Ein Hauch von Nerz (A Touch of Mink, USA 1962) #Filmfest 482

Filmfest 482 Cinema

Ein Hauch von Cary Grant und viel Doris Day

Ein Hauch von Nerz ist eine US-amerikanische Filmkomödie des Regisseurs Delbert Mann aus dem Jahr 1962 mit den Hauptdarstellern Doris Day und Cary Grant.

Es geschah drei Jahre zuvor, dass die bereits recht beliebte Doris Day mit dem bereits bekannten Rock Hudson in „Bettgeflüster“ zu einem Hauptdarsteller-Team zusammengeführt wurde und daraus ein großer Erfolg wurde. Wie bei großen Erfolgen üblich, besonders in den USA, versucht man sich so bald wie möglich an Fortsetzungen. Die nächste Hudson-Day-Komödie kam 1961 heraus und lautete auf Deutsch „Ein Pyjama für zwei“, in den USA „Lover Come Back“. 1964 kam „Schick mir keine Blumen hinzu“, mit James Garner wurde zwischenzeitlich „Was die Frau so alles treibt“ und „Eine zuviel im Bett“ gedreht, nach demselben Muster.

Die letzten dieser Art von Filmen waren „Spion in Spitzenhöschen“ (1966) und „Caprice“ an der Seite von Rod Taylor, der u. a. durch Hitchcocks „Die Vögel“ bekannt geworden war. Mit „Caprice“ ging auch Doris Days große Karriere zu Ende. Sie hätte vielleicht zu ernsteren Rollen zurückkehren können, die sie zuvor durchaus spielte (u. a. in Alfred Hitchcocks „Der Mann, der zu viel wusste“ im Jahr 1956 oder als Verkörperung der Sängerin Ruth Etting in „Love Me or Leave Me“ ein Jahr zuvor), aber sie war nun einmal ein großer Komödienstar geworden und als solcher in die Jahre gekommen. Zumindest in jene Jahre, in denen man diese Girl-meets-rich-Boy-Rollen nicht mehr so gut spielen konnte. Und wie mit Cary Grant 1962 in „A Touch of Mink“? Dies betrachten wir näher in der -> Rezension.

Handlung (1)

Cathy Timberlake befindet sich gerade auf dem Weg zu einem Vorstellungsgespräch, um ihrer Arbeitslosigkeit endlich ein Ende zu bereiten, als der Rolls-Royce des reichen und egozentrischen Geschäftsmannes Philip Shayne durch eine Pfütze fährt, sie mit Schmutzwasser bespritzt und ihren Mantel ruiniert.

Sie geht in ein Automatenrestaurant, um sich bei ihrer Freundin und Wohnpartnerin Connie, die dort arbeitet, zu beschweren. Der Rüpel, der einfach weiterfährt, ist ein wohlhabender, gutaussehender Junggeselle, der Cathy als Wiedergutmachung einen Job als Sekretärin anbietet. Sie akzeptiert den Vorschlag, ihn auf seiner nächsten Geschäftsreise zu begleiten… Doch die endet in einem Fiasko.

Kaum auf den Bermudas gelandet, wird Cathy von Wahnvorstellungen heimgesucht, dass jeder Hotelgast und jeder Einheimische sähe, dass sie und Philip Shayne nicht verheiratet sind. Vor soviel Aufregung bekommt Cathy im Gesicht einen Ausschlag. Der herbeigerufene Arzt diagnostiziert den Ausschlag als etwas, das eigentlich nur Jungverheirateten widerfährt.

Am nächsten Tag fliegen sie wieder nach Hause, beide ziemlich betreten, was vor allem Roger, dem Finanzberater von Shayne, gefällt, der schon lange mit Philip in einer Hass-Liebe zusammenarbeitet und das reinste Nervenbündel ist. Doch Cathy kann an niemand anderen als Philip mehr denken und fliegt kurzerhand zurück auf die Bermudas, von wo sie Philip anruft, damit er auch kommt, um es noch einmal zu versuchen.

