Tyrannenmord – Tatort 1194 #Crimetime #Tatort #Bundespolizei #Falke #Grosz #NDR #Tyrann #Mord

Crimetime Vorschau – Titelfoto © NDR, Marc Meyerbroeker

Wir versuchen immer, ein Bild für den Titel zu wählen, auf dem beide Hauptermittler:innen abgebildet sind, aber dieses Mal haben wir keines gefunden. Also haben wir uns ein Foto ausgesucht, das zwei starke Frauen zeigt, in stark kontrastierender Lichtsetzung. Dies berücksichtigend, vergleichen Sie trotzdem mal Fotos vom ersten Falke-Grosz-Tatort mit dem heutigen. Die harten Zeiten gehen an den meisten von uns nicht spurlos vorüber, und das sollten sie wohl auch nicht. Zum zehnten Mal ermitteln die beiden Bundespolizisten miteinander und auf einmal ist Hannover Provinz. Dabei ist es doch eigentlich das Dienstzimmer von Charlotte Lindholm, sie fährt von dort aus in die Provinz. Alles ist relativ, vor allem von Hamburg aus betrachtet. 

Dass ich die beiden als Team sehr gut finde, habe ich mehrfach geschrieben, mittlerweile fehlen mir aber ein paar Filme, weil wir uns beim Wahlberliner doch entschlossen haben, ein Rückstand-Aufarbeitungs-Projekt abzuschließen, bevor wir wieder direkt nach Tatort-Premieren rezensieren. Ansonsten müssten wir die Beitragsnummer offen lassen und anstatt der tollen vierstelligen Crimetime-Zahl, die wir mittlerweile erreicht haben, ein schnödes x oder gar xxxx zu setzen, ist nicht unser Beritt. Ich schreibe das, damit diejenigen, die unsere Premierenrezensionen vermissen, weiter auf dem Laufenden bleiben. Wenn wir in dem Tempo weitermachen wie im Moment, haben wir es aber in zwei bis drei Wochen geschafft, wieder utD zu sein, und dann, ja, dann kommt es nach fast 1,5 Jahren endlich wieder zur Rezension ganz neuer Tatorte. Vielleicht nicht, wie einst, immer am selben Abend, jedenfalls aber, bevor die nächste Premiere stattfindet.

Nach diesem Exkurs zurück zum 1194. Tatort. Falke ist nun also seit 2013 dabei, Grosz seit 2016. Erinnern Sie sich noch an die Vorgängerin Lorenz? Sie bildete mit Falke ein schönes Kontrastpaar, aber Falke und Grosz, das wirkt aus einem Guss. Beides kann reizvoll sein, aber in diesen Zeiten, in denen alles so auseinanderfitzelt, ist es nicht unangenehm, ein Team vor sich zu haben, dem man, hätte man es zu entscheiden, auch in der Realität die Aufklärung eines Mordfalls anvertrauen würde. Diese Aura ist wohl das größte Plus von Falke und Grosz: Sie sind modern, aber nicht modisch, kantig, aber nicht überzogen, taff, aber keine Heldentypen. Auf die Tatorte mit ihnen freue ich mich immer sehr, die etwas bange Erwartung, wird’s top oder ein Floß, die habe ich bei ihnen nicht, weil sie auch etwas schwächere Fälle so lösen, dass man sich dabei fühlt, als würde man etwas Authentisches beobachten.

„Ein Mordfall in einem Eliteinternat und der Staatsbesuch eines südamerikanischen Regierungschefs, der sein Land mit eiserner Hand regiert: Jedes einzelne dieser Ereignisse müsste die Polizei schon genug auf Trab halten, doch wenn es zwischen ihnen eine Verbindung gibt, wird es erst recht brisant: Bei dem toten Internatsschüler handelt es sich nämlich um keinen Geringeren als den Sohn des Präsidenten persönlich. Und das wenige Tage bevor dieser in Hannover Hof halten wird. So verschlägt es Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) in die niedersächsische Provinz, und der raubeinige Kommissar aus Hamburg-Billstedt muss beweisen, dass er auch fernab vom Kiez, quasi als „Fish out of Water“, das richtige kriminalistische Gespür besitzt, während seine Kollegin, Hauptkommissarin Julia Grosz (Franziska Weisz), den Staatsbesuch des autoritären Herrschers absichert.“ – Tatort-Fans

Bei Morden in Internaten muss ich umgehend an „Herz aus Eis“ denken, den Bodensee-Tatort, der wohl den besten Internatskrimi der deutschen Fernsehgeschichte darstellt, bis heute, obwohl er schon vor 12 Jahren entstanden ist. Bevor man jetzt den Fehler macht, zu denken, oh, da liegt die Latte aber hoch: Der neue Falke-Grosz-Fall kann ja ganz anders aufgebaut sein als dieses intensive Psychospiel, obwohl darin auch eine Art Tyrannenfigur zu sehen war. Und was sagen die Tatort-Fans zum Fall 1194?

