Gribiche, diesem immer wieder zu entkommen, was Madame Maranet nicht gerne sieht. Als ihm sogar der Besuch seines Lieblingsvolksfestes verweigert wird, beschließt er zu fliehen. Er schreibt einen Abschiedsbrief und schleicht sich unbemerkt aus dem Haus. In einem Bistro trifft er jedoch auf zwei Angestellte von Madame Marenet und muss diesen entkommen.
Gribiche findet den Weg zu seinem Zuhause und seiner Mutter, die in der Zwischenzeit Phillippe Gavary geheiratet hat. Der sieht die Rückkehr von Gribiche mit Wohlwollen. Auch Madame Maranet hat mit dem kleinen Ausreißer ein Nachsehen, lässt ihn bei seiner Mutter leben und finanziert ihm trotz allem seine Ausbildung.

Infos

Erstausstrahlung der zusammen mit der Pariser Cinémathèque restaurierten Fassung des Stummfilms von Jacques Feyder (Frankreich 1925).

Die neu restaurierte Fassung des Films wurde auf dem 28. Festival in Pordenone „Le Giornate del Cinema Muto“ 2008 gemeinsam mit dem Film „Les Nouveaux Messieurs“ desselben Regisseurs aufgeführt. Nach jahrelanger Recherchearbeit wurde der Film von der Cinemathèque Française restauriert. „Gribiche“ ist der Erste von drei Filmen, die Feyder mit dem französischen Produzenten Albatros realisierte.
Nach seiner Militärausbildung begann Jacques Feyder 1908 im Theater zu arbeiten. Vier Jahre später war er in Filmen von Georges MélièsLouis Feuillade, Victorin Jasset und Gaston Ravel als Statist zu sehen. Von 1912 bis 1915 war er Assistent von Ravel. Zwischen 1915 und 1917 drehte er 15 kürzere Filme für die Gaumont. Erst mit „L’Atlantide“ (1921) nach einem Roman von Pierre Benoît erhielt Feyder gröβere Aufmerksamkeit, einem Film in dem er mit großer Kreativität die Möglichkeiten des Stummfilms nutzte.

Kurze Anmerkung zum Regisseur

Jacques Feyder drehte Filme für alle Schichten und klammerte keine Bevölkerungsgruppe aus seinen Geschichten aus. Er verstand es, Avantgarde und kommerzielles Kino in seinem Werk zu versöhnen. Feyder war der Ansicht, dass nur Filme mit einer nationalen Prägung wirklich international erfolgreich sein könnten. Dass nur das künstlerisch Singuläre das Interesse der Menschen auf den fünf Kontinenten wecken könnte. Dies war in der Zeit der kosmopolitischen Ansätze höchst revolutionär. Oft drehte er nach literarischen Vorlagen, da diese für ihn am besten die Menschen und die Atmosphäre der Zeit charakterisierten.
Während seiner Zeit in Hollywood hat er mit Greta Garbo ihren letzten Stummfilm „Der Kuss“ (1929) realisiert sowie die deutsche und schwedische Version ihres ersten Tonfilms „Anna Christie“.

Rezension

Jacques Feyder war einer der wichtigen französischen Regisseure der 20er Jahre und hat – siehe oben – bei dem Pionier Louis Feuillade gelernt, der wiederum ein Sukzessor der Gebrüder Lumière war. Cineasten werden diese beiden Herren kennen, hier würde es den Rahmen sprengen, ihre Bedeutung fürs frühe französische und europäische Kino nachzuzeichnen. Wir konzentrieren uns deshalb auf den Film, der im Deutschen etwas dramatisch „Heimweh nach der Gasse“ genannt wurde.

Die nicht so freudlose Gasse

Die Gasse darf man nicht im äußert anklagenden Sinn des berühmten Films „Die freudlose Gasse“ (D 1925, Regie G. W. Pabst) verstehen, nein, im Gegenteil. Anfangs ist man überrascht, in wie ordentlichen Verhältnissen der Gribiche aufwächst und wie daraus der Wunsch entstehen soll, ihn einem neuen Leben zuzuführen. Es ist eben alles eine Frage der Relationen. Die Mutter (Cécile Guyon) sorgt gut für und ist sehr liebevoll mit dem Jungen. Sie ist Kriegswitwe, doch sie arbeitet (viel) in einer Fabrik und hat ihr Auskommen. Die Wohnung ist geradezu gutbürgerlich, das Haus, in dem Mutter und Sohn einträchtig leben, in einer nicht vorzüglichen, aber keineswegs heruntergekommenen Gegend.

