Das Team – Tatort 1115 #Crimetime 562 #Tatort #NRW #Faber #Bönisch #Krusenstern #WDR #Team

Crimetime 562 - Titelbild WDR, Tom Trambow

Das fünfte Opfer

39 Tage haben wir gebraucht, um „Das Team“ anzuschauen, gemessen an anderen Krimis ein Ladenhüter auf dem Medienreceiver – dafür schreiben wir noch am Abend der Sichtung darüber. Es ist unglaublich schade, dass der Tatort 1115 als Faber-Krimi gilt, denn er rangiert derzeit auf Platz 1105 von 1133 in der Tatort-Bewertungsliste des „Fundus“. Das Publikum liebt den Film nicht und Faber muss zumindest in dieser einzigen Vergleichsliste, die wir kennen, die Last für den „Fail“ alleine tragen – bzw. zusammen mit Bönisch, die hier auch mitgespielt halt. Wir haben Fail in Anführungszeichen geschrieben. Weil wir anderer Ansicht sind? Dies und mehr klären wir in der -> Rezension.

Handlung

Ausnahmezustand in Nordrhein-Westfalen! Schon vier Kommissare unterschiedlicher Dienststellen wurden getötet. Eine vergleichbare Mordserie gab es noch nie in der Geschichte des Landes. Doch eine heiße Spur fehlt, die Ermittler tappen im Dunkeln – und der Druck nimmt zu. Endlich diejenigen zu stoppen, die hinter den heimtückischen Morden stecken – auf dieses gemeinsame Ziel sollen Ermittlerinnen und Ermittler aus verschiedenen Städten eingeschworen werden: Alle standen mit den bisherigen Opfern in Verbindung.

Dabei sind Peter Faber und Martina Bönisch von der Dortmunder Mordkommission sowie ihre Kollegin Nadeshda Krusenstern aus Münster. Zum Ermittlungsteam gehören außerdem Kommissar Rettenbach aus Oberhausen und Kommissar Mitschowski aus Aachen. Von der Paderborner Kripo stößt Kommissar Ziesing dazu, aus Düsseldorf kommt Kommissarin Möller.

Kann diese Gruppe für die Ermittlungen entscheidende neue Ansätze liefern? Mit Unterstützung des Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen lädt der Polizeipräsident die sieben Kommissare in ein leerstehendes Tagungshotel ein. Denn die Zeit drängt: Möglichst schnell müssen die Ermittler ein effizientes Team werden. Dafür sorgen zwei renommierte Coaches, die große Erfahrung mit Krisensituationen haben.

Mit „Das Team“ gibt Jan Georg Schütte sein „Tatort“-Debüt als Regisseur. Der Spezialist für Drehs ohne festes Drehbuch inszenierte bereits u.a. die hochgelobten und preisgekrönten Filme „Altersglühen – Speed Dating für Senioren“ (2014), „Wellness für Paare“ (2016) und „Klassentreffen“ (2019).

Rezension

Mittlerweile hat Faber mit „Monster“ wieder einen besser rezipierten Krimi vorzuweisen, aber bis eine Wertung von gegenwärtig ca. 4,2/10 aufgeholt ist, das dauert. Vielleicht ist diese ganze Bewerterei auch kindisch, denn viele haben schlicht 0,0 gegeben, was wir generell nicht tun und andere 10,0, was wir bisher erst zweimal vergeben haben (für „Reifezeugnis“ und für „Im Schmerz geboren„).

Tja, das war mal wieder ein Experiment. Und ganz ehrlich, wir fanden es wahnsinnig spannend. Wir wussten ja, dass ohne Drehbuch gearbeitet wurde und viel Improvisationstalent seitens der Darsteller gefragt war. Wirklich ohne Drehbuch? Sicher nicht ganz, denn der Tod von Nadeshda stand wohl fest, weil sie aus dem Münster-Tatort aussteigen wird. Kurioserweise hatte „Das Team“ also Premiere, ihr Abschiedstatort mit Thiel und Boerne aber wurde noch nicht gezeigt.

