Wölfe – Polizeiruf 110 Episode 358 #Crimetime 846 #Polizeiruf110 #Polizeiruf #vonMeuffels #Herrmann #BR #Wolf

Crimetime 846 - Titelfoto © BR / Claussen+Putz Filmproduktion GmbH, Christian Schulz

Der Wolf ist ein Mensch ist dem Menschen ein Wolf

Nach „Kreise“ hat Christian Petzold wieder einen Polizeiruf mit Hans von Meuffels (Matthias Brandt) und Constanze Herrmann (Barbara Auer) inszeniert. Die stilistische Ähnlichkeit ist unverkennbar und wir schrieben bereits, dass sich offenbar die besten deutschen Regisseure gerne bereit finden, für den BR zu arbeiten, wenn es darum geht, im Krimi das Besondere zu suchen. Das tun sie mittlerweile häufiger für dessen Münchener Polizeiruf-Schiene als für das Tatort-Pendant. „Kreise“ hatten wir mit sehr starken 9/10 bewertet, mehr hat bisher noch kein Polizeiruf von uns bekommen und alle Münchener liegen über dem Schnitt. Da konnte doch nichts schiefgehen. Ob wirklich alles top ist, darüber reflektieren wir in der -> Rezension.

Handlung

Kriminalhauptkommissar Hanns von Meuffels hat sich in seine Hamburger Kollegin Constanze Hermann verliebt, mit der er zuletzt einen Fall zusammen löste. Im Moment befindet sie sich im Urlaub. Constanze, die ein starkes Alkoholproblem hat und heimlich weiter trinkt, hat sich im Wellness-Center eines bayerischen Dorfs einquartiert, wo sie ihre Alkoholsucht zu bekämpfen sucht. Sie nimmt jedoch nur unwillig an den Gruppenterminen teil. Manchmal erscheint sie dazu auch gar nicht.

Auf der Suche nach einem Zigarettenautomaten, den es im Hotel nicht gibt, kommt Constanze ins Dorfgasthaus, wo sie mehrere Gläser Gin Tonic trinkt. Als sie sich nachts angetrunken und singend auf ihren Heimweg macht, begegnet ihr eine aufrechtgehende Wolfsgestalt mit leuchtenden, roten Augen. Sie glaubt eine Wahnvorstellung zu haben, stürzt in ihrer Panik und verliert ihr Handy. Am nächsten Morgen wird im Wald eine Angestellte des Hotels ermordet aufgefunden, deren Gesicht von Bissen entstellt ist. Von Meuffels übernimmt die Ermittlungen und bezieht Constanze mit ein. Bei der Obduktion des Opfers, bei der Wolfshaare gefunden werden, steht dem Gerichtsmediziner der Zoologe Dr. Wiesinger zur Seite. Er bewundert Constanzes analytische Fähigkeiten, bemerkt aber auch sofort, dass sie ein Alkoholproblem hat.

Constanze spricht mit von Meuffels über ihre Begegnung in der Nacht und sie sehen sich im Wald um. Noch immer hält sie das, was sie gesehen hat für ein Delirium, aber als sie ihr Handy am Waldweg wiederfindet, ist sie sich nicht mehr sicher. Nachdem auch noch zwei gerissene Schafe gefunden werden, ist sicher, dass sich ein Wolf in der Gegend umhertreiben muss.

Die Spur führt beide Ermittler zu dem Türken Mehmet Özhan, der auf einem Einöd-Hof eine Hundezucht betreibt und dort einen halbzahmen Wolf hält. Zudem war er mit der Ermordeten befreundet und Mitglied der rechtsextremen türkischen Partei „Graue Wölfe“, von der er sich seit einiger Zeit zurückgezogen hatte. Özhan steht unter dem Schutz des BND, ist aber inzwischen untergetaucht, da er den Mord an seiner Freundin als Drohung gegen ihn wertet. Seine Hunde hat er alle erschossen, da er sie nicht mitnehmen konnte, nur den Wolf verschonte er und ließ ihn frei. Kurze Zeit später wird das Tier von den Schäfern erschossen, denen er die Schafe gerissen hatte.

Nach Ansicht des BND ist der Fall damit abgeschlossen und von Meuffels wird nahegelegt, seinen Resturlaub zu nehmen. Da er so mehr Zeit mit Constanze verbringen kann, sträubt er sich nicht weiter gegen diese Anweisung „von oben“. Er bringt sie zu ihrem Hotel und will nur noch schnell seine Sachen holen. Während dieser Zeit erscheint Dr. Wiesinger bei Constanze und lockt sie unter dem Vorwand, bei der Sektion des Wolfes etwas Seltsames entdeckt zu haben, in seine Forschungseinrichtung. Von Meuffels erfährt davon und folgt den beiden.

