Ein großes Talent – Polizeiruf 110 Fall 103 #Crimetime 519 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Berlin #Fuchs #Zimmermann #Grawe #DDR #Talent

Crimetime 519 – Titelfoto © Fernsehen der DDR / ARD

Er kann eben besser improvisieren

„Jens Briener ist ein Schauspieler, der es nie weit gebracht hat. Ihm fehlt (bzw. fehlen, A. d. V.) das Talent und Disziplin, so erscheint er selbst am Provinztheater zur Probe von Goethes Faust unvorbereitet und kann den Text nicht.“ So beginnt die Handlungsbeschreibung zu „Ein großes Talent“, die wir der Wikipedia entnommen haben. Aber warum heißt der Film dann so? Ist der Titel rein ironisch zu verstehen? Darüber und mehr haben wir in der -> Rezension geschrieben.

Handlung

Jens Briener ist ein Schauspieler, der es nie weit gebracht hat. Ihm fehlt das Talent und Disziplin, so erscheint er selbst am Provinztheater zur Probe von Goethes Faust unvorbereitet und kann den Text nicht. Gleichzeitig neigt er zu Selbstüberschätzung und glaubt, dass er einfach immer mit Dilettanten zu tun hat. Drei Mal ist seine Familie – Ehefrau Marlies und Sohn Marcus – in den letzten sechs Jahren umgezogen. Als Jens nun glaubt, in Berlin den Durchbruch schaffen zu können, weigert sich Marlies, aus der Provinz umzuziehen. Marcus ist nun schulpflichtig und ständige Umschulungen will Marlies vermeiden. Sie kündigt Jens an, sich von ihm scheiden zu lassen, wenn er wieder umzieht.

Ein Jahr später lebt Jens in Berlin. Marlies und Marcus sind in der Kleinstadt geblieben; Marlies hat sich von Jens scheiden lassen und Marcus kaum Kontakt zu seinem Vater. Jens verdient sein Geld in Nebenjobs, unter anderem als Zeitungsausträger, Lagerist und als Pferdetrainer. Das Besetzungsbüro des Fernsehens vermittelt ihm kein Engagement, da sein schlechter Ruf ihm vorausgeeilt ist. Als er mal wieder erfolglos dort vorbeischaut, nimmt er heimlich ein Drehbuch mit. Mit dem Buch unterm Arm begegnet er Frau von Waldow, die von einer Reise kommend ihn bittet, ihr die Koffer in die Wohnung zu tragen. Spontan gibt er vor, Szenenbildner zu sein und nach Wohnungen für Dreharbeiten zu suchen. Er besieht sich alle Zimmer. Als er gegangen ist, stellt Frau von Waldow fest, dass wertvoller Familienschmuck fehlt. Sie meldet den Diebstahl und Hauptmann Peter Fuchs, Leutnant Thomas Grawe und Oberleutnant Lutz Zimmermann übernehmen die Ermittlungen. In einem zweiten Fall erbeutet Jens Bargeld in Höhe von 5.000 Mark sowie ein Sparbuch mit 10.000 Mark.

Er erfährt von seinem Freund Werner Wust – Sektionsleiter des Reitplatzes, auf dem Jens als Lehrer arbeitet – dass Herr Nossek ein Reitpferd für seine Tochter sucht. Zudem berichtet ihm der Leiter eines Gestüts, dass der Staatszirkus einige seiner Pferde verkaufen will. Jens bricht im Büro eines Gestüts ein und stiehlt mehrere Abstammungsnachweise von Rassepferden. Er stiehlt einen Wagen und erwirbt schließlich als vermeintlicher Professor ein Pferd des Zirkus’ für 5.000 Mark. Mit einem Abstammungsnachweis übergibt er das Pferd an Nossek, der 16.000 Mark für das vermeintliche Rassepferd zahlt. Jens kauft sich vom Geld einen Wagen.

Nosseks Tochter ist vom Pferd begeistert und will es schon nach kurzer Zeit für ein Turnier anmelden. Da dafür auch die Abstammungsnachweise eingereicht werden müssen und der Betrug so offensichtlich geworden wäre, vergiftet Jens das Pferd. Die Ermittler können die verschiedenen angenommenen Identitäten bis zu Jens selbst zurückverfolgen. Leutnant Grawe trifft ihn jedoch nicht in seiner Wohnung an und Jens erfährt durch eine Hausbewohnerin, dass ein Mann nach ihm gesucht hat. Er packt sofort seine Sachen. Plötzlich steht sein Sohn vor der Tür, der von zu Hause weggelaufen ist, hat Jens in seinen Briefen doch stets von seinem aufregenden und erfolgreichen Leben als Schauspieler berichtet. Jens flieht zusammen mit Marcus in seinem Wagen und wird dabei von Nossek gesehen. Die Fahndung wird eingeleitet, nachdem die Ermittler in Jens’ Wohnung weitere gestohlene Abstammungsnachweise gefunden haben. Infolge eines riskanten Überholmanövers auf der Flucht vor der Polizei überschlägt sich Jens’ Wagen. Jens rettet sich und den verletzten Marcus aus dem Unfallfahrzeug, bevor es explodiert. Hauptmann Fuchs und Leutnant Grawe nehmen die beiden in Empfang.

