Borowski und das Meer – Tatort 906 #Crimetime 1014 #Tatort #Kiel #Borowski #Brandt #NDR #Meer

Crimetime 1014 – Titelfoto © NDR, Marion von der Mehden

Glücksfunde und Angebote, die man ablehnen kann

Wie fühlt es sich im Mini-U-Boot an, wenn man sofort was Schönes findet und wie doof ist es, wenn der Fund auf die richtige Spur führt und dann doch alles umsonst war? Diese und andere Fragen würden wir Klaus Borowski gerne stellen, aber der muss erst einmal verkraften, dass die Frau des Doppel-Opfers einfach an ihm vorbeigeht, nachdem sie ihren Mann im zweiten Anlauf als tot identifiziert hat.

In diesem Film ist viel von seltsamen Frauen die Rede, das wussten wir ja vorher schon. Aber so seltsam sind sie dann ja nicht, bis auf eine Ausnahme – die Frau des Mannes, der ein Opfer seines Optismismus und vielleicht seiner Feigheit vor dem ökologischen Feind wurde. Und wessen Opfer wurde Borowski, der in diesem Film fast ohne Atmosphäre und ohne eine gnadenlos gute Gegenfigur auskommen muss? Und sogar ohne seinen Freund Schladitz? Wir schreiben darüber in der –> Rezension.

Handlung

  • „„Borowski und das Meer“ erzählt einen Öko-Krimi mit realem Hintergrund. Das Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel hat uns bei der Recherche und der Umsetzung des Stoffes maßgeblich unterstützt. Sie stellten uns unter anderem das Tauchschiff Jago zur Verfügung, in dem Kommissar Borowski auf der Suche nach der Lösung des Falls die Ostsee erkundet. Der Autor Christian Jeltsch hat bereits einige Stoffe geschrieben, in denen es um politische Verschwörungen geht. Er wurde dafür zu Recht mehrfach ausgezeichnet. Regisseurin Sabine Derflinger hat in „Borowski und das Meer“ zum ersten Mal einen „Tatort“ für ein deutschesErmittlerteam realisiert. Ihr letzter Tatort „Angezählt“ (ORF) wurde für den Grimme-Preis nominiert. Sie hat zusammen mit ihrer Kamerafrau Christine A. Maier herausragende Bilder und eine ganz eigene Lakonie gefunden, mit der sie die Welt der Kieler Kommissare erzählt.“ (NDR-Pressemappe
  • Sein neuer Fall führt NDR-„Tatort“-Kommissar Borowski (Axel Milberg) bis auf den Meeresgrund: Sind die unerforschten Rohstoffe, die dort liegen und ein Milliardengeschäft versprechen, das Motiv für einen Mord? In dem Fall „Borowski und das Meer“ haben Kommissar Borowski und seine Kollegin Sarah Brandt (Sibel Kekilli) gleich zwei prominente Gegenspielerinnen: Nicolette Krebitz spielt in dem Öko-Thriller eine geheimnisvolle Ehefrau, Karoline Eichhorn eine Konzernchefin. Eine Gastrolle übernimmt Frank Schätzing. Der Bestsellerautor („Der Schwarm“) kann Kommissar Borowski einen wertvollen Tipp geben.
  • Auf einem nächtlichen Bootsausflug der Firma Marex wird der Jurist Jens Adam spektakulär erschossen. Seine Leiche verschwindet im Meer. Marex ist weltweit führend im Abbau von Rohstoffen in der Tiefsee, ihr Spezialgebiet sind Seltene Erden. Durch die Förderung dieser Metalle, die in jedem Mobiltelefon vorhanden sind, will Marex ein Millionengeschäft an Land ziehen. Hat Adams Tod etwas zu tun mit der Ermordung eines Umweltschützers, der gegen die Zerstörung der Meeresböden protestierte? Auch Jens Adams Ehefrau Marte könnte aus Eifersucht ihren Ehemann getötet haben, denn er hatte mehrere Affären. Sarah Brandt entdeckt auf dem Rechner von Adam ein Video, in dem er offen die Firma Marex des Mordes an ihm beschuldigt. Kommissar Borowski ahnt, dass die Lösung des Falls auf dem Grund der Ostsee zu finden ist, und taucht ab in die Tiefe. (NDR-Mitteilung zum Drehstart)

