Des Teufels langer Atem – Tatort 1186 #Crimetime Vorschau 16.01.2022, Das Eerste, 20:15 Uhr #Tatort #Münster #Thiel #Boerne #WDR #Teufel #Atem

Crimetime Vorschau – Titelfoto © WDR / Molina Film, Thomas Kost

Twenty Years, fourty Cases, countless Laughs

Zum 40. Münster-Tatort gibt es so viele süße Fotos und selbstverständlich hätten wir Frank Thiel, KHK, zusammen mit seinem Dauerpartner Karl-Friedrich Boerne abbilden müssen, angesichts des – nun ja, Jubiläums? Aber wir konnten nicht widerstehen, dafür gibt es nun ausnahmsweise ein weiteres Bild, auf dem Thiel wiederum allein zu sehen ist. Nicht ganz allein.

Mit dem Tatort „Der dunkle Fleck“ (Nr. 511) startete die Karriere der beiden männlichen Ulknudeln aus Münster und seit nunmehr einer Generation begeistern sie das Publikum und sorgen für die höchsten Quoten im weiten, weiten Tatortland. Aber sie sind ja nicht so allein wie auf den hier gezeigten Fotos, sondern umgeben von einem großen Team, das für die richtige, oder, sagen wir, im Sinne der Krimikomödie vollständige Mischung sorgen darf. „Alberich“, Boernes Assistentin  Haller, die Staatsanwältin Klemm, Vaddern Thiel.

Das einzige Mitglied, welches das Team in diesen vielen Jahren verlassen hat, ist Nadeshda Krusenstern, bei der es viel zu lange brauchte, bis sie vom Status der Kommissarsanwärterin befreit wurde. Sie ist nun durch einen offenbar biodeutschen, männlichen Assistenten ersetzt worden. Wie das passieren konnte, wissen wir noch nicht, eine Untersuchung des Vorfalls wäre angebracht.

Alle anderen sind im Prinzip am Endpunkt ihrer Karriere angekommen, da braucht es nicht mehr viel horizontale Erzählung. Es sei denn, bei einem der Teammitglieder würde sich privat etwas tun, aber das hat man bisher in Münster sorgfältig vermieden, nach dem Motto: Nur das Revier, die Mordkommission zählt! Und die Gerichtsmedizin und die StA natürlich. Dort gibt es genug Kurioses zu bestaunen, da braucht es keine weiteren Ausschmückungen.

Gealtert sind sie durchaus, die Münsteraner. Das bemerkt man vor allem beim direkten Vergleich, wenn man sich Bilder zu ihrem ersten Film anschaut. Aber es fand auf eine erstaunlich harmonische, dezente Weise statt. Ein bisschen zeitlos sind sie also schon, die Frauen und Männer, die an den Start gingen, als es noch keine Smartphones gab, wohl aber schon das „Auf der Reeperbahn“-Jingle als piependen Handy-Rufton.

Wir machen wieder eine kleine Fotopause, denn auch „Alberich“ hat sich ein Foto verdient. Sie hat von Boerne so viel aushalten müssen und es ist erstaunlich, dass diese Übergriffe so einfach durchgingen, auch bei Kritik, Publikum und den relevanten Menschen der Gesellschaft, aber das Label „politisch nicht korrekt“ funktioniert, wenn man es in Form einer Komödie verkauft, wohl immer noch. Auch dieses „Me??“-Foto mit Darstellerin Christine Urspruch in ihrer Rolle ist sehr süß.

Wenn der Film so ist, wie die drei Stills es vermuten lassen, dann ist er vielleicht einer der herzlichsten, die bisher aus Münster kamen. Berührend waren sie immer mal wieder. Nicht alle haben mir gefallen, weil der Klamauk doch zu sehr zulasten der Krimiqualitäten ging, man sich zu sehr auf dieses wunderbare Ensemble verließ und dabei vergaß, mit welchem Format man unterwegs war, aber den Test der Zeit hat das, was in Münster insgesamt gemacht wurde, auf jeden Fall bestanden, denn was haben wir seit 2002 nicht alles erlebt, was die Stimmung in der Gesellschaft und den Zeitgeist verändert hat. Die Münster-Tatorte aber funktionieren nach wie vor.

Die eiskalte Dusche kommt mit der ersten Kritik. Die Redaktion von Tatort-Fans meint:

„Der Teufel hatte wohl nicht nur bei der Titelwahl, sondern auch beim Drehbuch seine Finger im Spiel: Eine solch groteske und weltfremde Story hat man im Tatort lange nicht mehr gesehen. Dass hier ernsthaft versucht wird, dem grundguten und in seiner Brummeligkeit geradezu aufreizend sympathischen Thiel einen Mord anzuhängen, ist schon lächerlich genug. Bei den ganzen Sinnestäuschungen, Halluzinationen und Boernes albernem Hypnoseversuch fühlt man sich eher an Harry Potter als an einen ARD-Sonntagskrimi erinnert. Der Gipfel der Absurdität ist dann mit Boernes und Alberichs Einbruchversuch in die Rechtsmedizin erreicht. Ach, wenn man die Erinnerung an diesen gruseligen 40. Fall aus Münster doch auch einfach löschen könnte …“