Rezension

Für uns hatte Jens Briener endgültig verloren, als er „Serafino“ umbrachte. Alles andere vorher sind die üblichen Gaunereien gewesen, die wir schon in vielen Polizeirufen aus der DDR-Zeit bestaunen dürften. Menschen verschaffen sich mit kleinen oder größten Trickdiebstählen oder -betrügereien finanzielle Vorteile in einem Rahmen, von dem man sagen kann – lohnt das Risiko? Das hängt natürlich von den Vergleichszahlen ab und in der DDR sind Summen zwischen 20.000 und 200.000 Mark, um die es in der Regel bei diesen Vermögensdelikten geht, kein Pappenstiel gewesen. Auch wenn 11.000 Mark für einen gebrauchten Wagen durchaus mit damaligen Preisen im Westen vergleichbar sind und aufgrund des Mangels an Verkaufsobjekten höher lagen, so, wie viele Konsumprodukte in Relation zu den Gehältern, manchmal auch in absoluten Zahlen, wesentlich teurer waren als im Westen.

Aber ein Reitpferd umbringen, um eine Stammbaumfälschung zu vertuschen, das ruft nach Rache. Komischerweise waren wir am Ende dann eher traurig. Nach dem Unfall. Weil das Ende offen ist. Dieses offene, möglicherweise tragische Ende ist einer der besten Momente in einem durchschnittlichen Polizeiruf und hebt ihn hinaus über Produktionen der 1970er, die ansonsten ähnlich aufgebaut sind. War nun der kleine Junge tot oder würde sterben, den der Vater durch den Unfall in Lebengefahr gebracht hat, den er auf äußert leichtsinnige Weise und auf der Flucht vor der Polizei verursachte? Erstaunlich, wie Menschen viele, viele Jahre lang vielleicht nur erfolglos sind und narzisstisch und immer wieder zur Grandiosität neigen – und dann plötzlich anfangen, total abzudrehen und innerhalb kürzester Zeit eine kriminelle Energie zu entwickeln, die – und jetzt kommen wir wieder auf den Titel – eben doch ein großes Talent offenbart.

Ein Talent, sich zu verstellen und Rollen einzunehmen. Mit Spontext ausgestattete Rollen. Zwar hat sich Briener seine Figuren vorher sicher minutiös ausgedacht, aber er muss ja in der jeweiligen Situation auf jede Gesprächswendung gut reagieren und dazu ist viel Schlagfertigkeit erforderlich. Er wäre sicher auch ein guter Kabarettist geworden, hätte er wenigstens die Charakterfestigkeit gehabt, statt den Faust in Faust, Teil 1, einen Sketch mit einem Bruchteil an Text auswendig zu lernen. Justus Fritzsche hingegen spielt den Briener sehr gut. Das haben wir daran gemerkt, dass uns die Figur ziemlich getriggert hat. Wir haben ihn schon als Täter in „Heiße Münzen“ gesehen, den wir sehr hoch einschätzen und als Teil des verwegenen Tankstellenkollektivs in „Fehlrechnung„, wo er derjenige war, der aussteigen wollte. Seit diesen beiden Filmen waren etwa zehn Jahre vergangen, als Fritzsche diese große Rolle des Trickbetrügers bekam, der den Film tragen und dominieren soll. Das gelingt Fritzsche sehr gut, gerade, weil er einen solchen skrupellosen und gleichzeitig die Folgen seines Tuns nicht bedenkenden Typ darstellt, der außerdem durchaus gute Einfälle hat. Beim Anschauen haben wir dann gedacht: Was man sich in diesen Polizeirufen alles an Tricks abgucken kann, famos.

