Ich kämpfe um dich (Spellbound, USA 1945) #Filmfest 257

Filmfest 257 A

2020-08-14 Filmfest AEin Trauma ist kein Fluch, außer bei Hitchcock

Vielleicht haben die FSK-Altersempfehlungen doch einen Grund. Man soll Filme nicht in einem Alter anschauen, in dem man sie nicht verstehen kann. Jedenfalls war „Spellbound“ einer der ersten Hitchcocks, die wir überhaupt gesehen haben, und das einzige, was wir heute mit Sicherheit wissen, ist, dass wir uns dabei in Ingrid Bergman verknallt hatten und immer auf der Suche nach einem Mädchen waren, das Konstanze heißt. Später hatten wir, obwohl der Name hierzulande nicht gerade häufig ist, tatsächlich einmal eine Tanzpartnerin, die so hieß. So viel dazu, zum Film steht einiges in der -> Rezension.

Handlung

Dr. Murchison, der langjährige Leiter von Green Manor, einem Heim für Geisteskranke in Vermont, soll nach einem Nervenzusammenbruch in den Ruhestand gehen. Er wird in seiner Funktion von Dr. Anthony Edwardes abgelöst, einem renommierten Psychiater und Autor. Kaum ist der für seine berufliche Position überraschend junge Edwardes angekommen, fühlt er sich von der schönen, aber distanzierten Psychologin Dr. Constance Petersen angezogen. Doch schon bald fällt Edwardes durch sein sonderbares Verhalten in bestimmten Situationen auf. Es häufen sich die Anzeichen, dass der vorgebliche Dr. Edwardes in Wirklichkeit ein paranoider, an Gedächtnisverlust leidender Betrüger ist. Dr. Petersen durchschaut dies als Erste, dennoch verliebt sie sich in ihn. Der falsche Edwardes gesteht ihr, dass er glaubt, den echten Edwardes umgebracht und zur Bewältigung des Schuldtraumas dessen Identität übernommen zu haben. Aufgrund seiner Amnesie kann er sich aber an seine wahre Identität nicht erinnern.

Als die anderen Ärzte den falschen Edwardes entlarven können, setzt er sich nach New York ab. Er hinterlässt jedoch einen Brief mit seiner Adresse an Constance, die immer noch zu ihm hält. Sie reist nach New York, um dem falschen Edwardes zu helfen. Auch will sie feststellen, was mit dem wirklichen Dr. Edwardes geschehen ist, der seit seinem Aufbruch zu einer Skireise verschwunden ist. Inzwischen wird der vermeintliche Hochstapler von der Polizei gesucht. Constance und der falsche Edwardes – unter dem Decknamen John Brown – reisen zusammen nach Rochester zu dem angesehenen Psychiater Dr. Brulov, Constances altem Lehrer und Mentor. Bei der Psychoanalyse eines Traumes von „Brown“ stellt sich heraus, dass dieser zusammen mit Edwardes beim Skilaufen war. Aufgrund von Hinweisen im Traum des falschen Edwardes können die Psychoanalytiker das Skigebiet identifizieren.

Dr. Petersen und „Brown“ reisen ins Skigebiet in der Hoffnung, dass durch eine Wiederholung der Geschehnisse die blockierten Erinnerungen des Patienten zurückkehren könnten. Tatsächlich kehrt bei einer Skiabfahrt das Gedächtnis des falschen Edwardes zurück. Er erinnert sich an den Absturz von Dr. Edwardes und daran, dass sein wirklicher Name John Ballantyne ist. Weil er einst seinen Bruder als Kind versehentlich getötet hatte, hatte er einen Schuldkomplex. Außerdem hatte er einen traumatisierenden Einsatz als Militärarzt im Zweiten Weltkrieg. Deshalb war er Patient des echten Edwardes gewesen und nahm aufgrund seines Schuldkomplexes nach Edwardes’ Tod, für den er sich verantwortlich fühlte, die Identität des Psychiaters an.

Der angebliche Unfalltod im Skigebiet scheint aufgeklärt, doch als die Leiche von Dr. Edwardes geborgen wird, stellt sich heraus, dass dieser von hinten erschossen wurde. Daraufhin wird Ballantyne unter Mordverdacht verhaftet. Dr. Constance Petersen versucht sich für ihn einzusetzen, kehrt dann aber nach Green Manor zurück. Als der wiedereingesetzte Sanatoriumsleiter Dr. Murchison eine abschätzige Bemerkung über Edwardes fallen lässt, kommt Constance dem wahren Mörder auf die Schliche. In einer finalen Konfrontation gesteht Murchinson ihr, dass er seinen designierten Nachfolger Edwardes aus Angst um seine Stellung getötet hat. Während Murchinson sich erschießt, blicken Constance und John Ballantyne in eine gemeinsame Zukunft.

