Sturmfahrt nach Alaska (The World in His Arms, USA 1952) #Filmfest 346

Filmfest 346 A

Keine Schonung für die Schoner

Gregory Peck und Anthony Quinn sind die Stars des Technicolor-Abenteuers zur See und an Land, das in Deutschland als „Sturmfahrt nach Alaska“ betitelt wird. Ausnahmsweise ist der deutsche Titel etwas weniger pathetisch und trifft den Kern – nämlich das Wettrennen zwischen dem gentlemanliken, gleichwohl verwegenen „Boston Man“ Jonathan Clark, der Alaska gerne für die USA kaufen möchte und „dem Portugiesen“, der immer sein eigenes, meist krummes Ding macht. Welche Show ziehen die beiden so unterschiedlichen Darsteller in einem rauen See-Abenteuer ab? Dies und mehr klären wir in der -> Rezension.

Handlung

San Francisco im Jahr 1850. Die russische Gräfin Marina Selanova entflieht ihrer arrangierten Vermählung mit dem Prinzen Semyon. Sie bucht eine Fahrt mit dem Schiff des Kapitäns Portugee nach Sitka in Alaska. Dort ist ihr Onkel Ivan Vorashilov Gouverneur und kann sie schützen.

Der illegale Robbenjäger Kapitän Jonathan Clark „Der Boston-Mann“, ein erbitterter Rivale des Portugees, befreit seine von diesem schanghaiten Seeleute. Die Gräfin schickt einen Mann zu Clark, um herauszufinden, ob sie mit ihm weiterreisen könne. Doch Clark hasst Russen und lehnt ihr Angebot ab. Als Marina sich selber zu Clark begibt, gibt sie sich als die Begleiterin der Gräfin aus und kann ihn umstimmen. Nach einer Weile verlieben die beiden sich. Clark macht ihr einen Heiratsantrag, den Marina annimmt.

Als sie in einem Hafen landen, findet Prinz Semyon Marina und bringt sie selber nach Sitka. Clark, der sich von Marina betrogen fühlt, macht mit Portugee eine Wettfahrt nach Alaska, mit seinem Schiff als Wetteinsatz. Clark gewinnt, aber Portugee versucht Clarks Schiff zu übernehmen. Es kommt zu einem Streit zwischen beiden Mannschaften, als ein russisches Kanonenboot längsgeht und alle Männer nach Sitka verfrachtet.

Prinz Semyon erpresst Marina mit der Freilassung Clarks, um sie zu heiraten. Doch Clark und seine Männer machen kehrt. Er rettet Marina und segelt mit ihr davon.

2020-08-14 Filmfest ARezension

„Geschäft ist Geschäft“ wird in diesem Film zum geflügelten Wort. Natürlich gibt es auch eine Liebesgeschichte – zwischen Clark und der russischen Gräfin Marina Selanova, gespielt von Ann Blyth als besonders zuckersüßem Love Interest.

Nachdem wir kürzlich Errol Flynn in einem seiner Seeabenteuer anschauen bzw. die Rezension zu „Gegen alle Flaggen“ wiederveröffentlichen konnten, ein Werk aus demselben Jahr 1952, als verwegene Abenteurer zu Land und zu Wasser die Leinwand bevölkerten, so zahlreich wie – ja, wie seit etwa dem Millenniumswechsel wieder. Der Abenteuerfilm ist wieder sehr in Mode gekommen, sogar der Piratenfilm, wie die „Fluch der Karibik“-Quattrologie zeigt. Selbstverständlich gibt es von diesem Franchise, wie von jedem Stoff, der nicht rechtzeitig Land gewinnt, diverse Spin-Offs.

Wir sehen Gregory Peck kurz vor seinem Auftritt in dem unsterblichen „Roman Holiday“, der in Deutschland als „Ein Herz und eine Krone“ bekannt ist und ihn mit der Debütantin Audrey Hepburn zusammenbrachte (den Film haben wir gerade nach langer Zeit wieder gesichtet und die Rezension wird demnächst hier erscheinen). Pecks oscarprämierte Leistung als Anwalt Atticus Finch in „Wer die Nachtigall stört“ zehn Jahre später genießt den Vorzug, dem AFI (American Film Institute) noch heute als beste Hauptrolle aller Zeiten in einem US-Film zu gelten (vor Harrison Fords „Indiana Jones“).

Eine gewisse Subjektivität wird vorhanden sein, vor allem, weil das AFI gewiss auch die progressive Haltung des Films und Pecks als Realperson gewürdigt hat, aber der Film ist legendär. Von Rollen wie dieser ist Peck in „Sturmfahrt“ noch ein wenig entfernt, manchmal wirkt seine Darstellung ironischer, als sie vielleicht beabsichtigt war und er transportiert eine etwas arrogante Haltung, ohne dass dies in den Dialogen sichtbar würde. Uns gefällt von seinen Seeleute-Figuren der Kapitän und spätere Admiral Horatio Hornblower (mit er Figur ist Lord Nelson gemeint) aus dem Vorjahr 1951 besser und weist mehr Finesse auf. Grundelemente sind ähnlich, sind mit einer Frau, die es zu erobern gilt, und einem Schiff, das es vor allen denkbaren Gefahren zu bewahren gilt.

