UPDATE 4 – Die große Analyse: Wer hat in Berlin wen gewählt? Sozialstruktur der Abgeordnetenhauswahl 2026, mit Kommentar +++ #Berlinwahl #LandtagswahlMV +++ Wahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern

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21.09.2026, 17:00 Uhr

Wer in Berlin wen gewählt hat: Sozialstruktur der Abgeordnetenhauswahl 2026

Kernbefund

Die Berliner Abgeordnetenhauswahl vom 20. September 2026 hat keine einheitliche politische Bewegung hervorgebracht, sondern eine außergewöhnlich scharfe soziale und generationelle Sortierung. Die Linke wurde mit 25,7 Prozent stärkste Kraft, weil sie bei den Jüngeren fast hegemonial abschnitt, bei Frauen überdurchschnittlich stark war und vor allem Menschen mit Abitur oder Hochschulabschluss erreichte. Die CDU, insgesamt bei 18,8 Prozent, stützte sich dagegen besonders auf Ältere, Beamte und Menschen mit niedrigeren formalen Schulabschlüssen. Die AfD erreichte 16,3 Prozent und erzielte ihre höchsten Anteile bei Arbeitern, Männern sowie Wählern mit Hauptschulabschluss oder Mittlerer Reife. Grüne, SPD und BSW kamen auf 14,3, 12,1 beziehungsweise 4,7 Prozent; nur CDU, Linke, AfD, Grüne und SPD zogen in das Abgeordnetenhaus ein.[1][2]

Die entscheidende Trennlinie verlief nicht schlicht zwischen „arm“ und „reich“. Bildung, Alter, Beruf und Wohnlage überlagerten sich: Akademisch geprägte jüngere Milieus entschieden sich besonders häufig für Linke und Grüne; formal geringer gebildete und gewerblich beschäftigte Gruppen für AfD und teilweise CDU. Zugleich war die Linke keineswegs nur eine Partei privilegierter Innenstadtakademiker: Bei Arbeitern erreichte sie nach den Daten der Forschungsgruppe Wahlen 25 Prozent und lag damit nur vier Punkte hinter der AfD. Die SPD verlor dagegen ihre traditionelle Rolle als politischer Sammelpunkt der Arbeiterschaft fast vollständig.[3][4]

Datengrundlage

Die folgenden Tabellen beruhen überwiegend auf der Wahltagsbefragung der Forschungsgruppe Wahlen. Zufällig ausgewählte Menschen wurden beim Verlassen zufällig ausgewählter Wahllokale gebeten, anonym einen Fragebogen zu Wahlentscheidung, Alter, Geschlecht, Bildungsabschluss und Berufsgruppe auszufüllen. Es handelt sich damit um repräsentativ hochgerechnete Befragungswerte, nicht um eine amtliche Auszählung nach persönlichen Merkmalen; das Wahlgeheimnis verhindert eine amtliche Verknüpfung von Stimme und Sozialmerkmal.[1][3]

Daneben liegen Analysen von Infratest dimap für die ARD vor. Beide Institute verwenden eigene Stichproben, Gruppierungen und Gewichtungsverfahren. Deshalb können einzelne Werte um einige Punkte voneinander abweichen: So ermittelt die Forschungsgruppe Wahlen bei Arbeitern 29 Prozent für die AfD und 25 Prozent für die Linke, während Infratest dimap gerundet 30 beziehungsweise 26 Prozent ausweist. Die Abweichung ist kein Widerspruch im politischen Befund, sondern die normale Unsicherheit zweier unabhängiger Stichprobenschätzungen.[4][3]

„Sozialer Status“ ist in diesen Erhebungen zudem kein einzelner Messwert. Er wird hier über zwei Näherungen betrachtet: den formalen Bildungsabschluss und die berufliche Stellung. Einkommen, Vermögen, Mietbelastung, Erwerbslosigkeit und Transferbezug wären ebenfalls wichtige Statusmerkmale, wurden in den veröffentlichten Standardtabellen aber nicht durchgängig ausgewiesen. Aussagen über „die Unterschicht“, „die Mittelschicht“ oder „die Wohlhabenden“ wären deshalb gröber und spekulativer als die verfügbaren Daten erlauben.

Das Gesamtergebnis

ParteiZweitstimmenVeränderung zu 2023Sozialstruktureller Kurzbefund
Die Linke25,7%+13,4 PunkteExtrem stark bei Jüngeren; stark bei Frauen, Abiturienten und Hochschulabsolventen; zugleich konkurrenzfähig bei Arbeitern
CDU18,8%−9,5 PunkteStärkste Partei der Älteren, Beamten und Hauptschulabsolventen; schwach bei jungen Menschen
AfD16,3%+7,2 PunkteBesonders stark bei Arbeitern, Männern und niedrigen bis mittleren Bildungsabschlüssen
Grüne14,3%−4,1 PunkteAkademisch und beruflich gehoben geprägt; sehr schwach bei Arbeitern und Hauptschulabsolventen
SPD12,1%−6,3 PunkteRelativ gleichmäßig, aber in fast allen Gruppen schwach; etwas besser bei Älteren und Beamten
BSW4,7%neuGeringe Unterschiede nach Alter und Geschlecht; leicht stärker bei niedriger und mittlerer Bildung

Das vorläufige amtliche Ergebnis beruht auf 1.846.170 Wählenden bei 2.487.318 Wahlberechtigten; die Beteiligung betrug 74,2 Prozent und lag damit 11,3 Punkte über 2023. Gerade der starke Mobilisierungsschub ist für die Interpretation wichtig: Das Ergebnis entstand nicht allein durch Umschichtung zwischen Stammwählerschaften, sondern auch durch die Aktivierung bisheriger Nichtwähler und erstmals wahlberechtigter 16- und 17-Jähriger.[5][6]

Verteilung nach Geschlecht

ParteiFrauenMännerDifferenz Frauen minus Männer
CDU17%20%−3 Punkte
SPD13%11%+2 Punkte
Grüne15%14%+1 Punkt
Die Linke28%24%+4 Punkte
AfD14%18%−4 Punkte
BSW5%5%0 Punkte

Die Geschlechterdifferenzen sind sichtbar, aber weniger einschneidend als Alter und Bildung. Unter Frauen gewann die Linke mit 28 Prozent deutlich; bei Männern lag sie mit 24 Prozent ebenfalls vorn, aber nur vier Punkte vor der CDU. CDU und AfD erreichten bei Männern jeweils drei beziehungsweise vier Punkte mehr als bei Frauen. SPD und Grüne wiesen kleine weibliche Überhänge auf, während das BSW praktisch geschlechtsneutral abschnitt.[^3]

Der entscheidende Geschlechtereffekt zeigte sich in der Verbindung mit dem Alter. Bei Frauen unter 25 Jahren wählte nach der ARD-Nachwahlbefragung sogar etwa jede Zweite die Linke; bei gleichaltrigen Männern waren es rund 34 Prozent, während die AfD dort auf 15 Prozent kam. Das bedeutet: Nicht „Frauen“ insgesamt machten den Linken-Sieg, sondern vor allem junge Frauen. Unter älteren Frauen dürfte der CDU-Anteil erheblich höher gewesen sein, wie der starke allgemeine Alterseffekt nahelegt.[^7]

Die AfD blieb demgegenüber stärker männlich geprägt. Ihr Vier-Punkte-Abstand zwischen Männern und Frauen ist politisch relevant, aber wesentlich kleiner als ihr Bildungs- und Berufsgefälle. Eine rein kulturelle Erklärung über Geschlechterrollen reicht daher nicht aus. Die AfD-Stärke hängt in Berlin stärker mit der Kombination aus männlicher, gewerblicher und formal geringer gebildeter Wählerschaft sowie mit bestimmten Stadtrandlagen zusammen.[8][3]

Verteilung nach Alter

AltersgruppeCDUSPDGrüneLinkeAfDBSW
Unter 30 Jahre8%8%11%47%10%6%
30–44 Jahre12%10%17%33%14%4%
45–59 Jahre21%12%18%18%19%4%
60 Jahre und älter30%17%11%13%19%5%

Alter war die stärkste einzelne Sortierachse dieser Wahl. Unter den unter 30-Jährigen erreichte die Linke 47 Prozent und damit mehr als CDU, SPD, Grüne und AfD zusammen. Auch bei den 30- bis 44-Jährigen führte sie mit 33 Prozent klar. In der Gruppe von 45 bis 59 Jahren verschwand ihr Vorsprung: CDU 21 Prozent, AfD 19 Prozent, Grüne und Linke jeweils 18 Prozent. Erst bei den über 60-Jährigen entstand eine klare CDU-Dominanz mit 30 Prozent vor AfD 19 und SPD 17 Prozent.[^3]

Bei den 16- bis 24-Jährigen weist die Forschungsgruppe Wahlen 46 Prozent für die Linke, 12 Prozent für die AfD, 10 Prozent für die Grünen, 9 Prozent für die SPD, 8 Prozent für die CDU und 6 Prozent für das BSW aus. Infratest dimap kommt mit etwas anderen Gruppenabgrenzungen auf 43 Prozent Linke bei den unter 25-Jährigen, 49 Prozent bei den 25- bis 34-Jährigen und 39 Prozent bei Erstwählern. Beide Erhebungen bestätigen denselben außergewöhnlichen Befund: Der Linken-Sieg beruhte auf einer massiven jungen Wählerkoalition, nicht auf ihrer früheren Rolle als Partei älterer Ostberliner Stammwähler.[7][4]

