Die falsche Sonja – Polizeiruf 110 Episode 190 #Crimetime 987 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Halle #Schmücke #Schneider #MDR #Sonja #Schad

Crimetime 987 - Titelfoto © MDR

Die neuen Polizeiruf-Ermittler in Halle und die Neue Sachlichkeit

„Die falsche Sonja“ ist der vierte Fall für die 1996 gestarteten Hallenser Kommissare Schmücke und Schneider, die beiden ersten, „Der Pferdemörder“ und „Lauf oder stirb„, die in direkter Folge Premiere hatten, sind bereits für den Wahlberliner rezensiert, der dritte, „Der schlanke Tod“, wird demnächt hinzukommen. „Die falsche Sonja“ bezieht sich auf eines der bekanntesten Gemälde von Christian Schad, das im Jahr 1928 entstand und „Sonja“ genannt wird. Um eine Kopie dieses Bildes geht es im Wesentlichen im 190. Polizeiruf. Die ersten Filme des Duos Schmücke und Schneider, des bisher erfolgreichsten Polizeiruf-Ermittlerteams nach der Wende, wurden von Publikum und Kritik recht gut angenommen. Gilt das auch für „Die falsche Sonja?“ Dies und mehr wird geklärt in der -> Rezension.

Handlung

Der Restaurator Jens Dallmann wird unfreiwillig Zeuge eines brutalen Tankstellenüberfalls, bei dem es zwei Tote gibt. Er kann den Täter kurz sehen, als dieser seine Maske abnimmt. Daraufhin will der Mann auch diesen Zeugen erschießen, wird jedoch durch einen eintreffenden Tankstellenkunden gestört und ergreift die Flucht.

Die Kriminalhauptkommissare Schmücke und Schneider werden gerufen und nehmen die Ermittlungen auf. Mit Dallmanns Hilfe wollen sie ein Phantombild anfertigen, was jedoch nicht so recht gelingen will. Da es spät wird und Dallmanns Freundin Katrin Kreuzer im Café von Schmückes Bekannter Edith Reger arbeitet, nimmt er ihn gleich dorthin mit.

Dallmann will sich mit Katrin eine gemeinsame Zukunft aufbauen, was dem Paar aber aus finanziellen Gründen bisher verwehrt blieb. Neben den spärlichen Restaurationsaufträgen fertigt Dallmann recht häufig Reproduktionen von alten Gemälden an. Einer seiner Auftraggeber ist der Kunstliebhaber und Bauunternehmer Hans Schlüter, für den er ein wertvolles Ölgemälde mit dem Titel „Sonja“ gereinigt und auftragsgemäß eine Kopie angefertigt hat. Nachdem er seine Arbeit vollendet hat, bekommt er Skrupel, da er ahnt, dass Schlüter die Fälschung in betrügerischer Absicht auf den Markt bringen will. Obwohl er das Geld dringend braucht, da er Katrin damit den Kauf eines Cafés ermöglichen will, will er den Auftrag abbrechen. Darüber geraten die jungen Leute in Streit und Katrin nimmt die Kopie an sich, damit Jens sie nicht zerstören kann.

Als Jens nur das Gemälde, nicht aber die erbetene Kopie bei Schlüter abliefert, ist dieser erbost. Er spricht mit seinem Sohn Oswaldt darüber, der die Theorie aufstellt, dass der Restaurator möglicherweise nur die Kopie zurückgegeben und das Original für sich behalten hat.

Kurz darauf wird Dallmann leblos im Hof seines Hauses gefunden. Eine Nachbarin weiß von dem Streit der jungen Leute und hat Katrin am Fenster gesehen, nachdem Jens gerade hinuntergestürzt war. Kommissar Schmücke spricht sie auf diese Beobachtung an. Katrin weist die direkte Frage, ob sie etwas mit seinem Tod zu tun hat, jedoch empört von sich. Sie macht ihrerseits der Polizei Vorwürfe, dass sie ihren Freund nicht beschützt habe, da man doch gewusst habe, dass der Tankstellenräuber nach Jens, der Zeuge seiner Tat war, suchen würde. Tatsächlich findet Schneider zwei Einschüsse in der Wand, die, wie sich später herausstellt, aus derselben Waffe stammen, wie die Schüsse bei dem Tankstellenüberfall.