Man soll aber nicht so streng sein mit solchen Dingen, zumal sowieso alles Fiktion ist. Wir hatten uns geradezu darüber amüsiert, dass einige Fundus-Nutzer sich beispielsweise über Charly Hübners Auftritt in diesem Film aufregen, weil er doch im Polizeiruf den Ermittler Sascha Bukow spielt. Wenn man so an die Dinge herangeht, müsste man allen Schauspielern, die hier als Ermittler eingesetzt werden, eine Art Konkurrenzverbot auferlegen, sie dürften dann nur noch Tatorte machen. Und auch nur in einer Rolle – dass sie nicht nur Ermittler spielen, sondern auch mal Episodenrollen annehmen, ginge dann gar nicht mehr. Tun sie allerdings auch selten – meist, bevor sie als Ermittler zu arbeiten beginnen.

Wie aber haben die Schauspieler*innen ihre Aufgabe gemeistert? Jörg Hartmann alias Faber wirkte souverän, das war wohl auch im Rollenprofil so angelegt. Er war die natürliche Führungsperson des Teams, daher also die Prämisse, niemand von den Anwesenden sei fähig, ein Team zu führen, unsinnig. Schließlich ist er in Dortmund auch leitender Ermittler, trotz seiner massiven psychischen Probleme – ja, Rollenkonsistenz ist etwas anderes, als ob ein Schauspieler mal hier, mal da eingesetzt wird. In einer Hinsicht aber passt es: Faber hat sich in den letzten Tatorten deutlich erholt, normalisiert, wenn man so will und das hat sich auch in „Monster“ bestätigt, wo vermutlich auch sein ewiger Widersacher Markus Graf endgültig das Zeitliche segnet. Diesen Dämon ist Faber also los.

Ganz anders als in Dortmund kommt aber Bönisch rüber. Motivlos aggressiv und bemüht, aufzufallen und schwer verliebt in Faber, der seinerseits während eines „Speed-Datings“ sagt, dass er sie liebt. Das hat man in „Monster“ dann nicht ausgespielt, aber wir sind eh dem Horizontalen gegenüber kritisch. Gemeint ist natürlich die Erzählweise. Einfach deshalb, weil sie in Tatorten so schwierig auszuführen ist. Die (weitgehend) permanente Gegenwart der Münster-Tatorte und vieler anderer Schienen ist für Drehbuchautoren einfacher, weil sie zwar die Persönlichkeiten der Charaktere beachten müssen, aber nicht zusätzlich die Balance halten zwischen zu statisch und zu forsch, die Weiterentwicklung des Verhältnisses der Figuren zueinander betreffend.

Ben Becker als derjenige im Team, der ständig am Rad dreht, ist klasse, legt seinen Cop am Rande des Nervenzusammenbruchs ähnlich an wie zuletzt in „Die Pfalz von oben“, wo wer als Leiter einer Dorfdienststelle schlussendlich wegen Korruption aus dem Dienst scheiden muss. Von einem Typ, der so drauf ist, möchte man als Zeuge und schon gar nicht als Verdächtiger befragt oder vernommen werden. Friedrich Mücke als der Täter war relativ früh absehbar – wir hatten auf ihn etwa ab dem Moment getippt, in dem klar war, dass der Täter unter den Anwesenden zu suchen sein muss. Vielleicht wirkt seine Darstellung absichtlich so angestrengt, weil er den zwanghaft Beherrschen geben muss – das Ende am weißen Flügel jedenfalls mal etwas Neues. Hübner macht mit seinen Augen mal wieder sehr viel, wirkt hinreichend anders, als er in seiner Bukow-Rolle rüberkommt und gibt einen überzeugenden Coach ab, die übrigen spielen anständig.

