Die Augen der Mumie Má (DE 1918) #Filmfest 724

Filmfest 724 Cinema

Die Augen der Mumie Ma ist ein deutsches Filmdrama von Ernst Lubitsch aus dem Jahr 1918. Der von Paul Davidsons Projektions-AG Union für die Ufa produzierte Stummfilm ist in vier Akte unterteilt und war nach zahlreichen Filmkomödien Lubitschs erstes dramatisches Werk.

Gut, dass oben gleich steht, dass dies das erste dramatische Werk von Ernst Lubitsch war, dann brauchen wir nicht nachzuschauen. Es ist uns also nicht ganz gelungen, die Chronologie einzuhalten, denn „Carmen„, „Madame Dubarry“ und „Anna Boleyn„, seine nächsten Dramen, haben wir bereits rezensiert. Wie nimmt sich im Vergleich sein erster Versuch aus, ernsthaft zu sein? Wir klären dies in der –> Rezension.

Handlung (1)

Der junge Maler Albert Wendland ist auf Studienreise in Ägypten und sieht bei einem Spaziergang durch die Wüste eine schöne Einheimische. Am nächsten Tag hört er beiläufig, dass der Fürst Hohenfels eine Ausflug zur Grabkammer der Königin Ma machen möchte, ihm aber davon abgeraten wird, da bislang jeder Besuch dort Unglück gebracht und die Besucher in den Wahnsinn getrieben habe. Eines der „Opfer“ äußert nur „Die Augen leben, die Augen leben“.

Wendland sucht auf dem Kairoer Marktplatz nach einem Führer zum Grab, einige weigern sich prompt. Als er am Grabmal anlangt, empfängt ihn dort der Araber Radu und zeigt ihm das Innere der Grabkammer. Wendland erkennt sofort, dass die „lebenden Augen“ im Wandrelief eine natürliche Ursache haben und entdeckt nach einem kurzen Kampf mit Radu die Einheimische, die er tags zuvor gesehen hatte.

Sie erzählt Wendland die Geschichte, wie sie vor einigen Jahren von Radu an einem See entführt und in diesen Raum der Grabkammer gebracht worden sei und sich nun in seinem Bann befinde. Wendland nimmt die Frau namens Ma mit sich fort. Wenig später entdeckt Fürst Hohenfels bei seinem Wüstenausflug den erschöpften Radu im Sand und nimmt ihn mit ins Hotel. Radu bietet sich dem Fürsten als Diener an, wenn er ihn mit nach Europa nimmt. Sein Ziel ist jedoch die Wiederauffindung von Ma.

Wendland ist mit Ma nach Europa gereist. Das lebhafte Temperament der Orientalin und ihre Unkenntnis der europäischen Bräuche und Sitten erschwert ihre Einführung in die Gesellschaft. Mit Walzer kann sie nichts anfangen, doch nach einer Vorführung eines orientalischen Tanzes sind die Männer begeistert und sie wird vom Fleck weg für das Varieté Alhambra engagiert.

Fürst Hohenfels, bei dem inzwischen Radu als Diener angestellt ist, besucht eine Veranstaltung mit der Tänzerin Ma. Als sich ihr Blick mit dem Radus trifft, bricht sie auf der Bühne schockiert zusammen. Radu gelangt erst zu ihrer Garderobe als sie schon nach Hause gebracht wurde.

Bei einer Vernissage sieht Hohenfels ein Bild von Wendland, auf dem Ma abgebildet ist. Er lässt sich die beiden durch den Galeristen vorstellen und lädt sie für den folgenden Tag zur Besichtigung seiner Sammlung ein. Während sich die Männer unterhalten, kommt es zum Aufeinandertreffen von Ma und Radu. Sie sieht ihn hinter sich in einem Spiegel und ist von seinem Blick wie hypnotisiert. Sie benötigt einige Tage Bettruhe, um sich psychisch wieder etwas zu stabilisieren.

In einem Brief, gebracht von Radu, teilt Hohenfels Wendland mit, dass er das Porträt aus der Ausstellung gekauft habe. Ma ist entsetzt und fleht ihren Mann an, den Erwerb des Bildes rückgängig zu machen. Dieser geht in der Angelegenheit zu Hohenfels. Währenddessen dringt Radu, angestachelt vom Anblick Mas auf dem Gemälde, bei Wendland ein, um Ma zu erdolchen. Doch sie stirbt vor Angst in seinen Armen und Radu richtet sich selbst. Wendland und Hohenfels kommen zu spät, sie finden die Toten.

