Corona 13/22: Hoffnungszeichen bei Inzidenz + Verkürzung des Genesenen-Status + Berliner Schuldurchseuchung | Frontpage | Corona Lage | Infoblock, Service, Politik

Frontpage | Corona Lage: Infos, Service, Politik, Berlin| Lagestabilisierung weltweit hält weiter an, RKI verkürzt Genesenenstatus von 180 auf 90 Tage

Montag, 17. Januar 2022. Die Anhebung der 7-Tage-Inzidenz in Deutschland setzt sich fort, aber es gibt auch Hoffnungszeichen.

Gestern haben wir und zur „Schuldurchseuchung“ in Berlin geäußert, unser heutige Spezialthema ist, dass es keines gibt. Die Impfpflichtdebatte, die wir ausführlich dargestellt haben, setzt sich fort. Ist Omikron nun ein „Gamechanger“ oder nicht? Wir meinen: möglicherweise. Das merkt man auch an der Änderung des Genesenenstatus, die das RKI mit Wirkung zum 15.01. vorgenommen hat, dazu haben wir uns ebenfalls kurz geäußert.

Zu unserem vorausgehenden vorausgehenden Corona-Artikel:

Corona 12/22: Weiter leichter Inzidenzanstieg + Plant der Berliner Senat eine rasche Schulen-Durchseuchung? + Widersprüche in den Aussagen der Politik bezüglich der Impfpflicht? | Frontpage | Corona Lage | Infoblock, Service, Politik, Hinweise – DER WAHLBERLINER.

Wieso kam es an bisher 17 Tagen des Jahres zu 13 Corona-Lageberichten? Wir veröffentlichen nur an Tagen, an denen Besonderheiten oder neue Höchstwerte zu verzeichnen sind. Heute ist es die Inzidenz in Deutschland, die mit 528,7 einen neuen Höchststand erreicht hat.

Infoblock

  • Weltweit gemeldete Neuinfektionen gestern und an den Tagen zuvor.[1]
    • 1,94 Millionen (16.01.2022 – vor einer Woche: 1,87 Millionen)
    • 2,45 Millionen (15.01.2022 – wegen weniger Testung und Erfassung gehen die Fallzahlen am Wochenende üblicherweise zurück, die korrekte Vergleichszahl sind die 2,24 Millionen Neuinfektionen vor sieben Tagen)
    • 3,23 Millionen (14.01.2022)
    • 3,26* / 3,20* / 2,81* / 2,17 / 1,87 / 2,24 / 2,52 / 2,59 Millionen (13.01. bis 06.01.2022)

Weltweit hatte die Zahl der Neuinfektionen bis vor drei Tagen drei Mal hintereinander ein neues Maximum erreicht. Erste Länder scheinen jedoch den Gipfel der Omikron-Welle überschritten zu haben, insgesamt ließ sich zuletzt eine Abflachung des Anstiegs erkennen, die heute deutlicher ausfällt als an den Vortagen.

  • Gemeldete Neuinfektionen in Deutschland vom 16.01. bis 08.01.2022.[2]
    • 34.145 (16.01.2022)
    • 52.504 (15.01.2022)
    • 78.022 / 92.223* / 81.417*/  80.430* / 45.690  / 25.255  / 36.552    

Nun sind wir gespannt, ob sich die Horrorszenarien, die insbesondere von Karl Lauterbach weiterhin vorausgesagt werden, in Deutschland tatsächlich eintreten. Der Rückgang der Neuinfektionszahlen von gestern ist zwar auch ein typischer Wochenend-Effekt (weniger Tests, verspätete Meldungen), aber diese Woche wird es darauf ankommen, ob die Höchstzahl von 92.223 noch einmal getoppt wird, die wir am 13.01. gesehen haben. Sollte das nicht der Fall sein, würde dies tatsächlich darauf hindeuten, dass Deutschland besser durch die Omikron-Welle kommen wird als andere europäische Länder. Was dagegen spricht, ist die weiterhin deutlich zu hohe R-Zahl (siehe unten).

  • Weltweit gemeldete Todesfallzahlen mit / wegen Corona vom 16.01.2022 bis zum 10.01.2022[3]
    • 013 (16.01.2022)
    • 820 (15.01.2022)
    • 854 (14.01.2022)
    • 704 / 8.418 / 8.260 / 5.166

Die zuletzt abnehmenden Todesfallzahlen sind ein Hoffnungszeichen, allerdings gab es in den Wochen vor dem Beginn unserer hier gezeigten Erfassung bereits Tage mit weniger als 4.000 Todesfällen. Wichtig werden die beiden nächsten Tage, in denen Wochenend-Verzerrungen ausgeglichen werden.

