Die Spur des 13. Apostels – Polizeiruf 110 Episode 83 #Crimetime 1011 ::: #50JahrePolizeiruf110 ::: #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Berlin #Fuchs #Arndt #Apostel

Crimetime 1011 - Titelfoto © Fernsehen der DDR / ARD

Wer ist der 13. Apostel?

Vorwort anlässlich der Veröffentlichung am 29.06.2021

Der Monat, in dem das 50-jährige Jubiläum der Krimireihe Polizeiruf 110 im Mittelpunkt unseres Interesses stand, geht zu Ende. Gestern haben wir über ein Porträt des Schauspielers Peter Borgelt geschrieben, der den legendären Hauptmann Fuchs (bis 1978 Oberleutnant) spielte und wie kein anderer die Reihe prägte; dies von Beginn an („Der Fall Lisa Murnau“, dessen Erstausstrahlung am 27.06.1971 das Jubiläumsdatum markiert). Heute feiern wir noch einmal mit einem Fall für Fuchs, einem der letzten, die er zusammen mit seiner patenten Kollegin Vera Arndt gelöst hat. Über Jürgen Frohriep, der als Oberleutnant Hübner ebenfalls eine prägende Figur des DDR-Polizeirufs war, haben wir am 27.06. einen Text veröffentlicht. Leider handelt es sich bei „Der 13. Apostel“ nicht um einen Spitzenfall der Reihe, aber er ist der nächste mit Hauptmann Fuchs, über den eine Kritik zur Veröffentlichung ansteht.

Zur Kritik von „Der 13. Apostel“

Im Neuen Testament ist Nathanael ein Galiläer, der von Jesus als einer der ersten Jünger berufen wird (Joh 1,45–50 EU). Er wird jedoch nur im Johannesevangelium erwähnt, in den übrigen Evangelien kommt er nicht vor. So steht es in der Wikipedia und auf diesen Nathanael aus dem Johannesvangelium bezieht sich der Film, denn von ihm existiert eine sehr wertvolle Statue (100.000 britische Pfund, nicht 100.000 Mark Ost), um die im 83. Polizeiruf gekämpft wird, denn es versteht sich von selbst, dass sie viele Begehrlichkeiten weckt. Wer am Ende gewinnt und mehr zum Film steht in der -> Rezension.

Handlung

Innerhalb von drei Monaten wird in sechs verschiedene Dorfkirchen im Umkreis von Berlin eingebrochen. Entwendet werden wertvolle Kirchengefäße. Beim letzten Einbruch versucht der Dieb eine wertvolle Apostelfigur zu entwenden, wird jedoch von Pfarrer Steinhäuser überrascht. Steinhäuser versucht den Einbrecher zu überwältigen und wird niedergeschlagen. Der Organist findet den schwerverletzten Pfarrer, der mit lebensbedrohlichen Verletzungen ins Krankenhaus gebracht wird. Hauptmann Peter Fuchs und Leutnant Vera Arndt übernehmen die Ermittlungen, wobei ihnen der frisch von der Akademie kommende Unterleutnant Harry Bär zur Seite steht.

Restaurator Hubert Arlot hat einst die Apostelfigur wiederhergestellt und auch eine nahezu perfekte Kopie der Figur in seinem Wohnzimmer stehen. Er erklärt den Ermittlern, dass die Apostelfigur des Nathanael so wertvoll sei, weil sie durch einen Schüler Tilman Riemenschneiders gefertigt wurde. Zudem sei sie als Darstellung des 13. Apostels eine Besonderheit. Bei der Beschreibung der Figur fällt Hubert auf, dass in der Kirche nicht das Original steht. Irritiert verabschiedet er sich von den Ermittlern und geht. In seinem Wohnzimmer findet er das Original, das sein Sohn Steffen gerade verpacken will. Er gibt an, einen Käufer für die Kopie gefunden zu haben. Hubert stellt ihn zur Rede und bald gibt Steffen zu, beide Figuren ausgetauscht zu haben. Pfarrer Steinhäuser habe er niederschlagen müssen, auch wenn er Huberts Freund war. Hubert deckt Steffen – nicht nur, weil er sein Sohn ist, sondern auch, weil Steffens Frau Silke im vierten Monat schwanger ist.

