Blinder Glaube – Tatort 703 #Crimetime 939 #Tatort #Berlin #Ritter #Stark #RBB #Glaube #blind

Crimetime 939 - Titelfoto © RBB, Hardy Spitz

Womit man sehend werden kann

Wie bereits in der Vorschau angedeutet – irgendetwas kam mir an diesem Film bekannt vor, als ich ihn anlässlich seiner Wiederholung im Februar 2021 angeschaut habe. Dieses Tanzen mit Ritter und der Referentin im Wirtschaftsministerium, diese Schuhe – entweder gab es mal einen ganz ähnlichen Berlin-Krimi – oder es gab bloß noch keine Rezension zum 703. Tatort. Aber der Film wirkt auf eine Weise ohnehin sehr vertraut. Warum, das steht in der -> Rezension.

Handlung

Katja Manteuffel, Chefärztin der Berliner Uni-Augenklinik, wird ermordet aufgefunden. Die Ermittlungen führen Ritter und Stark zur Cornea AG, einer Firma, die im Rahmen des streng geheimen Projektes „Phydra“ einen revolutionären Netzhaut-Chip entwickelt hat. Dieser Chip wurde kurz nach Katja Manteuffels Ermordung einer blinden Patientin implantiert. Schon bald rückt die Augenchirurgin Mareike Andresen ins Visier der Kommissare. Aufgrund der Ermordung von Katja Manteuffel hat sie die aufsehenerregende Operation durchgeführt. Eine einmalige Chance für die Karriere der jungen Ärztin. Aber hat sie dafür gemordet?

Als Ritter und Stark herausfinden, dass die Ermordete eine heimliche Liebesbeziehung mit Tim Nicolai, dem Verlobten von Mareike Andresen und Leiter von „Phydra“, hatte, gerät auch dieser unter Verdacht. Drohte Katja Manteuffel gegenüber Tim Nicolai damit, seiner Verlobten von dem Verhältnis zu erzählen? Es hätte Nicolais Entlassung aus der Firma bedeutet, denn der Vorstandsvorsitzende der Cornea AG ist Mareikes Vater Manfred Andresen.

Doch damit nicht genug: Von der attraktiven wissenschaftlichen Mitarbeiterin Judith Wenger erfährt Ritter, dass das Bundesministerium für Bildung und Forschung „Phydra“ maßgeblich finanziert. Immer klarer wird, dass der Schlüssel zur Aufklärung im Beziehungsdickicht von Forschung und Wirtschaft verborgen liegt, in dem Profitdenken und knallharte Konkurrenz herrschen. Ritter und Stark müssen ein Geflecht aus Lügen entwirren und stehen am Ende vor einer verblüffenden Lösung.

Rezension

Was ist es, wenn man sein Zehnjähriges schon nach sieben Jahren feiert? Betrug am Zuschauer, Hoffnung auf dessen Vergesslichkeit, nur Schlamperei oder einfach okay, weil wir schließlich nicht in der Realität sind, sondern in einem Krimi mit einer fiktionalen Handlung? Und vielleicht, weil wir in Berlin sind, wo nicht nur beim Bau von Flughäfen schon mal der Eindruck entsteht, die Chronologie der Dinge sei variabel.

Vertraut wirkt der Film aber vor allem deshalb, weil er geradezu prototypisch für diese Phase in der Geschichte des Berliner Tatorts ist. Einige andere sind noch mehr auf Hochglanz poliert, noch mehr durchgestylt, in ihnen gibt es nicht einmal Wetter oder Risse im Asphalt, aber in der Summe der Eigenschaften ist „Blinder Glaube“ ein sehr gutes Spiegelbild dieser Periode. Verbrechen haben etwas mit wirtschaftlicher Tätigkeit zu tun, das ist ein gerne genommener Spin aus dieser Zeit, es geht meist um High-Tech, wie man es sich in Berlin mehr wünscht, als dass sie tatsächlich vorhanden sind und sogar Nützliches herstellen, aber wenn es dann mal herausragende Forschung gibt, stellt sich heraus, dass sie ein halbes Fake ist. Es geht um Subventionsbetrug, aber, wie so vieles auch an der Wirtschaftsförderung, ist auf den zweiten Blick nicht alles logisch.

