El Perdido (The Last Sunset, USA 1961) #Filmfest 525

Filmfest 525 Cinema

Junge Frau in gelbem Kleid

El Perdido ist ein US-amerikanischer Western aus dem Jahr 1961 von Robert Aldrich mit Rock Hudson und Kirk Douglas in den Hauptrollen. Das Drehbuch basiert auf dem Roman Sundown at Crazy Horse von Howard Rigsby.

„The Last Sunset“ heißt der Film im Original, was wieder einmal weit besser passt als der deutsch Verleihtitel „El Perdido“, den er Film verpasst bekam und der suggeriert, dass mindestens einer der Protagonisten Mexikaner ist. Der Film spielt zwar hauptsächlich in Mexiko und verschiebt sich mit einem Cattle Trail über die US-Grenze nach Norden, aber der Mann, auf den der deutsche Titel (übersetzt „Der Verlorene“) anspielt, ist ein US-Amerikaner namens O’Malley. Nach dieser einleitenden Titelkritik gehen wir über zur Handlung und mehr eigene Ansichten stehen in der –> Rezension.

Handlung

Dana Stribling verfolgt Brendan O’Malley, der Danas Schwager ermordet hat, nach Mexiko. Er findet O’Malley, der für den trinkfesten Rinderbaron John Breckenridge arbeitet. Breckenridge will eine Rinderherde über die Grenze nach Texas in die Stadt Crazy Horse treiben lassen. O’Malley versucht dabei erfolglos, eine vor 17 Jahren begonnene Affäre mit Breckenridges Frau Belle weiterzuführen.
Um O’Malleys Spur nicht zu verlieren, lässt sich Stribling als Viehtreiber einstellen. Er warnt O’Malley vor, dass es zu einem Duell kommen wird, sobald die Grenze überschritten ist. 

Kurz nachdem der Treck gestartet ist, wird Breckenridge bei einer Saloonschlägerei getötet. Stribling und O’Malley übernehmen die Führung. Obwohl sie Feinde sind, wächst ihre Bewunderung füreinander.

Die Tage vergehen, und Stribling und Belle verlieben sich. Gleichzeitig stellt Belles 16-jährige Tochter Missy O’Malley nach. Der Rio Grande, der Grenzfluss zu Texas, wird erreicht. Belle will eine Feier dafür abhalten. Missy trägt eines der Kleider ihrer Mutter, was O’Malley an die Affäre mit Belle denken lässt. Begeistert gibt er den Avancen der jungen Frau nach. Doch Belle klärt ihn in Crazy Horse auf, dass Missy seine Tochter ist, und versetzt ihm damit einen Schock. Er tritt Stribling in dem anstehenden Duell bewusst mit ungeladenem Revolver gegenüber und lässt sich von ihm erschießen 

Rezension

„Sunset“ hat alles, was es braucht, um die Zuschauer zu erobern. Mit dem deutschstämmigen Rock Hudson den angesagtesten Superstar um 1960, auch wenn dieser gerade von den Douglas Sirk-Dramen ins Komödienfach gewechselt war und sich die Zeit beim Telefon-Sharing mit Doris Day vertrieb; mit Kirk Douglas einen Vollbutschauspieler, der gerade mit „Spartacus“ das wohl ambitionierteste Werk des Jahres 1960 abgeliefert hatte und der „Sunset“ mitproduzierte, mit Dalton Trumbo einen der besten Drehbuchautoren Hollywoods und mit Robert Aldrich einen profilierten Regisseur, der den Blick auf die menschliche Psyche aus kurzer Entfernung darstellen konnte, wie er ein Jahr später mit dem legendären „Whatever Happened to Baby Jane“ eindrucksvoll unter Beweis stellte. Dazu Dorothy Malone als weibliche Hauptdarstellerin, deren statuarisches Äußeres gut in das Westernszenario passt. 

Angesichts des versammelten Talents ist der Film nicht so spektakulär geworden. Nicht enttäuschend, aber auch keine sprühende Werkschau – wenn man von Kirk Douglas‘ Darstellung des O’Malley absieht.

Douglas spielt einen Typ, der es ihm erlaubt, große Leinwandpräsenz und Hang zu einer kontrollierten, am Theater herausgebildeten Form des Overactings zu einem Charakter zu verdichten, der in jeder Einstellung fasziniert. Dagegen wirkt der 1,96 Meter-Mann Hudson, der den Verfolger Dana Stribling spielt, vielleicht nicht blass, aber wie das, wofür ihn Belle Breckinridge (Dorothy Malone) letztlich auch liebt, ein guter Kamerad, ein aufrechter Mann mit nur der einen Macke, dass er etwas rachedurstig erscheint, besonders, nachdem wir von O’Malley erfahren, dass der Tod von Striblings Schwager, der hier gesühnt werden soll, einen Grund in dem zweifelhaften Charakter von Striblings Schwester hat.

