Schweinsteiger: Memories – Von Anfang bis Legende (DE 2020) | 2 Empfehlungen | #Filmfest 267

Filmfest 267 B - neue Rezension Filmfest 341 hier

2020-10-08 Filmfest B

Anmerkung 2021:

Eine neuere Rezension zum Film findet sich hier.

Erinnern Sie sich an die Fußballweltmeisterschaft 2014 in Brasilien? Ich mich schon. Es war nämlich das letzte Turnier dieser Art, für das ich mich ernsthaft interessiert habe. Und das war Typen wie Bastian Schweinsteiger und vor allem Philipp Lahm zu verdanken. Weil sie den bisher härtesten Kampf um den Worldcup geführt und gewonnen haben, sind sie auf ihre Weise Legenden geworden. Denn es war ein legendäres Turnier mit vielen mühevollen oder glücklichen Siegen und einem kuriosen, aber magischen Moment, dem 7:1-Halbfinale gegen Brasilien.

Hingegen: Jedes Mal, wenn ich den Namen „Jogi“ Löw irgendwo lese, stellen sich mir die Nackenhaare auf. Ich will nicht zu einer allzu ausführlichen Analyse ansetzen, die sich eher wie eine Tirade ausnehmen würde, aber der einzige Turniergewinn, den er seiner ewiglich währenden Karriere als Bundestrainer mit einer im Moment der Übernahme von Jürgen Klinsmann hochbegabten, jungen Mannschaft hinbekam, war ebenjene WM 2014. Sicher nicht seine Schuld, dass zu dem Zeitpunkt auch die spanische Nationalmannschaft so herausragend wurde, aber die Fails fanden nicht nur in Spielen gegen diese statt, wo es sichtbar an mentaler Stärke fehlte. Mein persönlicher Dank für die WM 2014 geht an Lahm, Schweinsteiger und Co., denn sie übernahmen nach dem furchtbaren, verlängerten Viertelfinale gegen Algerien das Regime, gewannen mit etwas Dusel und sehr viel Einsatz gegen Fankreich und im Finale gegen Argentinien, beide Mannschaften waren spielerisch mindestens gleichwertig.

Klar strukturierte Spieler in einer Mannschaft, die im Grunde ihren Zenit überschritten hatte, wussten, dass es für einige von ihnen die letzte Chance auf einen Turniersieg werden würde und für mich war nach dem anschließenden Rücktritt von Philipp Lahm als einem der intelligentesten Fußballer, die je in Deutschland gegen den Ball getreten haben, klar, das wird künftig nichts mehr, wenn nicht auch ein Trainerwechsel stattfindet. Erste Skepsis kam bei mir schon während der WM 2010 auf und nach dem entsetzlichen Halbfinale bei der EM 2012 mit einer von Löw provozierten Niederlage gegen Italien und gemäß meinen Beobachtungen des Trainers während jener EM war es für mich das zweite Fußball-Wunder nach 1954, dass mit ihm, zum Ende hin auch gegen ihn, zwei Jahre später ein Turniergewinn möglich wurde.

Es waren die Spieler, „Die Mannschaft“. Unvergesslich im Finale der „blutende Held“ Schweinsteiger, der mit letzter Kraft diesen Titel sichern half und danach ausgepowert war bis – bis zum Karriereende im Jahr 2019, wenn man es genau nimmt. Ein sehr hoher Preis für einen Titel. Was seitdem passierte, ist bekannt: Löw hat einen Negativrekord nach dem anderen mit der deutschen Nationalmannschaft aufgestellt und ich habe mittlerweile den Verdacht, er hat etwas gegen die DFB-Oberen in der Hand, das sie dazu zwingt, ihn einfach immer weitermachen zu lassen, ansonsten würde er den Whistleblower geben und ein Skandal wäre die Folge. Ich denke dabei immer sofort an das Gemauschel um die WM-Vergabe 2006, aber da wird sicher noch mehr sein, denn dass der Fußball der einzige saubere Sport sein soll, der gleichzeitig ein großes Geschäft darstellt, wäre eine arg naive Sichtweise.

Selbst der sympathisch wirkende neue DFB-Präsident Fritz Keller scheint machtlos zu sein. Sympathisch wirken ist im Moment vielleicht nicht die wichtigste Eigenschaft, die man braucht, um den Karren des größten Einzel-Sportverbands der Welt wieder aus dem Dreck zu ziehen. Es ist deprimierend, was aus dem Aufbruch Mitte der 2000er wurde. Ich habe mittlerweile keine Zeit mehr, neben den anderen Features des Wahlberliners Sportnews zu schreiben, gar Liveticker zu fertigen, wie 2011 während der Frauen-Fußballweltmeisterschaft in Deutschland, und ich bin zum Glück nicht dazu gezwungen.

Für Menschen, die sich gerne an jene lichten Anfangsjahre von „Die Mannschaft“ erinnern, die trotz vieler Löw-Fehler und -eitelkeiten im Gewinn der WM 2014 gipfelten, dürfte „Schweinsteiger Memories“ genau das Richtige sein, denn er hörte in der Nationalmannschaft ebenfalls auf, bevor es richtig schlimm wurde – nach der EM 2016. Ich würde aber keine Empfehlung aussprechen, wenn die Doku über ihn ein schwacher Film wäre. In der IMDb wird sie mit 7,6/10 bewertet. Das ist für ein deutsches Produkt viel, deutlich mehr als bei einem Film über Toni Kroos, der ein Jahr zuvor entstanden ist. Auch die Moviepilot-Community wertet für diesen im Juni 2020 erschienen Film mit 7,3/10 – für ihre Verhältnisse – recht hoch.