Ein Unternehmen, das glaubhaft machen kann, dass sich die Forschung noch etwas strecken wird, verliert nicht einfach die Zuschüsse des Bundes. Wenn Dinge sich verzögern, wenn Wissenschaftler allzu euphorisch sind und das Machbare eben doch manchmal überschätzen, weil sie grundsätzlich davon ausgehen, alles ist machbar, dann wird nicht gleich der finanzielle Boden weggezogen, denn der bereits geleistete Zuschuss ist sonst unwiederbringlich verloren. Eine andere Sache ist die Bestechung, die in diesem Film auch eine Rolle spielt – und wer würde angesichts des Lobbyismus in der Politik nicht glauben, dass es sowas wirklich gibt und dass man es in den Büchern eines Projekts auch ganz gut verstecken kann. Das ist hier noch recht linear gemacht, das Fehlen der Rechner, die in den Büchern stehen und in Wirklichkeit nicht angeschafft wurden, weil man Geld für die Referatsleiterin im BMWi und der von ihr vorzunehmenden Auswahl der richtigen Gutachter brauchte, könnte ein Experte für Wirtschaftsstrafsachen leicht aufdecken. Hingegen ist das Projekt an sich kein Fake, der Ehrgeiz der forschenden Firma und ihrer besessenen Führungsmannschaft ist real, nur sind die Schwierigkeiten etwas größer als anfangs vermutet, das Forschungsziel zu erreichen.

Gedanken habe ich mir auch um die bemitleidenswerte Probandin gemacht, die zum Testimonial der neuen Technik hätte werden sollen. Etwas stimmt auch hier nicht in der Darstellung: Warum sollte sie aus dem Programm genommen werden, wenn sie nicht wirklich etwas sieht, wenn die Chips in ihre Netzhaut eingepflanzt sind und aktiviert werden? Die Forschungsleiter wussten doch, dass sie gar nichts sehen konnte. Und dass sie aus beiläufigen Bemerkungen des Projektleiters die Figuren herauslesen konnte, die sie sehen sollte – auweia. Das Risiko, dass dem nicht so gewesen wäre und sie vor aller Öffentlichkeit sagt, sie sieht nichts, war doch viel zu groß. Die richtige Auflösung wäre gewesen, dass sie in den Betrug eingeweiht wurde, mit dem Versprechen, sie später als erste mit dem funktionierenden Modell des Chips auszustatten. Denn ihr und den Forschern (nicht der operierenden Ärztin, wohl aber jener, die getötet wurde, weil sie den Betrug spitz bekam) war klar, dass es noch zumindestens einer weiteren Operation kommen musste, damit sie wieder sehen kann. Nämlich, wenn der Chip namens „Phydra“ entsprechend ausgereift ist.

Es gibt ein paar Elemente in diesem Film, die sind berührend, etwa das Schicksal der jungen Frau, die sich als Versuchskaninchen hergibt, um wieder mehr sehen zu können, während andere mindestens halb missglückt sind, wie etwa der Moment, in dem die ersatzweise operierende Ärztin zu ihrem Vater sagt: Ich war blind (weil ich deinen Ehrgeiz und wie du dafür über Leichen gehst). Das wirkt zu gestelzt, um volle emotionale Wucht entfalten zu können, wie sie durchaus vorkommt, wenn Generationen in einer Familie voneinander schrecklich enttäuscht sind.

Dass es kaum Identifikationsfiguren in diesem Film gibt, ist ebenfalls eine recht typische Eigenschaft der Berlin-Tatorte der späten 2000er. Der Oberflächenglanz soll vielleicht cool wirken, aber die Menschen wirken auf eine Weise auch leblos und wenn nicht versierte Schauspieler noch ein bisschen was aus ihren Dialogen herausholen und mit ihrer Mimik arbeiten würden, wäre dieses Business-Berlin ein richtiges Wachsfigurenkabinett. Vielleicht ist das auch Absicht und man stellt die beiden Individualisten Ritter und Stark dagegen.