Rezension

Aber von Psychologie hatten wir damals jedenfalls keinen Schimmer, und vielleicht, vielleicht war das gar nicht so schlecht. Jedenfalls hatte uns dieser Film auch deshalb so beeindruckt, weil Dr. Peterson so unglaublich fest in ihren Ansichten ist und J. B. nie fallen lässt, egal, was geschieht. Und dann diese Person mit ihrer besonderen Ausstrahlung. Heute können wir einordnen, dass die Bergman auch deshalb so viel Erfolg hatte, weil ihre Aura eben untypisch war und für ihre Zeit sehr natürlich wirkte, und natürlich, „Spellbound“ betreffend, weil Hitchcock an ihr, wie zuvor schon an Joan Fontaine, bewiesen hat, dass er Frauen mit der Kamera mehr lieben konnte als andere es physisch zuwege bringen. Ingrid Bergman sieht nämlich nicht in allen Einstellungen so extrem gut aus, vor allem bei Profilaufnahmen muss man etwas aufpassen, welche Winkel man nimmt – aber bei Hitchcock ist nicht eine einzige suboptimale Kameraperspektive zu bemerken. Mit Gregory Peck hat er sich erkennbar weniger Mühe gegeben.

Vielleicht lag es daran, dass er ursprünglich Cary Grant haben wollte. Allerdings sollte auch Dorothy McGuire die Dr. Peterson spielen. Mit dieser hatte Hitch zuvor nie zusammengearbeitet, wohl aber mit Grant (in „Verdacht“ (1941)) und mit Joseph Cotten bei „Im Schatten des Zweifels“ (1943), dem Vorgängerprojekt von „Spellbound“, die Rezension dazu haben wir auf dem Filmfest bereits gezeigt. Keine Frage ist jedenfalls, dass die Paarung Grant-Bergman funktioniert hätte, wie Hitch ein Jahr später mit „Berüchtigt“ bewiesen hat. Dass er mit Gregory Peck und dessen – nach Ansicht von Hitchcock – Mangel an mimischen Ausdrucksmöglichkeiten unzufrieden war, ist bekannt – allerdings handelt es sich hier um einen ernsten Film und bei Grant kam vor allem in den ersten 20 Jahren seiner Karriere der Schalk immer irgendwie durch. Trotz der nicht optimalen Zusammenarbeit mit dem Meister des Suspense spielte Peck noch einmal für den Meister in „Der Fall Paradin“ (1947) die männliche Hauptrolle.

Der Grund, warum Frauen in den 1940ern vor der Kamera anders behandelt wurden als Männer war einfach: Man konnte es mittlerweile. Der Weichzeichner war schon so ausgefeilt, dass er kaum störte und den Stil eines Films nicht wesentlich beeinflusste, und Männer durften eben etwas markanter sein. In den heutigen HD-Ausstrahlungen bemerkt man die Unterschiede dennoch. Wir gehen hier nicht auf Hitchcocks Obsessionen bezüglich weiblicher Hollywood-Stars ein, die erste davon war in der Tat auf Ingrid Bergman gerichtet, und es ist leicht zu schreiben, dass Hitchcock das Thema Psychoanalyse naheliegen musste, weil er sehr wohl einen Zugang zu seinen eigenen Friktionen und Traumata hatte.

Noch einmal ähnlich deutlich wie „Spellbound“ in diese Richtung tendiert allerdings erst „Vertigo“, der erkennbar auf psychologischen Modellen aufbaut – ohne allerdings über die Psychotherapie zu referieren, wie es „Spellbound“ gegenüber einem damals noch bei diesem Thema überwiegend unerfahrenen Publikum tut. Ob der der Seelenheilkunde damit einen Dienst erwiesen hat, das fragen wir uns, nachdem wir den Film nach langer Zeit erstmalig wieder gesehen haben. Die Vereinfachungen, besonders deutlich im Bereich der Traumdeutung zu erkennen, lassen diese Wissenschaft, die ohnehin keine exakte ist, aus heutiger Sicht ein wenig wie Hokuspokus erscheinen.