Die CDU weist das spiegelbildliche Profil auf. Ihr Anteil vervierfachte sich von 8 Prozent bei den unter 30-Jährigen auf 30 Prozent bei den über 60-Jährigen. Das ist nicht nur ein kurzfristiges Wahlproblem, sondern eine strukturelle Nachwuchsschwäche. Selbst die AfD lag bei jungen Menschen mit 10 beziehungsweise – unter den 16- bis 24-Jährigen – 12 Prozent über der CDU.[^3]

Bei Grünen und SPD verlief die Alterskurve weniger linear. Die Grünen erreichten ihre besten Werte bei den 30- bis 59-Jährigen und brachen sowohl unter den Jüngsten als auch bei den Ältesten auf 11 Prozent ein. Die Linke hat ihnen offenbar gerade bei urbanen jungen Wählern den Rang abgelaufen. Die SPD stieg zwar mit dem Alter von 8 auf 17 Prozent, blieb aber sogar unter den über 60-Jährigen zehn Punkte hinter der CDU. Ihre frühere Fähigkeit, Generationen zu verbinden, war bei dieser Wahl kaum noch erkennbar.[^3]

Bildung und Status

BildungsabschlussCDUSPDGrüneLinkeAfDBSW
Hauptschulabschluss27%17%4%11%33%5%
Mittlere Reife21%11%6%18%29%6%
Abitur17%11%14%32%13%5%
Hochschulabschluss20%12%20%28%7%4%

Die Bildungstabelle zeigt eine fast lehrbuchhafte Polarisierung. Bei Menschen mit Hauptschulabschluss lag die AfD mit 33 Prozent vor CDU 27 und SPD 17 Prozent; Linke und Grüne erreichten nur 11 beziehungsweise 4 Prozent. Bei Mittlerer Reife führte die AfD ebenfalls deutlich mit 29 Prozent. Unter Abiturienten drehte sich das Bild: Die Linke kam auf 32 Prozent, die CDU auf 17, Grüne auf 14 und AfD auf 13 Prozent. Unter Hochschulabsolventen führte die Linke mit 28 Prozent; Grüne und CDU lagen jeweils bei 20, die AfD nur bei 7 Prozent.[1][3]

Die AfD hatte damit ein ausgeprägtes umgekehrtes Bildungsgefälle: 33 Prozent bei Hauptschulabschluss gegenüber 7 Prozent bei Hochschulabschluss. Bei den Grünen verlief die Kurve nahezu spiegelbildlich von 4 auf 20 Prozent. Die Linke war ebenfalls bildungsstark, erreichte ihr Maximum aber nicht bei Akademikern, sondern bei Menschen mit Abitur. Das deutet auf eine besonders starke Unterstützung durch Studierende, jüngere Beschäftigte und Personen mit Hochschulzugang hin, deren Studium noch nicht abgeschlossen ist; diese Deutung ist plausibel, lässt sich aus der Abschlusstabelle allein jedoch nicht endgültig beweisen.[^3]

Die CDU wich von einer simplen Links-rechts-Bildungslinie ab. Sie war bei Hauptschulabsolventen mit 27 Prozent stark, fiel über Mittlere Reife und Abitur auf 17 Prozent, stieg unter Hochschulabsolventen aber wieder auf 20 Prozent. Ihre Koalition verband somit ältere Wähler mit niedrigeren Bildungsabschlüssen und einen Teil des akademisch ausgebildeten, eher etablierten Bürgertums. Die SPD zeigte die geringste bildungsspezifische Polarisierung, allerdings auf niedrigem Niveau: 17 Prozent bei Hauptschulabschluss und nur 11 bis 12 Prozent in allen anderen Gruppen.[^3]

Bildung darf nicht automatisch mit Einkommen gleichgesetzt werden. Ein junger Akademiker mit hoher Mietbelastung kann ökonomisch prekärer leben als ein älterer Facharbeiter mit abbezahltem Wohneigentum. In Berlin dürfte gerade diese Entkopplung erklären, warum die Linke zugleich bei höher Gebildeten, Jüngeren und Arbeitern stark sein konnte: Ihr Thema Wohnen sprach sowohl kulturell progressive als auch materiell belastete Gruppen an. Soziale Sicherheit war für 22 Prozent das wahlentscheidende Thema, Wohnen für 18 Prozent; Verkehr spielte mit 6 Prozent eine deutlich geringere Rolle.[9][10]

Berufliche Stellung

BerufsgruppeCDUSPDGrüneLinkeAfDBSW
Arbeiter14%11%6%25%29%6%
Angestellte17%13%16%27%15%5%
Beamte31%16%18%15%12%3%
Selbständige22%9%20%25%12%4%

Bei Arbeitern wurde die AfD mit 29 Prozent stärkste Kraft, dicht gefolgt von der Linken mit 25 Prozent. CDU und SPD lagen mit 14 und 11 Prozent weit zurück; die Grünen kamen auf 6 Prozent. Die ARD-Auswertung von Infratest dimap zeigt dieselbe Rangfolge mit leicht anderen Werten und hebt den historischen Bruch hervor: AfD rund 30 Prozent, Linke 26 Prozent, BSW 9 Prozent, Grüne 8 Prozent und SPD nur 6 Prozent. Je nach Institut schwankt die genaue Höhe, eindeutig ist aber die Ablösung der SPD als führende Arbeiterpartei.[4][3]

Unter Angestellten führte die Linke mit 27 Prozent. CDU, Grüne und AfD lagen relativ eng zwischen 15 und 17 Prozent, die SPD erreichte 13 Prozent. Damit gewann die Linke nicht nur bei einer schmalen studentischen Szene, sondern auch in der größten urbanen Beschäftigtengruppe. Ihr Bündnis verband jüngere Dienstleistungsbeschäftigte, Teile klassischer Arbeitermilieus und formal höher Gebildete.[^3]

Beamte bildeten die klarste CDU-Hochburg: 31 Prozent stimmten für die Union, vor Grünen 18, SPD 16, Linken 15 und AfD 12 Prozent. Hier dürften höheres Alter, institutionelle Bindung, Sicherheitsorientierung und berufliche Nähe zum Staat zusammenwirken. Die SPD blieb trotz ihrer langen Regierungs- und Verwaltungstradition nur auf Platz drei.[^3]

Bei Selbständigen zeigte sich ein überraschend pluralistisches Bild. Die Linke führte mit 25 Prozent knapp vor CDU 22 und Grünen 20 Prozent; AfD und SPD folgten mit 12 beziehungsweise 9 Prozent. „Selbständig“ umfasst allerdings sehr unterschiedliche Lebenslagen – von gut verdienenden Unternehmern über freie Berufe bis zu Solo-Selbständigen mit unsicheren Einkommen. Der hohe Linken-Anteil ist daher kein Beleg für eine generelle Linksorientierung der Unternehmerschaft, sondern wahrscheinlich Ausdruck der heterogenen Berliner Kreativ-, Kultur- und Dienstleistungsökonomie.[^3]

Räumliche Sozialstruktur

Die sozialen Muster spiegelten sich in der Stadtgeografie. Die Linke war besonders innerhalb des S-Bahn-Rings und im alten Ost-Berlin stark; ihre zehn besten Wahlbezirksergebnisse lagen sämtlich in Friedrichshain-Kreuzberg, Neukölln und Mitte. Im stärksten Briefwahlbezirk zwischen Görlitzer Park und Falckensteinstraße erreichte sie 63,1 Prozent. Am westlichen Stadtrand schnitt sie deutlich schwächer ab; in einem Dahlemer Wahlbezirk mit unterdurchschnittlichem Grundsicherungsbezug kam sie nur auf 5,2 Prozent.[^8]

Die AfD war dagegen besonders am Stadtrand stark. Ihr Spitzenergebnis von 51,3 Prozent erzielte sie in einem Wahlbezirk in Marzahn-Hellersdorf, in dem 24,9 Prozent Grundsicherung bezogen, verglichen mit 12,0 Prozent berlinweit. Ihre 16 schwächsten Wahlbezirke lagen sämtlich in Friedrichshain-Kreuzberg; im schwächsten erreichte sie 1,5 Prozent. Das spricht für eine soziale und kulturelle Segmentierung zwischen verdichteter, höher gebildeter Innenstadt und Teilen des östlichen Außenraums, darf aber nicht als einfacher Automatismus „Transferbezug gleich AfD“ gelesen werden: Einzelne Quartiere bündeln Alter, Einkommen, Bildung, Wohnform, DDR-Sozialisation und lokale politische Milieus zugleich.[^8]

Auch der Westen blieb politisch differenziert. Die CDU behielt vor allem am westlichen Rand Stärke, während die Grünen ihre zehn Direktmandate unter anderem in Mitte, Tempelhof-Schöneberg, Charlottenburg-Wilmersdorf, Pankow und Steglitz-Zehlendorf gewannen. Die Linke eroberte dagegen alle fünf Direktmandate in Kreuzberg. Der S-Bahn-Ring ist damit inzwischen mindestens so bedeutsam wie die frühere Ost-West-Grenze: innen dominieren Linke und in einzelnen wohlhabenderen beziehungsweise akademischen Quartieren Grüne, außen häufiger CDU und AfD.[11][4]

Parteiprofile

Die Linke

Die Linke gewann durch die breiteste neue Wählerkoalition: fast die Hälfte der unter 30-Jährigen, 28 Prozent der Frauen, 32 Prozent der Abiturienten, 27 Prozent der Angestellten und 25 Prozent der Arbeiter. Sie verband damit zwei Gruppen, die häufig fälschlich gegeneinander ausgespielt werden – akademisch-progressive Großstadtmilieus und materiell belastete Beschäftigte. Ihr auf Mieten, soziale Sicherheit und Vergesellschaftung zugespitztes Profil bot beiden Gruppen einen gemeinsamen Nenner. Zusätzlich mobilisierte sie nach Infratest dimap netto etwa 75.000 frühere Nichtwähler und gewann erhebliche Salden von Grünen, SPD und CDU.[4][3]

Ihre Schwäche bleibt die ältere Wählerschaft: Nur 13 Prozent der über 60-Jährigen stimmten links. Sollte eine von der Linken geführte Regierung entstehen, müsste sie deshalb zeigen, dass Mieten-, Gesundheits-, Verwaltungs- und Sicherheitspolitik nicht nur jüngere Innenstadtmilieus bedienen. Andernfalls könnte ihr Erfolg trotz der Breite einzelner Statusgruppen generationell begrenzt bleiben.