Der Versuch, den Figurentausch rückgängig zu machen, scheitert, weil die Kirche von der Polizei überwacht wird und die Kopie in der Kirche mit einem Sender ausgestattet wurde. Da der Alarm durch Huberts Versuch, die Figuren zu tauschen, losgegangen ist, wird die Figur in der Kirche einer genaueren Überprüfung unterzogen. Die Ermittler erkennen, dass es sich um eine Kopie handelt. Hubert wird in Untersuchungshaft genommen und gesteht den Raub der Figur sowie die weiteren Einbrüche. Der kurz aus der Ohnmacht erwachte Steinhäuser sagt jedoch aus, dass Hubert nicht der Täter war. Da der Organist eine Beschreibung des Fluchtwagens geben konnte, stößt Harry Bär bald auf Steffen, dessen Firmenfahrzeug mit der Beschreibung des Fluchtwagens übereinstimmt. Steffen hat eine heimliche Beziehung zur Berliner Fotografin Monika Franz, die den Kontakt zur Kunstsammlerin Barbara Grölling aus München hergestellt hat. Steffen sollte die Figur stehlen und dafür 4.000 Mark erhalten, die ihm als geldgierigem Mann unter anderem helfen sollten, den Traum vom eigenen Auto zu erfüllen. Obwohl Steffen die Aktion nun wegen Polizei und dem Mitwissen seines Vaters rückgängig machen will, besteht Monika auf dem Verkauf der Figur, hat sie doch von Barbara Grölling bereits eine Anzahlung erhalten. Monika holt sich die Figur aus dem Haus der Familie Arlot.

Hubert erfährt von den Ermittlern, dass Steinhäuser an seinen Verletzungen verstorben ist. Nun gibt er zu, dass er nicht der Dieb war. Er sagt aus, dass die Originalfigur in seinem Wohnzimmer stehe, doch hat Monika sie bereits geholt. Steffen kommt dazu und gibt sich unschuldig, wird vom Vater jedoch angeklagt. Als er erfährt, dass Steinhäuser tot ist, erklärt er, dass Monika die Figur habe und sie wahrscheinlich nach Berlin bringe. Den Ermittlern gelingt es, Monika bei der Übergabe der Figur an Barbara Grölling zu stellen. Am Ende kommt heraus, dass zwar Steffen den 13. Apostel gestohlen hat, die restlichen Einbrüche jedoch durch Monika verübt wurden, die das Diebesgut fotografierte – die Negative fanden die Ermittler in ihrem Fotolabor.

Rezension

Es gab in der Polizeirufgeschichte schon einmal den Raub einer Statue aus einer Kirche – in „Eine Madonna zu viel„. Zehn Jahre später greift man also das Thema wieder auf. Während man aber sagen kann, dass „Madonna“ ein progressiver, für die Verhältnisse der Zeit geradezu edel umgesetzter Polizeiruf war, wirkt „Apostel 13“ vergleichsweise zahm und auch ein bisschen lahm. Auffällig ist die Spielzeit von nur 64 Minuten – das war der Standard in den frühen 1970ern, als die Reihe „Polizeiruf 110“ startete, aber nicht mehr 1983, damals hatten die Filme regelmäßig über 70, manche schon über 80 Minuten Spielzeit. Aber so, wie das Thema hier als ein Vater-Sohn-Duell aufbereitet wird, gibt es auch nicht viel mehr her als das, was wir sehen.

Dass das Kirchensetting zu schönen Bildern anregt, hat man bereits in „Madonna“ gesehen, dem ist nichts Wesentliches hinzuzufügen, bis auf die erfreuliche Tatsache, dass auch in der DDR offenbar einige Kirchen in recht gutem Erhaltungszustand waren – zumindest das Innere. Und gut besucht, denn eine Einstellung gibt einen Moment aus einem Gottesdienst wieder, diese kurze Szene wurde vermutlich nicht mit Statist*innen gedreht.

Der Fall aber ist sehr standardisiert. Der Kampf zwischen Idealismus und Kommerzialismus ist nun auch nicht mehr neu und ihm werden in dem Film keine überraschenden Aspekte beigefügt. Eine idealisische Einstellung oder zumindest eine, die immaterielle Güter hoch schätzt oder auch den ideellen Wert einer Apostelfigur, ist durchaus sozialistischer als die schnöde Raffgier der jüngeren Generation, die im Film gezeigt wird. Nur, dass sich alles im Kirchenmilieu abspielt und dieses im Ganzen respektvoll behandelt wird.

Noch jünger ist der neue Polizist Harry Bär. Ich weiß nicht, ob er als Dauerfigur gedacht war und man ihn sozusagen von einem Frischling zu einem erfahrenen Polizisten weiterentwickeln wollte, aber dazu ist er nicht der Typ. Das wirkt doch etwas sehr unbedarft, auch vom Ausdruck, was er hier zeigt und die Zuschauer werden sich bange gefragt hat, ob die nächste Generation von Vopos bei der K nicht mehr so sein wird wie Peter Fuchs oder Vera Arndt oder wenigstens wie Jürgen Hübner, sondern eben wie dieser Mensch mit dem etwas einfältigen Antlitz, der nicht einmal wirkt, als sei er auf „der Akademie“ ideologisch eingenordet worden, sodass er nur sagen kann, er will Kriminaler werden, weil er den Beruf spannend findet und hofft, dass dieser Job jeden Tag etwas Neues bietet. Nichts von gesellschaftsdienlicher Aufgabe, Schutz der Allgemeinheit vor dem Verbrechen oder dergleichen. Wenn man will, kann man in dieser Figur eine Form von Gesellschaftskritik sehen: Die jüngere Generation wirkt an der Sache eher desinteressiert und ist auf das eigene Erleben fokussiert.