Cathy ist so nervös, dass sie eine ganze Flasche Whisky trinkt, und, als Philip ankommt, sturzbetrunken vom Balkon fällt. Auch diese Reise geht somit in die Hose. Roger geht ganz schadenfreudig wieder zu seinem Psychiater, Dr. Gruber, erzählt ihm aber dummerweise die ganze Geschichte in der Ich-Form, aus der Sicht von Cathy. So denkt der Psychiater, Roger sei homosexuell.

Wieder Zuhause bei ihrer Freundin Connie, beschließt die, Cathy nach Hause nach Upper Sandusky zu ihrer Familie zu schicken, um sich zu entspannen. Doch Cathy weigert sich, und starrt tagelang trübsinnig vor sich hin. Da bekommt sie ein Job-Angebot in einer Bank, doch als sie erfährt, dass ihr Philip Shayne diese Arbeit besorgt hatte, richtet sie dort ein unglaubliches Chaos an und rennt weg.

Philip, der schon lange unbewusst in Cathy verliebt ist, schickt Roger zu ihr nach Hause. Roger wird zwar empfangen, aber von Conny und der Haushälterin, mit Besen, Vasen und einem Hund traktiert. Er versucht sein Glück ein zweites Mal und ist nach der Aufklärung wegen der Verwechslung mit Philip erfolgreich. Zusammen hecken sie einen Plan aus, wie sie Philip überlisten können.

Cathy geht mit Beasley aus, einem abscheulichen Typ aus dem Arbeitsamt, der schon lange ein Auge auf sie geworfen hat, in der Hoffnung, Philip werde ihr nachfahren. Sie geht bei jeder Tankstelle auf die Toilette, nur um Zeit zu schinden. Währenddessen geht Roger zurück zu Philip, der gerade in der Sauna schmort, und erzählt ihm, wohin und mit wem Cathy ausgeht. Daraufhin rennt Philip, nur mit einem Handtuch bekleidet, zum nächsten Taxi und folgt ihr.

Im Motel stören zuerst er, dann Roger versehentlich das falsche Pärchen, bevor er Cathy findet und nicht wieder hergibt.

Die Hochzeitsreise führt sie wieder einmal auf die Bermudas. Philip aber bekommt, nun verheiratet, vor Nervosität denselben Ausschlag, wie ihn auch Cathy – noch unverheiratet – hatte. Ein Jahr später gehen Cathy und Philip Shayne mit ihrem Baby und Roger spazieren, als Dr. Gruber nach einem langen Erholungsaufenthalt wieder auftaucht. Als er den Sekretär mit dem Baby sieht, verfällt er vor Schreck wieder seinen Wahnvorstellungen.

R2021-02-06 Filmfest Cinema 2021ezension

„Nach ‚Bettgeflüster‘ und ‚Ein Pyjama für zwei‘ die dritte Variation eines Erfolgsrezeptes mit Doris Day: ein heiter-komödiantisches, bei aller Koketterie stets sauberes Spiel mit der Frivolität. Seinen eigentlichen Witz bezieht der Film aus der ins Bizarre übersteigerten Nebenhandlung, die die Liebesgeschichte bricht und aufs köstlichste karikiert.“ – Lexikon des internationalen Films[1]

Der Film fuhr die vierthöchsten Einspielergebnisse des Jahres 1962 ein, man kann also auch in diesem Fall von einem großen Erfolg sprechen. Ganz sicher wollten viele Kinogänger sehen, wie sich Doris Day an der Seite des unvergleichlichen Cary Grant macht oder umgekehrt, und was war die deutsche kirchliche Kritik froh, dass der Film doch recht sauber war. Ist er das wirklich? Zumindest nicht in der Nebenhandlung, nach damaligen Maßstäben, denn es wird nicht weniger angedeutet als eine schwule Ehe und dass dabei sogar ein Baby herauskommt, und zwar kein adoptiertes. Das ist zwar ein Gag, aber immerhin. Dadurch, dass Cary Grant eine Upper-Class-Figur spielt und New York der Place to be war und ist, wirkt alles progressiver als zum Beispiel in „Was die Frau so alles treibt“, der zwar ein Jahr später entstand, aber mental zurück in die 1950er wies, denn das Ende war: Die Frau gehört an den Herd, auch wenn sie beruflich zwischenzeitlich erfolgreicher war als ihr Mann. Das ist wirklich in vieler Hinsicht ein fieser Film, mit einer repressiveren Tendenz als die Komödien mit Rock Hudson und als „Ein Hauch von Nerz“ mit Cary Grant, wenn man von den Nerzen absieht.