Das wäre wirklich klasse, wenn man Träume so linear interpretieren könnte, sogar, um Orte ausfindig zu machen, wie wir es hier sehen – außerdem sind dermaßen lange Träume, wie derjenige, den J. B. an Constance und ihren alten Mentor Dr. Brulov referiert, selten so detailliert erhalten, meist müssen über lange Zeit Fragmente von Schlüsselträumen zusammengetragen werden, bis sich daraus ein nur halb so scharfes Bild ergibt wie das, das vom Surrealisten Salvador Dali für Hitchcock gemalt wurde. Aber wie sagte schon Hitchock selbst zum Analytiker von Produzent David O. Selznick, den dieser als Berater ans Set geschickt hatte: „My dear, it’s only a movie“.

Aber es gibt noch einen anderen Aspekt, der das Thema ein wenig diskreditiert. Die Ärzte in der Klinik, in der Constance arbeitet, wirken alles andere als vertrauenswürdig. Entweder sind sie hinter ihr her und versuchen dabei auch psychologische Tricks, oder sie sind unsensibel und diskutieren rein wissenschaftlich, wo ihre Empathie gefragt wäre, oder – sie stellen sich als Mörder heraus, die einen Kollegen umbringen, nur, damit dieser ihnen nicht die Stelle wegnimmt. Zu diesem Wechsel in der Klinikleitung soll es kommen, weil Dr. Murchison, der aktuelle Chef, einen Zusammenbruch hatte. „Spellbound“ ist nicht nur einer der ersten Filme, die sich mit Psychoanalyse befassten, sondern auch einer der ersten, in denen ein Nervenzusammenbruch als Arbeitshemmnis dargestellt wird. Mithin werden die Seelenheiler auch ein wenig exploitiert, wenn man all diese Aspekte addiert. Alles irgendwie nicht unmöglich, und natürlich ist es anstrengend, in die gequälten Seelen anderer vorzudringen, um sie zu heilen, aber dieses „Green Manor“ wirkt eben ein wenig strange, und auch die Therapiemethoden (Skifahren, Schwimmen in einem eigenen Pool, der demnächst gebaut werden soll) wirkten auf das damalige Normalpublikum im Kino wohl ziemlich abgefahren. Im Wellnesszeitalter wundert man sich hingegen über gar nichts mehr – was auch nicht immer die richtige Herangehensweise ist.

Gut, dass Hitchcock diese Hauptdarstellerin hatte, die alles zusammenhält und es sogar einigermaßen glaubhaft wirken lässt, dass sie die Rollenvermischung zwischen Ärztin und liebender Frau gedreht bekommt und ihr J. B. dabei nicht vollkommen entgleitet. Das war für beide Darsteller nicht leicht zu spielen – wie auch der Film insgesamt deutlich macht, dass er ein anspruchsvolles Projekt, mithin ein typischer Selznick-Film sein will. Alles ist erstklassig, bis auf die Ski-Szene, die viel zu statisch geworden ist. Da hätte er sich Luis Trenker als Berater nehmen sollen. Nein, es war schwierig, Menschen, die tatsächlich Ski fahren zu filmen, wenn sie sich dabei über allerwichtigste Dinge unterhalten, quasi Konfrontationstherapie auf Brettern ausüben, aber dass die beiden immer im selben Abstand zueinander und sehr dicht beieinander fahren und im Hintergrund die Rückprojektion herumhüpft, fällt gegenüber der edlen Machart des übrigen Werks doch etwas ab. Außerdem gibt es noch den Gag, dass Dr. Murchison die Pistole auf sich selbst richtet und die Weinland … Leinwand oder der Bildschirm im Moment des Abdrückens rot anläuft. Wir dachten zunächst, wir hätten was mit den Augen, aber es gibt diesen blutroten Sekundenbruchteil mitte in einem Schwarz-Weiß-Film tatsächlich. Das erinnerte uns fatal an die Effekte einer Edgar Wallace-Filme mit ihren farbigen oder teilfarbigen Vorspannen und dem an sie anschließenden Schwarz-Weiß.

Es passt vielleicht nicht ganz zu diesem eher düsteren Film, aber irgendwann kam Hitchs schwarzer Humor dann wohl doch durch. Außerdem beschrieb er ihn selbst so, dass der Film nur eine weitere Menschenjagd („Manhunt“) sei, die eben mit Psychoanalyse als Schmiermittel läuft. Wir wissen nicht, wann er diese Aussage getätigt hat, aber dass er den Film nicht ernstgenommen hat, obwohl er wollte, dass David O. Selznick für damals beachtliche 40.000 Dollar die Filmrechte an der Buchvorlage erwirbt, davon gehen wir nicht aus. Dagegen spricht auch der liebevolle Umgang mit der Hauptdarstellerin, den der Film so oft verrät.

