Keine Green Economy, sondern radikale Transformation (Wernicke, Unmüßig, NDS) – Medienspiegel #Umwelt #Klima #nocoal #CO2 #climatechange #climate #capitalism #FFF #World #Fracking

Mit der Herbst-Winter-Offensive 19/20 folgen wir im Wesentlichen den Spuren der Rubikon-Reihe „Die Planetenzerstörer„, zusätzlich bauen wir aktuelle Berichte aus anderen Medien ein. Nun führt uns aber die angegebene Artikelauswahl zurück in eine Zeit vor der Gründung von „Rubikon“ im März 2017 – zu den Nachdenkseiten. Hier hat der spätere Rubikon-Herausgeber Jens Wernicke mit Barbara Unmüßig ein Interview über den Unterschied zwischen dem grünen Anmalen der Wirtschaft und einer echten Transformation geführt. 

Beinahe hätten wir geschrieben, damals war Greta Thunberg noch nicht auf den Plan getreten, gab es folglich FFF noch nicht und auch der Green New Deal war noch kein Begriff. Letzteres trifft aber nicht zu, man kennt ihn mindestens seit den späten nuller Jahren.

Der ursprüngliche Begriff der Grünen Ökonomie kam aus eher basisbewegten oder grünen Zusammenhängen, wurde dort aber nie ernsthaft theoretisch fundiert oder ernsthaft diskutiert und verschwand alsbald wieder aus der Debatte, heißt es im Interview.

Das war ein Fehler, denn mittlerweile versucht die Wirtschaft, sich des Begriffs zu bemächtigen und damit noch die letzten natürlichen Ressourcen der Welt zu kapitalisieren, indem sie gezählt, vermessen und bewertet werden. Die Grüne Ökonomie ist dadurch zu einer Verengung des früheren Begriffs der nachhaltigen Entwicklung geworden, die auch soziale und kulturelle Aspekte umfasste.

Ausgerechnet aus der Finanzkrise von 2008 heraus entstand die Idee, die Wirtschaft mit Ergrünen wieder flottzumachen, das musste ökologisch ins Auge gehen – ein schwächelnder Kapitalismus will sich grün waschen, um seine Verwertungskette zu erweitern und die Margen wieder zu vergrößern.

Globale Umweltpolitik soll fortan vor allem und ausschließlich mit ökonomischer Rationalität betrieben werden. Weniger Regulierung und weniger politische Gestaltung soll her. Außerdem – so die Argumentation – sind die öffentlichen Kassen zur Finanzierung des Schutzes öffentlicher Güter leer. Also soll es mehr denn je der Markt mit neuen, marktbasierten Instrumenten richten. Diese sollen fortan die Klima- und Biodiversitätsschutzpolitik bestimmen.

Grüne Ökonomie soll zum neuen Wachstumsmotor werden, aber die Verteilungsgerechtigkeit wird dabei nicht angesprochen. Stellenweise wird die Sicht von 2016 deutlich, als die USA noch nicht aus dem Pariser Klimaschutzabkommen ausgestiegen waren und die OECD konzeptionell weiter war, als die heutige Realität es erkennen lässt: Konzepte zur energetischen Umgestaltung, Vorschläge für Regulierungen und Selbstverpflichtungen gab es damals längst. Dass Selbstverpflichtungen nichts bringen, wissen wir mittlerweile, dass die Sommer heißer werden und es überall brennt, ebenfalls. Und die Regierungen? Das Klimaschutzpaket, das die Bundesregierung aktuell in der Pipeline hat, wird als deutlich unterambitioniert empfunden.

Und Grüne Ökonomie macht ja genau das: Sie sendet die frohe Botschaft: Die Wirtschaft kann grüner werden und dabei weiterwachsen! Grüne Ökonomie will gar Motor für mehr Wirtschaftswachstum sein und verspricht, dass uns die Welt, wie wir sie kennen, mit einem effizienteren und ressourcenschonenderen, eben grünen Wachstumsparadigma weitgehend erhalten bleiben kann.

Hier matchen die Sichtweisen vieler Grüner und der FDP wunderbar. Die Grünen sagen: Alles wird akzeptiert, solange es grüner wird. Die FDP sagt: Alles wird akzeptiert, solange es marktliberal ist. Grüne Marktliberalität ist das logische Ergebnis solcher Einstellungen. Die darf nicht mit Regulierungen einhergehen, sondern zum Beispiel mit der CO²-Bepreisung. Diese stellt formal zwar auch eine Regulierung dar, aber allein die Idee, mit CO²-Zertifikaten Ablasshandel (so wörtlich im Text) betreiben zu können, zeigt, dass der Ansatz komplett falsch ist.