CDU

Die CDU wurde zur Partei der Älteren, Beamten und eines Teils der Wähler mit Hauptschulabschluss. Ihre 30 Prozent bei den über 60-Jährigen und 31 Prozent bei Beamten kontrastieren scharf mit nur 8 Prozent bei den unter 30-Jährigen. Sie verfügt damit über eine belastbare, aber alternde Basis. Ihre Niederlage erklärt sich nicht daraus, dass sie in ihrer Kernklientel zusammenbrach, sondern daraus, dass diese Kernklientel den massiven Vorsprung der Linken bei den jüngeren Jahrgängen nicht kompensieren konnte.[^3]

AfD

Die AfD war die führende Arbeiterpartei und die stärkste Kraft unter Menschen mit Hauptschulabschluss oder Mittlerer Reife. Ihr Zuspruch sank mit dem Bildungsgrad von 33 auf 7 Prozent und war bei Männern vier Punkte höher als bei Frauen. Anders als die CDU war sie in allen Gruppen ab 30 relativ gleichmäßig vertreten und erreichte bei den 45- bis 59-Jährigen sowie den über 60-Jährigen jeweils 19 Prozent. Ihr Profil ist daher nicht primär eine Jugend- oder Seniorenrevolte, sondern eine bildungs- und berufsspezifische Protestkoalition mit starkem Stadtrandfundament.[8][3]

Grüne

Die Grünen blieben eine Partei höherer Bildung und eher privilegierter beruflicher Stellungen. Ihr Anteil stieg von 4 Prozent bei Hauptschulabschluss auf 20 Prozent bei Hochschulabschluss; bei Selbständigen erreichten sie 20, bei Beamten 18, bei Arbeitern dagegen nur 6 Prozent. Zugleich verloren sie ihre frühere Vorrangstellung bei jungen urbanen Progressiven an die Linke. Die größte strategische Frage lautet daher, ob sie sich sozial verbreitern können, ohne ihr akademisch-ökologisches Kernmilieu zu verlieren.[^3]

SPD und BSW

Die SPD war nicht stark polarisiert, sondern nahezu überall schwach. Ihre besten Werte erzielte sie mit 17 Prozent bei über 60-Jährigen und Menschen mit Hauptschulabschluss sowie 16 Prozent bei Beamten. Gerade die äußerst niedrigen Arbeiterwerte markieren einen Identitätsverlust: Die traditionelle Verbindung von gewerkschaftsnaher Arbeiterschaft, öffentlichem Dienst und sozial orientierter Mittelschicht trägt nicht mehr.[4][3]

Das BSW blieb mit 4,7 Prozent knapp außerhalb des Parlaments. Seine Werte bewegten sich in fast allen Alters-, Geschlechts-, Bildungs- und Berufsgruppen zwischen 3 und 6 Prozent. Es gewann somit keine sozial klar umrissene Hochburg. In der Infratest-Erhebung fiel sein Arbeiteranteil zwar höher aus als bei der Forschungsgruppe Wahlen; selbst dort blieb die Partei aber deutlich hinter AfD und Linken.[4][3]

Politische Bedeutung

Die Wahl war vor allem ein Generationenbruch. Linke und CDU verkörpern nahezu spiegelverkehrte Alterskoalitionen; daraus folgen unterschiedliche Prioritäten bei Wohnen, Stadtentwicklung, Verwaltung und sozialer Sicherung. Eine mögliche Koalition aus Linken, Grünen und SPD hätte rechnerisch eine Mehrheit, würde aber sozial vor allem jüngere, weiblichere und höher gebildete Milieus repräsentieren. Um als gesamtstädtisches Bündnis zu funktionieren, müsste sie ältere Menschen, formal geringer Gebildete und äußere Bezirke sichtbarer ansprechen.[6][1]

Zugleich zeigt das Arbeiterergebnis eine doppelte Polarisierung: AfD und Linke konkurrieren um materiell belastete Gruppen, allerdings mit gegensätzlichen politischen Deutungen. Die AfD übersetzt Unsicherheit eher in Migration, Ordnung und Abgrenzung; die Linke in Mieten, Umverteilung und stärkere öffentliche Kontrolle. Dass beide zusammen mehr als die Hälfte der Arbeiterstimmen erreichten, während SPD und Grüne dort besonders schwach waren, ist der wichtigste sozialpolitische Befund dieser Wahl.[4][3]

Berlin ist damit weder einfach „nach links gerückt“ noch nur zwischen Innenstadt und Rand geteilt. Die Wahl brachte vier gleichzeitig wirksame Achsen hervor: jung gegen alt, hohe gegen niedrige formale Bildung, Beamte gegen Arbeiter sowie innere Stadt gegen äußere Bezirke. Die Linke gewann, weil sie auf drei dieser Achsen außergewöhnlich stark war und zugleich die Grenzen zwischen akademischem und arbeitendem Milieu teilweise überschritt. Die AfD gewann hinzu, weil sie auf der anderen Seite der Bildungs- und Berufsachse zur ersten Adresse des Protests wurde. CDU und SPD verloren, weil ihre älteren Volksparteikoalitionen diese neue soziale Zweiteilung nicht mehr überbrücken konnten.

Kommentar

Es ist ein Phänomen, das die letzten Wahlen in den USA ebenfalls gezeigt haben. Junge Menschen, gut gebildete Menschen, aber auch Menschen, die hart arbeiten müssen, rücken nach links, weil sie mit dem immer schärferen Neoliberalismus der Regierenden ihre Felle davonschwimmen sehen. Menschen, die es schon weitgehend hinter sich haben oder sicher Staatsposten besetzen, können es sich noch leisten, konservativ zu sein. Nicht die Rentner, sondern die Pensionäre sind das Rückgrat der CDU in Berlin. Mit dieser Gruppe kann man aber nicht die Politik der Zukunft organisieren, denn die Zukunft dieser Menschen ist vorherbestimmt und sie haben sie aus einer privilegierten Vergangenheit heraus generiert. Kein Wunder, dass die Bundesregierung sich nicht traut, auch dieser Gruppe Belastungen zuzumuten, denn mit der Unzufriedenheit dieser Gruppe würde ihre Wählerbasis noch stärker schrumpfen. Lieber opfern CDU und SPD die Jugend und die Menschen, die mitten im Arbeitsleben stehen.

Wir gehören allenfalls hinsichtlich eines von drei Hauptkriterien zur typischen Wählerschaft der Linken, trotzdem fühlen wir uns durch die obigen Daten auch der jüngeren Generation verbunden, mit ihr teilen wir unsere Sorgen und unsere Hoffnungen. Und wir werden uns gemeinsam nicht von der Rechtspresse in Deutschland für dumm verkaufen lassen, die jetzt gegen die Linke giftet, als wäre eine echte Revolution ausgebrochen und wirklich jeden Strohhalm zieht, um die Partei zu diskreditieren, die mit der SED von einst in vieler Hinsicht weniger gemein hat als altbackene Kaderparteien wie die Union oder die SPD, die nicht fähig sind, sich zu erneuern.

Die Grünen sind etwas in die Zwickmühle geraten. Als wir jung waren, war es hip, grün zu sein. Das ist vorbei. Aber es nicht noch nicht so lange her, dass das anders war, und daraus können die Grünen noch einmal schöpfen, wenn sie mit der Linken arbeiten würden. Obwohl die Linke auch hier die stärkeren Positionen hat könnten sie wieder Energie, Klimawandel, Ökologie im Ganzen in den Vordergrund rücken, Themen, die uns noch viel beschäftigen werden, wenn alle wieder etwas klarer sehen, und die Linke kann sich auf das Soziale konzentrieren, das sie eindeutig besser kann als jede andere Partei von Relevanz.

Es ist klar, dass die Linke wirtschaftspolitische Defizite hat, aber darin liegt sogar eine Chance: Die Nähe zur Rosa-Luxemburg-Stiftung kann das theoretische Fundament für neu gedachte Wirtschaft stärken, die krisensicherer ist als das auslaufende Deutschland-Modell, solidarischer und den Wohlstand gleichmäßiger verteilt. Dies alles ist unter der Ägide des Grundgesetzes möglich, auch wenn rechte Politiker und die rechte Sturmpresse das schon fast vergessen gemacht haben. Dafür muss die Linke werben: Verfassungsgemäß progressive Änderungen herbeiführen und die Menschen dabei auf einen Weg mitnehmen, der richtig Spaß macht, weil die Gesellschaft dadurch weniger aggressiv und kooperativer, gerechter und zukunftsorientierter wird. Dass „die Liebe gesiegt hat“, ist insofern ein Spruch, de viel tiefer geht, als es auf den ersten Blick scheint. Er ist nicht naiv. Er kann einen neuen Aufbruch rahmen.