Rezension

Nach dem, was ich gesehen habe, könnte der Tod von Ma auch durch den Sturz die Treppe herunter verursacht worden sein, mit dem Kopf aufgeschlagen oder Genickbruch.

Dekoration und Ausstattung des Films stammen von Kurt Richter. Die Außenaufnahmen für die Szenen in der ägyptischen Wüste entstanden in den Rüdersdorfer Kalkbergen. Der Film hatte am 3. Oktober 1918 in Berlin Premiere.

Eine Eingebung führte dazu, dass der Vorspann des Films das auch erzählt, und zwar mit einer erheblichen Portion Ironie, nebst den zwei echten Palmen und den Traumgagen für die Hauptdarsteller:innen in Höhe von 35 Mark pro Tag. Ich weiß nicht, wann diese Einleitung beigefügt wurde, doch offenbar deuchte den Vertreibern (auch witzig : „Ufaleih“ = Verleih der Ufa“), dass der Film irgendwann nicht mehr ganz ernst genommen werden könnte. Die Bewertung von 5,4/10 in der IMDb spiegelt das irgendwie auch, denn er ist ja nicht als Komödie gelabelt. Lesen wir erst einmal, was der große Emil Jannings in seinen Memoiren dazu schreibt:

„Man holte an Schauspielern heran, was gut und teuer war, und ließ es kosten, was es wollte. Das Manuskript schrieb kostspielige Dekorationen vor, unter anderem Palmen in den Rüdesdorfer Kalkbergen, die auch besorgt wurden, und – was noch wichtiger war – man machte den Versuch, wirkliche Charaktere zu gestalten. Darüber hinaus wurde der Film für mich noch besonders bedeutungsvoll, denn ich hatte eine Schauspielerin als Partnerin, die ein großes Filmtalent war: Pola Negri! Sie war damals noch wild und ungebärdig, platzte vor Temperament und befand sich dauernd auf Hochtouren. Man würde heute über diesen Film sicherlich lachen, doch damals war eine Sensation! Die Theaterbesitzer waren außer sich vor Begeisterung, und selbst in den Kritiken, die zu dieser Zeit noch von den jüngsten Reportern geschrieben wurden, war eine Verwunderung zu spüren: Der Film entwickelt es sich zum Kunstwerk.“ (2)

Ich fand „Der Student von Prag“ aus dem Jahr 1913 schon etwas kunstvoller, aber immerhin ist „Die Augen der Mumie Ma“ der älteste Film mit Emil Jannings, den ich bisher gesehen habe. Pola Negri war im Jahr zuvor von Polen nach Deutschland gekommen (Der zitierte ironische Vorspann: „Eine junge Schauspieler mit echtem slawischem Temperament“) und arbeitete, wenn ich richtig informiert bin, in „Die Augen der Mumie Ma“ erstmals mit Lubitsch zusammen, mit dem sie dann die beiden wesentlich anspruchsvolleren Filme „Carmen“ und „Madame Dubarry“ gestalten sollte. Es ist einerseits verblüffend, wie schnell Lubitsch das Filmhanwerk erlente, mit „Die Augen der Mumie Ma“ hat uns ja sozusagen ein Puzzleteil gefehlt, weil sich erst danach die Arbeit von Lubitisch in die ernste und die komödiantische Linie so richtig spaltete. Danach deshalb, weil man „Die Augen der Mumie Ma“ unmöglich als Drama ernst nehmen kann, da liegt nicht nur der Vorspann richtig, es ist auch zu bemerken, dass weniger die temperamentvolle Pola Negri, die gar nicht so übertrieben wirkt, als vielmehr Lubitsch sein Temperament nicht zügeln und einfach nicht ernst bleiben konnte. Viele Szenen haben einen urkomischen Unterton, der sich leider auch dann nicht mehr ausblenden lässt, als es am Ende doch tragisch wird und die arme Ma mehr oder weniger umgebracht wird. 