„Dieser Tatort will zu viel und bietet gerade deshalb zu wenig, um wirklich überzeugen zu können“, heißt es abschließend.

Tja, schon wieder sterben Illusionen. Geht Ihnen das in letzter Zeit auch häufig so? Dann hat es nicht unbedingt mit unserem Lieblings-Fernsehformat zu tun. Überladen soll der Film vor allem sein, zu viele Themenbaustellen. Lesen wir, was unsere nächste Anlaufstelle für den Meinungs-Vorab-Check schreibt:

„Der Tatort will an zu viele Baustellen ran. Politische Verfolgung, Bildungsgerechtigkeit, verbotene Liebe. Das sorgt leider für erwartbare Klischees ohne große Überraschung. Da wäre mehr drin gewesen. Deshalb nur zwei von fünf Elchen.“ – Carola Knape, SWR3

Eine neue Redakteurin beim SWR3-Tatort-Check? Klingt jedenfalls verdammt ähnlich wie die vorausgehende Meinung, außerdem moniert die Kritikerin, dass Falke und Grosz getrennt ermitteln, Grosz nur eine Nebenrolle spielt und daher kein Teamfeeling aufkommt. Vielleicht hatte Franziska Weisz zur Drehzeit noch andere Verpflichtungen oder wollte sich etwas erholen. Das ist natürlich reine Spekulation. Immerhin wissen wir nun, warum das mit dem Zwei-Ermittler:innen-Bild nicht geklappt hat.

Kinder, wir müssen über Tyrannenmord sprechen. Dieser »Tatort« kommt hochaktuell daher: Der Kommissar ermittelt an einem Internat, wo debattiert wird, wie man Despoten loswird. Doch der Politkrimi löst am Ende den eigenen Anspruch nicht ein. – Christian Buß, Der Spiegel.

Wenn Christian Buß, einer der besten Titelfinder im deutschen Feu-Blätterwald, einen Anspruch entdecken kann, endet es punktemäßig meist nicht so schlimmer, wenn er nicht erfüllt wird, als wenn er, der Anspruch, gar nicht vorhanden wäre, also kommen auch Falke und Grosz bzw. diejenigen, welche diesen Tyrannenmordtatort für sie verfasst haben, mit einem blauen Auge davon 6/10, und bei Buß fängt es ja wirklich bei 1 an, wie wir neulich beim Münster-Tatort „Propheteus“ feststellen konnten. Nicht bis ganz runter geht Titelbach-TV, Tatorte starten bei 3/6, ähnlich, wie bei uns selten eine Bewertung von weniger als 5/10 zu lesen ist. Dieser Unterschied entspringt einer anderen Betrachtungsweise, bei Tittelbach &  Co. tritt hinzu, dass der Gründer der Publikation Grimmepreis-Juror war und ihm der Totalverriss für deutsche Fernsehfilme, über die sein Magazin jetzt schreibt, vermutlich schwerfallen würde. Ich habe schon eine Idee, was TTBTV an Punkten für den 1194. Tatort ausgekehrt haben könnte. Ich verrate es aber hier noch nicht.

Der „Tatort – Tyrannenmord“ (NDR / Cinecentrum Berlin) ist ein unaufgeregter Fall mit realen Bezügen. Die Szenerie wechselt von Hannover in ein Elite-Internat auf dem Land. Drehbuchautor Jochen Bitzer und Regisseur Christoph Stark verzichten darauf, in dieser abgeschlossenen Welt psychisch deformierte Monster oder elitäre Spinner vorzuführen. Stattdessen nutzen sie den Schauplatz, um zu zeigen, wo uns als Gesellschaft und Verfechter demokratischer Grundsätze die Kontrolle flöten geht. Wo das große Geld übernimmt. Klingt schwer moralisch, ist es auch. Eher Denkanstoß als harter Kriminalfall, aber ein guter Auftritt von Wotan Wilke Möhring. Kommissar Falke bringt etwas Punk in den Fall. – Martina Kallweit, Tittelbach-TV

Erinnern Sie noch das Lied „Ein bisschen Punk muss sein. Dann löst der Fall sich von allein“? Das waren Zeiten. Heute sind die Ansprüche höher und was wir bisher aus allen Kritiken herauslösen … herauslesen, das ist, Anspruch allein genügt nicht, um die Ansprüche zu erfüllen. Deshalb heute nur 4/6. Ich hatte übrigens mit 4,5 gerechnet.