Eine Kenia-Koalition wäre in Berlin möglich, sie hätte 82 von (vermutlich) 158 Sitzen im neuen Abgeordnetenhaus, eine rot-rot-grüne Koalition käme auf 95 Mandate. Solten die Grünen sich auf das schmale Brett begeben, mit den Führern der Rückschrittskoalition seit 2023, einer CDU im Niedergang und einer Mini-SPD, zu koalieren anstatt mit dem Wahlsieger, weil sie sich tatsächlich von dem Antisemitismusframing interessierter Kreise beeindrucken lassen, wäre der Linken bei der nächsten Wahl weiterer Zulauf sicher. Wird Elif Eralp hingegen Regierende Bürgermeisterin, müssen sie beweisen, dass diese schwierige Stadt zu steuern wissen. Es ist anders als in Thüringen, wo Bodo Ramelow gezeigt hat, dass links regieren geht, ohne aus dem Land eine Überflieger-Region zu machen. Berlin hat aber genug Power, die nur freigesetzt werden muss. Spaß am Machen und und Mitmachen wäre ein wichtiger Ansatz, und der wird mit einer Kenia-Koalition nicht zu realisieren sein. Im Gegenteil, sie schadet der Demokratie, weil diese Parteienkombination keine Wende zum Besseren herbeiführen kann. Das wird allen drei beteiligten Parteien schaden und leider auch die AfD weiter stärken.

TH

Transparenz: Die Sozialstrukturanalyse haben wir von einer KI erstellen lassen, der Kommentar stammt von uns.

Quellen zur Sozialanalyse der Berlinwahl

  1. Woher kommt der Erfolg der Linken? Alle Grafiken zur Wahl in Berlin – Grafiken zeigen den Ausgang der Abgeordnetenhauswahl in Berlin, mögliche Koalitionen sowie Analysen …
  2. Der Landeswahlleiter für Berlin – 21.09.2026 02:14 Uhr Vorläufiges Ergebnis festgestellt · 20.09.2026 17:15 Uhr Wahlbeteiligung 20. Se…
  3. Wahlverhalten in Berlin nach Alter, Geschlecht und Bildung – Wahlverhalten nach Bevölkerungsgruppen:Fast die Hälfte der jungen Berliner wählt die Linke · Linke b…
  4. Sechs Erkenntnisse aus der Berlin-Wahl: Einstürzende Gewissheiten – Kreuzberg wählt Grün. Die Linke spricht vor allem Senioren an. Und was das Wahlverhalten angeht, ist…
  5. Liveticker Berlin-Wahl 2026: Wahltag und Ergebnisse – Belegte Meldungen zur Berlin-Wahl am 20. September 2026: Wahlvorbereitung, Wahltag, Auszählung und d…
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20.09.2026, 18:30 bis 21:30 Uhr

Hier die aktuellen Hochrechnungen gegen 21:30 Uhr, wir kommentieren im Anschluss: Die Sensation ist, dass die CDU in Mecklenburg-Vorpommern möglicherweise nicht mehr im neuen Landtag vertreten sein wird. Das ist historisch insofern, als es unseres Wissens in der Geschichte der BRD noch nicht vorgekommen ist.

Berlin (ARD)HR 21:25HR 18:28 / 18:56Prognose 18 Uhr
CDU1920 / 2020
AfD16,315,7 / 15,716
Die Linke25,324,8 / 24,924,5
Grüne14,415 / 1515
SPD12,112 / 11,912
BSW4,85 / 55
Andere8,17,5 / 7,57,5
MV (ARD)HR 21:47HR 18:28 / 18:50Prognose 18 Uhr
SPD35,435,6 / 35,535,5
AfD38,337,1 / 37,337
CDU4,95,4 / 5,35,5
Die Linke6,57,4 / 7,57,5
Grüne5,55,5 / 5,55,5
BSW4,95 / 55
Andere3,52,9 / 2,82,8

Welch eine Zäsur dieses Ergebnis darstellt, haben wir kurz recherchieren lassen:

Nein. Sollte die CDU in Mecklenburg-Vorpommern tatsächlich unter fünf Prozent bleiben und auch kein Direktmandat gewinnen, wäre sie zum ersten Mal seit Gründung der Bundesrepublik 1949 nicht in einem Landesparlament vertreten.

Historische Einordnung

Die CDU war bislang nach jeder Landtags- oder Bürgerschaftswahl in der Bundesrepublik in das jeweilige Landesparlament eingezogen. Auch in schwierigen Phasen blieb sie stets oberhalb der entscheidenden Schwelle oder zog auf anderem Weg ein. Der bisherige Negativrekord lag bei 9,0 Prozent bei der Bremer Bürgerschaftswahl 1951 – zugleich das einzige frühere einstellige CDU-Ergebnis bei einer Landeswahl.[tagesschau][tagesschau]

Möglichkeit in MVHistorische Folge
CDU erreicht mindestens 5,0 ProzentEinzug in den Landtag; dennoch mit Abstand schwächstes CDU-Landeswahlergebnis der Nachkriegsgeschichte
CDU bleibt unter 5,0 Prozent, erringt aber ein DirektmandatEinzug wäre je nach Landeswahlrecht über die Grundmandatsregel möglich; dieser Sonderfall müsste anhand des amtlichen Wahlergebnisses geprüft werden
CDU bleibt unter 5,0 Prozent und ohne SonderregelErstmals kein CDU-Einzug in ein Landesparlament der Bundesrepublik

Stand des Wahlabends

Nach den jüngsten Hochrechnungen von ARD und ZDF lag die CDU bei 5,0 Prozent und damit exakt an der Fünfprozenthürde (der Stand der Recherche ist um einige Minuten älter als die neuesten Hochrechnungen, die wir oben referiert haben). Der Einzug war deshalb zu diesem Zeitpunkt offen; bei genau fünf Prozent wäre die Partei im Landtag vertreten.[zeit][tagesspiegel]

Der Vorgang wäre auch deshalb bemerkenswert, weil die CDU in Mecklenburg-Vorpommern 2021 noch 13,3 Prozent erzielt hatte. Unabhängig vom endgültigen Über- oder Unterschreiten der Hürde markiert das Ergebnis bereits ihren schwächsten Wert bei einer Landeswahl seit 1949.[handelsblatt][tagesschau]

20:00 Anhand der folgenden Einlassung kann man ermessen, welche unfassbaren sozialen und stadtpolitischen Schäden die verantwortungslose Verscherbelungspolitik der Landesregierungen der frühen 2000er verursacht hat, an der die damalige PDS übrigens beteiligt war, wenn auch unter Führung der SPD und ihres berüchtigten Finanzsenators Thilo Sarrazin. Fehler sind schnell gemacht, wenn man ideologisch auf dem falschen Dampfer ist und keinen Weitblick hat, aber sie zu reparieren, ist eine Mammutaufgabe. Die R2G-Regierungen von 2017 bis 2023 haben das in kleinen Schritten versucht, die Widerstände, die fürss Ausbremsen gesorgt haben, können wir hier nicht im Einzelnen darstellen:

19:55 Gregor Gysi von der Linken hat die für uns bisher überraschendste Aussage parat: Er will die Bevölkerung der Stadt noch einmal über die Enteignung entscheiden lassen. Er war immer schon ein Fuchs, aber jetzt übertrifft er sich selbst: Wenn die aktuellen Umfragen nämlich stimmen, die die ARD gezeigt hat, dann gäbe es für einen Volksentscheid jetzt keine Mehrheit mehr und seine Partei wäre nicht gezwungen, sich auf dieses schwierige Prozedere festzulegen, das so viele Hürden aufweist. An dieser Stelle haben wir eine These aufgestellt und die KI befragt:

Heute Abend in der ARD hat Gregor Gysi gesagt, dass für ein Vergesellschaftungsgesetz in Berlin quasi ein zweiter Volksentscheid notwendig wäre, da der erste aus 2021 nur empfehlenden Charakter hatte. Was ist damit gemeint? Für mich ist dieser Aspekt vollkommen neu und auf jeden Fall eines gewieften Juristen würdig, der vielleicht hofft, dass es dieses Mal eine Mehrheit dagegen gibt und seine Partei sich nicht an dem Thema festfahren muss, wenn sie in Berlin regieren will.

Hier die Antwort:

Gemeint ist der Unterschied zwischen einem beschließenden und einem beratenden Volksentscheid. Der Berliner Volksentscheid „Deutsche Wohnen & Co. enteignen“ vom September 2021 hatte eine klare politische, aber keine unmittelbare rechtliche Wirkung: Er forderte den Senat auf, ein Vergesellschaftungsgesetz vorzubereiten, setzte jedoch kein Gesetz selbst in Kraft. Daher kann das Abgeordnetenhaus ein solches Gesetz beschließen – oder die Initiative kann einen zweiten Volksentscheid mit einem fertig formulierten Gesetzestext anstreben.[nzz][freitag]

Was 2021 abgestimmt wurde

Beim Volksentscheid 2021 stimmten 57,6 Prozent der Teilnehmenden für den Beschluss der Initiative; das entsprach etwa 42,3 Prozent aller Stimmberechtigten. Inhaltlich verlangte der Beschluss, große private Wohnungsunternehmen mit mehr als 3.000 Wohnungen gegen Entschädigung in Gemeineigentum zu überführen. Betroffen wären nach damaligen Berechnungen mehr als 200.000 Wohnungen gewesen.[sachwert-magazin][ms-aktuell]

Entscheidend ist die Form der Vorlage. 2021 lag kein ausformulierter Gesetzentwurf zur Abstimmung vor, etwa mit:

  • genauer Definition der erfassten Unternehmen und Bestände,
  • konkreter Organisationsform des neuen öffentlichen Wohnungsbestands,
  • Berechnung und Finanzierung der Entschädigung,
  • Verfahrensregeln und Rechtsschutz,
  • Regelungen zu Härtefällen sowie
  • den Kriterien der Verhältnismäßigkeit.