Schmücke und Scheider wollen sich bei Hans Schlüter erkundigen, da er der Letzte gewesen sein dürfte, der Dallmann lebend gesehen hat. Schlüter ist jedoch nicht da, sondern mit seinem Sohn auf dem Weg nach Berlin um das Gemälde zu verkaufen. Als er zurück ist, sprechen die Ermittler mit ihm und äußern die Vermutung, dass Dallmann ihm möglicherweise nur eine Kopie zurückgegeben hat. Für sie ist sicher, dass die Ermordung des Restaurators mit dem Bild zusammenhängt. Nachdem die Kommissare Schlüter anfangs als Täter ausgeschlossen haben, da er unterwegs nach Berlin war, finden die dann jedoch heraus, dass er nicht den Zug, sondern das Auto genommen hatte und somit doch als Täter in Frage kommt. Doch stellt sich heraus, dass nicht er, sondern sein Sohn Oswaldt Jens Dallmann aufgesucht hatte, um die Kopie zu fordern. Dabei erkannte Jens in Oswaldt den Tankstellenräuber und wurde deshalb von diesem kurzerhand endgültig als Zeuge ausgeschaltet.

2021-02-04 Crimetime 2021Rezension

Rainer Tittelbach von tittelbach.tv findet, Die falsche Sonja ist „kein allzusehr auf Spannung bedachter Krimi – aber ein Film, in dem man sich zuhause fühlen kann. Das TV-Halle ist klein, laufend begegnen sich Täter, Opfer und Ermittler. Von daher kommt dieser Schmücke in Mentalität und Milieu-Dichte von allen derzeitig aktiven TV-Fahndern Felix Hubys schwäbischem Bienzle am nächsten. Die Parallelen reichen von der Vorliebe zum Trenchcoat über die Abneigung von Schusswaffen bis zur warmherzigen Lebensabschnittspartnerin. Und Jaecki Schwarz ist daran gelegen, ihn realistisch zu spielen.“[2]

Die Kritiker der Fernsehzeitschrift TV Spielfilm geben den Daumen gerade und meinen: „Ob Kunst oder Fälschung: Der Halle-Krimi ist an den Haaren herbeigezogen.“ Fazit: „Bescheidenes Krimi-puzzle zum Mitraten.“[3]

Man kann aus Halle kein Stuttgart machen, vor allem, weil das Sprechen von Dialekt, das erheblich zur regionalen „Enge“ und Abgrenzung beiträgt, in den Hallenser Polizeirufen peinlichst vermieden wurde – anders als z. B. in den Sachsen-Tatorten mit Ehrlicher und Kain, wo er zumindest in maßvoller, entschärfter Variante zu hören ist.

Dass Halle so klein wirkt,  hat aber tatsächlich mit der Handlung zu tun, die um einen engen Personenkreis herum überkonstruiert wurde und psychologisch nicht durch überragende Stimmigkeit auffällt. Außerdem hat der Film bei mir bewirkt, dass ich die nächste Person, die den Begriff „absurd“ verwendet, bevor nach dem Anschauen des Films mindestens ein halbes Jahr vergangen ist, möglicherweise ein wenig würgen werde. Dialoge, in denen einzelne Wörter dermaßen überstrapaziert werden, können keine Highlights sein, besonders, wenn ein Begriff wie „absurd“ auf unheilvolle Weise durchschlägt: Nämlich auf das Empfinden des Zuschauers, die Handlung eines Krimis betreffend.