  • 7-Tage-Inzidenz in Deutschland (15.01.2022 bis 07.01.2022)[4]

Am 13.01.2022 wurde die bisherige Höchstinzidenz der Pandemie übertroffen, die aus der vierten Welle und dem Dezember 2021 stammt (452,4). Seitdem steigt der Inzidenzwert in Deutschland weiter an. Wir haben der Grafik nun die tägliche Veränderungsrate beigefügt Sie weist einen Rückgang der täglichen Steigerungsraten auf aktuell nur noch, 2,42 Prozent aus. Das ist der niedrigste Steigerungswert, seit wir die Inzidenz für die Grafik erfassen. Wir haben rückwirkend die Tage 08.01. und 07.01 beigefügt, um dieser günstigen Tendenz mehr Validität zu verleihen.

  • Länder mit mehr als 5 Millionen Einwohnern und einer Inzidenz von mehr als 1.000  (Stand 13.01.2022 bis 09.01.2022). Der Stand wurde nach dem 14.01.2022 erst am 17.01. wieder aktualisiert, daher kommt es nun in der Tabelle zu erheblichen Verschiebungen.[5]
    • Portugal (3.746 / 2.671 / – / – / -)
    • Israel (3.146 / 2.689 / 1.930 / 1.690 / 1.183)
    • Frankreich (3.072 / 3.066 / 2.957 / 2.872 / 2.774)
    • Australien (2.920 / 2.795 / 2.318 / 2.006 / – )
    • Dänemark (2.777 / 2.352 / 2.424 / 2.512 / -)
    • Irland (2.547/ 3.097 / 3.097 / 3.131 / 2.780 / 3.378)
    • Schweiz (2.129 / 2.081 / 2.088 / 2.072 / 1.750)
    • Italien (2.108 / 1.959 / 2.005 / 2.043 / 1.840)
    • Spanien (1.970/ 2.140 / 1.713 / 1.798 / 1.847)
    • Argentinien (1.762 / 1.468 / 1.546 / -)
    • USA (1.691 / 1.667 / 1.593 / 1.674 / 1.494)
    • Belgien (1.553 / 1.453 / 1.329 / 1.107 / -)
    • Griechenland (1.780 / 2.082 / 3.075 / 2.767)
    • Schweden (1.390 / 1.543 / 1.253 / – / -)
    • Niederlande (1.293 / 1.246 / 1.152 / 1.096 / -)
    • Norwegen (1.203 / – / – / – / – / -)
    • Finnland (1.187 / 1.193 / 1.009 / – / -)
    • Österreich (1.170 / – / – / – / – / -)
    • Großbritannien (1.117 / 1.434 / 1.642 / 1.893 / 1.866)

Großbritannien taucht nun erst am Ende der Liste auf, als einziges größeres Land, dessen Inzidenz noch gerade über 1.000 liegt. Mit Sicherheit kann man nun sagen, das Inselreich hat den Höhepunkt der Omikron-Welle überschritten. Was dort geschieht, gibt einen guten Fingerzeig auf den weiteren Pandemieverlauf. Wie immer, auch ein hier ein „Aber“: Jede neue Mutation kann woanders zuerst auftreten und die Lage komplett verändern.

Wer hätte zum Beispiel gedacht, dass Land mit der weltweit massivsten Impfkampagne, Israel, mit einer Inzidenz von mehr als 3.000 jemals bei der Inzidenz so weit vorne liegen könnte. Portugal, dem vor allem während der vierten, der Delta-Welle ein sehr solides Corona-Management bescheinigt wurde, führt die Liste nun sogar an. Gerecht ist das alles vielleicht nicht, aber mit diesem Begriff arbeitet nicht einmal das Wirtschaftssystem, das immerhin von Menschen gemacht ist, warum sollte eine Pandemie es dann tun?