In den Laboren angekommen, schickt Wiesinger Constanze in einen dunklen Raum und zeigt sich ihr in einer Wolfsverkleidung mit leuchtenden roten Augen. Er gibt zu, dass dies bei Licht betrachtet schon etwas seltsam aussieht, aber so verkleidet könne er sich den Wölfen in der Wildnis besser nähern. So hätte er sich auch Kristina genähert, sie mit einem Schuss aus dem Narkosegewehr betäubt und die Bissspuren künstlich erzeugt. Seit dieser Nacht fühle er sich zu Constanze hingezogen, weil er ihr dort begegnet war und sie so schön gesungen hätte. Er müsse ihr noch so viel erzählen, aber es sei sehr anstrengend. Er ist als Kind mit einem Wolfsrachen geboren worden und hat mit viel Mühe sein sprachliches Handicap überwunden. Nur optisch war die Narbe noch etwas zu sehen. Als Kind wurde er viel gehänselt, später hatte er sich in Kristina verliebt, aber sie verhöhnte ihn nur. Als er bemerkte, dass sie ihn weiter verachtete, hatte er ihr im Wald aufgelauert, sie getötet und gehofft, sich damit selber zu befreien. Doch es war ein Irrtum. Nach seinem Geständnis lässt er Constanze allein zurück und erschießt sich.

Kritiken

„Die schwierige Liebesgeschichte der Ermittler ist fast wichtiger als der Fall selbst. Der Autorenfilmer Christian Petzold erzählt sie auf faszinierende Weise: in aller Ruhe, mit oft düsteren Bildern und glänzenden Dialogen. Etwas mehr Krimispannung hätte aber auch nicht geschadet.“[2]

Thomas Andre schreibt für abendblatt.de: „Die Selbstironie des ‚Polizeirufs‘ ist angenehm. Zumindest scheint das so, wenn man das Augenmerk auf Matthias Brandts Darstellung des kultivierten Bullen legt, der eben nicht auf der Suche nach einem Mörder ist, sondern auch auf der nach dem romantischen Potenzial seiner Kollegin.“[3]

„Der Autorenfilmstar Christian Petzold, der schon die ‚Kreise‘-Episode geschrieben und gedreht hat, hat diesen ‚Polizeiruf‘ als so kunst- wie lustvollen Assoziationsstrom in Szene gesetzt. […] Mit romantischem Grimm und grimmscher Romantik zielt […] Petzold aufs kollektive Unterbewusstsein der Zuschauer und arbeitet sich durch alle Facetten des Wolfs-Topos – inklusive einer Ermittlerin, die mit rotem Mantel, vernebeltem Blick und naivem Interesse doch sehr an eine der größten Heldinnen der Gebrüder Grimm erinnert. Dabei bewahrt sich Christian Petzold seinen von aller Gefühlsrhetorik befreiten Stil. In lakonischen Dialogen holt er Angstbilder hoch, die in uns allen schlummern.“ – Christian BußSpiegel Online[4]

„Zum Ende hin wird der Spannungsbogen ein bisschen überdehnt, aber grundsätzlich ironisiert Petzold jedes küchenphilosophische Geplapper über Problemwölfe sehr schön und lässt keinen Zweifel daran, dass Menschen – jedenfalls die interessanteren – auch nur Problemwölfe sind, und ihr Biotop ist die Problemwelt.“ – Holger GertzSüddeutsche Zeitung[5]

Rezension

Wenn das so ist, müssen wir ja eigentlich nichts mehr schreiben. Wir tun’s aber trotzdem. Denn es gibt Unterschiede zu „Kreise“,  Einer der allerwichtigsten ist, dass wir noch nie einen Tatort oder Polizeiruf gesehen haben, in dem immer dieselben Charaktere im Auto sitzen und zwischen seelischer Nabelschau und etwas Fallbesprechung pendeln. Das muss für die Hauptdarsteller ein recht ermüdender Film gewesen sein. Es gibt ja sowieso Publikumsfilme und Kritikerfilme. „Kreise“ war für uns, die wir uns zum Publikum rechnen, beides. Vielleicht manchmal ein wenig zu gestanzt, aber spannend durch hervorragende Figuren und durch den Mut, sie erzählen und spielen zu lassen. Das Gestanzte bleibt in „Wölfe“ erhalten.

Die Bilder sind grandios, darüber besteht kein Zweifel, das Rokäppchen-Motiv ist so deutlich herausgearbeitet, dass man auch als mittelbegabter Rezipient noch versteht, was im Wald vor sich geht, wie mit Grimms Märchen gespielt, wie ihre Botschaften analysiert werden und der Regisseur und Autor dem Menschengeschlecht, das diese Botschaften in die Welt gesetzt hat, den Spiegel vorhält.