Nicht einmal zu einer Bewertung hat es gereicht. Und es ist nicht so, dass diese Redaktion den Münsteranern gegenüber feindlich eingestellt ist. Zumindest war sie das früher nicht, dort hat es zuletzt auch einen Wechsel gegeben. Ach je, mir wird das Herz schwer, denn das gab es ja in den 2010ern häufiger, siehe oben, dass die mäßigen Drehbücher dafür gesorgt haben, dass diese beseelte Crew im Ranking des Tatort-Fundus (alle aktuellen Teams) nur auf Platz 7 steht, mit einem hauchdünnen Vorsprung vor WDR-Kollege Faber + Team. Das ist nicht miserabel, entspricht aber nicht dem herausragenden öffentlichen Standing der Münster-Schiene. Wohl jedoch reflektiert es nach unserer Ansicht die Qualität der Münster-Fälle in toto. Nun ja, fassen wir uns ebenjenes schwere Herz und schauen, was weitere Kritiker:innen geschrieben haben. Unsere zweite Station ist dabei regelmäßig der SWR3-Check:

„Gute Story und lässiger Humor machen den Tatort kurzweilig. Zwar denkt man nach ungefähr der Hälfte, man hätte den Fall für sich gelöst, aber denkste! Genau zur richtigen Zeit tauchen neue Indizien auf. Und Gefühle. Durchaus „ffffff“-freundschaftliche. Interessanter Fall, passender Humor, und noch was für Herz: Alle haben sich irgendwie lieb. Die perfekte Mischung! Fünf von fünf Elchen!“ 

Ffffff! Gerettet! Egal, wer jetzt noch in die Kacke haut. Dieser Tatort kann nicht schlecht sein, wenn die gesamte Elchfamilie ihn mag, denn der Elchtest ist bekanntlich einer der härtesten. Auf der Suche nach dauerhaft auswertbaren Stimmen, die „Filmstarts“ ersetzen können, sind wir noch nicht abschließend fündig geworden, vor allem, weil wir es bevorzugen, wenn die Rezensent:innen auch mit Punkten, Sternen, Elchen, Daumen etc. bewerten. Erstmals zeigen wir heute das Fazit zum Film von Filmrezensionen.de:

In „Tatort: Des Teufels langer Atem“ muss sich Thiel mit einer unangenehmen Frage auseinandersetzen: Hat er im Vollrausch jemanden erschossen? Tatsächlich spannend ist das nicht, zumal die Auflösung schon sehr umständlich ist. Dafür gibt es wie immer beim Münster Tatort ein paar unterhaltsame Szenen.

Für Letztere wohl gibt es noch 5/10. Falls der Maßstab ähnlich angesetzt wird wie bei unserer Zehnerwertung, ist das ziemlich wenig. Aber wir hatten ja oben schon festgestellt, dass die Elche mitgehen, was zählen also verweigerte Dots? Bei Tittelbach-TV hat es sich der Namensgeber der Seite nicht nehmen lassen, den 40. Münster-Tatort selbst zu beurteilen: 

„Thiel hat einen völligen Blackout. Tags zuvor hat sich der Kommissar die Kante gegeben. Das ist so ziemlich das Einzige, was er noch weiß. Und er hat Erscheinungen, kurz aufflackernde Erinnerungsfetzen, die ihn verunsichern. Umso mehr, als er bald auch noch in einen Mordfall verwickelt ist. In „Des Teufels langer Atem“ (Molina Film), dem 40. „Tatort“ aus Münster, gerät nun Frank Thiel in massive Erklärungsnot. Autor Thorsten Wettcke stellt dabei das gängige Der-Verdächtige-gegen-alle-Muster clever auf den Kopf und macht diesen besonderen Fall zu einem würdigen Jubiläums-Film. Auch sonst ist dieser WDR-„Tatort“ ein Film aus einem Guss, was Geschichte, Inszenierung und Besetzung angeht. Es ist eine kühne, wilde Konstruktion um beliebte narrative Mythen wie Amnesie, Todessehnsucht oder das perfekte Verbrechen. Dramaturgisch und filmisch besonders auffallend: Die Ermittlungen, die Rekonstruktion der Geschehnisse in Thiels verhängnisvoller Nacht, erfolgen größtenteils auf der Bildebene. Auch die markante visuelle Gestaltung insgesamt passt sich ein in den New Look, den der jahrelang eher etwas bieder daherkommende „Tatort“ aus Münster seit einiger Zeit konsequent verfolgt. Und endlich nutzen die Fälle auch ihr tragisch-dramatisches Potenzial, ohne dabei die lieb gewonnenen Eigenarten der Charaktere aufzugeben.“