Rezension

Sicher sind die Kieler Tatorte von einer trocken-humorvollen Art und wirken auf den ersten Blick etwas karg, aber da steckt doch meist sehr viel drin. Dieses Mal hatten wir aber den Eindruck, man hat Form und Funktion verwechselt bzw. versucht, die übliche Form zu finden oder zu bewahren, ohne dass die Funktion – ähm – gewährleistet ist. Sie verstehen, was wir meinen: Dieser Kieler Tatort wirkt irgendwie unecht, als würde er einen Kieler Tatort zitieren. So, als ob das tiefere Verständnis für die Figur dieses Topkommissars fehlen würde. Vielleicht sind wir ein wenig dadurch beeinflusst, dass wir wissen, die Regisseurin hat bisher nur Wien-Tatorte inszeniert, und die ticken um Längen anders, auch wenn es übereinstimmend mit Kiel eine prägnante Polizistenfigur gibt (in Wien sogar zwei).

Aber dort wird seit einiger Zeit mächtig auf den Putz gehauen, während Kiel anders akzentuiert ist. Der heutige Kiel-Tatort „Borowski und das Meer“ hatte viel weniger Handlungselemente als ein numehr üblicher Wiene, und da fallen Plotschwächen weit mehr auf, als wenn eine rasante Großstadtsause abläuft. Wenn man nach jeder Aktion Zeit hat, darüber nachzudenken, ob sie stimmig und logisch war, dann kann dies zu Zweifeln führen. Das ist kein Plädoyer dafür, aus den Kieler Fähren Raketen zu machen. Aber dieses Mal wirkt der Film nicht lakonisch, wie es produktionsseitig angekündigt wurde, sondern eckig und etwas ungelenk.

Als wir für die Vorschau schrieben, das wird ein konventioneller Whodunnit werden und dies sei okay, um mal einen anderen Ansatz zu zeigen als die zuletzt häufigen Konfrontationen des Kommissars mit pathologischen Tätern, da wiesen wir schon darauf hin, dass der Whodunnit den Nachteil hat, dass sich Figuren nicht so exzellent ausarbeiten lassen wei beim Howcatchem. Allerdings soll ja dafür der Ratespaß gegeben sein, der  Zuschauer ermittelt gedanklich den Mörder, während der Kommissar mit der KT oder eben auch auf die intellektuelle Art das Gleiche tut.Wie allerdings, wenn der Zuschauer relativ schnell darauf kommt, dass es im Grunde noch gar keinen Fall gibt, weil das vermeintliche Opfer seinen Tod selbst inszeniert hat, um sich vor ebenjenen rüden Meeresbodenschätze-Abbau-Businesstypen zu schützen, über die er anonym Enthüllungsmaterial an die Öffentlichkeit lanciert hat oder lancieren wollte? Die Sache mit der Scheinidentifikation der Leiche war etwas plump gemacht und wenn ein Toter kein Gesicht hat, was ist dann? Dann stimmt was mit der Identität der Leiche nicht. Wir kennen das zum Beispiel aus „Es war einmal in Amerika“, den wir jüngst rezensiert haben. Das ist übrigens ein toller Film, trotz dieses Handlungselements, dessen Inszenierung erst die dritte Zeitebene des Films ermöglicht. Schwamm drüber.