Stimmt aber nicht ganz. Der erste Betrug ist grottendilletantisch ausgeführt, da ist Briener noch mehr oder weniger sein eigener Schüler, beinahe geht die Sache komplett schief. Nur in einer so großen Stadt wie Berlin kann jemand, der in dieser Form vorgeht, eine Zeitlang unentdeckt bleiben. Aber in der Sache „Serafino“ ist er bereits zu großer Form aufgelaufen – und doch. Es ist nicht eine besonders versierte Polizeiarbeit, sondern es sind seine eigenen vielen Fehler, die viel zu hastige Art, die viel zu kurze Taktung seiner Betrügereien, die ihn letztlich nach relativ kurzer Zeit so in die Enge treiben, dass er die Fahrt unternimmt, die zum Unfall führt. Ein Mann, der auch vor sich selbst davonläuft und den Mangel an Eigenidentität mit Rollen füllt. Das sagt man Schauspielern, die sich besonders gut in andere versetzen können, ja manchmal nach: Dass das nur möglich ist, weil die eigene Persönlichkeit nicht sehr ausgeprägt ist. Andererseits ist es natürlich auch Lernsache. Stars spielen oft sehr nah an der durchaus sichtbaren Eigenpersönlichkeit und bekommen Filmrollen, die dieser Persönlichkeit entsprechen, wenn sie die Wahl haben und meist gehen Ausbrüche aus einem eher engen Rollenspektrum schief. Oder es braucht eine Zeit, bis jemand vom Star zum Charakterdarsteller wird – große Charakterdarsteller sind aber wohl diejenigen, die ganz weit von sich selbst wegtreten können, um in einer Rolle aufzugehen.

Fred Delmare, der hier eine eher kleine Rolle als Vater des Mädchens spielt, das ein Pferd möchte, war trotz seiner Festlegung aus optischen und altersmäßigen Gründen ein solcher Darsteller, der jeder Rolle Intensität verleihen konnte und in „Ein großes Talent“ schauspielerisch die Nr. 1b hinter Fritzsche ist – 1b deshalb, weil er wesentlich weniger Spielzeit hat, aber mindestens ebenso viel Präsenz zeigt. Dagegen treten die Polizisten ziemlich zurück, auch wenn sie dieses Mal immerhin zu dritt sind und man kann ja nicht sagen, dass Peter Borgelt, Lutz Riemann und Andreas Schmidt-Schaller keine Krimis tragen können.

Warum haben wir geschrieben, vor allem das Ende unterscheidet den Film von Produktionen der 1970er? Weil damals solche Trickser schon häufig gezeigt wurden, die Anlage also zehn Jahre später schon klassisch zu nennen ist. Aber man hat sie im Sinn der 1980er erweitert. Nämlich um jene persönliche, tragische Komponente. Erst kommt ein Tier ums Leben, zum ersten Mal übrigens in einem Polizeiruf aus der DDR-Zeit. Es wird nicht mehr über die illegale Verschiebung sozialistischen Eigentums referiert, zumal hier ohnehin immer Privatpersonen geschädigt sind, sondern über den weitaus schwerwiegenderen menschlichen Verlust. Im Verlauf, als man merkt, wie es enden wird, kommt die melancholische Komponente, die den Polizeirufen jener Zeit eigen ist, immer mehr zum Vorschein, der Wendepunkt ist der Tod von „Serafino“. Das Ende treibt es dann auf die Spitze: Die Situation ist nicht gelöst. Vielleicht ist alles nie wieder gutzumachen, zu heilen.

Diesen Fokus auf die Figuren als Typen, die aus dem System heraustreten, nicht mehr in Relation zu dessen Anforderungen gesetzt werden, ist in den Filmen der mittigen 1980er deutlich zu bemerken. Uns ist er auch deshalb aufgefallen, weil wir mit den ganz frühen Jahren gestartet sind, die von einigen Sendern derzeit strikt aufgearbeitet werden – und gleichzeitig sind andere gerade bei der Zeit 1984, 1985, 1986. Weil die Jahre dazwischen im Moment von uns noch wenig beleuchtet wurden, registriert man den Unterschied um so deutlicher, der sicher nicht so abrupt kam, wie er sich aufgrund des Zeitsprungs darstellt.

Selbstredend wird Brieners Schicksal als Folge seiner Unfähigkeit, sich in ein Kollektiv einzubringen, hier am Theater, dargestellt, im Hintergrund läuft durchaus noch der Vorwurf mit, dass jemand es auf einem Feld, das Demut und Hingabe erfordert, es genau an jenen Eigenschaften fehlen lässt, die auf den Sozialismus übertragbar sind. Ein großes Missverständnis bis heute ist, dass Gegner des Sozialismus und einige Befürworter gleichermaßen meinen, der Sozialismus sei darauf ausgerichtet, es den Menschen easy zu machen. Wenn das nicht klappt, so vor allem das westliche Narrativ, dann hat er eben nicht funktioniert. In Wirklichkeit ist er eine fordernde Gesellschaftsform, weil Menschen Verantwortung und Gemeinschaftssinn zeigen müssen, um ihn mit Leben zu füllen. Sind sie dazu nicht in der Lage, kann man nachforschen, warum es so kam, dass sie diese Anforderungen nicht erfüllen wollten oder konnten. Aber man kann nicht die ethische Grundlage einer am größeren Ganzen orientierten Gesellschaftsform deswegen für falsch halten, denn gerade heute zeigt sich wieder, was freidrehender Egoismus an sozialen Flurschäden anrichtet.