Ann Blyth hatte in den Fünfizgern meist sanfte Frauenrollen zu spielen, wie die der Gräfin Selanovy. Doch ihre Karriere begann anders. Als Unglück säende Tochter von Joan Crawford in dem Premium-Melodram „Mildred Pierce“, womit sie sich im zarten Alter von 17 Jahren eine Oscar-Nomonierung als beste Darstellerin in einer Nebenrolle erspielte. Crawford gewann den Hauptdarsteller-Oscar. So nah wie damals war Ann Blyth nie wieder am schauspielerischen Ruhm und es ist schade, dass man sie später keine wirklich dramatischen Rollen in Top-Filmen mehr spielen ließ, denn auch in „Sturmfahrt“ hat man zuweilen den Eindruck, sie könnte auch anders als nur lieblich sein, wenn man sie lassen würde. Da ist etwas in ihrer Mimik, das darauf hindeutet, dass sie mehr als ein Gesicht hat, zumindest darstellerisch.

Man darf davon ausgehen, dass die dargestellte Situaton des Erwerbs von Alaska nicht jene Vorgeschichte hatte, die im Film gezeigt wird. Historisch ist folgendes verbrieft: „Finanzielle Schwierigkeiten in Russland, der Wunsch, Alaska nicht den Briten in die Hände fallen zu lassen, und die geringen Profite des Handels mit Siedlern in Alaska trugen zum russischen Vorhaben bei, die Besitztümer in Nordamerika zu verkaufen. Der US-Außenminister William H. Seward leitete den Kauf Alaskas am 9. April 1867 für 7,2 Millionen Dollar (nach heutigem Wert rund 90 Millionen Dollar) ein. Alaska und das benachbarte Yukon-Territorium in Kanada waren im 19. Jahrhundert der Schauplatz eines Goldrauschs und blieben auch nach dem Erlöschen der Goldreserven ein bedeutendes Gebiet für den Bergbau. Am 7. Juli 1958 unterzeichnete US-Präsident Dwight D. Eisenhower den Alaska Statehood Act und bereitete damit den Weg für Alaskas Aufnahme in die USA als 49. Bundesstaat am 3. Januar 1959.“ (Kursiv: Quelle Wikipedia).

Der Robbenfang, die damals wohl einzige ökonomische Rechtfertigung für den Kauf von Alaska in einer Zeit, als dort noch kein Gold entdeckt war, wird im Film sehr interessant dargestellt. Man kann auch sagen, es wird darüber doziert. Filmisch ist das eher rudimentär gemacht, in Form eines talking Heads, gespielt von Clarks Steuermann und Vertrautem, Deacon Greathouse. Als wär’s ein Film Greenpeace gegen die Robbenschlächter-Lobby aus Sicht der Industrie wird für einen humanen Robbenfang geworben, der die Bestände nicht dezimiert, was die ungeschlachten Russen bzw. deren gedungene und gezwungene, eingeborene Handlanger aber tun – und damit fahren sie in Alaska Verluste ein.

Clarks und Deacons Robbenfängerei wird hingegen als eher aufgeklärt und modern dargestellt, was sie für 1850, dem Zeitpunkt der Handlung, und sogar für 1952, der Film gedreht wurde, sicherlich war. Die Art, wie Robben einfach erschlagen werden,  hat man lieber nicht direkt gefilmt und das Meiste auf den Robbenbänken ohnehin als Rückprojektion gezeigt, die farblich deutlich von den davor agierenden Schauspielern abweicht. Wie auch den Höhepunkt der Regatta zwischen den zwei Schonern. Dass dies so sichtbar ist, verleiht dem Film die gewisse Künstlichkeit, die typisch für jene Epoche ist und durch die sehr tiefroten und intensiv grünen Farben, die damals speziell das Universal-Technicolor aufwies, unterstützt wird.

Dadurch, dass der Film in einer qualitativ sehr guten Fassung gezeigt wurde, wird dies noch einmal hervorgehoben, nicht etwa marginalisiert. Die beiden Schoner von Peck und Quinn, die um die Wette fahren, aber sind erkennbar echt gewesen, wenn auch nicht von ihren Kapitänen in Richtung der Pribilov-Inseln gesteuert.

Die Wettfahrt entspringt, ihre Motivation betreffend, aus dem Nichts. Gut, dass Anthony Quinn einen Typ mit stets verquerer Logik darstellt, da passt es, ohne Not das eigene Schiff zu verwetten. Jedoch, den Vorschlag dazu macht nicht er, sondern der Kollege Jonathan der Boston-Mann. Dem hätte man so viel Irrationalität nicht zugetraut, auch wenn er sich wirklich in die Gräfin verliebt hat und der Portugiese ein paar despektierliche Bemerkungen über die Dame gemacht hat. An der Stelle ist der gewisse Abstand zwischen der verwegenen Rolle und dem, was Peck als Typ verkörpert, nicht zu leugnen. Wir wollen aber nicht von einer Fehlbesetzung sprechen, denn das romantische Element war bei ihm stets bestens aufgehoben, und das gibt es in diesem Film ja auch (1).