Das klingt sehr wohlwollend und insgesamt steht diese Publikation dem Format in der Tat sehr wohlwollend gegenüber, wie überhaupt dem deutschen Fernsehfilm. Doch die resultierenden 4,5/6 sind nur Mittelmaß, zuletzt kam es häufiger zu 5 und sogar einmal zu 5,5/6. Dazu muss man wissen, dass, ähnlich wie bei uns, das Schema von Tittelbach-TV eigentlich erst bei 3/6 beginnt, alles darunter wird offenbar Schrottfilmen vorbehalten, die es unter den Tatorten nicht zu beklagen gilt. Was wir gerade dort gesehen haben: „Die Wannseekonferenz“, für den wir kürzlich eine Vorschau geschrieben haben, kommt auf 6/6. Das ist auch für Tittelbach-TV ungewöhnlich. Also, schwierigste Zeitgeschichte doch auf eine vertretbare Weise als Dokudrama aufbereitet? Wir haben uns das Anschauen als einen der wenigen deutschen Premieren-Fernsehtermine der nächsten Zeit vorgemerkt. Nun aber noch zu Christian Buß vom Spiegel. Er ist wieder da, pünktlich zum Schreiben über einen Münster-Fall:

„Thiel auf dem Horrortrip: Hat der Kommissar unter Drogeneinfluss einen Mord begangen? Überorgelter Münster-»Tatort« mit Johann Sebastian Bach und der südamerikanischen Monstersubstanz Burundanga.“

Das Schöne an solchen Einlassungen ist, man erfährt knackig etwas über den Fall, ohne dass auch nur im Geringsten ein Spoiler zu vermerken ist. Ein Sprung von der Einleitung zum Fazit:

„6 von 10 Punkten. Überorgelter Drogen-Krimi, Fear And Loathing in Münster.“

Da Buß die gesamte Bandbreite des Zehnerspektrums ausnutzt, ist die Bewertung tatsächlich als leicht überdurchschnittlich anzusehen, man muss nicht, wie bei anderen Stellen, auch bei uns, ein wenig um die Ecke denken, um einschätzen zu können, was nun wirklich hinter einer Punkte- oder Sternevergabe steckt.

Damit sind wir mit der Feierstunde am Ende. In nur fünf Jahren wird es zum ganz großen Jubiläum kommen, das wenige Teams bisher erreicht haben. Interessanterweise sind genau jene wenigen immer noch aktiv und längst in für die Münsteraner unerreichbare Regionen jenseits der 70 Fälle vorgestoßen. Das war auch möglich, weil die Ermittler:innen vor über 30 oder 25 Jahren als ziemliche Jungspunde angefangen haben: Lena Odenthal, Batic und Leitmayr und Ballauf und Schenk, und weil sie außerdem in schneller Taktung neue Fälle zu lösen haben. Thiel, Boerne & Co. waren nie ein Polizei-Kinderkarten und nie besonders hektisch bezüglich der Vorstellung neuer Falllösungswerke. Zwei Filme pro Jahre im Schnitt haben ihnen ausgereicht, um sich kindgerecht austoben zu könenn.

Haben Sie heute Abend auch wieder die Möglichkeit, Ihrem inneren Kind etwas Gutes zu tun? Schauen Sie mal in „Des Teufels langer Atem“ rein, von uns kommen derzeit leider keine Sofortrezensionen, die das selber gucken weitgehend ersetzen.

TH

Handlung, Besetzung, Stab

Völliger Blackout: Kommissar Thiel kann sich nach dem Aufwachen nicht erklären, wie er in diesem Hotelzimmer gelandet ist. Und was machen Prof. Boerne und der große Plüsch-Koala da an seiner Bettkante? Doch es kommt noch schlimmer: Ganz in der Nähe wurde eine Leiche im Wald gefunden. Es handelt sich um Thiels Ex-Chef aus seiner Zeit bei der Hamburger Mordkommission, den er seit Jahren nicht gesehen hat. Oder doch? Prof. Boerne ist fasziniert von Thiels Amnesie und begleitet ihn bei der Spurensuche.

Hauptkommissar Frank Thiel – Axel Prahl
Rechtsmediziner Prof. Dr. Dr. Karl-Friedrich Boerne – Jan Josef Liefers
Rechtsmedizinerin Silke „Alberich“ Haller – ChrisTine Urspruch
Kriminalassistent Mirko Schrader – Björn Meyer
Staatsanwältin Wilhelmine Klemm – Mechthild Großmann
Herbert „Vadder“ Thiel – Claus D. Clausnitzer
Dr. Kühn – Kim Riedle
Kommissarin Annika Kröger – Banafshe Hourmazdi
Rechtsmedizinerin Vivian Peters – Judith Goldberg
Arne Hartnack – Artus Maria Matthiessen
Therapeutin Hannah – Kerstin Thielemann
Barmann – Björn Jung
Tankstellenwärter – Jonas Baeck
u. v. a. 

Drehbuch – Thorsten Wettcke
Regie – Francis Meletzky
Kamera – Bella Halben 
Musik – Andreas Weidinger 

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