Die Fernsehgewaltigen der DDR haben das wohl auch so gesehen und im nächsten Film schon den Leutnant Zimmermann (Lutz Riemann) eingeführt, der sich dann auch bewährt hat und bald darauf kommt mit Grave der zweite Ermittler einen neuen Generation hinzu, die doch etwas dynamischer wirkt als jener Harry Bär.

Ich war mir zunächst wegen des Bartes nicht sicher, aber die Besetzungsliste weist aus, dass Günter Naumann den älteren Restaurator spielt und damit gibt es wenigstens eine prägnante Episodenfigur. Auch Jenny Gröllmann als Kunstverschieberin Monika ist immerhin kenntlich, aber ein bisschen hängen diese Figuren doch im leeren Raum, weil sie zu wenig durch die übrigen Mitwirkenden gespiegelt werden. Das packende Psychodrama, das Polizeirufe in jenen Jahren durchaus zeigen konnten, sieht man hier zu wenig und die Handlung an sich ist unspektakulär. Ein weiterer Standard ist, dass ein Dieb eine Person niederschlägt, die ihn bei der Arbeit stört, diese Person verletzt wird und ins Krankenhaus muss und vorerst nicht aussagen kann. Gefühlt gibt es das bei jedem zweiten Polizeiruf und ein klein wenig nervig ist es schon – je nachdem, ob das Drehbuch dann eine Zeugenaussage benötigt, um voranzukommen, verstirbt der Verletzte oder nicht. Manchmal auch, wie hier, kann er noch zur Aufklärung beitragen, indem er ausschließt, dass der ältere Kunstrestaurator der Täter ist und segnet erst danach das Zeitliche. Dadurch wird der Dieb auch zum Totschläger, wenn nicht zum Mörder. Oder es handelt sich um Körperverletzung mit Todesfolge, das dürfte sogar der überwiegende Tatbestand sein, bezogen auf die geschilderte Konstellation in Polizeirufen der DDR-Zeit. Nach der Wende kommt es dann immer häufiger vor, dass der Plot (mindestens) eine vorsätzliche Tötung beinhaltet.

Finale

Mir macht es immer Spaß, das Gespann der ersten Stunde, Hauptmann Fuchs und Leutnant Arndt, zu sehen, doch für Arndt war „Die Spur des 13. Apostels“ der vorletzte Fall und mit ihr verschwand das zuvor präsente und in einigen Filmen herausgehobene weibliche Element aus dem Ermittlerkreis. Einen adäquaten Ersatz gab es nicht, auch das ist für mich ein Zeichen für die Erstarrung und einen ängstlichen Konservativismus, der sich auch in den Handlungen der Polizeirufe der kommenden Zeit spiegeln sollte: Die Polizeiruf-Jahrgänge 1984, 1985 brachten Filme mit einem überwiegend melancholischen Grundton hervor, der die Figuren dicht an den Zuschauer heranführen, aber sicher nicht den Aufbruch in die nächste Phase des Sozialismus signalisieren konnte (1). Dafür waren diese Filme zu wenig aktivistisch, das änderte sich noch einmal für kurze Zeit in den Jahren 1987, 1988. Auch wenn jemand in „Die Spur des 13. Apostels“ sagt, Morde gebe es doch nur noch in Kriminalfilmen – auch die Filme der frühen 1980er zeigten schon eine deutlich zunehmende Reserviertheit und eine Tendenz zum Privatisieren des Verbrechens. Das wurde aber im 83. Polizeiruf auch noch ziemlich standardmäßig umgesetzt.

5,5/10

(1) Nachtrag 2021 anlässlich der Veröffentlichung des Textes: Aufgrund der Features über Jürgen Frohriep und Peter Borgelt, die eingangs erwähnt sind, weiß ich mittlerweile, dass man keine Nachfolgerin für Vera Arndt installiert hat, weil zu viele junge Frauen nach ihrem Vorbild Kriminalistin werden sollte, es aber viel zu wenige Stellen gab. Im Grunde ändert das aber die obige Betrachtung nicht, denn mit ihrem Einsatz wurden offenbar Hoffnungen geweckt, die der Realsoszialismus, den ich ungerne als Sozialismus bezeichne, nicht erfüllen konnte. Es herrschte eben überall Mangel, auch an interessanten Jobs, gerade für Frauen. Nicht, dass in der „Marktwirtschaft“ jeder werden kann, was er gerne würde, aber der Hype, der heute von Menschen, die bewusst die Realität biegen, heute noch um die vorgebliche, tatsächlich gleichberechtigte und insofern herausgehobene Stellung der Frau in der DDR veranstaltet wird, muss kritisch hinterfragt werden. Wir wollen das aber hier höchstens dann weiter ausführen, falls es zu einem entsprechenden Kommentar kommen sollte.

© 2021 (Entwurf 2020) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Jörg Wilbrandt
Drehbuch Wolfgang Held
Produktion Lutz Clasen
Musik Jürgen Wilbrandt
Kamera Horst Klewe
Schnitt Renate Müller
Besetzung

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