Auf das richtige Maß, die Abwägung zwischen Freiheit und Einbindung, zwischen dem Recht auf Eigenleben und der Orientierung am Gemeinwohl kommt es an. Dass in den Polizeirufen so viele Menschen gezeigt werden, die nicht etwa aus persönlichen Gründen morden, sondern den Sozialismus unterlaufen, ist signifikant, ist wichtig zu wissen. Eines tun diese Filme allerdings nicht, zumindest haben wir derlei bisher nicht gesehen: Sie analysieren nicht die im konkreten System liegenden Hintergründe für diese vielen Abweichungen. Das war aus Zensurgründen nicht möglich, also hat man sich nach der Phase, in der Ideologie in Polizeirufen noch durchaus offensiv propagiert wird, darauf beschränkt, zu zeigen, was ist. Damit kommt die Frage nach dem Warum unweigerlich auf, wenn die ideologische Einweisung und Einordnung fehlt, die in den 1970ern vorhanden war. Trotzdem sind viele Filme der Reihe auf eine unterschwellige Weise den Charaktere ähnlich, die in ihnen auftreten: Sie unterlaufen das Verbot offizieller Kritik. Auf eine Art, die manchmal so subtil ist, dass sich dadurch erst das oft Einfache und etwas rudimentär wirkende der Handlungen erst dem Sinn nach erschließt. Man will nicht durch zu viel Brimborium die Botschaft verdecken.

Finale

Ein herausragender Film ist „Ein großes Talent“ zwar nicht, zum Beispiel, weil man sich doch immer wieder fragt, wie es funktionieren kann, dass so viele Menschen hintereinander so naiv sind, dass Briemer mit seinen Manipulationen durchkommen kann, außerdem werden größere Zeitsprünge kaum sichtbar gemacht, die der etwas zu extremen Verdichtung entgegenwirken. Manchmal wird ein Zeitraum genannt, aber er wird filmisch nicht so dargestellt, dass man ihn nachempfinden kann. Den Jungen, den der Vater ein Jahr lang nicht gesehen hat, kann man nicht wachsen lassen, wenn die Drehzeit nur ein paar Wochen beträgt, aber eine andere Frisur wäre schon okay gewesen, ebenso die eine oder andere optische Änderung oder etwas im Verhalten, bei den Dekors, was die Sprünge unterlegt.

7/10

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Thomas Jacob
Drehbuch Thomas Jacob, Joachim Goll 
Produktion Hans-Jörg Gläser
Musik Arnold Fritzsch
Kamera Horst Klewe
Schnitt Wilfried Hübner

Peter Borgelt: Hauptmann Peter Fuchs
Andreas Schmidt-Schaller: Leutnant Thomas Grawe (Laut Abspann „Crawe“)
Lutz Riemann: Oberleutnant Lutz Zimmermann
Justus Fritzsche: Jens Briener
Ute Lubosch: Marlies Briener
Danny Awege: Marcus
Fred Delmare: Nossek
Peggy Marmuth: Claudia
Wolfgang Gorks: Bernd Wüst
Blanche Kommerell: Frau Roeder
Hilde Kneip: Frau Wiedner
Werner Ehrlicher: Herr Berner
Marga Legal: Frau von Waldow
Karin Schröder: Frau Malesch
Petra Dobbertin: Constanze
Kerstin Thielemann: Dagmar
Willi Schrade: Herr Matusche
Renate Bahn: Sekretärin
Giso Weißbach: Regisseur
Wolfgang Sörgel: Darsteller
Günter Drescher: Taxifahrer
Curt W. Franke: Nachbar
Hans Grzesczak: Hans Simon
Thomas Jacob: Horst
Uwe Jellinek: Kriminaltechniker
Hans-Hartmut Krüger: Dr. Klamm
Herbert Köfer: Schauspieler
Margit Meller: Frau Simon
Joachim Nimtz: Tierarzt
Hans-Jürgen Pabst: Kriminaltechniker
Lothar Schellhorn: Prof. Hans-Werner Malesch
Gerhard Vogt: Inspizient

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