Den Hokuspokus um die falsche Sonja meine ich damit nicht in erster Linie, sondern die Tatsache, dass ein Amateur-Tankstellenräuber, der zuvor wohl noch nie eine Gewalttat verübt hat, ohne erkennbare Not zwei Besucher des Verkaufsraums erschießt. Er tut das nicht wegen 2.000 Mark, wie später fälschlicherweise gesagt wird, er weiß ja nicht, dass die Kasse kurz zuvor erst geleert wurde und bei bisherigen Tankstellen-Raubüberfällen, die er sich offenbar zum Vorbild genommen hat, wurde in der Regel – von Profis, die wissen, wann viel Geld vorhanden ist – eine weit höhere Summe erbeutet. Leider ist der Täter auch komplett vorhersehbar, denn wer sonst als der Mann, der am Spieltisch des örtlichen Casinos Blut und Wasser schwitzt, weil er verliert (dann aber kaltblütig, siehe oben …) und von einer geheimnisvollen Freundin unter Druck gesetzt wird, bei welcher er Schulden hat, sollte der Tankstellenmörder sein? Der Restaurator ist ihm begegnet, kann es also nicht selbst gewesen sein, jede andere Figur, die im Film vorkommt, wäre – sic! – absurd gewesen. Durch die Machenschaften um die beiden Bilder gerät etwas in den Hintergrund, dass die Eingangsszene ziemlich schlecht gefilmt ist und sich darin schon das Plotproblem andeutet, das sich viel später noch einmal zeigt:

Bei dem Geschehen zwischen Schlüter Jun. und dem Restaurator Dallmann kommt es doch nicht darauf an, dass Schlüter Dallmann erkennt, sondern darauf, dass Dallmann Schlüter erkennt. Ist Letzteres nicht der Fall, muss Schlüter Jun. doch nicht den dritten Mord begehen wollen, der lediglich in der Ausführung etwas vom gedachten Verlauf abweicht (Fenstersturz anstatt Tod durch dieselbe Waffe, die schon beim Tankstellenüberfall benutzt wurde. Zwischenzeitlich gibt es diese recht unsinnige Angelegenheit mit dem Profilbild. Es ist in der Eingangsszene deutlich zu erkennen, dass man vom Gesicht des Täters viel zu wenig sieht, der Blickkontakt zu kurz ist, als dass danach ein Porträt angefertigt werden könnte, das eine gewisse Aussagekraft haben könnte. Hingegen wird nirgends nach Zeugen gesucht, die das Motorrad in zeitlicher und räumlicher Nähe des Tatorts gesehen haben.

Nun könnte man sagen, der Film ist doch immerhin für Kunstliebhaber interessant, zumal für solche, die Christian Schad mögen, denn dass ein Bild von ihm als Vehikel für den 190. Polizeiruf dient, ist überdurchschnittlich originell. Der elaboriertere Kunstkenner wird allerdings sofort die Stirn runzeln und denken: Dies Gemälde bei einem Bauunternehmern in Halle? Dann müsste es doch ebenfalls eine Kopie sein, von der wiederum eine Kopie gefertigt wird, denn das Original hängt, was mich besonders freut, in der Berliner Nationalgalerie. Und wenn das Bild des Bauunternehmers eine Kopie ist, kann es ja bei dem Kudamm-Anwalt in Berlin nicht als echt begutachtet werden. Da staunt der Sachverständige und der Berliner Kunstliebhaber wundert sich.

Wir wollen nun aber an dieser Stelle nicht zu albern werden, es gibt genug zu besprechen, was genau in diesem Zusammenhang die Unglaubwürdigkeit des Plots tatsächlich steigert: Dass der Bauunternehmer Original und Kopie nicht unterscheiden kann – so nett und hintergründig, aber dass ein Topjurist in Berlin 2,25 Millionen in bar in einem Koffer auf den Tisch stellt, ohne dass er das Gemälde seinerseits hat prüfen lassen, zeigt, dass die Kudamm-Society gemeinhin außerhalb der Hauptstadt unterschätzt wird. Hätte er das Bild aber selbst vor Auszahlung des Betrages prüfen lassen, hätte Schlüter keinen Grund mehr konstruieren können, es wieder an sich nehmen zu wollen – auch nicht das „Aufbringen von Firnis“ nach der Reinigung durch den Restaurator, denn ein Gutachter hätte ohne Zweifel festgestellt, dass dergleichen nicht notwendig ist. Überhaupt ist die Szene mit dem Rücknahmeversuch, vorsicht ausgedrückt … nein, ich verwende das Wort nicht noch einmal, sonst muss ich mich selbst … es war beim letzten Mal schon sehr knapp.