Aber Ritter ist mal wieder in ebenfalls schon maniriertem Womanizer-Modus zu sehen – oh, die Cowboystiefel, nicht beim Latein! – während Stark vor allem dadurch auffällt, dass er sehr häufig sehr schlau vor sich hinlächelt. Sein Privatleben spielt dieses Mal keine Rolle, wenn man von den Tanzübungen mit dem Kollegen Ritter absieht, die aber wiederum einen dienstlichen Zweck haben.

Finale

Die Gesamtanlage des Films ist aber nicht verkehrt – das Pingpong zwischen Forschung, Wirtschaft, Politik und angewandter Medizin ist in der gezeigten Form durchaus vorstellbar und gibt sicher nicht die ganze furchtbare Wahrheit wieder. Wer an Vorgänge wie WireCard denkt, weiß, warum in Tatorten wohl immer nur die Spitze des Eisbergs gezeigt werden kann. Dass das Bundesministerium für Wirtschaft benannt wird, ist interessant – ich weiß nicht, ob es das vorher schon einmal gab, denn damit wird eine wichtige Behörde doch recht unverblümt angegangen.

Die Referatsleiterin steht aber wohl pars pro toto – nämlich für den Filz, der zwischen der Wirtschaft und der Politik herrscht. Gerade die heutigen Spitzen wichtiger Ministerien stehen immer wieder unter Beobachtung durch Lobbywatch oder Abgeordnetenwatch, weil sie als nicht sauber gelten.

Und man bedenke, wie die Politik bei CumEx mit dafür gesorgt hat, dass die vielen verlorenen Steuermilliarden auch ja nicht wieder eingebracht werden können. Da hat sich ein undemokratischer Echt-Regierungsmechanismus an der Bevölkerung vorbei etabliert, dessen Schmierstoff man in Deutschland nur sehr ungern „Korruption“ nennt, weil wir ja in einem Staat mit gut versorgten Politikern und Beamten leben, die sowas eigentlich nicht nötig hätten. Aber die Gier und der Ehrgeiz bestimmter Persönlichkeitstypen sind grenzenlos und dieses Phänomen wird in „Blinder Glaube“ recht passabel dargestellt.

7/10

© 2021 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Vorschau: Manchmal geht’s vielleicht nicht anders

Wenn man von einer Sache einfach keine Ahnung haben kann, ist man blind. Es fehlt schlicht die Kompetenz, damit man sich als sehend bezeichnen könnte. So geht es derzeit ganz vielen von uns. Wir wissen fast nichts und müssen in der Pandemie blind vertrauen und daran glauben, dass die Fachleute das Beste für uns wollen – oder wir glauben das genaue Gegenteil, das sieht man auch immer wieder. Nur Wissen ist Macht, aber Glaube kann trotzdem eine Stärke sein und manchmal ist er stärker als Wissen.

Wenn ich mir die Handlungsbeschreibung dieses Films durchlese, glaube ich, ihn doch zu kennen, obwohl es keine Rezension dazu gibt. Ich weiß es aber nicht genau, denn in Berlin wurde mehr als ein Film gedreht, der im Milieu der forschenden Mediziner*innen angesiedelt ist. Außerdem ist das übliche Spiel von Geld und Macht Politik und Wirtschaft immer ähnlich vom Verlauf. Ob es für von Lobbyismus und Korruption abgenervte heutige Zuschauer interessant ist, hängt vor allem davon ab, wie es dargestellt wird.

Da ich keine Rezension posten kann, gibt es also eine Vorschau und einen Vermerk für den 22.02.2021, 22:15 Uhr, dann wird er nämlich im RBB wiederholt und über kurz oder lang, jedenfalls nach diesem Abend, kommt wirklich eine Kritik von mir zu diesem 19. von 31 Fällen des Berliner Teams Ritter und Stark. Die Nutzer*innen des Tatort-Funds zählen ihn eher zu den schwächeren Werken dieser Ära, er steht aktuell auf Platz 22. Auch wenn ich das nicht immer so präsent habe: Ritter und Stark zählen zu den überdurchschnittlichen Ermittlern, denn dieser Platz 22 bedeutet gleichzeitig Rang 580 in der Gesamtwertung aller bisherigen Tatorte, also fast exakt durchschnittlich (1169 gelistete Fälle, davon 13 „außer Konkurrenz“). Vor allem gegen Ende der gemeinsamen Arbeit haben sie mit Filmen wie „Gegen den Kopf“ brilliert, der aktuell als zweitbester Tatort aller Zeiten gilt (ebenfalls nach Ansicht der Nutzer*innen der Plattform Tatort-Fundus).