Dann aber eröffnet sich ihm die Chance, bei den reichen Maranets wie ein Elitesprößling aufgezogen zu werden – und er selbst ist es, der sich dafür entscheidet, der herzlose kleine, charmante und realistische Egoist. „So eine Chance kommt nie wieder“, sagt er zu seiner Mutter und zieht ein in die Villa der Maranets, wird dort aber ziemlich schikaniert.

Oh nein, schikaniert ist nur der Begriff, der uns zunächst einfällt, angesichts des im wörtlichen Sinn minutiösen Zeitplanes, der künftig seine Tage bestimmt. Man darf nicht „schikaniert“ sagen, denn sein Leben ähnelt doch ganz dem der heutigen Fasttrack-Kids, die nach dem Motto erzogen werden, was immer in den Schädel reinpasst, und das ist bei kleinen Kindern bekanntlich eine Menge, muss auch rein. Spaß und Spiel sind da nicht mehr so wichtig. Im Grunde ist der Film hochmodern.

Die freudlosere Verplanung

Gribiche ist bei den Maranets nichts anderes als ein heutiges Kind, das viele Interessen zu verfolgen hat, weil es eines Tages gesellschaftlich ganz vorne sein soll. Das soziale Engagement (die kollektive Fürsorge, heißt es im Film) der kinderlosen, reichen Amerikanerin, die durch Heirat mit einem französischen Diplomaten nach Paris kam und Gribiche in einem  exquisiten Rolls-Royce von einem Pariser Viertel zum anderen chauffieren lässt (das Auto fährt sogar nebenher, wenn Gribiche mit der steifen Englischlehrerin durch den Park flaniert), dieses kollektive Engagement personifiziert sich mit einem Mal in dem hübschen Jungen.

Am Ende steht die Erkenntnis: „Die Fürsorge im Einzelnen hingegen kann sehr enttäuschend sein“. Vielfach werden arme Kinder adoptiert, auch in Deutschland. Und oft geht die Adaption des meist gehoben mittelständischen Milieus der Adoptiveltern gut. Aber die Kinder sind in der Regel auch viel kleiner, wenn sie  zu ihren Adoptiveltern kommen, als Gribiche, den wir auf zwölf Jahre schätzen (der Kinderdarsteller Jean Forest, der den Gribiche spielt, war Dreizehn, als der Film gedreht wurde). Und es ist ihnen zuvor wohl auch nicht so gut gegangen wie ihm. Freilich, eine universitäre Ausbildung, dazu mit allem, was man können muss, um fürs Diplomaten- und Großindustriellenmilieu ein Entrée zu haben, das hätte ihm die Mutter nicht finanzieren können, wohl nicht einmal, nachdem sie den Vorarbeiter Philippe Gavary (Rolla Normand) geheiratet hat. Er hat erkennbar aber auch keine Ambitionen in diese Richtung. Er lernt Boxen (!), Fechtwaffen hängen aber auch an der Wand. Dass er Golf zu spielen hat, wie er dabei ausstaffiert ist,  hat uns absolut amüsiert. Es hat sich nicht viel geändert, in der Welt der Snobs. Dagegen ist es relativ normal, dass er Hauslehrer für Mathe (mag er nicht) und Literatur (findet er hinreißend, weil der Lehrer so skurril ist) hat, ist hingegen bildungsbürgerlich in jeder Hinsicht akzeptabel.

Wir erfahren am Ende, dass er die Mutter nur verlassen hat, weil er meinte, er stehe ihrer Heirat mit Gavary im Weg. Während eines Jahrmarktsvergnügens sagt die Mutter zu Gavary, als der sie frägt, warum sie nicht seine Frau werden will: „Du vergisst Gribiche“.