In her autobiography, Doris Day wrote: „Of all the people I performed with, I got to know Cary Grant least of all. He is a completely private person, totally reserved, and there is no way into him. Our relationship on Ein Hauch von Nerz (1962) was amicable but devoid of give-and-take… Not that he wasn’t friendly and polite – he certainly was. But distant. Very distant. But very professional – maybe the most professional, exacting actor I ever worked with. In the scenes we played, he concerned himself with every little detail: clothes, sets, production values, the works. Cary even got involved in helping to choose the kind of mink I was slated to wear in the film.“

Ich finde, man merkt dem Film die Liebe zum Detail, ich denke nur an die violett angehauchte Beleuchtung in den Innenräumen auf den Bermudas und auch den Citroen DS Décapotable, den Cary Grant selbst ausgesucht haben soll. Er wird auch als Gentleman im Leben beschrieben, aber das, was Doris Day über ihn sagt, macht sich für mich durchaus in einem Unterschied bemerkbar: Die beiden Hauptdarsteller matchen nicht so perfekt Day und Hudson. Sicher spielt der Altersunterschied da eine gewisse Rolle, aber Cary Grant hatte im Jahr darauf sogar ein erfolgreiches Teaming mit Audrey Hepburn in „Charade“, der heute als der bessere Film gilt, im Vergleich zu „Ein Hauch von Nerz“ – natürlich auch, weil er stilistisch und inhaltlich stark an Alfred Hitchcocks Agenten-Thrillerkomödien angelehnt ist.

Tatsächlich werten die IMDb-Nutzer*innen derzeit „A Touch of Mink“ mit 6,7/10, während die Day-Hudson-Filme Wertungen zwischen 7/10 und 7,4/10 erreichen, mit der höchsten Wertung natürlich für „Bettgeflüster“. Wenn man genauer hinschaut, liegt das Problem vielleicht sogar eher bei Cary Grant als bei Doris Day. Sie spielt, was sie immer in diesen Filmen spielt, ein Mädchen, das sich in der Großstadt durchschlägt und auf einen Typ trifft, der ihr Leben auf den Kopf stellt. In „A Touch of Mink“ wird aber die Fallhöhe als sehr groß dargestellt. Auf der einen Seite ein richtiger Tycoon, den Grant mit einem Schuss zu viel Nonchanlance spielt, auf der anderen das, was man damals eine „Tippse“ nannte, während sie z. B. in „Bettgeflüster“ eine versierte Werbefachfrau ist, die mit Rock Hudson als Konkurrent um das Budget einer Kosmetikfirma kämpft. Dieser bootet sie mit unfairen Mitteln aus oder auch mit männlichen Mitteln und zeigt, wie primitiv Männer eben oftmals denken.

In „Ein Hauch von Nerz“ hingegen verschafft Grant ihr sogar einen Job, den sie durch eine Katastrophe beendet, weil sie nicht protegiert werden will. Das ist zwar ehrenhaft, aber alles andere als auf Augenhöhe und bis zum Schluss bleibt das Verhältnis wegen der erheblichen finanziellen Asymmetrie einseitig. Man hat nie das Gefühl, dass Cary Grant in Schwierigkeiten geraten könnte, er hält die Faden in der Hand, sodass der Pickel-Gag am Ende geradezu als notwendig erscheint, damit er nicht allzu perfekt wirkt und um seine Fähigkeit, sich selbst ironisieren zu können, ein wenig in den Film einzubringen. Nach meiner Ansicht gibt es bezüglich des Nerzes eine Anspielung auf einen viel ernsteren Film, nämlich auf „The Big Heat“, den ich kürzlich rezensiert habe.