Die gesamte Dramaturgie des Films ist unrund. Die Seefahrt wird quasi aus dem sonstigen Verlauf ausgeklammert und als Ereignis dargestellt, das einen eigenen Film darstellen könnte – einen, der um dieses Ereignis als Zentrum herumgebaut ist und desen Klimax die Fahrt ist, das hätte sie auf jeden Fall verdient. So aber ist das nur eine Action-Einheit, die sich nicht herleitet und später auch keine Rolle mehr spielt. Die eigentliche Konfrontation zwischen dem Boston-Mann und dem fiesen russischen Adeligen und Zarencousin Semjon, die beide die Gräfin haben möchten, hätte hingegen mehr herausgearbeitet werden können. Dann hätte man auch die Russen als solche oder als Indivduen etwas differenzierter anlegen können.

So aber ist zu wahrzunehmen, wir sind nicht mehr im Zweiten Weltkrieg, sondern im anschließenden Kalten Krieg und auch schon wieder in der heißen Variante – nämlich in Korea, wo die Systeme sich gegenüberstehen. Wie die USA hier gehypt und dem dikatorisch-zaristischen Russland gegenübergestellt werden (gemeint ist natürlich auch die damals aktuelle UdSSR, noch unter Stalin) ist schon sehr auffällig und einseitig. Es geht durch, dass eine Russin schön und charmant sein kann, sofern sie die Güte und die Intelligenz besitzt, sich in einen Amerikaner zu verlieben. Das wäre eine bemerkenswertere Tat gewesen, wenn die Alternative nicht gar so schnöselig und zum Fürchten machtbesessen gewesen wäre. Aber der Film heißt im Original „Die Welt in seinen Armen“ und so ein weltumspannender Typ ist dieser Jonathan Clark nun einmal und manchmal ist die Welt nicht groß genug für zwei verwegene Gegner oder gar deren drei, wenn man den Sportsmann aus Portugal mitrechnet.

Keine Frage, dass der Film vital ist, das hat er auch Anthony Quinns Darstellung jenes Portugiesen zu verdanken. Nicht differenziert, aber wirkungsvoll, um es kurz zu umschreiben. Insgesamt ist die Schauspielerei etwas überbetont und alles etwas zu wild und durcheinander geraten – nicht, dass der Plot unverständlich wäre, aber es gibt viele ungenaue Passungen, die durch die beachtliche und alles, was das damalige Abenteuerkino hergab beinhaltende Handlungsführung etwas verdeckt wird. Am Ende explodiert sogar ein russisches Kanonenboot. Viel mehr kann man auch heute nicht von einem Actionfilm erwarten.

Finale

Wenn man, ebenfalls aus 1952, „Der rote Korsar“ mit Burt Lancaster gesehen hat oder Pecks Vergleichsdarstellung als Lord Nelson aus dem Jahr zuvor, muss man trotz aller Vitalität von „Sturmfahrt nach Alaska“ Abstriche machen – vor allem die Inszenierung betreffend. Die ist etwas rau und ungestüm, was prinzipiell gut ins aufstrebende San Francisco und nach Alaska, zu den auftretenden Russen und Seemännern passen sollte – und dennoch irgendwie unecht und mit falschen Tönen durchzogen wirkt. Trotz der beiden Topstars an den Steuerrädern der „Pilgrim“ und der „Santa Isabella“ kann „Sturmfahrt“ auch nicht mit einigen Seeabenteuern mithalten, die wir bisher für den Wahlberliner rezensiert haben und die der offenbar etwas realistischeren Epoche der Mittdreißiger Jahre entspringen, ist aber besser als der dritte Film des Genres, über den wir bereits geschrieben haben, der aus derselben Kinoepoche stammt wie „Sturmfahrt“ (2).

64/100

(1) Diese Abweichung zwischen Rolle und Auftritt haben wir im wesentlich bekannteren „Die Kanonen von Navarone“ bei Gregory Peck entdeckt – die Veröffentlichung der betreffenden Rezension erfolgt im Rahmen der FilmAnthologie des Wahlberliners.

(2)   Noch heute top:

–          „Captain Blood“ aus 1935 mit Errol Flynn und Olivia de Havilland und (Rezension beim Wahlberliner)
–          „Mutinity on the Bounty“ aus 1935 mit Clark Gable und Charles Laughton,

Weniger gelungen:

–          “All the Brothers Were Valiant” aus 1953 mit Stewart Granger und Robert Taylor und wieder mit Ann Blyth als Love Interest.

© 2021, 2014 (Entwurf 2013) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s