  • Todesfallzahlen in Deutschland vom 15. bis zum 11.01.2022
    • 30 (16.01.2022)
    • 47 (15.01.2022)
    • 235 (14.01.2022) / 286 (13.01.2022) / 316 (12.01.2022) / 387 (11.01.2022)

Der kurze Betrachtungszeitraum, der in unseren Artikeln bisher ausgewiesen ist, verbietet schnelle Rückschlüsse (wie etwa: steigende Inzidenz, sinkende Todesfallzahlen, endemische Lage bereits gegeben). Zur Übersterblichkeit haben wir einen Artikel veröffentlicht, der eine differenzierte Betrachtungsweise nahelegt.[6] Auch zu den „Impftoten“gibt es mittlerweile Daten vom Paul-Ehrlich-Institut.[7]   

  • Ausgewählte Bundesländer / Kommunen, dargestellt sind die Zahlen vom 16.01.2022 bis zum 09.01.2022[8]
    • Bremen weist, wie seit dem Beginn der „Omikron-Welle“, die höchste Inzidenz aus
      • 1.389 / 1.401 / 1.378 / 1.427 / 1.438 / 1.296 / 1.194 /  1.081 / 1.100 
    • Berlin steht nach wie vor auf Platz 2
      • 948 / 965 / 957 / 950 / 919 / 856 / 737 / 694 / 665
      • Auf den folgenden Rängen: Hamburg (805, nach einem Anstieg um fast 100 Punkte auf 831 gestern, Schleswig-Holstein (681) und Hessen (626).
      • Brandenburg (580), Bayern (554) und nun auch NRW (505) erreichen Inzidenzwerte von über 500.

Den leichten Rückgang in Berlin haben wir genau registriert, weil die hiesige Inzidenz auf unser persönliches Verhalten Einfluss nimmt, aber wir ändern unsere möglichst konsequente Strategie der Kontaktvermeidung noch nicht.

    • Die Stadt- und Landkreise bzw. Stadtbezirke mit der höchsten Inzidenz (16. Und 15.01.2022)
      • Berlin Friedrichshain-Kreuzberg (1.596 / 1.644 / 1.586)
      • SK Bremen (1.477 / 1.499 / 1.481)
      • Berlin-Neukölln (1.374/ 1.419 / 1.488)
      • Berlin-Mitte (1.352 / 1.353 / 1.332)

Der SK Bremen, der eine Zeitlang der am stärksten betroffene war, hat mit Berlin-Neukölln den Platz getauscht, in Friedrichshain-Kreuzberg liegt die Inzidenz so hoch wie in keinem anderen Bezirk / Stadtkreis / Landkreis seit dem Einsetzen der Omikron-Welle. Die Rangfolge auf den vorderen Plätzen blieb seit gestern gleich.

  • Der wichtige R-Wert in Deutschland (eine infizierte Person steckt wie viele weitere Personen an?). Wir weisen darauf hin, dass die Werte in der Regel Korrekturen erfahren, wir folgen diesbezüglich der verwendeten Quelle.[9]
    • 1,11 (16.01.2022)
    • 1,15 (15.01.2022) – korrigiert von 1,19
    • 1,19 (14.01.2022) – korrigiert von 1,23
    • 1,19 (13.01.2022) – korrigiert von 1,21
    • 1,20 (12.01.2022) – korrigiert von 1,11
    • 1,17 (11.01.2022) – korrigiert von 1,11
    • 1,17 (10.01.2022) – korrigiert von 1,10
    • 1,19 (09.01.2022) – korrigiert von 1,17
    • 1,23 (08.01.2022) – korrigiert von 1,30

Die neuesten Zahlen inklusive jüngst vorgenommener Korrekturen ergeben Sinn. Wir haben uns z. B. gestern gewundert, dass trotz nachlassender Inzidenzzuwächse der R-Wert gleichbleibend hoch sein sollte. Der korrigierte gestrige Wert und der heutige Wert deuten jedoch darauf hin, dass die Ansteckungsrate nun abflacht. Spätestens, wenn der R-Wert unter 1 liegt, sollte auch die Inzidenz nachhaltig sinken.

Fokus auf Berlin

Neukölln ist schon länger ein Brennpunkt des Corona-Geschehens in Berlin. Es sei die hohe Bevölkerungsdichte und die sozioökonomische Situation, sagte Bezirksbürgermeister Hikel (SPD).[10] Ein Bericht aus dem Krisengebiet hat der Tagesspiegel gefertigt.[11] Die Erkenntnisse waren so erschreckend, dass sie hinter einer Paywall versteckt werden mussten. Zum Glück hat sich auch ein Reporter von T-Online ins epidemische Zentrum begeben: „Was wir hier sehen, gibt es bald in ganz Deutschland“, droht die dortige Regionalpolitik.[12] Bisher ist das noch nicht eingetreten, wir harren also der Dinge, die da kommen.