Ein Gag wär’s, eine Leiche ohne Kopf zu präsentieren, die tatsächlich sie selbst ist. Einfach so. Münster lässt grüßen (hallo, Münster-Fans!), aber es wäre auch für Kiel eine Option, um das Makabere zu stärken. Nein, Kiel ist verständlicherweise eher nordisch angehaucht, verrückte Täter, mystische Begegnungen im Nebel, Leichen, die aus dem Moor auftauchen. Das Meer isses in dem Fall nicht.

Jetzt, nachdem die Borowsik-Bewertungkurve ganz oben ist, passiert ein Fall, der sie vermutlich ein wenig wird knicken lassen. Nie ist mal was einfach nur toll. Das Ende zum Beispiel hätte einiges rausreißen können, wenn nicht der Superprofi mit BW-Einzelkämpferausbildung gleich zwei Mal komplett anfängerhaft agiert hätte. Zum einen trifft er auf ein paar Meter kein mannsgroßes Ziel, zum anderen muss Borowskei nur einmal ums Haus schleichen, um ihn von hinten mit einer vorgetäuschten Pistole zu stellen, und schon ist Feierabend mit der bösen Figur.

Klaus Borowski hingegen mutiert immer mehr zur knuddeligen Figur mit bella Figura.Dieses Mal ist er besonders unschrullig – aber auch nicht so charmant, wie wir ihn in anderen Tatorten schon erlebt haben. So verdeckt charmant, worauf die Frauen ja besonders fliegen, diese Mischung aus kernig sein und immer komplett wissend und alles verstehend gucken. Es gab schon vor „Borowski und das Meer“ ein, zwei Tatorte, da fanden wir die Figur schwächer als üblich, insofern ist heute nichts Dramatisches passiert. Aber die Einfühlung in diesen Typ ist dem Team, das für den Film verantwortlich zeichnet, nicht hundertprozentig gelungen.

Das ist deswegen schade, weil eben auch die Handlung nur funktioniert, weil Menschen wirklich atypisch reagieren, wie zum Beispiel die Ehefrau von Jens Adam. Die muss man so seltsam zeigen, wie Borowski sie findet, damit man sich nicht fragt, wie jemand es schafft, dem eigenen Mann das Davongehen mit der Geliebten zu genehmigen, obwohl man doch so tiefe Gefühle für ihn hat. Die Geschäftsfrau Vegener hingegen ist okay, karrieregeil und durchaus fähig, morden zu lassen, nur ist ihr Adam leider zuvorgekommen, mit dem inszenierten Tod mit über die Schiffsreling ins Wasser fallen.

Auch da sind wir schon ins Grübeln gekommen. Wenn er von vorne erschossen wird, mit einem großkalibrigen Präzisionsgewehr zumal, dann müsste er doch nach hinten fallen, also aufs Deck, und nicht über die Reling. Denn eine vorschriftsmäßige Reling soll ja hoch genug sein um zu verhindern, dass jemand einfach so vornüber kippt, ohne entscheidend nachzuhelfen. Das kommt davon, wenn man Gebirgler See-Tatorte schreiben lässt (Spaß!). Es ist aber ein bißchen wie beim Kennedy-Mord, da hat man den Leuten auch eingeredet, der Präsident sei von schräg hinten erschossen worden, obwohl die Schädeldecke etwa in die Richtung wegflog, aus der die Kugel dann hätte kommen müssen. Es gibt noch mehr Handlungsdetails, deren Stimmigkeit wir nicht ganz bejahen können, sie haben mit der Verfolgung des Motorradfahrers zu tun (da stimmt u. a. das Timing nicht), die Ermittlung des Standorts von Adam anhand eines sehr beliebig aufgehängten Fotos an einem beliebigen Ort. Klar war uns hingegen, wer auf Deck stand: Adam natürlich.  Und wer schoß? Seine Frau, sie kann es ja. Allerdings absichtlich vorbei. Die Wasserleiche stammt halt aus diesem Reservoir, aus dem sich Ärzte wie Frau Dr. Adam immer irgendwie bedienen können. Die Figur hat eine ganz schöne Last auf den schmalen Schultern, kein Wunder, dass sie immer so unglücklich dreinschaut.

