Filmriss – Tatort 508 #Crimetime 984 #Tatort #Berlin #Ritter #Stark #RBB #Film #Riss

Crimetime 984 – Titelfoto © RBB

Berlin – ich liebe diese Stadt!

Die Handlung in einem Satz, ohne Auflösung: Kommissar Till Ritter lernt im Supermarkt eine schöne Frau kennen, verabredet sich mit ihr, folgt ihr in eine Wohnung und dann ist sie tot und er hat einen Filmriss, gerät unter Mordverdacht, hat einen Gerichtstermin, der überraschende verschwörungstheoretische Ansätze anbietet, der Verdacht gegen ihn, die junge Frau ermordet zu haben, erhärtet sich und Ritters Lebensraum, diese ganze, große Stadt, die er so liebt, verengt sich erst einmal erheblich.

2021-05-18 Tatort 508 Filmriss Stark Boris Aljinovic RBB Konterbild„Filmriss“ ist der fünfte von nunmehr endgültig auf die Zahl 30 festgeschriebenen Tatorten mit den Berliner Ermittlern Ritter und Stark. Eine nette Idee vom RBB, ihn kurz nach dem Stark-Abschied „Großer schwarzer Vogel“ auszustrahlen und uns dadurch einen Einblick in die Frühzeit des Gespanns zu geben, das so ungleich ist und doch – in „Filmriss“ viel besser funktioniert als zuweilen sonst in den Großstadt-Glamour-und-Cowboy-Filmen, die wir hinreichend als schematisch und oberflächlich kritisiert haben, wobei wir von der grundsätzlichen (und einige Jahre später etwas differenzierteren) Kritik die Tatorte „Machtlos“ und „Gegen den Kopf“ ausnehmen, bei denen zu guter Letzt eine andere Linie eingeschlagen wurde.

Zum Zeitpunkt der Republikation der vorliegenden Kritik zum 508. Tatort sind wir auch etwas weiter, haben uns sogar Filme mit Ritter anschauen können, die vor der Zusammenarbeit mit Stark gedreht wurden. Damals hieß der Ermittlungspartner Hellmann und es bietet sich ein ganz anderes Bild bezüglich der Positionen im Gespann. Damals war es noch nicht so, wie unsere beiden gewählten Bilder es symbolisieren. Ritter darf anfassen, Stark muss Fotos von den Personen zeigen, die Ritter anfassen durfte. Wir kennen mit „Berliner Bärchen“ nun auch den Auftaktfall von Stark. Und wie hat uns der Film mit dem Riss gefallen? Es steht in der -> Rezension. 

Handlung

Hauptkommissar Till Ritter wird von seinem Partner Felix Stark aus dem Tiefschlaf geholt: Eine junge Frau wurde ermordet. Nachdem Till aufgelegt hat, ist er völlig desorientiert. Warum hat er die Nacht auf einer Parkbank verbracht? Wo ist die schöne Frau, die er am Abend getroffen hat?

Als Till am Tatort ankommt, erkennt er schockiert, dass die schöne Unbekannte, die er am Abend kennengelernt hat, tot in ihrem Bett liegt. Felix stellt seinen Partner zur Rede. Was hat er mit dem Mord zu tun? Aber Till hat einen Filmriss, er kann sich an nichts mehr erinnern. Im Laufe der Ermittlungen gibt es immer mehr Beweise gegen ihn, so dass er schließlich festgenommen wird. Felix Stark findet schließlich heraus, dass sein Partner das Opfer eines raffinierten Komplotts geworden ist. 

Rezension / enthält Angaben zur Auflösung

Dass „Filmriss“ als einer der besten Ritter-Stark-Tatorte gilt, können wir nachvollziehen. Es wird viel geboten, 2002 war das sicher einer der rasantesten Tatorte, der bis dahin gefilmt wurde, und so hat man die beiden asymmetrischen Polizistenfiguren wohl auch aufstellen wollen: Als mitten im Großstadtgetriebe drin, nicht nur dabei, mehr betroffen als gewünscht, bedrängt, beinahe vernichtet, im letzten Moment gerettet. Da braucht es keine anderen Verdächtigen mehr, wenn Ritter auf eine Frau trifft. Da kann er fast nur der Täter sein. Wenn auch nicht in einem Mordfall.

Dabei hat er sich doch im Supermarkt so bewegt, dass die Frau und er zusammengestoßen sind – nicht sie. Was, wenn er das nicht getan hätte? Egal, irgendwie hätte sich schon seine Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Ihm wird in der Folge beinahe seine Schwäche für Frauen zum Verhängnis. Die ist in dieser Phase der Berlin-Tatorte mit dem Kleinen und dem Großen noch sehr stark ausgeprägt und beruhigt sich erst mit der Zeit, als Ritter älter wird.