In der Tat hat es dem Vernehmen nach in der laufenden und der abgelaufenen Saison herausragende Tatorte gegeben, aber wir können dies noch nicht verifizieren, siehe oben. Liegt nun in der Tat die Messlatte höher? Solche Sprünge hatte das Format bereits häufiger zu verzeichnen, aber auch Rückschritte, wie etwa die Entwicklung in den 1980ern gegenüber der Anfangszeit oder die 1990er-Elegie, die sogar vor damals neuen Teams nicht Halt machte. Man kann das heute noch an den Durchschnittsbewertungen der Tatort-Fundus-Nutzer bezüglich einzelner Jahrgänge ablesen, wie es auf und ab ging. Wir sollten mal eine Jahrzehnte-Vergleichsgrafik daraus machen.

Unseren „freien Platz“ kriegt heute die taz:

Manche Kinder von durchgeknallten Diktatoren, die in Demokratien aufwachsen, haben vermutlich keinen Bock auf den Scheiß ihrer Eltern. Ihnen bleibt nur, abzuhauen, sich mit der Opposition zu verbünden, mit dem Risiko, dass die Chose nach hinten losgeht. Das ist eine Geschichte. Das ist relevant. Aber hier versuppt wieder mal alles in gefühlsduseligem, provinziellem, hanebüchenen Klein-Kein, das wirklich, absolut, echt kein Mensch braucht.

Vielleicht diese Woche am Sonntagabend statt „Tatort“ gucken doch besser „Die Katze im Taubenschlag“ lesen. Ist ein Internatskrimi von 1959 – Hercule Poirot ermittelt. – Taz

Provinzielles Klein-Klein kann die Taz nun gar nicht leiden, denn sie wird in Berlin gefertigt. Das nenne ich trotzdem eine konstruktive Kritik. Ein Vorschlag, was man Besseres schauen könnte, wird gleich mitgeliefert. Der Link führt zu einer übersichtlichen Besprechung von Fernsehereignissen, aber Hercule Poirot betreffend zu „Tod auf dem Nil“, und den Film von 1978 mit Peter Ustinov und vielen Altstars kennt nun schon jeder. Ich dachte, ich käme einer Verfilmung eines Agatha-Christie-Krimis mit dem belgischen Meisterdetektiv auf die Spur, von dessen Existenz ich bisher rein gar nichts wusste. Das war ja wieder mal nichts und es bleibt beim Nichts. Also doch „Tyrannenmord“, wenn auch nicht schon heute Abend. Das Bekenntnis zur Provinz hat schon manchem geholfen, vom hohen Ross zu kommen.

TH

Handlung, Besetzung, Stab

Falke und Grosz werden unter strikter Diskretion mit einer heiklen Aufgabe betraut: Der 17-jährige Juan Mendez ist aus einem feinen Internat verschwunden, in dem Prominenz und Eliten aus Wirtschaft und Politik ihre Kinder erziehen lassen. Juans Vater ist Botschafter eines autoritär regierten Landes, dessen Präsident gerade im Begriff ist, zu einem Staatsbesuch nach Deutschland zu kommen. Der fragwürdige Despot bekannt dafür, Oppositionelle und Journalisten verhaften und foltern zu lassen.

Während Juans Freundin Hanna die schlimmsten Befürchtungen hat, vermutet sein bester Freund August, dass sich der Junge lediglich den offiziellen Feierlichkeiten des Staatsbesuchs entziehen will. Was auch immer dahintersteckt, Juans Verschwinden bringt das Lehrerehepaar Bergson, das die Schule leitet, in Bedrängnis. Der gute Ruf der Schule ist ihr wichtigstes Kapital. Im Zuge der Ermittlungen von Falke und Grosz gerät der Personenschützer des Jungen in Verdacht, vor allem, als ein Erpresserschreiben auftaucht: Juans Entführer versuchen, inhaftierte Regimegegner und Journalisten freizupressen.

Rolle Darsteller
Thorsten Falke Wotan Wilke Möhring
Julia Grosz Franziska Weisz
Carlos José Barros
Felix Wacker Arash Marandi
Hanna Valerie Stoll
August Finkenberger Anselm Ferdinand Bresgott
Marie Bergson Katarina Gaub
Andreas Bergson Christian Erdmann
Juan Mendez Riccardo Campione
Annamaria Mendez Alexandra von Schwerin
Musik: Thomas Osterhoff
Kamera: Eeva Fleig
Buch: Jochen Bitzer
Regie: Christoph Stark

 

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