Bei denjenigen, die eine Meinung beigefügt haben, kann man nachlesen, was ich schon oft an Tatorten jener Epoche bemängelt habe: Zu viel Oberflächenglanz des neuen Berlin und daher zu oberflächlich, von zu „durchdesigned“ ist z. B. die Rede. Durchgestylt waren sie ja wirklich, die Tatorte jener Jahre und dann immer die präsenten Amouren von Ritter. Die sollen dieses Mal aber nicht so ausgeprägt sein, wie man es in einigen Filmen zuvor beobachten konnte. Überhaupt hat man sich diesbezüglich zum Ende der Ära hin etwas mehr zurückgenommen und nicht nur in einer Stadt, in der eine gewisse Sensibilität gegenüber Themen wie Sexismus herrscht, war es eine gute Entwicklung, dem Ritter peu à peu etwas von seinem Old-School-Machismo zu nehmen. Auch der Präsenz seines Partners Stark hat das gutgetan.

Berührt hat der Film einige Menschen wohl nicht, zumindest haben sie es so aufgeschrieben – aber das hat in der Tat mit dem Styling der Ritter-Stark-Filme zu tun und natürlich mit den Milieus, in denen sie angesiedelt sind. Es war sicher auch so gedacht, dass eine gewisse kühle Aura entstehen sollte – die allerdings speziell auf einen Bezirk rekurriert, nämlich Berlin-Mitte und dort wiederum nur auf die tatsächliche neue Stadtmitte – die Gegend, in der einst die Mauer stand, nicht auf weitere Stadtteile wie den Wedding, die ebenfalls zu diesem Bezirk zählen. Dadurch sind 90 Prozent von Berlin mehr oder weniger vernachlässigt worden, alles um des Außenbildes der Stadt wegen. Aber eine Zeit, in der Berlin wirklich als Panorama gezeigt wurde, gab es bisher im Tatort nicht. Teilweise lag das auch an der ruckigen Geschichte der Reihe in dieser Stadt, in der viele Jahre lang kein richtiges Konzept möglich zu sein schien. Das wurde spätestens mit Ritter und Stark, schon zuvor für ein paar Jahre mit Markowitz, anders, aber beide Epochen waren eben sehr speziell ausgestaltet und vermitteln einen beinahe gegensätzlichen Eindruck von der Stadt. 

Besetzung und Stab

Felix Stark – Boris Aljinovic
Till Ritter – Dominic Raacke
Manfred Andresen – Jörg Gudzuhn
Dr. Tim Nicolai – Justus von Dohnányi
Weber – Ernst-Georg Schwill
Judith Wenger – Gesine Cukrowski
Dr. Mareike Andresen – Judith Engel
Wiegand – Veit Stübner
Monika Himmelrath – Franziska Troegner
Prof. Dr. Lutz Manteuffel – Dietrich Mattausch
Patientin Kerstin Vonk – Anne Kanis

Kamera – Wolf Siegelmann
Regie – Jürgen Bretzinger
Musik – Curt Cress
Buch – Andreas Pflüger

 

 

 

Felix Stark – Boris Aljinovic
Till Ritter – Dominic Raacke
Manfred Andresen – Jörg Gudzuhn
Dr. Tim Nicolai – Justus von Dohnányi
Weber – Ernst-Georg Schwill
Judith Wenger – Gesine Cukrowski
Dr. Mareike Andresen – Judith Engel
Wiegand – Veit Stübner
Monika Himmelrath – Franziska Troegner
Prof. Dr. Lutz Manteuffel – Dietrich Mattausch
Patientin Kerstin Vonk – Anne Kanis

Kamera – Wolf Siegelmann
Regie – Jürgen Bretzinger
Kostüm – Daniela Thomas
Szenenbild – Ralf Küfner
Musik – Curt Cress
Schnitt – Claudia Fröhlich
Produzent – Mario Melzer
Produktionsleitung – Andreas Berndt
Buch – Andreas Pflüger

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