Ein Grund dafür, dass Neukölln so abhebt und die Zahlen in Berlin insgesamt hoch sind,  dürfte die Tatsache sein, dass der Berliner Senat sich weigert, endlich die Regeln für den Schulbetrieb anzupassen, es gilt weiterhin Präsenz. Die Landeselternvertretung und andere Mitspieler sind allerdings daran nicht unschuldig, weil sie sich lange für den vollen Präsenzunterricht ausgesprochen haben. Jetzt, im Grunde viel zu spät, ist die Kehrtwende erfolgt, nicht aber schon der Wechsel zum Wechselunterricht.

„Corona rauscht durch die Klassenzimmer“ heißt es z. B. hier:

Demnach wurden dem Haus von Bildungssenatorin Astrid-Sabine Busse (SPD) aus den öffentlichen allgemeinbildenden und beruflichen Schulen der Hauptstadt bis zum Donnerstag 7583 nachweislich infizierte Schülerinnen und Schüler gemeldet, gut 5200 mehr als in der Vorwoche. Auch beim Personal der öffentlichen Schulen gehen die Zahlen im gleichen Zeitraum von 365 auf 833 durchaus steil nach oben.[13]

Es gibt demnach nicht einmal feste Werte, ab wann Schulen in den Wechselunterricht gehen müssen, geschweige denn für einen Schul-Lockdown. Anders ausgedrückt: Der Senat verfährt nach Gutdünken und die neue Bildungssenatorin macht dort weiter, wo die bisherige (beide SPD) aufgehört hat. Das Bildungsressort gilt schon lange als Schwachstelle der Berliner Stadtregierungen, entsprechend sind nicht nur die Bildungsergebnisse, sondern jetzt auch das Corona-Management.  Es sollte in der aktuellen Lage den Eltern überlassen bleiben, ob sie ihre Kinder zu Hause behalten möchten.

„Überhaupt sei es »keine Entscheidung zugunsten der Kinder« immer wieder darauf zu verweisen, dass die Schule offen bleiben müssen. »Es ist nur dieses wirtschaftliche Interesse, dass die Eltern an den Arbeitsplätzen zur Verfügung stehen sollen«, so [Landeselternsprecher] Heise weiter“, schließt der Artikel.

Der Booster-Service

Was beim Boostern zu beachten ist.[14] Interessanterweise wird die „Kreuzimpfung“ von der Stiko nun nicht ausdrücklich empfohlen. Für die Auffrischimpfung soll möglichst der mRNA-Impfstoff verwendet werden, der bei der Grundimmunisierung zur Anwendung kam. Wenn dieser nicht verfügbar ist, kann bei ≥30-Jährigen der jeweils andere mRNA-Impfstoff verwendet werden. Die STIKO betrachtet in der Altersgruppe ≥30 Jahre die beiden mRNA-Impfstoffe als gleichwertig.[15]

Nun waren bekanntlich in Berlin Anfang Dezember, als wir unsere Auffrischungsimpfung bekamen, nicht beide mRNA-Impfstoffe in hinreichender Menge verfügbar, trotzdem wirkt das plötzliche Promoten der Kreuzimpfung im Nachhinein eher an der Verfügbarkeit als an der medizinischen Best Practice orientiert. Interessant ist in dem Zusammenhang auch, dass mit Comirnaty  (Biontech) bei der Auffrischungsimpfung die gleiche Dosis verabreicht werden soll wie bei den ersten Impfungen, bei Spikevax (Moderna) hingegen nur die halbe Menge. So ist es bei uns gehandhabt worden.

Die vierte Impfung hingegen steht noch nicht an, sagte Charité-Virologe Leif Erik Sander dem RBB.[16]  Zu viele Booster könnten demnach schädlich sein, meint auch die EMA.[17] Es ist allerdings dieselbe EMA, die, anders als die Stiko, vor einiger Zeit die Kreuzimpfung empfohlen hat, wir hatten uns beim Boostern an dieser Empfehlung orientiert, zumal der Artikel wirkt, als seien die Vorteile der Kreuzimpfung eindeutig belegt worden.[18]

Grundsätzliche Darstellung unserer Ansicht zum Impfen in den Zeiten von Omikron (Stand 14.01.2022)