Guter Gag: Eine Zeugin ihn als Mitte bis Ende 30 beschreiben zu lassen, obwohl die Figur zum Zeitpunkt des Drehs 44 Jahre alt ist, genau wie der Schauspieler – soll suggerieren, dass er wesentlich jünger aussieht, als er ist, stimmt aber nicht. Dafür wird Stark wegen seiner Nase gehänselt. Das finden wir unpassend. Die von Ritter ist fast genauso groß, aber in seinem flächigeren Gesicht und angesichts seiner anderen Statur wirkt sie nicht so prominent.

Damit wissen wir nicht nur, wie sich der Durchschnittszeuge aus einer Bar einen Sexualstraftäter / Frauenmörder vorstellt (eher wie Stark als wie Ritter), sondern auch, warum die beiden, entgegen allen übertriebenen Beteuerungen am Ende des Films nie echte Freunde werden können. Dass er Film mit dem unterschiedlichen Attraktivitätsgrad der beiden so spielt – aber gut, irgendwie wirkt es authentisch.

Ganz im Gegensatz zum Fall an sich. Keine Frage, Ritter und Stark liefern hier eine der besten Leistungen ab, die wir bisher von ihnen gesehen haben, aber, um des Himmels Willen, Herr Tukur!

Wir wissen mittlerweile, dass der fiese Chirurg (wo ein Arzt, da ein Arsch, zumindest in Tatorten) in Wirklichkeit Felix Murot heißt, Ermittler beim hessischen LKA ist und einen Hirntumor hatt(e). Nur durch diesen lässt sich auch erklären, dass er seinen Gegner Till Ritter tatsächlich in seine Zelle bittet und ihm alles offenbart, was dieser sich schon dachte, aber niemals hätte beweisen können. Der Größenwahn offenbart sich im Drang zu Offenbarungen.

Das ist ein ebenso unrealistischer wie im Film häufiger Kniff, um den Täter als talking Head zu verwenden und dem Zuschauer endlich zu erklären, was Sache ist und was zu zeigen das Drehbuch bisher versäumt hat. Ein erheblicher Mangel an Realitätsbezug kann durchaus spritzig wirken, wenn man ihn so mixt wie in diesem Fall, der einen Mix aus Whodunit und Thriller darstellt.

Dieses Mal nicht erst das eine, sondern erst das eine, dann beides – nicht schlecht gemacht, aber das Vergnügen liegt zu einem nicht geringen Grad im Genuss, die aberwitzigen Handlungsweisen und Wege des KHK Ritter zu verfolgen und wie die anderen, insbesondere Stark, darauf reagieren müssen. Die Schauspieler Raacke und Aljinovic machen das sehr gut, auch wenn wir in den ersten Minuten beinahe ebensolche weißgrauen Haare gekriegt hätten, wie Ritter … sie jetzt hat, in 2014, nicht in „Filmriss“ aus 2002, da waren sie noch dunkelgrau. Die ersten Minuten wirken hölzern in Dialog, Schauspielerführung und Inszenierung. Bis zum Mord an der schönen Dating-Professionellen und Schauspielerin.

Das war die Pflicht, dann wird’s spannend und viel flüssiger und wir atmen auf, denn dieses etwas erzwungen wirkende Machotum von Ritter ist nicht der Kern seines Wesens, auch wenn in den Berliner Tatorten gerne so getan wird, um eine Masche aufzuziehen und ihm ein Alleinstellungsmerkmal zu verschaffen (bis heute ist kein anderer Kommissar aus dem Tatortland so sehr ein Frauentyp, gemäß seinen Drehbüchern, wiederum ex Top-Tatorte aus 2013). Ein weiterer guter Trick: Suggestiv immer wieder die einzige Szene zu wiederholen, in der man nackten Busen sieht. Aber sie ist ja wichtig, weil genau da der Filmriss einsetzt. Wie kann man sich nur von lächerlichen K. O.-Tropfen genau in dem Moment außer Gefecht setzen lassen, in dem die Frau zeigefreudig wird? Ritter! Wir haben dich durchschaut!

Schon eher nehmen wir dir den Großstadtcowboy ab, der angesichts der Finten seiner Gegner zunächst eher wirkt wie ein echter Cowboy, den es in den Asphaltdschungel verschlagen hat und der sich dort erst klarfinden muss, um den Kampf aufnehmen zu können. Anfangs liebt er staunend die Stadt Berlin, als er von der schicken Wohnung aus direkt auf den Potsdamer Platz mit seinem damals krachneuen Bau-Ensemble guckt.