Die Sühne erfolgt dadurch, dass Stribling seinen regionalen Kompetenzbereich verlässt und als US-Sheriff den Widersacher O’Malley nach Mexiko hinein verfolgt und quasi festnimmt, indem er mit diesem zusammen den Viehtrieb der Breckinridges nach Texas führt, wo die Rinder verkauft und gegen Land getauscht werden sollen. 

Auf langen Reisen durch den Westen hat sich schon manch persönlicher Konflikt zu einem handfesten Drama entwickelt, wir fühlten uns unter anderem an „Red River“ und seinen Vater-Sohn-Konflikt erinnert, den 1948 John Wayne und Montgomery Clift in einer mitreißenden Art austrugen.

Aber auch zu Aldrichs ersten Western, den famosen „Vera Cruz“, kann man Parallelen ziehen, denn das Verhältnis von Gary Cooper im Film von 1954 zu Burt Lancaster ist ähnlich aufgebaut wie das von Stribling und O’Malley. Auf der einen Seite der große, aufrechte Mann, der alles aus ethisch nicht absolut einwandfreien, aber vertretbaren Motiven heraus angeht, auf der anderen ein Typ in Schwarz, dessen schwarze Seele uns rasch offenbar wird. Allerdings ist O’Malley differenzierter gezeichnet als die Lancaster-Figur, ist „Sunset“ nicht so furios und aktionsgeladen wie „Vera Cruz“. Das Ende ist faktisch wiederum das gleiche: Der Hüne mit dem besseren Charakter überlebt, der andere geht drauf.

Wir ziehen den knackigen „Vera Cruz“ vor, auch, weil er sich nicht in solche Untiefen begibt wie „Sunset“, der zum Beispiel zeigt, wie O’Malley sich in die eigene Tochter verliebt, in welcher er das Bild der angebeteten Belle als junges Mädchen erkennt. Kein Wunder, sagt man sich nach der Offenbarung des Verwandtschaftsverhältnisses durch Belle. Aber: Das Mädchen ist nicht einmal sechzehn Jahre alt und hätte Belle nicht eingegriffen, wäre aus dem Verhältnis des alternden Herumtreibers und des unschuldigen, schwärmerisch-romantischen Kindes, das gerne bald eine Frau sein möchte, ein sexuelles geworden.

„Wie könntest du sie nicht lieben“, sagt Belle zu O’Malley, „sie ist deine Tochter.“ Seine Liebe hatte bis zu diesem Moment aber gar nichts Väterliches, sondern war in Wirklichkeit eine Obsession, welche die Zeit seiner jungen Jahre und der von Belle ins Jetzt hinüberretten will. Melissa, das Mädchen und O’Malley, das wäre ein sehr ungleiches Paar geworden, ihr Verhältnis eine Loss-Loss-Beziehung. So rührend die Szenen mit den beiden sind, und das sind sie wirklich, so sehr muss man aufpassen, dass man den Hintergrund vor Augen behält, der alles andere als frei von diskussionswürdigen Aspekten ist und den man auch psychologisch nicht zu genau hinterfragen sollte. 

Die Rivalität der Männer, das Dreieck, anfangs ein Quadrat, wenn man so will, in dem John Breckinridge, Belles jetziger Mann, eine Rolle spielt, ist insgesamt gelungen dargestellt. Allerdings ist die Figur des John letztlich überflüssig: Armer Joseph Cotten, da muss er wieder einmal den Looser spielen, hier einen versoffenen Rinderbaron, und er sieht auch verblüffend nach einem Trinker aus.

Trotz seiner oft deprimierenden Rollen ist aber nichts darüber bekannt, dass Cotten wirklich, wie so viele Hollywoodschauspieler, ein Alkoholproblem gehabt hätte. Man hätte es aber durchaus so gestalten können, dass Belles Mann schon verstorben war, als O’Malley und Stribling die Ranch erreichen und Belle umso mehr einen Treckführer und einen Mann braucht, der gut mit der Waffe umgehen kann. Vielleicht war die Rolle auch eine Konzession von Douglas an einen geschätzten Kollegen Cotten, dessen Karriere nicht den glücklichen Verlauf genommen hatte wie die eigene, und dem er sich vielleicht auch nahe fühlte, weil er oft die Nummer zwei auf der Besetzungsliste war, trotz seiner Fähigkeiten. Meist stand er hinter Burt Lancaster („Zwei rechnen ab“, 1957) oder John Wayne oder, wie in „Sunset“, Rock Hudson.