Fürs wichtige Thema Ausbeutung der Meere hat man sogar Frank Schätzing („Der Schwarm“) engagiert, aber auch dessen Auftritt wirkt weniger gelungen als seine bekanntermaßen bühnenreifes Parlieren in Talkshows. Wir haben so eine Ahnung vom nächsten Wirtschaftskriegs-Schlachtfeld bekommen, aber da „hätte man mehr draus machen können“. Klingt abgedroschen, ist aber so. Mehr Unterfütterung der Infos, die veröffentlicht werden sollten, hätte zum Beispiel nicht geschadet.

Finale

Wer am Meer lebt, der weiß, jedes richtige Meer hat seinen Tidenhub. Auch bei Tatorten herrscht also Flut – und Ebbe. Das Dumme ist nur, Kiel liegt an der Ostsee, und die hat bekanntlich kaum Gezeiten. Die Wahrnehmung, wenn man am Strand läuft, ist aber eher die, dass immer Flut herrscht, weil sich das Wasser ja nicht so weit zurückzieht. So ist es auch mit den Borowski-Tatorten. Wenn sich das Meer unerwartete zurückzieht und viel flachen Strand freigibt, schaut man erst einmal etwas ungläubig. Mittlerweile ist das Meer auch titelseitig ein wenig überstrapaziert worden (es gibt neben „Borowski und das Meer“ nun auch „Borowski und das Land zwischen den Meeren“ und „Borowski und das Haus am Meer„), das war 2014, als der Tatort, über den wir hier schreiben, seine Premiere feierte, noch nicht so.

Wir haben uns aber schon erholt von dem Schreck, dass jemand zwischenzeitlich den Stöpsel aus dem vor Kiel beginnenenden Meer der Handlungs- und Figurentiefe gezogen hat. Selbst Borowski kann man am besten dann schätzen, wenn man weiß, dass Qualität und ein tolles, authentisches Feeling immer neu erarbeitet werden müssen. Es ist ein bisschen wie diese Wochenende in der Bundesliga, um einen nicht maritimen Vergleich zum Abschluss zu bringen: Die Bayern haben ausnahmsweise nur Unentschieden gespielt. Da merkten wir, es sind Menschen, die Formschwankungen haben! Uff, das beruhigte uns.

Deswegen sehen wir auch weiterhin mit großer Spannung und viel Sympathie dem nächsten Kieler Tatort entgegen, der uns hoffentlich noch dieses Jahr erreichen wird. Möglich, dass es bei einer Tatortschiene, von der wir weniger erwarten, 6,5/10 geworden wären. Aber wir sind eben auch Menschen und Enttäuschung ist relativ. Aber die 7 hätten wir nicht mal gezogen in … nein, keine Schmähungen! Jeder Tatort ist ein neues Spiel und jedes Team hat faire Schiedsrichter verdient. 

6/10

© 2021, 2014 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissar Klaus Borowski – Axel Milberg
Kommissaranwärterin Sarah Brandt – Sibel Kekilli
Marte Adam – Nicolette Krebitz
Jens Adam – Andreas Patton
Sylvana Vegener – Karoline Eichhorn
Dr. Amali Saunders – Florence Kasumba
Fred Pollack – Aleksandr Tesla
Felicitas Neumann – Cornelia Dörr
Kriminaltechniker Ernst Klee – Jan Peter Heyne
Gerichtsmediziner Dr. Stormann – Samuel Finzi
Nigel – Tomas Sinclair Spencer
Marie Campenhausen – Marleen Quentin
Meeresspezialist – Frank Schätzing
u.a.

Drehbuch – Christian Jeltsch
Regie – Sabine Derflinger
Kamera – Christine A. Maier
Musik – Stefan Schrupp

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