Der eigentliche Star aber ist Friederike Kempter als Nadeshda – vor allem deshalb, weil sie so taff ist und leider auch, weil sie am Ende sterben muss. Und damit wieder zum Täter. Ein Riesenschwachpunkt, der wohl wirklich mit der Improvisationskultur des Films zu tun hat, ist, dass hier jemand fünf Personen umbringt, „um Hauptkommissar zu werden“. Ein Krimi unterscheidet sich eben von anderen Formaten dadurch, dass gewisse Eckpunkte einigermaßen stimmen müssen, und dazu gehört das Motiv. Das klappt sowieso nicht immer, aber dieses Mal ist es lächerlich. Regisseur Jan-Georg Schütte ist ein bisschen zu konsequent bei der Linie geblieben, die in anderen Genres funktioniert, weil nicht so sehr auf ein Ergebnis hingearbeitet werden muss, das einigermaßen stimmig hinterlegt sein sollte.

Anders ausgedrückt: Dass Nadeshda sterben muss, ist tragisch, aber deswegen käme es nicht zu einem Punktabzug. Dass ihr Tod jedoch so wenig Sinn ergibt, müssen wir berücksichtigen. Man darf aber die andere Seite nicht unterschlagen: Was haben die Darsteller drauf, wenn sie freigelassen werden? Ben Becker macht seinen Job irre gut, Jörg Hartmann und einige andere beweisen, dass sie nicht zu Unrecht als Tatort-Ermittler*innen die begehrtesten Jobs im deutschen Fernsehen haben. Aus ihrem Talent resultiert lange Zeit die Spannung. Einige von ihnen lernen offensichtlich auch aus ihren Fernsehjobs: Anna Schudt und Jörg Hartmann als Bönisch und Faber lassen die Arbeitsweise anklingen, die sie auch in den drehbuchgesteuerten Dortmund-Krimis zeigen.

Finale

Direkt nach dem Ende des Films waren wir fasziniert von der Idee, von dem tatsächlich wie stillgelegt wirkenden, monströs hässlichen Kasten von einem Tagungshotel als Setting, von den Leistungen der Schauspieler*innen, aber so beim Nachdenken und Durchlesen dessen, was andere geschrieben haben, präzisierte sich doch das ungute Gefühl, dass man einen solchen Film als Krimi eigentlich nicht drehen kann. Gibt man auch nur irgendetwas vor, ist es ja kein Improvisationskunstwerk mehr. Andererseits muss, siehe oben, Nadeshdas Tod doch geplant gewesen sein. Deswegen können wir uns nicht so recht vorstellen, wie dieser Film gedreht wurde – an nur zwei Tagen übrigens, aber Improvisation muss ja nicht perfekt sein, Takes wurden vermutlich selten oder gar nicht wiederholt. Bezieht man dies in die Überlegungen ein, bleibt „Das Team“ ein sehr interessanter Film. Aber wir sind solchen Versuchen gegenüber auch recht großzügig, schon „Waldlust“, einen Impro-Tatort aus Ludwigshafen, haben wir weitaus besser bewertet als der Durchschnitt der Fundus-Nutzer. Wir bleiben bei dieser Linie, weil wir uns gut unterhalten haben.

8/10

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Vorschau: Das größte Team aller bisherigen Zeiten

„Diese „Tatort“-Ermittler arbeiteten bislang noch nie zusammen: Unter der Regie von Grimme-Preisträger Jan Georg Schütte, dem Spezialisten für Drehs ohne festes Drehbuch, kamen gerade die Schauspieler Anna Schudt, Jörg Hartmann (beide „Tatort“ Dortmund), Friederike Kempter („Tatort“ Münster) sowie Ben Becker, Charly Hübner, Bjarne Mädel, Friedrich Mücke, Nicholas Ofczareck, Jörg Ratjen und Elena Uhlig für die Dreharbeiten zum Improvisations-Tatort zusammen.“ (WDR-Pressetext).