Wir müssen jetzt etwas Ordnung schaffen und damit auch den Schlussteil dieser täglichen Darstellung verkürzen, denn die Kakophonie verschiedener Stimmen zum Thema Impfen wird immer gruseliger und deshalb halten wir zu Beginn fest. Wie immer man zu einer Impfpflicht stehen mag, es gibt zwei Hauptlinien der aktuellen Argumentation, die wir bewerten:

  • Impfen, speziell Boostern hilft generell auch gegen die Ansteckung mit Omikron. Dann ergibt eine Impfpflicht auf jeden Fall Sinn.
  • Impfen, speziell Boostern mit noch nicht für Omikron entwickelten Impfstoffen, hilft nicht oder in nur sehr geringem Maße gegen die Ansteckung, wohl aber gegen schwere Verläufe. Dann ergibt eine Impfpflicht auf einer ersten Ebene weniger Sinn, auf einer weiteren muss man sagen: „Es kommt darauf an.“
  • Variante 1.) bedeutet, dass Impfen, wie in den Wellen 2 bis 4, nicht nur Selbstschutz, sondern auch Fremdschutz bedeutet, also einen Akt der Solidarität darstellt bzw. der Nicht-Solidarität, wenn man das Impfen verweigert, und bei fortgesetztem Mangel an Solidarität zu großer Bevölkerungsanteile muss irgendwann eine Regel kommen, welche die Schäden dieses Mangels eingrenzt. Wie eigentlich überall, wenn das gesellschaftliche Zusammenleben funktionieren soll. Unter diesen Umständen wäre eine Impfpflicht u. E. verfassungsrechtlich unbedenklich. Allerding ist derzeit nicht gesichert, dass Variante 1.) zutrifft und die hohen Omikron-Infektionszahlen in Bundesländern und Ländern außerhalb Deutschlands mit hohen Impfquoten sprechen deutlich dagegen.
  • Variante 2.) hingegen betrifft auf der ersten Ebene nur den Selbstschutz: Welche Folgen will ich riskieren, falls ich mich anstecke? Das ist mir selbst überlassen, wie bei allen anderen Aspekten, welche die persönliche Lebensführung betreffen. Okay, nicht bei allen, aber den meisten, insbesondere beim Umgang mit der eigenen Gesundheit. Deswegen kann man, wenn man nur den Selbstschutz im Blick hat, sehr wohl argumentieren, ich stecke mich lieber an, als mich mit diesem mRNA-Zeugs abfüllen zu lassen. Ob diese Abwägung objektivierbar ist, spielt insofern keine Rolle.
  • Es gibt aber einen weiteren Aspekt: Die Belegung der Krankenhäuser mit Covid-Patient:innen. Wir haben oben gesehen, dass in Berlin die Ungeimpften weitaus häufiger symptomatisch erkranken und auch deren Hospitalisierungsquote dürfte höher liegen.
  • Spätestens dann, wenn Geimpfte und Patient:innen, die nicht wegen einer Corona-Infektion ins Krankenhaus mussten, darunter leiden, dass zu viele Ungeimpfte eingeliefert werden, die zu viele Betten belegen, dann tritt nach unserer Ansicht wieder dieselbe Maßgabe wie in Variante 1.) in Kraft: Der Gesundheitsschutz der Bevölkerung steht über der individuellen Entscheidung, sich nicht impfen lassen zu wollen. Es geht exakt darum, wie Menschen, die diese Entscheidung nicht getroffen haben, beeinflusst und dadurch benachteiligt werden, bis hin zum nicht selbst verschuldeten Tod; z. B., falls eine Operation verschoben werden musste, weil zu viele ungeimpfte Covid-Patient:innen die Kapazitäten binden. Deswegen ist die Erfassung des Impfstatus von aufgrund Covid-19-Infektion Hospitalisierten für weitere politische Entscheidungen sehr wichtig.

Politik & weitere Zahlen

In den vier Wochen zwischen dem 14. Dezember und dem 12. Januar waren demnach von 8912 Corona-Intensivpatienten, deren Impfstatus bekannt war, fast zwei Drittel ungeimpft. Das entsprach insgesamt 5521 Fällen oder 62 Prozent der Neuaufnahmen mit erfasstem Impfstatus. Von etwa jedem zehnten Patienten war der Impfstatus nicht bekannt. [19] Anders als bei bisherigen Darstellungen, die für viel Verwirrung gesorgt haben, ist der Impfstatus nach dieser Darstellung bei 90 Prozent der Intensivpatienten bekannt. Deswegen ist dieser Artikel, obwohl in einer der Headlines das Gegenteil angedeutet wird, eher als der Stützung der Variante 2 zuzurechnen. („Was macht Deutschland besser?“)[20]