Ganz neu ins Spiel kommt mit der Grünen Ökonomie in der Tat die Strategie, nun auch das zu ökonomisieren, was bislang ökonomisch nicht bewertet und monetarisiert worden ist, zum Beispiel sogenannte wichtige Ökosystemdienstleistungen wie etwa die Speicherung von Kohlendioxid durch Bäume und Pflanzen oder die Filterung von Wasser.

Die Ökonomisierung der Natur soll die Sichtweise auf sie verändern, nach dem Motto: Da wir ohnehin kapitalistisch geprägt sind, können wir mehr Achtung vor der Natur nur dann zeigen, wenn sie zu Naturkapital wird. Die Werte der Natur sollen also ins BIP einfließen. Diese Sichtweise ist nicht nur anthropozentrisch, sondern birgt die Gefahr, dass es nicht besser, sondern schlimmer wird als bisher, so die Aussage von Barbara Unmüßig und sie meint, z. B., die Vertreibung von indigenen Völkern und die schnellere Abholzung des Regenwaldes gehen gut mit dem Zertifikatehandel einher. Um das zu verstehen, muss man folgendes beachten:

Dieser Form der Inwertsetzung von Natur über den Kohlendioxid-Preis liegt letztlich die Zerstörung von Natur oder die weitere Belastung der Atmosphäre zugrunde, die sie marktförmig organisiert statt die Atmosphäre und die Natur zu schützen: Diese Perspektive führt zwangsläufig zu einem äußerst selektiven Blick auf die Natur, nämlich nur noch auf das, was ökonomisierbar ist. Als “Natur, die das Kapital sehen kann” hat das richtigerweise ein Umweltökonom schon in den 90er Jahren kritisiert. Nicht mehr das ganze Ökosystem kommt dabei als Schützenswertes in den Blick, sondern nur noch einzelne monetarisierbare “Dienstleistungen“.

Abspaltung können Menschen sowieso gut, aber man könnte natürlich fragen, was sind ökologische Dienstleistungen? Wie ist zum Beispiel das Insektensterben in Deutschland demgemäß zu bewerten oder das Artensterben weltweit? In der Frage steckt aber schon das Problem: Wir bewerten alles nach unseren Nützlichkeitsmaßstäben und kann man sich als Mensch in einer Natur besser erholen, in der es von möglicherweise stechenden Insekten wimmelt oder in einer mit kaum Flugverkehr im bodennahen Raum? Das ist natürlich nur ein selektives und nicht den Kern umschließendes Beispiel.

Auch wird mit den Verrechnungen auf globaler Ebene, die auch als Offsetting bezeichnet werden, ganz Ungleiches miteinander verglichen. Wenn ich hier ein Habitat, ein Moor oder einen Wald zerstöre, dann sind sie ja erst einmal hier weg und gibt es sie auf einem anderen Kontinent nicht auf vergleichbare Art. Ökosysteme zeichnen sich doch eben dadurch aus, dass sie extrem standortgebunden sind, am Ort wirken und vielfältige soziale, kulturelle und spirituelle Funktionen entfalten können. Wir kritisieren das als äußerst fatalen Weg, den die Grüne Ökonomie hier vorschlägt.

Der Artikel bezieht sich auf das Buch Kritik der Grünen Ökonomie von Barbara Unmüßig, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung. Die Stiftung ist im Grunde das Hausinstitut der Grünen und es ist bemerkenswert, wie zumindest noch 2016 die Haltung der Mainstream-Grünen von dort aus deutlich kritisiert wurde.

„Gerecht, besser und weniger“ sei das Gebot der Zeit. Wenn man bedenkt, wie sich die Welt seitdem schon wieder verändert hat und wie vorausschauend diese Ansichten waren, wie der eingangs angesprochene Atomstrom in einigen Ländern weiter forciert wird und Deutschland tatsächlich Fracking-Brennstoffe aus den USA bezieht, die unter ihrer aktuellen Administration den größten Umweltschutz-Rückschritt vollziehen, den es je in einem Land gegeben hat, weiß man vor allem: Je länger wir brauchen, um uns umzustellen, desto härter und radikaler wird die Umstellung ausfallen müssen, wenn wir auf diesem Planeten überleben wollen.

TH 

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Bisherige Artikel der Herbst-Winter-Offensive „Die Planeten-Zerstörer“

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