Gegenüber einem klassischen Menschenjagd-Film, in dem jemand zu Unrecht wegen eines Verbrechens verfolgt wird und immer wieder die Orte wechseln muss und sein Streben nach Rehabilitation und Finden des wirklichen Täters unter Zeitdruck steht und dadurch dramatisiert wird, ist „Spellbound“ eben doch recht langsam und erklärungslastig gefilmt. Für seine Zeit ein sehr dialogreicher Film, aber was sollte man tun? Die Psychoanalyse war eben nicht selbsterklärend, nicht einmal auf dem Niveau, auf dem Hitchcock sie ans Publikum vermittelt.

Trotz dieses Handicaps, das wir von vielen Filmen kennen, die z. B. neben einer Krimihandlung ein aktuelles soziales und nach Ansicht der Macher nur mit Talking Heads vermittelbares Thema beinhalten, trotz der Notwendigkeit, viel zu reden, ist der Film nicht langweilig. Oder gerade deswegen? Er hat eine ganz eigenartige, mysteriöse und immer anheimelnde, lyrische Atmosphäre, gleich, was geschieht. Natürlich liegt das auch an Ingrid Bergman, aber der gesamte Stil ist eine Seelenlandschaft. Der Wunsch nach Heilung und Erlösung durchzieht ihn von Beginn an, und man weiß von Beginn an, alles wird gut. Als eine weitere Patientin gezeigt und von einem Arzt als „Nymphomanin“ klassifiziert wird, bricht für einen Moment das kratzende, beißende Leben herein, usprünglich im Film enthaltene, teilweise deftig klingende Ausdrücke mussten allerdings herausgenommen werden.

Zu 90 % eliminiert wurde auch die ursprüngliche Fassung der Traumszene. Sie wäre demnach 20 Minuten lang gewesen und hätte den Film wohl zu einem anderen Werk gemacht. Im Grunde ist der Traum ja eine Handlung-Rückblende, aber eine Dramaturgie, bei der 20 Minuten kein Darsteller mehr  zu sehen ist und die sich in surrealistisch visualisierter Symbolik in Kurzfilmlänge ergeht, wäre doch sehr gewagt gewesen. In Musicals gab es diese „Extravaganzas“, exorbitante Show-Nummern, die mehr oder weniger aus der Handlung herausgelöst waren, aber diese erstreckten sich maximal über 10  Minuten. Ganz gewiss ist die Traumszene dennoch sehr eindrucksvoll, vor allem der Moment, in dem die Augen auf dem Vorhang zerschnitten werden, ist schön schaurig und außerdem eine Reverenz von Salvador Dalì an Luis Bunuel und seinen Film „Ein andalusischer Hund“, in dem das Publikum mit der Zerschneidung eines realen, nicht sichtbar auf einen Vorhang gemalten Auges konfrontiert und schockiert wird.

Finale

Einen Oscar hat „Spellbound“ gewonnen. Den für die beste Musik. In der Tat ist der Score von Miklos Rosza fantastisch und trägt einiges zur oben beschriebenen Atmosphäre bei. Die Gegenüberstellung des Liebesthemas und des Themas „Psychose“ sind äußerst gelungen, in Letzterem wird u. E. sogar ein Theremin verwendet und wäre damit der erste Einsatz dieses Instruments gewesen, das Anfang der 1950er Furore machte, als man es einsetzte, um Science Fiction-Thriller mit passender musikalischer Untermalung zu versehen. Zwischen Aliens und psychisch kranken Menschen besteht offenbar doch ein Zusammenhang, in der Wahrnehmung der Mehrheitsgesellschaft.

Ingrid Bergman war für ihre Leistung nicht einmal nominiert – was allerding auch daran liegen könnte, dass sie im selben Jahr schon mit „The Bells of St. Mary’s“ ins Rennen ging – und am Ende gegen Joan Crawford als „Mildred Pierce“ verlor. Als bester Film des Jahres wurde „The Lost Weekend“ ausgezeichnet, und das ist auf jeden Fall verdient. Mit diesem Film hatte Billy Wilder ebenfalls ein Psychodrama inszeniert und die vielleicht bis heute beste Darstellung eines Alkoholikers geliefert. Dagegen können auch unsere Erinnerungen an die frühe Begegnung mit Hitchcocks „Spellbound“ nichts ausrichten, „The Lost Weekend“ ist der bessere Film.

81/100

© 2020 (Entwurf 2015) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Alfred Hitchcock
Drehbuch Angus MacPhail
Ben Hecht
Produktion David O. Selznick für Selznick International
Musik Miklós Rózsa
Audrey Granville
Kamera George Barnes
Schnitt William H. Ziegler
Besetzung

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