So modern und in vielen Filmen wiederholt dieser Part der Erziehung bei Mme. Maranet ist, so sehr muss man sich in die Zeit versetzen, wenn es darum geht, warum ein lediger, im Rahmen der Arbeiterverhältnisse gut verdienender, gutaussehender Mann nicht eine recht attraktive Kriegswitwe mit einem Sohn heiraten sollte. Daran wäre heute nun wirklich nichts Ehrenrühiges mehr. Aber ein Kind war in den 20ern offenbar ein Hinderungsgrund oder konnte als solcher verstanden werden.Vielleicht ist das Ganze auch ein wenig an den Haaren herbeigezogen, damit die Entscheidung von Gribiche, es mal bei Mme. Maranet mit der weiteren Erziehung zu versuchen, nicht so eigensinnig wirkt.

Madame Maranet und ihre Villa

Die polyglotte, in einer wirklich gemäß der Zeit äußerst stylishen Villa lebende Mme. Maranet, deren Bruder aus New York man kurz kennenlernt, ihren Mann hingegen nicht, ist ein Typ ihrer Zeit. Und doch auch unserer Zeit.

Man soll nicht gewaltsam versuchen, einen Film überzeitlich zu interpretieren und ihn dadurch zu überhöhen, aber es ist ja nun einmal so, dass die Frau nicht aus einer anderen Welt ist. Wie sie sich für die (Volks-) Hygiene einsetzt und die Nase rümpft, als sie auf dem Weg in das Mietshaus, in dem die Belots wohnen, an an den ausgelegten Waren des Lebensmittelgeschäftes im Erdgeschoss vorbei muss, das ist klasse und man denkt sofort an die vielen Kinder, die vor Allergien nicht mehr ein noch aus können, weil sie komplett aseptisch aufgezogen wurden. Das korrespondiert gut mit dem Raum in der Maranet-Villa, den wir unter vielen coolen als den coolsten empfinden: Das Badezimmer. Die Verfliesung der Wanne und drum herum ist exquisit, Bruchstein oder Marmor, die Wanne selbst würde man heute extravaganter formen, egal. Aber dann dieser über Stufen erreichbare Duschtempel, die Stufen, die Duschtasse aus schwarzem Granit und aus Leitungen von allen Seiten kommt die  Berieselung, das ist grandios und abgesehen davon, dass man das Wasser heute mit mehr Druck durch die Leitungen quetschen kann, ist das stylisher als jede uns bekannte heutige Variante dieser elaborierten Form der Ganzkörperberieselung von allen Seiten. Sogar das Freistehende ist vorweggenommen.

Man sieht also, der Film hat einige avantgardistische Elemente zu bieten. Auch sonst ist die Einrichtung absolut hochwertig, gut möglich, dass Feyder nicht in einer Kulisse, sondern in einer realen Villa gefilmt hat, was damals nicht unbedingt üblich war. Die ausgeformten Decken weisen jedenfalls darauf hin, dass es sich um einen echten Bau, echte Möbel und jedweden Chic der extravaganten 20er Jahre handelt, den man hier sieht.

Nur so funktioniert der Film. Wären die Maranets nur in Maßen wohlhabender gewesen als die Belots, hätte er das nicht. Dass der Gribiche sich unter allen den Wundern dieser Villa dann für die Garage entscheidet, in welcher der Fahrer der Maranets (Armand Dufour) sich mit Hingabe der Pflege des Rolls-Royce und mindestens eines weiteren Automobils widmet, ist der Wendepunkt des Filmes. Der Junge, wie die meisten Jungen aller Zeiten und Schichten, interessiert sich fürs Handfeste, legt sich sogar unter das Auto und verschmutzt sich total – gerade, als er dem aus New York angereisten Bruder von Madame Maranet vorgestellt bzw. vorgeführt werden soll.

Ein Zirkus

Der Bruder sagt dann der schon leicht verzweifelten Madame, er fände es normal, dass es den Jungen dorthin zieht. Weil er nun einmal aus dem handwerklichen Milieu stammt, liest man aus dem Zwischentitel heraus.

Wenn es jedoch nach Mme. Maranet geht, kommt er aus desolaten Verhältnissen, wie man es heute ausdrücken würde. Verschiedenen Menschen aus ihrem umfangreichen Bekanntenkreis führt sie den Jungen geradezu vor, er muss dann artige Verbeugungen machen und Handküsse geben. Schön richtige, angedeutete Handküsse. Auch die richtigen Tischmanieren werden im Verlauf des Filmes exzellent angesprochen. Man merkt, Regisseur Feyder kennt sich aus – er ist aber auch Franzose, und die kennen sich mit diesen Dingen etwas generell besser aus als wir. Mit Abweichungen, auf die wir noch kommen werden.