Abgestimmt wurde somit über einen politischen Handlungsauftrag. Das Votum war für den Senat und das Abgeordnetenhaus nicht automatisch vollstreckbar – es schuf kein Gesetz und überführte keine Wohnung unmittelbar in Gemeineigentum.[nzz][sachwert-magazin][krautreporter]

Was ein zweiter Volksentscheid ändern würde

Ein zweiter Volksentscheid könnte einen konkreten, vollständigen Gesetzestext enthalten. Erreicht dieser die gesetzlichen Quoren, tritt das Gesetz bei Zustimmung grundsätzlich an die Stelle eines Parlamentsbeschlusses. Der Volksentscheid wäre dann nicht nur eine Aufforderung an die Politik, sondern ein Gesetzgebungsvolksentscheid.

Das ist wahrscheinlich der Punkt, auf den Gregor Gysi abzielte: Wer den Auftrag von 2021 rechtssicher und unmittelbar umsetzen will, benötigt entweder

  1. ein vom Abgeordnetenhaus beschlossenes konkretes Vergesellschaftungsgesetz, oder
  2. einen neuen, diesmal gesetzesbeschließenden Volksentscheid über einen detaillierten Gesetzentwurf.

Der zweite Weg wäre politisch plausibel, wenn sich im Abgeordnetenhaus keine stabile Mehrheit für ein Anwendungsgesetz findet. Die Initiative Deutsche Wohnen & Co. enteignen bereitet nach Berichten bereits einen erneuten Volksentscheid mit einem konkreten Gesetz vor.[freitag][krautreporter]

Zwei Gesetze, die verwechselt werden

Hier liegt eine weitere wichtige juristische Ebene. Berlin hat im Frühjahr 2026 ein Vergesellschaftungsrahmengesetz beschlossen. Dieses schafft keinen Übergang einzelner Wohnungen in Gemeineigentum. Es setzt lediglich allgemeine Anforderungen, die eine künftige Vergesellschaftung erfüllen müsste – unter anderem Gemeinwohlzweck, Verhältnismäßigkeit, Trägerform, Entschädigung und haushalterische Tragfähigkeit.[sachwert-magazin][blog.immobilien-aktuell-magazin]

Für tatsächlich betroffene Wohnungsbestände wäre danach ein gesondertes Anwendungsgesetz notwendig. Dieses müsste präzise bestimmen, welche Unternehmen und Wohnungen betroffen sind, zu welchen Bedingungen sie überführt werden und wie die Entschädigung ausgestaltet und finanziert wird. Erst dieses Gesetz hätte die unmittelbare Eingriffswirkung.

InstrumentWirkung
Volksentscheid 2021Politischer Auftrag, Vergesellschaftung vorzubereiten; kein unmittelbar geltendes Gesetz
Vergesellschaftungsrahmengesetz 2026Allgemeine rechtliche Leitplanken; keine Überführung von Wohnungen
AnwendungsgesetzKonkrete Vergesellschaftung bestimmter Wohnungsbestände
Zweiter Volksentscheid über GesetzentwurfKönnte ein konkretes Anwendungsgesetz unmittelbar beschließen

Politische Lesart

Die Vermutung einer taktischen Komponente ist nachvollziehbar, muss aber von der Rechtslage getrennt werden. Juristisch beschreibt Gysi zunächst einen realen Unterschied: Die 2021er Abstimmung genügte nicht selbst, um Wohnungen zu vergesellschaften. Ein konkretes Gesetz war immer erforderlich.

Politisch kann die Forderung nach einem zweiten Volksentscheid aber verschiedene Funktionen erfüllen:

  • Sie verschiebt die Entscheidung von sofortigen Koalitionsverhandlungen in ein gesondertes Verfahren.
  • Sie gibt einer Partei die Möglichkeit, die soziale Forderung grundsätzlich zu bejahen, ohne sich auf konkrete Kosten, Entschädigungen und Haushaltsrisiken festzulegen.
  • Sie kann eine erneute Legitimation schaffen, falls sich Mehrheiten oder die öffentliche Debatte seit 2021 verändert haben.
  • Sie nimmt zugleich der Partei, die auf dem Votum von 2021 beharrt, die Möglichkeit, dieses Ergebnis allein als ausreichende Handlungsanweisung für eine sofortige Umsetzung zu behandeln.

Ob dies darauf zielt, eine mögliche Mehrheit gegen das Projekt abzuwarten, ist eine politische Interpretation, nicht aus der juristischen Konstruktion ableitbar. Sicher ist: Ein zweiter Volksentscheid könnte das Thema entweder demokratisch absichern oder es – bei einer Ablehnung beziehungsweise einem verfehlten Zustimmungsquorum – politisch erheblich schwächen.

19:50 Es verfestigt sich durch immer weitere Statements seitens der Union: Wenn man auf dem Ticket des Kapitallobbyismus in politische Positionen gelangt ist, kommt man aus der Nummer nicht raus und kann in der Tat nur konservative Statements abgeben, die nichts zur Verbesserung des Gefühls der Menschen im Land beitragen. Vermutlich wird es einen idiotischen Gießkannen-Spritpreisdeckel geben, anstatt dass solch eine Maßnahme wenigstens an soziale Voraussetzungen geknüpft wird, aber der Neoliberalismus ist in der CDU mehr manifest und die Machtverhältnisse sind ähnlich klar wie in der amerikanischen MAGA-Regierung, wo die Menschen in Scharen zu für dortige Verhältnissen linken Demokraten überlaufen. Man darf nicht vergessen, dass führende Unionspolitiker genau nach demselben Muster geschult worden sind wie die US-Elite und genauso unfähig sind, dieses Muster selbst dann aufzubrechen, wenn es den Menschen im Land immer schlechter geht oder sie zumindest große Sorgen haben. Wir haben mehrfach in unseren Beiträgen vorgerechnet, dass diese Sorgen nicht nur gefühlt sind, sondern sich zum Beispiel in der Inflation der Preise von Grundbedarfsgütern klar spiegeln. Wir sehen das an dem, was wir uns mit unseren kaufmännischen Kenntnissen selbst notieren und selbst auferlegen: Im Verlauf des Jahres erweitern wir unser Budget um mehr als 10 Prozent, aber wir kommen nicht vorwärts. Es gibt kein Mehr, sondern allenfalls einen Stillstand – und immer wieder Preisschockwellen bei einzelnen Gütern. Das abgehobene Gerede der Bundesregierung ist schwer erträglich, und das ist keine radikale Position. Diese Leute brauchen kein Rückgrat, sondern lediglich eine menschenfeindliche Einstellung. Das Rückgrat zu zeigen, liegt bei uns, nämlich die Nerven zu bewahren und das Richtige zu tun, nicht rechts, sondern ein wenig links zu wählen. Unser Rückgrat liegt darin, uns dafür, dass wir ein anständiges, würdevolles Leben und uns nicht ständig beschimpfen lassen wollen von Typen wie Friedrich Merz, als Radikale oder Wähler von Radikalen beschimpfen zu lassen, wie es gerade die Unionspolitiker wieder tun.

19:40 Wir sind gespannt, ob die SPD in Berlin es noch begreift. Einerseits sieht sich Steffen Krach, der SPD-Spitzenkandidat, die SPD als abgewählt an, andererseits will er in einer Koalition der Linken jetzt schon vorschreiben, dass sie nicht auf die Vergesellschaftung privater Großwohnungskonzerne zusteuern darf. Er kann sich dabei auf die vorhin gezeigte Grafik berufen, nach der eine Mehrheit der Berliner mittlerweile dagegen wäre. Das halten wir allerdings für nicht valide. Die gesamte Aktivität der Mietenbewegung wurde durch Corona stark eingebremst und die Argumente von damals, die zu einer Zustimmung von 59 Prozent geführt haben, sind möglicherweise nicht mehr so präsent bzw. haben die rechten Parteien inklusive der SPD es geschafft, die Entschädigungen als so astronomisch darzustellen und die Wege nicht zu erklären, die man dabei gehen kann, dass viele in diesen verängstigten, rückwärtsgewandten Zeiten einen Schreck bekommen haben. Hier muss noch einmal viel Erklärungsarbeit geleistet werden. Dass es nicht einfach ist, wissen wir übrigens auch. Aber hätte die Linke sagen sollen, wir gehen es deshalb gar nicht erst an? Schon unter R2G hatte die SPD alles blockiert oder verzögert, was die Stadt wirklich sozialer gemacht hat, und jetzt wird sie sich bewegen müssen. Der Alptraum einer Kenia-Koalition begleitet uns allerdings vorerst weiter.

19:35 Bestimmte Kräfte versuchen, ein Zusammengehen von Rot und Grün zu verhindern, indem sie das Antisemitismus-Thema als Keil verwenden wollen, gerne auch unter Zuhilfenahme von Fake-Stickern, die eine angebliche Unterstützung der Partei für die Intifada signalisieren. Viele Menschen können, das zeigen auch die ARD-Grafiken, aber sehr wohl zwischen Kritik an der israelischen Regierung und Antisemitismus unterscheiden, und diejenigen, die beides gleichstellen wollen, werden sich vermutlich erst einmal nicht durchsetzen, dafür ist die Politik der Netanjahu-Regierung zu deutlich völkerrechtswidrig. Das heißt, diese Regierung verhindert diese strategisch angestrebte Gleichsetzung selbst. Die starke propalästinensische Stimme der Linken in Neukölln ist in einer so diversen Partei, die viele Milieus ansprechen will, wichtig, aber natürlich dürfen die Grenzen zum Antisemitismus nicht überschritten werden. Die Polarisierung der Gesellschaft auch in Berlin gibt es aber, und sie wird durch geopolitische Ereignisse weiter verschärft und vertieft.

19:30 Es ist wirklich kurios, wie sich in Bezug auf das BSW genau das wiederholt, was wir in Sachsen-Anhalt gesehen haben, und auch in Berlin und MV wird vermutlich das BSW in die Parlamente einziehen und kann dort tatsächlich das „Zünglein an der Waage“ sein. In Berlin vielleicht weniger, weil RRG dort wohl ohne BSW-Zustimmung möglich sein wird.