Dort wird auf die Stellung von Geliebten als „Frauen im Nerz“ angespielt und in „Ein Hauch von Nerz“ begegnen sich zwei Frauen mit ihren jeweiligen Liebhabern im Aufzug und erkennen einander bezüglich ihrer Position am Outfit. Allerdings erschießt nicht, wie in dem erwähnten Polizeidrama, die eine Frau die andere.

Ein wenig politisch ist „Ein Hauch von Nerz“ ebenfalls. Er stellt Entwicklungshilfe in einer Rede bei den Vereinten Nationen als Anstoß zum Self-Empowerment dar. Ob diese moderne Ansicht von Cary Grant promotet wurde, weiß ich nicht, aber sie macht den Kapitalisten so sympathisch, wie er wirken soll und durch seinen Darsteller tatsächlich wirkt. Ansonsten werden geschäftliche Vorgänge noch mehr vereinfacht als sonst in Filmen wie diesem üblich, und vor allem gewinnt Cathy aus ihrer Lebensklugheit, die sie spontan in einer Sitzung des Boards von Grants Firma äußert und die zu einer gelungenen Übernahme führt, keine Beraterinnenstellung, sondern nur die private Zuneigung des Unternehmers und muss sich stattdessen weiter mit einem Arbeitsamt herumschlagen, das noch übler wirkt als die Jobcenter-Diskriminierungsmaschine unserer Tage; mit einem Sachbearbeiter vor sich, der ihr den Scheck sperren kann, wenn sie den Eindruck erweckt, sich nicht aufopfernd genug um einen neuen Job zu bewerben und der außerdem übergriffig wird. Allerdings wurden die Menschen in den frühen 1960ern auch nicht dazu verdonnert, prekären Bullshit zu arbeiten, der weit unterhalb ihrer Qualifikationen liegt. Eher im Gegenteil, denn damals herrschte echte Vollbeschäftigung und man konnte sich in den USA noch ohne drei bis vier Uni-Abschlüsse maßvoll hocharbeiten.

Finale

Cary Grant zu sehen, ist immer ein Vergnügen, aber in jenen Jahren machte er mehrere Komödien, sogar mit Ingrid Bergman („Indiscreet“), zu welcher er als Typ weitaus besser passt als zu  Doris Day, die heute keine Begeisterungsstürme mehr hervorrufen. Sie reichen bei Weitem nicht an „Der unsichtbare Dritte“ und an „Charade“ heran. Aber alle diese Doris-Day-Filme sind was? Frauenfilme. Frauen werten in der IMDb signifikant höher als Männer, nämlich in der Regel zwischen 0,4 und 0,5 Punkte. Was sagt uns das hinsichtlich des Rollenverständnisses heutiger Frauen und bezüglich der Typen, die sie selbst offenbar schätzen?

Jedenfalls drückt das Abstimmungsverhalten der Männer aus, dass sie sich Typen wie jenen, die Grant oder Hudson in den Komödien mit Day spielten, nicht gewachsen fühlen, sowohl optisch als auch ökonomisch. Beim erzkonservativen „Was die Frau so alles treibt“ liegt der geschlechtsspezifische Unterschied allerdings sogar bei 0,6 Punkten, obwohl der Mann weitaus mehr wie der Guy next Door wirkt. Daran merkt man, dass die sozialen Medien von heute aus Blasen bestehen und es nicht so viele Feministinnen mit der gesellschaftlichen Spaltaxt in der Hand gibt, wie man aufgrund der Äußerungen in diesen Netzwerken vermuten könnte.

65/100

© 2021 (Entwurf 2020) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Delbert Mann
Drehbuch Stanley Shapiro
Nate Monaster
Produktion Martin Melcher
Stanley Shapiro
Musik George Duning
Kamera Russell Metty
Schnitt Ted J. Kent
Besetzung

 

 

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