Die besten Sequenzen des Films sind für uns die, in denen Mme. Maranet in romantischer Verklärung und Überhöhung ihren Bekannten erzählt, wie sie zu Gribiche gekommen ist. Das geschieht filmisch, einmal in ihrem Salon, dann auf dem Golfplatz. Es ist einfach nur großartig gemacht, wie sie ihn dann wirklich zu einem bettelarmen Kind mutieren lässt und auch sonst einiges an den wahren Abläufen dreht, um selbst besser dazustehen und alles dramatisieren zu können. Da gibt es dann eine dritte soziale Ebene und wir verstehen sofort, warum Gribiche nicht wirklich in Armut aufwachsen konnte, sondern nach heutigen Maßstäben finanztechnisch der unteren (vor der Heirat der Mutter mit Gavary) bis mittleren Mittelschicht (nach der Heirat) angehört. Exzellent auch, wie diese Findung in zwei Sequenzen zerlegt wird.

Die erste, im Salon erzählte, wirkt abschließend, so, als ob Madame sich das Häufchen Elend gegriffen und sofort mitgenommen hätte. Auf dem Golfplatz schließt sich dann der zweite  Teil an, wo sie zur Mutter fährt – aber der Tenor ist ganz anders als die Realität. Sie ist also mit Gribiche nicht sofort zu sich in die Villa gefahren, sondern doch zur Mutter in die schäbige, löcherie Dachkammer. Immerhin. In Wirklichkeit hat Gribiche ihr seine Adresse aufgeschrieben, ganz formidabel formell, und sie ist später hingefahren und wurde an einem hübsch gedeckten Tisch bewirtet.

Le Quatorze Juillet

Es ist der Freiheitstag, der größte aller Freiheitstage, der an die losbrechende Revolution des 14. Juli 1789 erinnert, der Nationalfeiertag der Franzosen, an dem die Dinge sich dann wenden. Da hat Gribiche Heimweh und sehnt sich nach dem Leben in den hübschen Gassen, den tanzenden, musizierenden Menschen. Er sitzt abgeschieden in dem großen, jetzt leeren Haus, denn auch die Dienerschaft ist ausgerückt zum Feiern. Und er brennt durch, mischt sich unter die Leute und ist doch ein kleiner Bourgeois, der mit eigenem Geld bestellt und die Kellner rennen lässt. Am späten Abend tragen ihn die Füße wie von selbst in sein altes Viertel, vor das Haus seiner Mutter – und dort, aus einem öffentlichen Brunnen trinkend, greift ihn das jetzige Ehepaar Gavary auf, nimmt ihn mit sich und ganz selbstverständlich nimmt der Ehemann den Jungen wie seinen Sohn auf.

Jeder gute Film hat seine Symbole, und wie Gribiche ausgerechnet am 14. Juli, dem Tag der Freiheit, durchbrennt, das ist selbstverständlich eine Allegorie auf das goldene Gefängnis bei Mme. Maranet, aus dem er sich befreit. Ebenso, wie der Jahrmarkt, das sich drehende Karussell, viel früher im Film auch seine Bedeutung hat. Die Szene zeigt ihn hinten auf einem Wagen, darin die Mutter und der Noch-Freund und baldige Ehemann Gavary.  Und da sagt sie diese Worte, die den Jungen so durcheinander bringen – sie konnte nicht annehmen dass er sie mitbekommen hat, von seiner Position außerhalb des Wagens (finden wir auch ein wenig seltsam, angesichts des Jahrmarktslärms und der Tatsache, dass sie sicher nicht geschrieen hat). Die vorbeischwebenden Gesichter, der gefühlte Schwindel in der Szene, manch verzerrtes Gesicht auf den Karrusellwagen, sie stehen für die Verwirrung der Gefühle. Karussellszenen haben in der Filmgeschichte übrigens immer wieder diese Bedeutung von Chaos und Gefühlsverwirrung – man denke nur an den weltberühmten Showdown in Hitchcocks „Der Fremde im Zug“ (1951), als ein ähnliches Karussell entgleist und Tod und Erlösung bringt.