Ich hatte so etwas wie die Urmutter aller Mummy-Filme erwartet, aber so weit ist Lubitsch nicht gegangen. Dafür waren in den Folgejahren andere zuständig, die den Golem erweckten, den Vampir nach Mitteleuropa einschleppten, den Tod als müden Mann personifizierten und dergleichen. Ich hätte es zu gerne gesehen, dass durch den Fluch des ägyptischen Grabes die Königin Ma sich aus ebenjenem Grab erhoben und Unheil über die Menschen gebracht hätte. Es sind aber nicht ihre Augen, die man sieht, sondern die eines Mädchens, das von einem unergründlichen Einheimischen in dem Grab gefangen gehalten wird. Warum? Man erfährt es nicht. Es sei denn, der Film war ursprünglich doch länger, aber er ist in der Wikipedia mit 63 Minuten angegeben und so viel Spielzeit hatte (inklusive des etwas länglichen, aber informativen Vorspanns) auch die TCM-Ausgabe des Films, die ich angeschaut habe.

Ich nehme aber an, dass Lubitsch sich tatsächlich erst einmal an einem Vierakter versucht hat, bevor er mit „Carmen“ den kühnen Sprung zum Sechsakter wagte (Akte waren im Film damals in der Regel eine Filmrolle, also etwa 15 Minuten lang). Die Unterteilung in Akte ist allerdings in der von mir gesehenen Version nicht zu sehen, anders als in den angegebenen folgenden Filmen. Allerdings kann man nicht sagen, dass „Die Augen der Mumie Ma“ dadurch weniger altertümlich oder flüssiger wirken würde, dazu ist er zu ruckartig gefilmt. Außerdem sind in der mehr oder weniger unrestaurierten Kopie erhebliche Probleme bei den Außenaufnahmen erkennbar, deren Belichtung stark schwankt. Das Filmmaterial der damaligen Zeit lud eben doch mehr zu Studioarbeit ein, wenn’s irgendwie möglich war. Dabei waren die allerersten Filme gar keine Spielfilme, sondern Dokumentarstreifen und durchaus im Freien gedreht. 

Und was hat der aufgehende Stern am deutschen Filmhilmmel, Pola Negri, zu der Angelegenheit geschrieben?

„In diesem frühen Ufer Zeiten hatten Lubitsch und ich viel Spaß miteinander im Atelier, selbst wenn die Welt um uns herum in Scherben viel. Vielleicht konnten wir überhaupt nur in Berlin dieser Zeit zu erfolgreich aufblühen. Die Tragikomödie des Lebens in Deutschland war unser Metier und fand ihr Echo in den Filmen, die wir machten. Selbst unsere Witze waren vertan Liste fatalistisch gefärbt. In ihrer Analyse des Films selbst über Krakauer dinekli noch den bekannten Exegeten des deutschen Stummfilms: die Augen der Mumie ma war ein enormer Publikumserfolg und förderte die Karrieren von uns allen, die wir damit zu tun gehabt hatten. Einer der Gründe dafür war sicher, dass sein intensiver romantischer orientalischer Fatalismus genau die Art von Eskapismus darstellte, nach der das kriegsmüde Volk hungerte.“ (3)

Mit den letzten Sätzen „überkracauere“ Negri den bekannten Exegeten des deutschen Stummfilms, schreiben die Autoren Bandmann / Hembus einschubweise, gemeint ist natürlich Siegfried Kracauer, der Verfasser des Standardwerks „Von Caligari zu Hitler“. Hitler war aber keine Filmfigur und kaum ausdenkbar, nicht einmal für den Schaffer des Dr. Mabuse, Fritz Lang. Schon gar nicht für Ernst Lubitsch, der diese Figur viel zu humorlos gefunden hätte. In „Sein oder Nichtsein“ hat er ihn dann trotzdem 1941 ein wenig proträtiert, nach bereits berüchtigtem lebendem Vorbild natürlich. 

Ansonsten finden Bandmann / Hembus den Film auch als zum Lachen reizend, aber sind sich trotzdem nicht sicher, ob das für alle Szenen gelten soll. Ich empfand ihn bis beinahe zum Schluss eher als Parodie denn als ernstgemeintes Drama. Das hat auch mit Emil Jannings‘ Darstellung als „ägyptischer Wüterich“ zu tun, wie Bandmann / Hembus die „Rächerfigur“ nennen. Er bekommt in Berlin nicht einmal ein anständiges Lakaien-Outfit verpasst sondern läuft als Diener eines Fürsten noch genau in den Lumpen herum, in denen man ihn kennenlernt. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass der Ästhet Lubitsch die Kuriosität des gesamten Auftritts von Jannings nicht bemerkt haben sollte. 