Im Anschluss wird die Stadt ein heißes Pflaster und der Mann vom LKA kommt der Realität näher. Der Glanz des neuen Berlin und diese Wohnungen in Mitte mit den schönen Frauen drin, das alles ist nicht Echtes, solange in alten Villen im alten Westen fiese Schurken sitzen, die im Beruf weiße Kittel tragen. Da kommt Ritter an und geht durch Schock und Verzweiflung und weint Tränen, die wir an der Stelle, an der sie kommen, okay und überzeugend finden. Das ist in der ganz kleinen Untersuchungshaftzelle, von welcher aus er von einem bestochenen Beamten in eine fünfmal größere Zelle geführt wird, welche dem Arzt gehört, der ebenfalls einsitzt. Große Chirurgen haben auch im Gefängnis andere Möglichkeiten als kleine Kommissare, was sich direkt in den Ausmaßen der bewohnten Räumlichkeiten ausdrückt.

Da wird dieser Tatort endgültig surreal, und man meint, einem Piloten für die späteren Murot-Filme beizuwohnen. Die Inszenierung, welche dieser gegen Ritter betreibt, wirkt zunächst überplusgut konstruriert, am Ende aber eher mäßig. Niemals kann ein Schachspieler, der Zug um  Zug agiert, mit mehreren Figuren gleichzeitig agieren wollen, wie er es am Ende tut. So etwas sieht ein Spiel, das immer die Kontrolle über alle Kombinationsmöglichkeiten nach einem Zug des Gegners ohne den Einfluss der überlappenden Gleichzeitigkeit bieten muss, nicht vor. Außerdem ist fragwürdig, ob der Arzt den Kommissar für einen ebenbürtigen Gegner halte kann, so viele Fehler, wie dieser macht und sich dabei tiefer in den Mist reitet, als es notwendig gewesen wäre, doch am Ende findet der Meister seinen Meister. Ritter sind eben unvergleichlich.

Okay, die Kratzspuren – notwendig zur Überführung von Ritter als untreuer Ehemann währen sie nicht gewesen, aber sie liefern die DNA-Übereinstimmung, die Ritter ins Gefängnis führt, von wo er alsbald ausbricht, um seinen Gegner zu stellen. Zudem hat er es noch mit Leon, dem Profi zu tun (nette Anspielung), ebenso wie Stark, was zu physischer Einwirkung gegenüber letzterem führt.

Finale

Sicher hat auch „Filmriss“ Botschaften, vor allem jene, die Kaste der Götter in Weiß als manipulative Trickser  darzustellen („ich entscheide doch nicht, wer als nächstes ein Spenderorgan bekommt“ – auch das wissen wir mittlerweile besser) ist interessant. Mittlerweile von besonderer Bedeutung ist ebenfalls, dass mit der Charité ein tatsächlich vorhandener Berliner Klinikkomplex als Arbeitsort des Arztes benannt wird, an dem Spender-Organe zu Erpressungszwecken eingesetzt werden. Wäre das heute noch möglich? Offenbar ist man an in diesem Krankenhauskonzern auch ein wenig großzügig, was die Darstellung des eigenen Standes angeht. Zumindest vor zwölf Jahren war man das noch.

Doch die Botschaft, auch wenn man diese Fremdgehsachen und die Quasi-Detektivarbeit der Seitensprung-Agentur oder Seitensprung-Bereitschafts-Aufdeckungsagentur als Auswüchse des heutigen Großstadtlebens und der heutigen Art zu leben und mit Gefühlen umzugehen einbezieht, ist nicht das Ding. Die ist im Grunde eher flach, und da trifft sich „Filmriss“ mit vielen anderen Ritter-Stark-Tatorten, die aber weniger schmissig inszeniert sind.

Das Ding ist die Hatz und wie sich Ritter immer wieder aus den misslichsten Situationen windet. Da sind Momente von echter Komik drin, wie man sie in den Filmen mit den beiden selten sieht, wenn der Humor auf Dialoge zwischen Ritter und Stark zentriert werden soll. Die Chose ist zudem für damalige Verhältnisse ausnehmend modern gefilmt, viele Momente, in denen die Kamera uns besonders stark einbindet, gefallen noch heute und der Film könnte auch heute noch so gedreht werden.

Von den etwas älteren Ritter-Stark-Tatorten, die wir bisher gesehen und für den Wahlberliner rezensiert haben, ist „Filmriss“ wohl der beste und all seiner unglaubwürdigen Handlungselemente zum Trotz und vor allem wegen des guten Spiels

8/10.

© 2021, 2014 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Till Ritter (Dominic Raacke)
Felix Stark (Boris Aljinovic)
Lutz Weber (Ernst-Georg Schwill)
Wiegand (Veit Stübner)
Dr. Meister (Ulrich Tukur)
Leon Mickler – Ralf Richter
Thea Winter – Naomi Krauss
Alex Barold – Gennadi Vengerov
Sarah von Saaslow – Neza Zelbus
Kareen Brandner – Ellen Ten Damme
Wiegand – Veit Stübner

Kamera: Frank Brühne
Buch: Horst Freund
Regie: Ralf Bohn 

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