Farben und Filmisches

Jacques Feyder, wir haben es oben gelesen, wollte Filme für ein breites Publikum machen. Das breite Publikum hat sicher 1925/26 gestaunt, als es das Interieur der Maranet-Villa bewundern durfte. Aber es war nicht überfordert. Dafür sorgt die sehr präzise und mit Details gespickte, aber nicht sehr schnelle Handlung. Hinzu kommen noch Zwisentitel, die gewissenhaft erläutern, was man sowieso gesehen hat oder noch sehen wird. Die Zwischentitel wäre bei der heutigen visuellen Auffassungsgabe der Menschen nicht nötig gewesen, die meisten jedenfalls. Damit hätte der Film noch einmal an Modernität gewonnen. Dass er, abgesehen natürlich davon, dass er stumm ist, neuer wirkt als von 1925/26, hat selbstverständlich auch mit der Restaurierung zu tun. Abgesehen von den Sekunden vor einem Umschnitt, in denen die Bildqualität oft nachlässt (vielleicht  hat man diese zwecks Beschleunigung herausgeschnitten und sie wurden auf Basis schlechter Kopien bei der Restaurierung wieder eingefügt), wirkt alles sehr edel und gleichmäßig fotografiert. Ein wenig flach ausgeleuchtet manchmal.

Viel Wert hat man auf die Rekonstruktion der Originalfarben gelegt. Auch hier keine Geheimnisse. Warme, gelblich-orange Farben stehen für gute Gefühle, blassviolette für eine eher kalte Umwelt. Es überrascht also nicht, dass die Szenen in der Wohnung der Belots in Ocker gehalten sind, diejenigen in der Villa Maranet oft in diesem blässlichen Lila, das noch abstoßender wirkt als Giftgrün. Aber es gibt auch viele Varianten. Straßenszenen in beinahe neutraler, hellgelblicher Tönung, grüngelb für sehr lebendige Szenen, und die Nacht wird einfach kräftig dunkelblau dargestellt. Dass Filme zu jener Zeit auf diese Weise koloriert waren, ist nicht neu, aber die Farben sind hier wirklich sehr schön geworden. In Hollywood hat man zu der Zeit schon mit echtem Zweifarben-Technicolor experimentiert, alles war entweder grün oder rot.

Was uns weniger gefallen hat, war die für die Restauration neuverfaßte Musik. Zu elitär und auch zu innovativ, an manchen Stellen. Gut das Ticken in der Phase, in der immer wieder die Uhrzeit eingeblendet wird, als der um 6:30 beginnende Tagesablauf des Gribiche in der Villa Maranet erläutert wird. Aber die Klaviermusik der meisten Szenen zu suggestiv. Dieser Wechsel zwischen nur zwei Tönen, der offenbar einen Marschtritt der voranschreitenden Ereignisse intonieren soll, ist zu kalt, wird zu selten aufgehoben zugunsten einer weicheren Untermalung, auch in den emotional positiven Szenen. Einige Passagen wirken experimentell, sollen dadurch gewissermaßen das Moderne unterstreichen, das dem Film innewohnt. Das gelingt sogar, wirkt aber auch sehr dominant und stellenweise sogar irritierend, so dass man sich darauf konzentriert zu entschlüsseln, welche Geräusche gerade durch welche Gegenstände erzeugt werden, und nicht auf die Bilder.

Wir waren zwischenzeitlich in Versuchung, den Ton abzustellen. Besonders heftig wurde dieses Verlangen, als die Musik der Feste des Quatorze Juillet gezeigt wurde. Ganz abseits von den Instrumenten, die man auf den Bildern sieht, spielt in einem hohl wirkenden Raum ein Akkordeon, es können auch zwei oder drei sein. Wir verstehen, dass man damit eine Distanz, eine Verfremdung schaffen wollte, das pralle Leben nicht zu sehr von der Stille absetzen, die den Jungen zu der Zeit umgibt, aber das alles ist eben ein wenig von dem, was der Film ursprünglich nicht sein wollte: Gemacht für ein anspruchsvolles Cineastenpublikum. Rechtfertigung könnte sein, dass sich heute allenfalls Cineasten diesen Film anschauen und man deren Art, die Dinge mit interessierter und kenntnisreicher Distanz zu betrachten, damit die Referenz erweisen wollte. Für uns hat sich die Musik zu sehr in den Vordergrund geschoben, mit ihren teilweise extravaganten Elementen.