Jetzt komme ich aber auch zu einer Beichte: In Wirklichkeit heißt der Film so: SCHW31NS7EIGER: Memories – Von Anfang bis Legende. Der Filmdienst findet das gar nicht witzig, ich habe den Namen normal geschrieben, damit dieser Beitrag besser zu finden ist.

  • „Dokumentarisches Porträt des deutschen Fußballstars Bastian Schweinsteiger im Stile eines huldigenden Geburtstagsständchens“ befindet der Filmdienst, stört sich an dem Begriff „Legende“, vergleicht Schweini mit Maradona und vergibt nur 2/5.

Klar, das Porträt ist u. a. autorisiert, da werden keine allzu tiefen Einblicke in die negativen Momente der Karriere gegeben. Dass Schweinsteiger aus „stabilen Verhältnissen“ stammt, wie es in der Kritik heißt, wie die meisten der aktuellen deutschen Fußballspieler und anders als Maradona, sollte man ihm nicht zum Vorwurf machen und daran festmachen, ob jemand zur „Legende“ werden kann, ähnlich wie einige Spieler der Weltmeistermannschaft von 1954, weil er Außergewöhnliches vollbracht hat.

  • „Schlecht kommt Bastian Schweinsteiger mit ‚Schw31ns7eiger Memories: Von Anfang bis Legende‘ natürlich nicht weg, wieso auch. Schon der Titel signalisiert, worum es der Dokumentation geht: Einer Legende des deutschen Fußballs soll ein Ehrendenkmal errichtet werden. Ein weiteres Indiz hierfür ist einer der Macher hinter der Kamera. Zu den Produzenten von ‚Schw31eins7eiger‘ gehört Til Schweiger, ein erklärter Freund und Fan des Gehuldigten“, heißt es hingegen bei „Filmreporter.de„.

Enthüllungsjournalismus habe ich nicht erwartet, insofern finde ich die Einstellung der zweiten Kritik logisch, empfehle beide zum Nachlesen, denn, um ehrlich zu sein: Wir haben doch viel zu viel Huldigungs- und Buddy-Journalismus und -artwork inklusive psychedelischer Titelgestaltungen –  unabhängig davon, ob einer, der den Hamburg-Tatort zerstört hat, einen Film über jemanden machen sollte, der die WM 2014 retten half. Ich werde mir den Film ansehen, wenn wieder er frei verfügbar ist (das war er kürzlich schon, aber da habe ich den richtigen Zeitpunkt verpasst), weil ich natürlich auch noch einmal dem Fußball in jener Zeit nachspüren will, als das Zuschauen noch Spaß machte. Die WM 2014 habe ich übrigens, die deutschen Spiele betreffend, fast komplett aufgezeichnet, aber das Bedürfnis, mir das alles noch mal anzusehen oder gar aufzubereiten, entsteht trotz der aktuellen Flaute eher nicht.

Für meine Weiterentwicklung und einhergehende Interessenverschiebung kann Jogi Löw natürlich  ebenfalls nichts, aber ich hatte ihn schon als unmöglich empfunden, als er während der EM 2012, in jenem kritischen Halbfinalspiel, eingefangen von Kameras aus aller Welt, in seiner Nase bohrte und sich in den schwitzenden Achselhöhlen kratzte. Bei keinem anderen Trainer habe ich solche unkontrollierten Übersprungshandlungen in einer solchen Situation gesehen. Und er kommt halt auch im Film vor. Ich muss aufpassen, dass ich dann noch objektiv bleibe.

Totzdem, viel Spaß mit der Ehrung für einen verdienstvollen Fußballspieler, liebe Fans!

TH

Directed by 

Robert Bohrer  

Cast (in credits order)  

 
Bastian Schweinsteiger Bastian Schweinsteiger    
Ana Ivanovic Ana Ivanovic    
Fred Schweinsteiger Fred Schweinsteiger    
Tobias Schweinsteiger Tobias Schweinsteiger    
Felix Neureuther Felix Neureuther    
Uli Hoeneß Uli Hoeneß    
Karl-Heinz Rummenigge Karl-Heinz Rummenigge    
Oliver Kahn Oliver Kahn    
Joachim Löw Joachim Löw    
Louis van Gaal Louis van Gaal    
Jupp Heynckes Jupp Heynckes    
Michael Ballack Michael Ballack    
Miroslav Klose Miroslav Klose    
Manuel Neuer Manuel Neuer    
Jerome Boateng Jerome Boateng    
Thomas Müller Thomas Müller    
Holger Badstuber Holger Badstuber    
David Alaba David Alaba    
Lukas Podolski Lukas Podolski    
Gerhard Delling Gerhard Delling    
Hermann Gerland Hermann Gerland    
Jan Pienta Jan Pienta    
Werner Kern Werner Kern    
Friedrich Curtius Friedrich Curtius    
Hans Kurz Hans Kurz    
Alex Boler Alex Boler    
Veljko Paunovic Veljko Paunovic    
Nelson Rodriguez Nelson Rodriguez    
Dax Mccarty Dax Mccarty    
Eric Gehrig Eric Gehrig    
Kenneth Kronholm Kenneth Kronholm    
Fabian Herbers Fabian Herbers

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