19:15 Uhr Der ARD-Moderator behauptet, die Grünen hätten sich in Berlin nach links gewendet, als er Werner Graf, den Spitzenkandidat der Grünen, interviewt. Das stimmt aber so nicht, die Grünen waren in Berlin, einst als GAL (grün-alternative Liste) immer schon weiter links als im Bund, vor allem, nachdem viele Grüne der ersten Jahre die Partei nach 1998 verlassen hatten, weil die Grünen die asoziale Politik von Gerhard Schröder im Bund mitgetragen haben. In Berlin sieht es mit den Regierungen seit 1990 so aus. Bis auf eine ganz kurze Zeit kurz nach der Wiedervrereinigung gab es zum Beispiel nie eine Regierung, an der Grüne und CDU gleichzeitig beteiligt waren.

Ja, aber nur in einer sehr besonderen, kurzen Übergangskonstellation nach der Wiedervereinigung – nicht als reguläre schwarz-grüne Koalition.

Der MagiSenat 1990

Vom 3. Oktober bis 15. November 1990 bestand in Berlin eine gemeinsame Übergangsregierung aus:

  • der SPD,
  • der CDU und
  • der Alternativen Liste für Demokratie und Umweltschutz (AL), der damaligen West-Berliner Grünen.

Anlass war die deutsche Einheit: Der West-Berliner Senat unter dem Regierenden Bürgermeister Walter Momper bestand aus SPD und AL, während der Ost-Berliner Magistrat unter Tino Schwierzina von SPD und CDU getragen wurde. Mit der Vereinigung wurden beide Gremien vorübergehend zu einer gemeinsamen Regierung des neuen Landes Berlin zusammengeführt – dem sogenannten MagiSenat. De facto hatten Senat und Magistrat bereits seit dem 12. Juni 1990 gemeinsam getagt.[de.wikipedia][de.wikipedia]

Keine reguläre schwarz-grüne Landesregierung

Eine eigenständige Berliner Landesregierung ausschließlich aus CDU und Grünen hat es bislang nicht gegeben. Auch eine reguläre Dreierkoalition mit CDU, Grünen und einer dritten Partei entstand nie aus Koalitionsverhandlungen nach einer Abgeordnetenhauswahl.

Die wesentlichen Berliner Regierungsbündnisse waren stattdessen:

ZeitraumBündnis
1989–1990SPD und Alternative Liste – rot-grün
1991–2001CDU und SPD – große Koalition
2001–2002SPD und Grüne, zunächst von der PDS toleriert
2002–2011SPD und PDS/Linke – rot-rot
2011–2016SPD und CDU – große Koalition
2016–2023SPD, Linke und Grüne – rot-rot-grün
seit 2023CDU und SPD – schwarz-rot

Die Statements der Politiker von CDU und SPD lassen nicht erwarten, dass jemand tatsächlich darüber nachdenkt, was schiefläuft. Was durchkommt, ist, dass man alles nur besser verkaufen muss und in Berlin werden gleich 25 Prozent der Menschen für linksextrem erklärt, weil sie nicht bereit sind, sich weiter mit der Preistreiberei der privaten Vermieter zufriedenzugeben, von den 16 Prozent der überwiegend aus dem Arbeitenden-Milieu kommenden 16 Prozent AfD-Wählern gar nicht zu reden.

Auch in MV hat die SPD ganz klar, trotz ihrer Aufholjagend, massiv bei ihrer Stammklientel, den arbeitenden Menschen, an Zuspruch verloren. Selbstverständlich sind diese Menschen alle irgendwie radikal, weil sie nicht ihrem eigenen Niedergang tatenlos zusehen wollen. Dass AfD wählen die falsche Antwort darauf ist, brauchen wir hier nicht ständig zu betonen.

Und hier die Hochrechnungen der ARD von 18:28 Uhr, 18:50 und 18:56 Uhr

Berlin (ARD)HR 18:28 / 18:56Prognose 18 Uhr
CDU20 / 2020
AfD15,7 / 15,716
Die Linke24,8 / 24,924,5
Grüne15 / 1515
SPD12 / 11,912
BSW5 / 55
Andere7,5 / 7,57,5
MV (ARD)HR 18:28 / 18:50Prognose 18 Uhr
SPD35,6 / 35,535,5
AfD37,1 / 37,337
CDU5,4 / 5,35,5
Die Linke7,4 / 7,57,5
Grüne5,5 / 5,55,5
BSW5 / 55
Andere2,9 / 2,82,8

20.09.2026, 18:00 Uhr

Prognose 18 Uhr: Die Linke siegt in Berlin, die AfD liegt in MV vorne!

BerlinPrognose 18 Uhr
CDU20
AfD16
Die Linke24,5
Grüne15
SPD12
BSW5
Andere7,5
MVPrognose 18 Uhr
SPD35,5
AfD37
CDU5,5
Die Linke7,5
Grüne5,5
FDP1,2
BSW5
Andere2,8

Die Linke in Berlin hängt die SPD um 100 Prozent ab. Welch ein Desaster für die Partei von Willy Brandt und wie verdient für die heutige SPD, und so verdient, sowohl wegen der Bundes- als auch der Landespolitik von jeweils Schwarz-Rot.

Das Gleiche gilt für die CDU, die in MV zur Kleinpartei geworden ist. In Mecklenburg-Vorpommern ist eine Koalition ohne AfD vermutlich möglich. Kanzler Merz hat in einer Sache in seinem Statement recht: Die CDU hatte in Berlin schon schlechtere Ergebnisse als das heutige. Seine Hufeisentheorie-Perpetuierung ist angesichts der radikal menschenfeindlichen CDU-Politik allerdings lächerlich. Und natürlich werden mit vollem Tempo in die falsche Richtung die sogenannten Reformen durchgesetzt.

Hohe Wahlbeteiligung auch in MV: Höher als vor fünf Jahren, obwohl damals gleichzeitig Bundestagswahl war, auch in Berlin haben bis 16 Uhr 60 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimmen abgegeben, 9 Prozent mehr als 2023 (die Wiederholungswahl, die bezüglich der Wahlbeteiligung allerdings ein Rückschritt war gegenüber 2021).

Am Ende haben in MV fast 80 Prozent und in Berlin 75 der Wahlberechtigten ihre Stimmen abgegeen. Im Grunde ein großartiges Ergebnis für die Demokratie, aber vor allem in Mecklenburg-Vorpommern vor allem der AfD zu verdanken, die auch dieses Mal wieder viele vorherige Nichtwähler mobilisiert haben dürfte.

Die ARD setzt ein Zeichen, indem sie MV immer vor Berlin nennt, obwohl das Alphabet etwas anderes sagt, ebenso wie die Zahl der Wahlberechtigten. Manuela Schwesig macht in Schwerin Wahlkampf als „die Frau in Blau“. Wir finden das durchaus originell, auch wenn es keine progressive Botschaft enthält. Sie macht aber auch Wahlkampf gegen die Bundesregierung, und damit gegen die eigene Partei SPD und erreicht damit einen Zufriedenheitswert von 61 Prozent, der heutzutage eine Seltenheit ist.

In MV ist soziale Sicherheit das größte Thema und zwei Drittel der Menschen fürchten, bald ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen zu können, bei den AfD-Wähler:innen sind es sogar 87 Prozent.

In Berlin behauptet CDU-Spitzenkandidat Evers, Berlin funktioniert heute viel besser als am Ende von Rot-Rot-Grün. Wir haben davon nichts gemerkt. Die BVG fällt immer häufiger in den Reparaturmodus, der Müll nimmt weiter zu, Radwege werden gebremst usw. Die Berliner sind immer am Meckern, nicht zu Unrecht, aber noch nie waren sie mit einem Senat so unzufrieden wie mit dem aktuellen. Der Widerspruch zum Selbstbild der CDU wird offensichtlich. Die SPD hat 2023 eine Regierung, die immerhin auf etwa 40 Prozent Zustimmung kam, für eine verlassen, die nur die Hälfte erzielt.

Die Spitzenkandidat:innen fallen vor allem dadurch auf, dass fast die Hälfte der Menschen sich über sie kein Urteil bilden können und die Zufriedenheitswerte „mickerig“ sind, was die ARD zu der Annahme vernlasst, dies wird keine Personenwahl, sondern eine echte Themenwahl sein, in der Hauptstadt. Angeblich gibt es plötzlich eine Mehrheit beim Thema Nr. 1, der Wohnungsenteignung, die dagegen ist, nur bei den Anhängern der Linken ist es anders. Was aber hat sich in den letzten Jahren geändert, was dem Volksentscheid von 2021 (59/56 Prozent dafür, je nach Zählweise) so zuwiderlaufen könnte? Mehr neue Wohnungen? Günstigere Preise. Ganz sicher nicht. Es kommt darauf an, wie und in welchem Zusammenhang gefragt wird und wie die Gesamtstimmung ist, und die ist bundesweit rechtslastiger geworden. Ein klassisches Beispiel dafür, dass Sentiment keine Probleme löst.

20.09.2026, 15:45 Uhr

Im ersten Update geben wir eine Übersicht über die wichtigsten Themen in beiden Wahlkämpfen, inklusive einer Tabelle mit den unterschiedlichen Prioritäten. Deutschland ist vielfältig, seine Probleme sind regional unterschiedlich. Gerade deswegen ist der Föderalismus ebenso wichtig, weil er auf regionale Anforderungen besser eingehen kann als der Zentralismus – und weil sich in der Zusammenschau gut erkennen lässt, dass rechte Populisten immer alls gleich rahmen, obwohl die Lösungen regional ganz unterschiedlich ausfallen müssen, um den Anforderungen einer Region gerecht zu werden. Es gibt selbstverständlich übergreifende Themen, die in ganz Deutschland eine Bedeutung haben, aber was ist den Menschen vor Ort wichtig, in Kreuzberg oder Köpenick, in Rostock oder Greifswald? Hier zeigen sich große Unterschiede zwischen Berlin und Mecklenburg-Vorpommern und auch innerhalb der beiden Bundesländer.