Es konstrastiert auch sehr mit einer anderen Eigenschaft von „Gribiche“: Dem Umgang mit kleinen Details und Gesten. Die Schauspieler sind ausgezeichnet eingestellt. Auch das wirkt modern, dass nicht die große Geste alles reißt, sondern viele kleine das Gefühl vermitteln, alles sitzt und passt, die Emotionen wirken glaubwürdig. Feyder offenbar thier viel Beoachtungsgabe für das wirkliche Verhalten von Menschen und ein Gefühl für Balance. Das ziemliche Gegenteil der expressionistischen Filmwelt, die in Deutschland nach dem ersten Weltkrieg aufgekommen war, ihren Höhepunkt gerade überschritten hatte, aber bleibenden Nachhall nicht nur im deutschen Film fand.

Eine schwache Resonanz

Der Film „Gribiche“ gehört nicht zu den Werken in der Filmhistorie, die besonders hohe Resonanz erfuhren, das gilt auch innerhalb des Werkes von Jacques Feyder. Wir meinen, zu Unrecht, und wir finden es gut, dass er so aufwendig restauriert wurde. Er hat unverkennbar überzeitliche Elemente, die zitieren wir auch nicht herbei, sie sind offensichtlich und nicht nur in neuartigen Elementen des Bäderdesigns begründet, sondern sie liegen in der Aussage – ein Kind ist ein Kind und bei allem, was man einem Kind an Bildung und Fertigkeiten mitgeben sollte, muss eines im Vordergrund stehen: die emotionale Anbindung an die Bezugspersonen. Der Idealfall ist eine Vereinigung von alldem, aber wenn das nicht geht, lieber weniger materielle Möglichkeiten als weniger Liebe. Denn wer durch starke Bindungen gestärkt wird, der findet seine Chancen im Leben, davon sind wir überzeugt.

Nach der gestrigen Ausstrahlung sind in der IMDb ein paar Bewertungen hinzugekommen, überraschend hat der Film gegenüber vorher noch ein paar Promille verloren (aktuell 6/10 gegenüber vorher 6,3/10). Auf einer sehr dünnen Datenbasis allerdings. Dass gerade Frauen mittleren Alters diesen Film nicht unbedingt amüsant finden, obwohl er ja eine sanfte Komödie mit sozialkritischem Anstrich ist, ist so überraschend freilich nicht.

Finale

Ganz und gar nicht nicht untypisch ist, dass ein solcher Film wie „Gribiche“ aus Frankreich kommt, dass überhaupt großartige Filme über Kinder, mit Kindern und jungen Erwachsenen auch in der Nachkriegszeit im französischen Kino realisiert wurden. Zwei davon haben wir bereits rezensiert („Der Ruhm meines Vaters“ und „Das Schloss meiner Mutter“). 

Die Menschen in Frankreich werden älter, leben emotional gesünder, protestieren heftiger gegen sozialen Kahlschlag und haben ein gutes Händchen für Kinder und das, was wirklich zählt, zwischen den Generationen. Davon könnten wir viel lernen, wenn wir nicht so technokratisch an alles herangehen würden. Nein, wir lassen die Beobachtungen weg, die wir ursprünglich hier anschließen wollen; das, was wir immer wieder und jeden Tag sehen, im Umgang von Erwachsenen mit Kinden und in unserem sehr pädagogenreichen Viertel in Berlin.

78/100

© 2020, 2019, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

„Heimweh nach der Gasse“
(Gribiche)
Spielfilm, Frankreich 1925
125 Min. / Stummfilm

Regie: Jacques Feyder; Drehbuch: Jacques Feyder;
Kamera: Roger Forster, Maurice Desfassiaux; Produktion: Films Albatros; Produzent: Alexandre Kamenka

Besetzung: Françoise Rosay (Madame Maranet), Jean Forest (Antoine Belot alias Gribiche), Cécile Guyon (Anna Belot), Rolla Norman (Philippe Gavary), Armand Dufour (Fahrer) u.a.

 

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