Zweifel an der Wirksamkeit der bisherigen Impfungen gegen die Ansteckung mit Omikron an sich sind hingegen schon in der Welt, seit es Omikron gibt, hier ein Bericht vom 10.12.2021, der sich auf Beobachtungen aus Südafrika bezieht:[21]

Nichts andere als ein Schutz vor schweren Verläufen durch die bisherigen Impfstoffe lässt sich auch aus diesem Artikel des Spiegels schließen, der vor einigen Tagen seinerseits für Schlagzeilen gesorgt hatte, weil die Überschrift so knallig klingt: „Halb Europa könnte sich [gemäß Aussagen der WHO] bis März mit Coronavirus infizieren“.[22] Im Moment sieht es nicht ganz so schlimm aus, zumal in Deutschland die Inzidenz sich auf einem Niveau von etwas über 500 zu stabilisieren. Einzelne Länder haben bereits eine „Durchseuchung“ ihrer Bevölkerung von 20 Prozent zu verzeichnen (z. B. Großbritannien, Vorreiter bei der Omikron-Welle), Deutschland wird in den nächsten Tagen die 10-Prozent-Marke „knacken“.

Berliner Virologen sind immer vorne dabei, wenn es um Ideen für die Bewältigung der Pandemie geht. Ganz aktuell: Sich boostern lassen und trotzdem auch anstecken, die Durchseuchung plus also, ist das Ding, um diese lästige Pandemie endlich loszuwerden. Funktioniert aber nur bei Variante 2, nicht, wenn Boostern auch vor Ansteckung schützt (Variante 1). Also kann man auch diese Aussage so deuten, dass wir wohl eher mit Variante 2 zugange sind.

Die Spitze der institutionellen Fachwelt, voran Gesundheitsminister Karl Lauterbach meint hingegen, eine Durchseuchung sei nicht zu akzeptieren, ebenso äußert sich Christian Drosten.[23] Die Impfpflicht, falls sie kommt, soll hingegen kein Impfzwang sein.“[24]

Das leichtere Überspringen von Omikron lässt allerdings die Frage aufkommen, ob es noch Sinn ergibt, um die Impfpflicht zu kämpfen:   

Je länger die Debatte um die Einführung einer Impfpflicht in Deutschland dauert, desto mehr bröckelt die Front ihrer Befürworter. Noch vor Jahresende sah es so aus, als herrsche in Gesellschaft und Politik breite Einigkeit, dass die Pandemie nur mit einer raschen Gesetzgebung zur Einführung einer allgemeinen Impfpflicht zu stoppen sei.[25] Nach einer Impfpflicht klingen diese Statements nicht, eher danach, dass die Durchseuchung so gesteuert werden soll, dass nicht zu viele Einweisungen in Krankenhäuser gleichzeitig erfolgen sollen. In gewisser Weise wirkt es, als ob Gesundheitsminister Lauterbach eine Doppelstrategie fahren würde, die nicht ganz kohärent ist, denn hier wiederum rückt er die Impfpflicht in den Vordergrund.[26]

In diesem Artikel hingegen wird er geradezu einer Kehrtwende bezichtigt, wir meinen aber, da wird ein wenig übertrieben. Dass er keinen eigenen Antrag zur Impfpflicht in den Bundestag einbringen mag, lässt lediglich auf eine gewisse Flexibilität schließen, die man durchaus klug finden kann. Immerhin wissen wir jetzt mehr über Lauterbachs beeindruckenden Werdegang.[27] Am Ende desselben Artikels findet sich eine Umfrage zur Impfpflicht: Als wir den Beitrag nach seinem Erscheinen erstmals gelesen haben, stand es etwa 48/48 für und gegen die Impfpflicht, wenige waren nicht sicher. Mittlerweile ist es auch hier gekippt: 43 für und 53 Prozent gegen die Notwendigkeit dieser Pflicht. Wir finden das nicht verwerflich, schließlich haben immer mehr valide Daten, die uns mittlerweile zur Omikrion-Welle zur Verfügung stehen, zu einer Ausdifferenzierung auch unserer eigenen Position geführt (siehe oben). Gerade wegen dieser Daten sollte man es mit der Panik auch jetzt nicht übertreiben. Zum Beispiel, wie er es hier gerade wieder getan hat:

Die Zahl von Covid-19-Patienten in intensivmedizinischer Behandlung sank laut Divi-Register innerhalb eines Tages um 58 auf nun 2741. 61 Prozent davon werden invasiv beatmet. Die Situation in den Kliniken werde sich wieder verschärfen, so Lauterbach. Momentan erkrankten vor allem die Jüngeren, die viele Kontakte hätten. Wenn sich die Älteren infizierten, werde die Zahl der Klinikeinweisungen wieder steigen. „Da kann es, je nach Entwicklung, nicht nur bei den Intensivstationen knapp werden, sondern auch auf den normalen Stationen. Es droht die Schließung ganzer Abteilungen“, sagte er. „Eine Durchseuchung bedeutet, dass Hunderttausende schwer krank werden und wir wieder viele Tausend Corona-Tote beklagen müssen.“[28]

Deswegen versuchen wir ja auch, die Durchseuchung zu verlangsamen, durch Boosterung (falls das Boostern denn die Ansteckungsraten wirklich bremst), auf jeden Fall aber durch vorsichtiges, solidarisches Verhalten selbst unter Inkaufnahme von Nachteilen. Und danke für den Satz „je nach Entwicklung“, der natürlich in den Überschriften und Headlines der Presse wegfällt und unter dem Dauerkrisenduktus von Lauterbach in der Tat manchmal etwas begraben wird. Gerade deshalb heben wir ihn jetzt auch einmal hervor: Wenn, dann. Nicht auf jeden Fall. Unter diesem Aspekt ist u. a. die Erweiterung unserer bisher einzigen Grafik in diesen Corona-Berichten auf die Veränderungsrate der Inzidenz zu sehen: Wir wollen etwas genauer sein und unseren Leser:innen vermitteln, wann wirklich die Corona-Post abgeht und wann es nach einer gewissen Entspannung, wenn auch auf hohem Niveau, aussieht. Es gibt keinen Grund, leichtsinnig zu sein, aber mehr als alles tun, was man persönlich tun kann, geht eben auch nicht.

Die Verkürzung des Genesenen-Status durch das RKI

Geht nun aber die just erfolgte Verkürzung des Genesenen-Status von 180 auf 90 Tage durch das RKI auch in die panische Richtung?

Fachliche Vorgaben für Genesenennachweise, mit Wirkung vom 15.01.2022:

Ein Genesenennachweis im Sinne der COVID-19-Schutzmaßnahmen-Ausnahmenverordnung und der Coronavirus-Einreiseverordnung muss aus fachlicher Sicht folgenden Vorgaben entsprechen:

  1. a) Die Testung zum Nachweis der vorherigen Infektion muss durch eine Labordiagnostik mittels Nukleinsäurenachweis (PCR, PoC-PCR oder weitere Methoden der Nukleinsäureamplifikationstechnik) erfolgt sein

UND b) das Datum der Abnahme des positiven Tests muss mindestens 28 Tage zurückliegen

UND c) das Datum der Abnahme des positiven Tests darf höchstens 90 Tage zurückliegen.

Diese Vorgaben werden regelmäßig überprüft und können sich gemäß Stand der Wissenschaft ändern.[29]

 Ja, der Stand der Wissenschaft ist wichtig und der ändert sich mit neuen Virusvarianten besonders schnell. Die Idee, die hinter der Verkürzung steckt, ist relativ leicht nachzuvollziehen. Es kann dabei sachlogisch nicht um Feststellungen gehen, die darauf hinauslaufen, dass die Impfstoffe wieder einmal als noch kürzer wirkend als bisher gedacht analysiert werden, sondern es geht darum, dass Omikron auch bereits mit einer früheren Variante Erkrankte befallen kann. Und da Omikron relativ leicht übertragbar ist (wie sieht es eigentlich mit einer Mehrfach-Erkrankung mit Omikron aus, wird es das auch geben?) ergibt die Verkürzung des Genesenen-Status Sinn. Deswegen können die Kontaktbeschränkungs-Maßnahmen auch nicht gelockert werden. Würde man das tun, wäre tatsächlich das Szenario sehr wahrscheinlich, das Karl Lauterbach an die Wand malt: Ein rascher Anstieg der Hospitalisierung, die z. B. in Berlin immer noch sehr hoch ist, gemessen am Anteil der Corona-Patient:innen an der Gesamt-Bettenbelegung (nicht an der Belegung der Intensivstationen, die derzeit sinkt). Der Hospitalisierungsteil der Berliner „Senatsampel“ steht immer noch tief im Gelb. Die vielen Informationen auf der Corona-Seite des RBB weisen allerdings ebenfalls aus, dass derzeit nicht einmal halb so viele Menschen wegen Corona Berliner Krankenhausbetten belegen, wie während des Höhepunkts der dritten Welle. „Hoch“ ist also auch relativ zu sehen.[30]