„Die Schauspieler kannten ihre Rollenprofile. Mehr aber auch nicht. Als sie zum Set fuhren, war ihnen erzählt worden, sie hätten einen Brief von der Polizei bekommen, eine Einladung für ein Zusammentreffen. Es sei ernst und dringend. Doch wer oder was sie dort erwartet, war ihnen nicht bekannt.“ (Produzentin Sophia Aldenhoven, zitiert nach Tittelbach-TV).

„Erwarte Unerwartetes. Der Fernsehkrimi „Das Team“ ist einer jener, die unter die Kategorie „Tatort-Experiment“ fallen: Ein improvisierter Film ohne festes Drehbuch, lediglich aus einem grob gesponnenen roten Faden gestrickt. Ähnliche Ansätze wie in „Babbeldasch“ oder „Waldlust“, Ludwigshafener Tatorte von 2017 und 2018, fielen beim Publikum durch – und doch traut sich der Westdeutsche Rundfunk nun den neuen Streich.“ (Tatort Fans)

Der Regisseur erwartet „einen Aufschrei“ und dass der Film doch eher Menschen ansprechen, die offen für Neues sind. Wir fanden „Waldlust“ mit Lena Odenthal zum Beispiel besser als die meisten Tatort-Fans, die auf der Basis „Tatort-Fundus“ ihre Meinungen abgeben. Was sagen die Vorab-Kritiker?

„Lasst euch überraschen. Mit höchster Wahrscheinlichkeit werdet ihr mit großen Augen zuschauen und nicht glauben, was ihr seht. Dieser Tatort ist fesselnd. Am Ende denkst du: dass so etwas dabei rauskommt, obwohl kein richtiges Drehbuch da ist – WOW! Das zeigt aber auch, wie genial die Auswahl der Schauspieler war.“ Die SWR-Kritiker vergeben nicht weniger als sechs von sechs Elchen.

„(…) durch den Impro-Charakter fehlen sichtbare Zeichen einer narrativen Logik – wodurch das Mörderraten des Zuschauers einem Glücksspiel gleicht. Auch die Sache mit der psychischen Bedrohung der Protagonisten und dem daraus entstehenden Druck, selber zu ermitteln, klingt zwar plausibel, geht für den Zuschauer aber nur bedingt auf: Selbst bei diesen großartigen Schauspielern wirkt die Anspannung im Schlussdrittel gespielt, da die Illusion, einem Krimi beizuwohnen, nicht gegeben ist.“ Tittelbach-TV vergibt 4,5/6, vor allem die fehlende Finalität wird doch als etwas problematisch angesehen, während vor allem die Schauspieler sehr gute Bewertungen bekommen.

Besetzung und Stab

Hauptkommissarin Martina Bönisch, Dortmund – Anna Schudt
Hauptkommissar Peter Faber, Dortmund – Jörg Hartmann
Oberkommissarin Nadeshda Krusenstern, Münster – Friederike Kempter
Oberkommissar Sascha Ziesing, Paderborn – Friedrich Mücke
Hauptkommissar Marcus Rettenbach, Aachen – Ben Becker
Hauptkommissar Franz Mitschowski, Aachen– Nicholas Ofczarek
Oberkommissarin Nadine Möller, Düsseldorf – Elena Uhlig
Coach Martin Scholz – Bjarne Mädel
Coach Christoph Scholz – Charly Hübner
Leiter der SEK – Jan Georg Schütte
Ullrich Dettmers – Jörg Ratjen
u.a.

Drehbuch – Jan Georg Schütte
Regie – Jan Georg Schütte
Kamera – Oliver Schwabe, Nikolas Jürgens
Szenenbild – Daira Bumanis, Tim Pannen
Schnitt – Benjamin Ikes
Kostümbild – Susann Günther
Musik – Alex Komlew

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