Die Themen des Berliner Wahlkampfs

Der Berliner Wahlkampf wurde eindeutig von Wohnen und Mieten dominiert. Dahinter folgten die Frage nach einer funktionierenden Stadtverwaltung, Verkehr und Mobilität, öffentliche Sicherheit, Sauberkeit sowie Bildung und Klima- beziehungsweise Stadtentwicklungspolitik.[handelsblatt][zdfheute]

Wohnen und Mieten

Die Wohnungsnot und steigende Mieten bildeten den zentralen Konflikt. Fast alle Parteien griffen das Thema auf, unterschieden sich aber fundamental bei den Instrumenten:

  • Die Linke setzte auf ein öffentliches Bauprogramm, eine Behörde gegen illegale Mieten und die Vergesellschaftung großer Wohnungskonzerne.
  • SPD forderte unter anderem eine „Mietenpolizei“ gegen Mietwucher.
  • CDU stellte schnelleren Neubau, mehr Angebot und Mieterschutz in den Vordergrund; Vergesellschaftung lehnt sie ab.
  • Grüne wollten Umnutzung von Büroflächen, zusätzlichen sozialen Wohnungsbau und ebenfalls die Umsetzung des Vergesellschaftungsvolksentscheids.
  • AfD verband Wohnungsfragen mit Migration und wollte geförderten Wohnraum vorrangig Menschen mit langjährigem Berliner Lebensmittelpunkt zukommen lassen.[zdfheute][handelsblatt][t-online]

Der Streit über die Vergesellschaftung großer Wohnungsunternehmen war zugleich eine mögliche Konfliktlinie für spätere Koalitionsverhandlungen: Linke und Grüne stehen dafür, die SPD lehnt sie ab.[rbb24]

Funktionierende Stadt

Neben der großen Wohnungsfrage prägte der alltägliche Zustand der Stadt den Wahlkampf: lange Bearbeitungszeiten in Behörden, sanierungsbedürftige Infrastruktur, knappe öffentliche Angebote und der Eindruck mangelnder Ordnung im Stadtraum.

Besonders sichtbar wurde dies beim Thema Müll und Verwahrlosung. Illegale Ablagerungen in Kiezen, Parks und auf Gehwegen wurden zu einem Symbol für einen Staat, der im Alltag zu wenig durchsetzt oder organisiert. Berlin entsorgt nach Angaben aus der Berichterstattung jährlich rund 54.000 Kubikmeter illegal abgelagerten Müll, was etwa 13 Millionen Euro kostet. SPD und Linke setzten auf kostenlose Sperrmüllabholung, während andere Parteien stärker auf Kontrollen, Bußgelder und härtere Sanktionen drängten.[web]

Verkehr und Sicherheit

Der Konflikt um die Mobilität verlief zwischen stärkerer Priorisierung von Auto und Straßenbau auf der einen sowie ÖPNV, Radverkehr und Verkehrsberuhigung auf der anderen Seite:

  • CDU betonte Straßenbau und die Interessen des Autoverkehrs.
  • Grüne, Linke und SPD traten für zusätzliche und sicherere Radwege sowie mehr Tempo-30-Bereiche ein.
  • Der Ausbau der A100 blieb umstritten; Grüne, Linke und SPD lehnten ihn ab.
  • Zugleich spielte die Sicherheit im öffentlichen Raum und im Nahverkehr eine zentrale Rolle.[handelsblatt][t-online]

Die AfD verknüpfte das Thema Sicherheit besonders stark mit Migration und verlangte einen sofortigen Aufnahmestopp für Asylbewerber in Berlin.[handelsblatt]

Bildung, Klima, Stadtentwicklung

Weitere wichtige, aber weniger dominierende Themen waren Schulen und Kitas, der Zustand öffentlicher Infrastruktur, die Klimaanpassung und die Gestaltung der wachsenden Stadt. Diskutiert wurden unter anderem Ganztagsangebote, Personalmangel, Gemeinschaftsschulen, Grünflächen, Hitzeschutz, Solaranlagen auf öffentlichen Gebäuden und der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs.[handelsblatt][zeit]

Die politische Grundfrage lautete damit: Soll Berlin seine drängendsten Probleme vorrangig durch mehr öffentlichen Eingriff und Umverteilung, durch beschleunigten Neubau und stärkere Ordnungspolitik oder durch eine Kombination aus Klimaschutz, sozialer Regulierung und Verwaltungsmodernisierung lösen?

Die Themen des Wahlkampfs in Mecklenburg-Vorpommern

In Mecklenburg-Vorpommern dominierten Bildung, Wirtschaft und Migration den Wahlkampf. Anders als in Berlin stand nicht der angespannte Wohnungsmarkt im Zentrum, sondern die Frage, wie ein dünn besiedeltes Land mit Lehrermangel, hohen Energie- und Lebenshaltungskosten, industriellem Strukturwandel und einer alternden Bevölkerung handlungsfähig bleibt.[tagesschau][ndr]

Die zentralen Wahlkampfthemen

ThemaKonkrete Konfliktlinie
Bildung und KitasLehrermangel, Unterrichtsausfall, Schulstruktur, Inklusion und beitragsfreie Kitas
Wirtschaft und ArbeitEnergiepreise, Investitionen, Arbeitsplätze, Fachkräftemangel, Werften, Häfen, Tourismus und ländliche Infrastruktur
Energie und Nord StreamAusbau von Wind, Solar und Wasserstoff gegen Forderungen nach günstigem russischem Gas, einem Windkraftstopp oder Kernenergie
Migration und SicherheitAufnahmepolitik, Arbeitsmigration, Integration, Abschiebungen und Kriminalitätsbekämpfung
Gesundheit und DaseinsvorsorgeÄrztliche Versorgung, Pflege, Krankenhäuser, Mobilität und Nahversorgung im Flächenland
Soziale SicherheitKaufkraft, Benzinpreise, Rente, Familienpolitik und Armutsrisiken

Bildung: Alltagsthema Nummer eins

Bildung galt in Umfragen als dringendstes Problem, das eine neue Landesregierung lösen müsse. Besonders prägend waren der Lehrkräftemangel, Unterrichtsausfall, unbesetzte Stellen und die Frage, wie die Schulen auf dem Land dauerhaft gesichert werden können. Im vergangenen Schuljahr fielen laut NDR rund 350.000 Unterrichtsstunden ersatzlos aus.[tagesschau][ndr]

Die programmatischen Unterschiede waren deutlich:

  • SPD, Linke und Grüne setzten auf mehr Investitionen, moderne und digital ausgestattete Schulen, die Stärkung von Gemeinschaftsschulen sowie Inklusion.
  • SPD wollte rund eine Milliarde Euro in Schulen investieren und die beitragsfreie Kita beibehalten.
  • CDU, AfD und BSW wollten Förderschulen als eigenständige Schulform erhalten; CDU und AfD betonten zudem Gymnasien, Leistungsorientierung und Begabtenförderung.
  • Die AfD schlug zusätzlich eine pädagogische Hochschule und die Rückführung von Lehrkräften aus Verwaltungsaufgaben in den Unterricht vor.[zdfheute][zdfheute][t-online]

Der Streit war deshalb so relevant, weil Bildungspolitik in MV unmittelbar mit der Standortfrage verbunden ist: Familien, Fachkräfte und Betriebe entscheiden auch danach, ob Schulen, Kitas und Ausbildungsangebote erreichbar und verlässlich sind.

Wirtschaft, Preise und Arbeit

Der zweite große Themenblock betraf die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes, das stark von Tourismus, Landwirtschaft, maritimer Wirtschaft, Häfen, Werften sowie kleineren und mittleren Unternehmen geprägt ist. Hohe Energie- und Lebenshaltungskosten, Sorgen um Arbeitsplätze sowie Fachkräftemangel beschäftigten viele Wählerinnen und Wähler.[zdfheute][bpb]

Die SPD präsentierte sich als Partei staatlich flankierter Industrie- und Strukturpolitik: Investitionen in Infrastruktur, Förderung von Werften, Häfen, Handwerk, Mittelstand und Zukunftstechnologien sowie Tarifbindung bei öffentlichen Aufträgen sollten Wachstum und gute Arbeit sichern.[zdfheute]

CDU und AfD stellten stärker Bürokratieabbau, Wettbewerb, Entlastung von Betrieben und niedrigere Energiepreise heraus. Die AfD wollte staatliche Eingriffe zurückdrängen und griff die Energiepolitik als Standortnachteil an. Auch die Spritpreise wurden im Wahlkampf zu einem sichtbaren Alltagsthema; grundsätzlich sprachen sich alle Parteien für Entlastung aus, allerdings mit unterschiedlichen Instrumenten.[zdfheute][ndr]

Energie, Russland und Nord Stream

Energiepolitik entwickelte sich zu einem besonders konfliktgeladenen Thema, weil sie in MV eng mit Industriepolitik, Kaufkraft, Windkraftanlagen und der Ostsee-Pipeline Nord Stream verbunden ist.