Harry Liedtke fällt dagegen wirklich ab, das wir auch in Beschreibungen zum Film von Bandmann / Hembus vermerkt, er hatte unter Lubitschs Regie z. B. in „Die Austernprinzessin“ prägnantere Auftritte. Aber ist das wirklich alles der überragenden Bildschirmpräsenz von Pola Negri zu verdanken, die auch Jannings nach dieser Ansicht weit in den Schatten gestellt haben soll? Sie hat das sicher in „Madame Dubarry“ getan, wo er nicht die männliche Hauptrolle innehatte, aber hier finde ich die beiden etwa gleichrangig. Ihr Sexappeal kommt für mich ebenfalls in „Carmen“ und in „Madame Dubarry“ deutlicher zum Vorschein, weil sie längere und differenzierter ausgespielte Szenenauftritte hat. Auch ihr Tanz im Varieté ist von der akrobatischen ebenso wie von der temperamentmäßigen Seite nicht so, dass man sich dabei die Knochen brechen würde, wenn man nicht gerade Rücken hat. Da hatte der Film noch ein paar Entwicklungsschritte bis zum ausgefeilten Revue-Musical vor sich.

Finale

Mir hat dieses erste Lubitsch-Drama vor allem Spaß gemacht und ich finde, man merkt ihm den Spaß an, den die Beteiligten mit ihm hatten. Ich habe diese Zeilen ja erst im Verlauf des Verfassens der Rezension gelesen, aber für mich passt es und so muss man den Film auch anschauen. Nicht als einen missglückten Versuch, todernst daherzukommen, sondern als eine Quasi-Tragödie mit Augenzwinkern. Auch in Lubitschs folgenden Langfilmen der ernsteren Art blitzt immer wieder der Humor durch, ist niemals ganz zu bändigen – und schafft auf diese Weise, wesentlich ausgewogener schon als in „Die Augen der Mumie Ma“ etwas, was Hollywoodfilme über manche plotseitige Klippe tragen sollte und Lubitsch wie geschaffen für Hollywood erscheinen ließ:

Vor allem am Beginn haben die Filme nicht die Schwere wie etwa deutsche Werke des Filmexpressionismus, die schon gleich sehr unheilschwanger anfangen, sondern gewinnen erst mit der Zeit an dramatischer Wucht. Damit kann man das Publikum auch viel besser an die weniger lustigen Szenen heranführen, als wenn es sofot den Atem abgechnürt bekommt und vom Kriegstrauma übergangslos ins kinematografische Trauma taumelt. Gutes Beispiel: Murnaus „Nosferatu“, in dem der junge Ehemann seiner sehr melancholisch veranlagten Frau in bester Absicht ein paar Blumen pflückt und sie ihn sogleich fragt, warum er diese Pflanzen unbedingt umbringen musste. Einen derlei Einstieg hätte Lubitsch niemals gewählt, da mochte das Thema noch so schwierig sein. Am Ende mochte schon mal ein abgeschlagener Kopf durch die Luft fliegen, aber ich glaube, das war eine Ausnahme in Lubitschs Werk („Madame Dubarry“). Es ist aber auch schwierig und brauchte seine Zeit, dieses typische Hollywood-Muster zu entwickeln, das stark mit der Plotpoint-Modalität verknüpft ist (der erste Wendepunkt bringt auch den Wechsel zu mehr dramatischem Impact, wichtig besonders bei langen Filmen und perfekt zu sehen etwa in „Vom Winde verweht“, der anfangs einen bewusst luftigen, geradezu übermütigen Ton hat).

63/100

© 2022 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1), kursiv und tabellarisch: Wikipedia
(2) Memoiren von Emil Jannings, zitiert nach „Bandmann / Hembus“, Klassiker des deutschen Stummfilms (1983), S. 176
(3) Memoiren von Pola Negri, zitiert nach „Bandmann / Hembus“, Klassiker des deutschen Stummfilms, a. a. O.

Regie Ernst Lubitsch
Drehbuch Hanns Kräly,
Emil Rameau
Produktion Paul Davidson
Kamera Alfred Hansen
Besetzung

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