Weitere funny Handlungselemente sind die seltsamen Verhältnisse im Hause Schlüter, bei denen der Ehemann eine wirklich schlechte Figur abgibt. Wenn man es ganz freundlich interpretieren will, erklärt sich ein bisschen was vom Charakter es Sohnes, als er die „schöne Stiefmutter“ (die schöne Jessica Stockmann) aus dem Auto wirft, nachdem er urplötzlich ihren geldgierigen Charakter erkannt haben will und mit einer Million abhauen möchte. Wobei er natürlich nicht weit kommt. Der Typ zeigt eine ganz eigenwillige Mischung aus kalt, berechnend und komplett situativ impulsiv – wenn man das hätte glaubwürdig machen wollen, wäre es aber notwendig gewesen, ihn sein Handeln mehr aufzuschlüsseln.

Finale

Trotzdem ist „Die falsche Sonja“ nicht komplett schlecht. Aus der Idee mit dem Bild hätte man einen atmosphärisch viel dichteren Plot stricken können, aber das mit der Spannung, das Herr Tittelbach erwähnt, stimmt ebenfalls. Die vielen Wendungen in dem Film und auch die Figuren sind durchaus spannend, weil so herrlich unberechenbar. Das gilt auch für Katrin, die Freundin des Restaurators. Alle sind hinter demd Geld her, wirken unsympathisch, bis auf die junge Kollegin des Restaurators. Auch Schmücks Edith kann den Freund ungestörter Ermittlungsarbeit nicht begeistern, aber die zeitgenössische Kritik konnte natürlich nicht wissen, dass ebenjene Edith den lieben Schmücke ein paar Jahre später aus der gemeinsamen Wohnung schmeißen wird und für diesen eine Odyssee beginnt, die vorerst in einer WG mit dem Kollegen Schneider enden wird und erst weitere Jahre später tatsächlich in einer emanzipierten Single-Wohnung.

Aber Schmücke ist es, der „Die falsche Sonja“ trägt. Regie-Routinier Thomas Jacob, der schon in der DDR mit dem Inszenieren von Polizeiruf-Episoden begann, lässt Jaecki Schwarz viel Raum, den dieser gut nutzt, während Schneider (Wolfgang Winkler) ziemlich zurückgenommen wird oder wirkt. Schmücke kommt im Polizeiruf Nr. 190 nicht so saturiert und oft an der Dramatik des tödlichen Verbrechens vorbei wohlgelaunt wie in der „elegischen“ Phase der Halle-Polizeirufe in den 2000ern (der einzige Aufreger für ihn: „Out of Edith’s Heart & Home“ und später ihr Tod, als sie sich gerade wieder versöhnen), sondern regt sich auf, ist sehr präsent und engagiert. Dies ist ohnehin ein Kennzeichen der frühen Schmücke-Schneider-Filme, deshalb darf er auch mal den Ehrlicher geben und sagen „Der Aufschwung (gemeint ist der Aufschwung Ost) lässt auf sich warten.“

Der Aufschwung beim Ostprodukt Polizeiruf 110 war hingegen trotz einer Handlung, die an Qualität weit die Plots einiger DDR-Polizeirufe zurückfällt, durch den Einsatz der beiden Kommissare in Sachsen-Anhalt deutlich zu verspüren. Außerdem: Nie vorzeitig die Maske abnehmen!

6,5/10

© 2021 (Entwurf 2020) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Thomas Jacob
Drehbuch Knut Boeser
Produktion Rüdiger Lange
Musik Andreas Fritsch
Kamera Wolfram Beyer
Schnitt Brigitte Hujer
Besetzung

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