Douglas hat eine soziale Ader und war sich nie zu schade für Rollen, die wenig Identifikationspotenzial boten oder nicht so einfach zu verdauen waren wie die anderer Stars – bedingt allerdings auch durch sein mehr markantes als schönes Äußeres, das ihn nicht in dem Maß zum Ladies Man werden ließ – wie zum Beispiel Rock Hudson. Einerseits war Douglas in den früheren 1960ern bereits sein eigener Produzent und konnte sich seine Rollen dadurch aussuchen, andererseits wäre ein Star wie Rock Hudson wohl nicht zu gewinnen gewesen, hätte man ihm nicht die Rolle des Siegers angeboten, die er trotz eines insgesamt ausgeglichenen Verhältnisses am Ende doch einnimmt.

Frauen mit Witz und einem sehr energetischen Charme für sich gewinnen durfte Douglas vor allem, wenn sonst kein großer Star am Set war. Manchmal ging er dann trotzdem von dannen, wie es sich für einen Westerner gehört („Man Without a Star„, 1955).

Aber der große Wille, der in seinen Figuren steckt, ist nach wie vor das Anschauen aller seiner Filme wert, auch der weniger gelungenen. Dass es dabei offenbar eine Verbindung zum echten Douglas gibt, erschließt sich schon daraus, dass er mit nunmehr 100 Jahren der letzte Überlebende der klassischen Hollywood-Garde ist (bei den Frauen Olivia de Havilland, die etwa gleich alt ist wie Douglas) (1). Und er ist der einzige der Topstars, der seinem Sohn das gesamte Potenzial mitgeben konnte, sodass Michael Douglas ein ebenso bekannter Schauspieler wurde wie sein Vater und ähnlich dezidierte Rollen interpretieren kann. 

Der Wille der Figur O’Malley richtet sich allerdings darauf, einen  Zustand zu konservieren oder wiederherzustellen, der seine Lebenswunden heilen, einen Kreis schließen soll, was aber, und das Gefühl hat man von Beginn an, nicht funktionieren wird. Leider ist zunächst der Auftritt von Rock Hudson der Hauptgrund dafür. Denn wo er in der Zeit um 1960 auftrat, war klar, dass er die Frau bekommt. In „Sunset“ geht das nur, indem sein Rivale das Zeitliche segnet, der Western lässt genretypisch nur selten eine andere Lösung zu, wenn er, wie „Sunset“, auch als Drama gestaltet ist.

O’Malley erkennt, dass er keine Chance hat, seine Lebensträume noch zu verwirklichen, verliert den Lebenwillen und tritt Stribling im klassischen Showdown mit nicht geladener Schusswaffe gegenüber – traditioneller Höhepunkt des Westerns und doch eine Brechung, weil einer der Kontrahenten nicht mitspielt, sich aufgibt und nicht dem Glück des anderen im Weg stehen will. Ob darin schon ein Abgesang aufs Genre zu sehen ist, die Richtung angedeutet wird, die den Spätwestern prägt, in dem es keine echten Helden mehr gibt, in dem Westerner so gestrig sind wie die traditionelle Variante des Genres, haben wir uns gefragt gefragt.

Diese Tendenz war in den frühen 1960ern abzusehen. Auch andere Western jener Jahre zeigen Figuren und Konstellationen, die bewusst mit den Archetypen spielen, sie ironisieren oder überraschende Wendungen dadurch nehmen, dass sie die immer noch gut erkennbaren Muster aufbrechen und übliche Verläufe ins Gegenteil drehen. 

Was „Sunset“ Spannung in Maßen verleiht ist das differenzierte Verhältnis von Stribling und O’Malley, das immer dann symbiotisch wird, wenn die Lage es erfordert, zum Beispiel wenn als Cowboys angeheuerte Viehdiebe mit der Herde durchgehen wollen, da hilft O’Malley, obwohl dieser Moment perfekt gewesen wäre, um den hartnäckigen Stribling loszuwerden. Sinnfällig wird das in der Szene, in der Stribling im Sumpf feststeckt und O’Malley ihn mit dem Lasso herauszieht.