Wir wiederholen nicht unser gestriges Bild zum Tee trinken mit Omikron, denn es war ein typisches Sonntagsbild, aber wir raten auch zu etwas Gelassenheit. Sogar uns selbst: Wir sind mit unserem Vorgehen derzeit sehr d’accord. Wenn andere meinen, sie müssen sich nicht an die Lage angepasst verhalten, ist das deren Sache. Trotzdem werden wir nach der hoffentlich bald erfolgenden Rückkehr zur Normalität zu besprechen haben, warum ein Verhalten, das für alle nur positiv ist, sogar Sanktionen hervorrufen kann.

TH

[1] COVID Live – Coronavirus Statistics – Worldometer (worldometers.info)

[2] Bundesländer | RKI COVID-19 Germany (arcgis.com)

[3] COVID Live – Coronavirus Statistics – Worldometer (worldometers.info)

[4] Bundesländer | RKI COVID-19 Germany (arcgis.com)

[5] Länder mit der höchsten 7-Tage-Coronainzidenz weltweit | Statista

[6] Höchste Sterbeziffer seit 1946 – über eine Million Todesfälle 2021 + Auswirkungen von Corona? | Service Bevölkerungsdaten, Corona-Daten | Todesfälle, Sterbefälle – DER WAHLBERLINER

[7] Paul-Ehrlich-Institut: 73 Todesfälle wahrscheinlich durch Corona-Impfung (berliner-zeitung.de) – Bezahlartikel

[8] Bundesländer | RKI COVID-19 Germany (arcgis.com)

[9] Corona-Zahlen: R-Wert für Deutschland (corona-in-zahlen.de)

[10] Neukölln: So erklärt Hikel die hohe Inzidenz – Berliner Morgenpost

[11] Zwischen Misstrauen und PCR-Test: Ein Ortsbesuch im Virus-Hotspot Neukölln (tagesspiegel.de) – Bezahlartikel

[12] Corona-Hotspot Neukölln: „Was wir hier sehen, gibt es bald in ganz Berlin“ (t-online.de)

[13] Corona und Schulen: Das Wunder von Neukölln (nd-aktuell.de)

[14] Was Sie wissen müssen, bevor Sie zum „Boostern“ gehen | WEB.DE

[15] Epidemiologisches Bulletin 48/2021 (rki.de), Tabelle 1 auf Seite 5, Zusammenfassung Seite 8

[16] Charité-Forscher Sander hält vierte Impfung gegen Corona für „aktuell nicht so wichtig“ | rbb24

[17] EMA warnt vor zu häufigem Boostern – ZDFheute

[18] Corona-Kreuzimpfung nun auch von EMA und ECDC empfohlen | Wissen & Umwelt | DW | 07.12.2021

[19] DIESE Zahlen schaffen Klarheit: So viele Ungeimpfte landen mit lebensbedrohlichen Covid-Erkrankungen auf den Intensivstationen (msn.com)

[20] Hohe Boosterquote in Deutschland: Schützt uns die Auffrischung? Was wir besser machen als andere | WEB.DE

[21] Omikron: Ansteckung trotz Booster-Impfung möglich | aponet.de

[22] Coronavirus: WHO – Halb Europa könnte sich bis März mit Omikron infizieren – DER SPIEGEL

[23] Christian Drosten und Karl Lauterbach geben Pressekonferenz zu Omikron | WEB.DE

[24] Nancy Faeser: „Niemand wird zwangsweise geimpft“ – WELT

[25] COVID-19-Impfpflicht – kein klares Bild in Politik und Wissenschaft (msn.com)

[26] Schutz vor allen Varianten: Lauterbach: Für Impfpflicht sind drei Dosen nötig – n-tv.de

[27] „Morning Briefing“: Lauterbach überrascht mit einer Kehrtwende bei der Impfpflicht | WEB.DE

[28] Gesundheitsminister Lauterbach stimmt die Republik auf schwere Zeit ein | WEB.DE

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