Aber die Dialoge sind stellenweise nicht so glänzend, wie sie von der Kritik teilweise dargestellt werden. Man merkt richtig, wie gut sie sein sollen, es kommt auch wieder diese Spielerei vor, Menschen in einer Situation etwas sagen zu lassen, was in einer anderen Konstellation kurz darauf wiederholt wird – und manchmal klingen die Sätze doch banal. Dieses Mal hat man von Meuffels und Herrmann so viel Zeit miteinander gegeben, dass man merkt, die beiden haben einander auch nicht immer Umwerfendes zu sagen. Aber vielleicht ist nicht nur der spritzige, witzige Dialog ein guter, sondern auch der alltagsnahe, der seinen Subtext nicht so recht freigeben mag. Nur – das wirkt hier nicht programmatisch und pendelt nicht zwischen eloquent vernebelt und aufklärend geheimnisvoll, sondern zieht sich einfach nur. „Wölfe“ ist ein Autorenfilm, es gehört also zum künstlerischen Ausdruck des Autors, diese Wort-Elegie einzurichten. Wir kennen das auch von „Barbara“, wo aber durch die andere Zeit, in welcher der Film spielt, das abweichende Szenario, etwas mehr innere Spannung gibt, denn die Hauptfigur steht selbst unter enormer Spannung – das ist in „Wölfe“ selbst unter Berücksichtigung der Tatsache, dass Constanze Herrmann einem Werwolf begegnet zu sein glaubt, nicht der Fall.

Und im Zustand eines Deliriums war sie ersichtlich nicht, obwohl hinterher behauptet wird, sie hätte unzählige Gin Tonic getrunken. Wir haben erst ein einziges Mal, alle angeschauten Tatorte und Polizeirufe zusammengerechnet, eine Figur zu sehn bekommen, bei welcher das der Fall ist, erst kürzlich in „Flüssige Waffe“ (1988). Da merkt man auch, wie edel und dezent im gesamtdeutschen Film in der Regel doch mit dem Thema Alkoholismus umgegangen wird. Es bleibt immer eine gute Portion Würde erhalten. Vielleicht auch, weil Topschauspieler es in in der Regel wohl ablehnen, einen wirklich vom Alkohol zerstörten Menschen zu spielen bzw. die Sucht zu exploitieren, wenn man das, was in „Flüssige Waffe“ zu sehen ist, negativ ausdeuten will.

Wieso wirkt der Zoologe Dr. Wiesinger, als er noch einen Bart trägt, bloß so, als hätte er eine ganz normale Lippenstellung und spricht auch so? Weil sein Darsteller Sebastian Hülk selbstverständlich keinen Wolfsrachen hat, deswegen am Ende auch die Mühe, mit dem Handicap ebenso zu klingen wie vorher die ganze Zeit über ohne. Aber gespenstisch ist es schon, wie ein solches Leiden jemanden fürs Leben traumatisieren kann. Und Kinder sind nicht unschuldig. Sie sind kleine Wunder in vieler Hinsicht, aber auch schon kleine Wölfe, haben sehr ausgeprägte Persönlichkeiten und können ebenso sozial und gerechtigkeitsorientiert wie diskriminierend sein. Wir wollen nicht ins Biogenetische abdriften, es hat durch die gesamte Menschheitsgeschichte hindurch viel Grausames gegeben und auch Sternstunden. Vielleicht hätte die Beziehung zwischen von Meuffels und Herrmann sich zu einer solchen Sternstunde des deutschen Krimifernsehens entwickeln können, in „Kreise“ ist man auch schon auf einem sehr guten Weg. Doch in „Wölfe“ wirkt es im Verlauf immer mehr, als wüsste man doch nicht so recht, wo es hingehen soll. Ganz sicher ist das im realen Leben ein häufiger Zustand, aber so, wie hier ein Fall sich quasi von selbst löst, weil der Täter sich stellt und dann umbringt, so erwartet man doch auch etwas wie eine Progression, wenn ein Verhältnis schon so weit fortgeschritten war wie das der beiden Polizisten in „Kreise“.

Finale

„Kreise“ hat uns gefangen und berührt, es gab immer wieder Momente zum Eintauchen und alles zwischen mitschweben und den rauen Untergrund beim Gehen im Kreis spüren – „Wölfe“ hat uns erst zum Schluss emotional erreicht – weil das Ende sehr gut ist. Ein Täter wird nicht dadurch halbwegs vom Mörder weg zum Affekt-Totschläger gemacht, dass ihn jemand aktuell gedemütigt hat, wie wir das häufig sehen, sondern aufgrund einer uralten Verletzung, die nicht heilen durfte, zum Mörder wurde, der planvoll vorging und sich sogar kostümierte. Die glühenden Augen sind etwas übertrieben und im kalten Neonlicht des Zookellers mit seinen Gitterstäben wirkt die Maske in der Tat ein wenig lächerlich, aber der Mann, der sie im Wald trug, nicht. Warum Dr. Wiesheimer, der immerhin im Land mit den besten plastischen Chirurgen auf diesem Erdball gelebt hat, sich die Scharte nicht hat schließen lassen – erschließt sich uns allerdings nicht. Mit ähnlichen Mitteln hergestellt wie „Kreise“, finden wir „Wölfe“ doch um einiges schwächer.

7/10

© 2020 (Entwurf 2019) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Christian Petzold
Drehbuch Christian Petzold
Produktion Jakob Claussen,
Uli Putz
Musik Stefan Will
Kamera Hans Fromm
Schnitt Bettina Böhler
Besetzung

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