Er sagt, er brauche Stribling noch, um den Treck durchzubringen. Das mag stimmen, aber er will auch nicht eine Lösung auf diese schnöde Art. Dass man die Herzen von Frauen nicht gewinnen kann, indem man einem ehrlichen Gegner die Hilfe in einer lebensbedrohlichen Situation verweigert, weiß O’Malley, und er will ja mit diesem Treck die Erlösung von den Lasten seiner Vergangenheit erhalten, nicht neue Schuld auf sich laden. 

Man merkt dem Film an, dass Aldrich Mitte der 1950er einige Films noirs gedreht hatte, denn O’Malley ist ein typischer Noir-Held, dessen Schicksal, dessen Gestern ihn von vornherein dazu bestimmt, alles zu verlieren, was er nie wirklich hatte. Die Vorherbestimmung wird nicht mit einer Rahmenhandlung inszeniert, nicht mit einem Narrator unterlegt, der von einem Point of no Return alles von einem bestimmten, früheren Zeitpunkt an, als alles anfing, an den Zuschauer berichtet, aber die Vergangenheit spielt eine große Rolle in „Sunset“.

Die jüngere, die ihn an Stribling kettet, die fernere, die ihn mit Laura Breckinridge mehr verbindet, als er ahnt. Im Grunde hat O’Malley keine Wahl, er muss so handeln, wie er handelt und seinen Weg bis zum Ende gehen. Man hat nie den Eindruck, dass es zu einer Wendung kommen könnte, auch und gerade nicht, als er sich der jungen Melissa annähert. Denn der Production Code war 1961 noch in Kraft und dass diese Menschen unterschiedlicher Generationen miteinander in den Sonnenuntergang gezogen wären, undenkbar. 

Fazit

So wird also am Abend des Duells mit Stribling für O’Malley die Sonne zum letzten Mal am Horizont versinken. Bis auf die Szenen mit Melissa ist der Film aber nicht so melodramatisch, wie dieser Satz klingen mag. Da ist vielmehr eine gewisse Sachlichkeit zu bemerken, die alle Menschen und ihre Verhältnisse zueinander kennzeichnet. Es wird schon vorher angekündigt, wer wem die Frau wegnehmen wird, damit keine Unklarheiten herrschen und der Bedrohte sich darauf einstellen kann, die Frau selbst weiß auch sehr früh, wem sie am Ende gehören wird, nämlich Stribling, weil er’s ihr sagt. Vielleicht eine gute Methode  zur Empfehlung an heutige, weichgespülte Männer, etwas Entschlossenheit und Festigkeit zu zeigen.

Man hat in „Sunset“ das Genre Western wieder einmal dazu verwendet, um in einer einfachen Welt weiter Horizonte und geringer äußerer Abhängigkeiten Menschen aufeinander einwirken zu lassen. Es ist eine der Hauptfunktionen des Westerns, uns menschliches Verhalten ganz unverstellt zu zeigen. Die Vorhersehbarkeit des Films ist allerdings überragend. Nicht in den Details des Verhältnisses O’Malley-Melissa, aber sonst schon. Das lässt sich vielleicht gut sagen, wenn man den Film nicht zum ersten Mal gesehen hat, aber wer sich etwas auskennt, kann auch beim ersten Zuschauen das Ende recht schnell vorausdenken. Die psychologisierende Form des Western und des Kinos ist hier ebenso zu betrachten wie die in den Westen verlegte Film noir-Welt. Aber:  Es gibt am Ende für diejenigen Figuren, von denen man sofort weiß, dass sie zusammengehören, ein gutes Ende, das unterscheidet „Sunset“ von den düsteren, meist in Schwarz-Weiß gedrehten Werken der schwarzen Serie. 

72/100

(1) Die Rezension wurde ursprünglich 2014 verfasst, 2017 überarbeitet und in unserem Blog „Rote Sonne 17“ im Rahmen der ersten Werkschau gezeigt, an der wir uns dort versuchten – über den Schauspieler Kirk Douglas. Im Jahr 2020 verstarb mit ihm der letzte große männliche Darsteller der klassischen Hollywood-Ära.

© 2021, 2017, 2014 Der Wahlberliner, Thomas Hocke


Regie Robert Aldrich
Drehbuch Dalton Trumbo
Produktion Eugene Frenke
Edward Lewis
Kirk Douglas/Bryna Productions/Universal
Musik Ernest Gold
Kamera Ernest Laszlo
Schnitt Michael Luciano
Besetzung



 

 

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