  • SPD, Linke und Grüne wollten Windkraft, Solarenergie und teilweise grünen Wasserstoff weiter ausbauen. Die SPD wollte Kommunen und Bürgerinnen und Bürger stärker an den Erträgen beteiligen; die Grünen verbanden den Ausbau erneuerbarer Energien mit günstigerem Strom und Industrieansiedlungen.[zdfheute][t-online]
  • Die CDU befürwortete erneuerbare Energien grundsätzlich, verlangte aber einen Ausbau „mit Augenmaß“.[t-online]
  • Die AfD forderte einen Stopp des weiteren Windkraftausbaus, eine Rückkehr zur Kernenergie und die Wiederinbetriebnahme von Nord Stream als Quelle günstigen russischen Gases.[tagesschau][zdfheute]
  • Das BSW machte niedrige Energiepreise und eine Wiederbelebung von Nord Stream ebenfalls zu einem zentralen Wahlkampfsignal; auf Plakaten warb die Partei mit der Forderung, Nord Stream „aufzudrehen“.[correctiv]

Im Duell zwischen Manuela Schwesig und AfD-Herausforderer Leif-Erik Holm eskalierte dieser Konflikt besonders sichtbar. Schwesig griff die AfD als wirtschaftsfeindlich an und fragte, wo neue Kernkraftwerke im Land errichtet werden sollten. Holm forderte einen anderen Energiemix mit russischem Gas über Nord Stream 2.[zdfheute]

Migration und Sicherheit

Migration gehörte laut Umfragen zu den wichtigsten Wahlkampffragen, wurde allerdings unterschiedlich gerahmt. Die AfD stellte sie als Frage von Begrenzung, Sicherheit und Belastung öffentlicher Systeme dar und verlangte als „ultima ratio“ einen landesweiten Aufnahmestopp für Asylsuchende.[tagesschau][correctiv]

SPD, Linke und Grüne verbanden Migration stärker mit Arbeitsmarkt, Integration und dem Fachkräftebedarf. Gerade in Pflege, Gesundheitswesen, Tourismus und Gastronomie spielt Zuwanderung für die Personalversorgung eine Rolle. Das BSW verwies ebenfalls auf den Fachkräftemangel, kombinierte dies aber mit einer restriktiveren Haltung gegenüber irregulärer Migration.[ndr]

Damit trafen im Wahlkampf zwei Deutungen aufeinander: Migration als Belastung von Kommunen, Schulen und Wohnraum – oder als notwendiger Teil einer Antwort auf demografische Alterung und Personalmangel.

Gesundheit und Versorgung

Für ein dünn besiedeltes Flächenland war die Daseinsvorsorge besonders wichtig: hausärztliche Versorgung, Krankenhäuser, Pflege, Apotheken, Nahverkehr und die Erreichbarkeit staatlicher Angebote. Medizinische Versorgung, Alterssicherung und soziale Gerechtigkeit wurden in Befragungen ausdrücklich als relevante Probleme genannt.[tagesschau][ndr]


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Die Debatte war eng mit dem demografischen Wandel verbunden. Wo weniger Menschen leben und viele Beschäftigte in Ruhestand gehen, wächst der Druck auf Gesundheitsversorgung, Pflege und öffentliche Infrastruktur. Die Wahlkampffrage lautete daher nicht allein, wie Leistungen finanziert werden, sondern auch, ob sie außerhalb der größeren Städte dauerhaft erreichbar bleiben.

Unterschied zu Berlin

BerlinMecklenburg-Vorpommern
Mieten und Wohnungsnot waren das dominierende ThemaBildung, Wirtschaft und Migration standen im Vordergrund
Konflikte um Vergesellschaftung, Neubau und StadtentwicklungKonflikte um Arbeitsplätze, Energiepreise, Fachkräfte und regionale Infrastruktur
Verkehrspolitik konzentrierte sich auf Auto, Radwege, ÖPNV und A100Verkehr war Teil der Daseinsvorsorge im ländlichen Raum, etwa mit Blick auf Mobilität und Erreichbarkeit
Klimapolitik war vor allem Stadtentwicklungs- und MobilitätsthemaEnergiepolitik wurde als Frage von Preis, Industrie, Windkraft, Nord Stream und geopolitischer Orientierung verhandelt

Der Wahlkampf in Mecklenburg-Vorpommern war damit stärker von der Frage geprägt, wie wirtschaftliche Stabilität, öffentliche Versorgung und gesellschaftlicher Zusammenhalt unter den Bedingungen von Abwanderung, Alterung und regionalen Unterschieden gesichert werden können.

20.09.2026, 15 Uhr

In Berlin und Mecklenburg-Vorpommern werden heute das Abgeordnetenhaus bzw. der Landtag neu gewählt, in Berlin findet zusätzlich die Kommunal zu den Bezirksverordnetenversammlungen statt. Zur Mittagszeit zeichnet sich in Berlin eine höhere Wahlbeteiligung ab als 2023 (die „Wiederholungswahl“), um 12 Uhr hatten 27,9 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimmen abgegeben.

In Berlin zeichnet sich in den Umfragen ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen der CDU und der Linken ab, gefolgt von der AfD und den Grünen mit etwa 2-3 bzw. 4-5 Prozentpunkten Abstand, die SPD dürfte ihr schlechtestes Wahlergebnis seit Gründung der BRD einfahren, die Umfragen zeigen etwa 12-13 Prozent. In Mecklenburg-Vorpommern ist es ebenfalls sehr spannend, jüngste Umfragen zeigen etwa gleiche Werte um 35-37 Prozent für SPD und AfD – wenn dies eintritt, bleibt für die übrigen Parteien nicht viel Raum.

In beiden Bundesländern wird sich der Vorgang von Sachsen-Anhalt vermutlich nicht wiederholen, dass die AfD in die Nähe einer Regierungsmehrheit kommt. In Mecklenburg-Vorpommern muss allerdings abgewartet werden, wie valide die Umfragen waren.

Wir waren später wählen als üblich, gegen 11 Uhr, aber es war relativ ruhig, zunächst in dem Wahllokal, zu dem wir einen Freund begleitet hatten, dann im eigenen noch ruhiger. Dieser Eindruck könnte aber täuschen, denn die Briefwahl ist immer mehr – genau, das Mittel zur Wahl. In Berlin vielleicht besonders beliebt nach dem Chaos von 2021, das zur Neuwahl 2023 geführt hatte. Nach Angaben unserer KI lagen hingegen zur Wahlbeteiligung in Mecklenburg-Vorpommern noch keine Zahlen vor. Das ist ungewöhnlich, meist wird eine 12- und 14-Uhr-Tendenz gemeldet.

Wahlberechtigt sind in Berlin ca. 2,79 Millionen Menschen, in Mecklenburg-Vorpommern etwa 1,3 Millionen. 2021 hatten in Berlin 70,8 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme abgegeben, in Mecklenburg-Vorpommern 75,4 Prozent. Bei der Wiederholungswahl 2023 in Berlin sank die Beteiligung auf 62,9 Prozent. Wir erwarten heute wieder ein Ergebnis über 70 Prozent in beiden Bundesländern.

Der Zuwachs in Berlin gegenüber 2023 deutet aufgrund der damals relativ niedrigen Wahlbeteiligungen allerdings nicht zwangsläufig auf ein Rekordergebnis. Um 12 Uhr geringere Beteiligung in den innerstädtischen als in den äußeren Bezirken von Berlin deuten möglicherweise auf hohe Briefwähler:innen-Anteile in der Innenstadt oder: auf Mobilisierungseffekte nach rechts am Stadtrand.

Unser Mehrwert ist, während die Wahllokale noch geöffnet haben, eine kurzem, prägnante Vorstellung der Positionen der Spitzenkandidat:innen derjenigen Parteien in Berlin, die Chancen haben, ins Abgeordnetenhaus einzuziehen.

Hinweis: Falls wir zu zeiteng sind, um über beide Wahlen gleichermaßen berichten zu können, priorisieren wir Berlin, wo wir selbst an der Wahl teilgenommen haben.

Wie wir selbst tendieren, können Sie in unseren Beiträgen zu den Wahl-O-Maten von Berlin und Mecklenburg-Vorpommern nachlesen.

Die Spitzenkandidierenden der Berliner Wahl: Profile, Programme, Konfliktlinien

Bei der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus entscheidet sich nicht nur die Zusammensetzung des Landesparlaments, sondern auch, welche politischen Antworten Berlin auf Mietendruck, Wohnungsbau, Verkehr, innere Sicherheit und die Funktionskrise der Verwaltung gibt. Aussicht auf den Einzug haben nach den jüngsten Umfragen CDU, Linke, AfD, Grüne und SPD; das Bündnis Sahra Wagenknecht bewegt sich um die Fünfprozenthürde. Die FDP liegt in den jüngsten Erhebungen dagegen deutlich darunter und wird deshalb hier nicht berücksichtigt.[bpb][stern]

Stefan Evers: CDU

Stefan Evers steht für eine CDU, die sich als Ordnungs-, Wirtschafts- und Verwaltungspartei positioniert. Der Finanzsenator trat kurzfristig an die Stelle von Kai Wegner, nachdem dieser im Juli 2026 auf eine erneute Kandidatur verzichtet hatte. Wegner war nach Kritik an seinem Krisenmanagement und an Angaben zu seinem Tagesablauf im Zusammenhang mit dem Brandanschlag auf die Berliner Stromversorgung unter Druck geraten. Evers, bislang eher ein Politiker der internen Steuerung und Haushaltsführung, wurde damit zum Gesicht eines Wahlkampfs, den er nicht langfristig hatte vorbereiten können.[bpb][tagesschau]

Der CDU-Spitzenkandidat verbindet eine wirtschaftsnahe Sprache mit dem Versprechen eines handlungsfähigen Staates. Im Mittelpunkt stehen Sicherheit, Ordnung, schnellere Genehmigungen, Investitionen in Digitalisierung und Infrastruktur sowie bessere Rahmenbedingungen für private Unternehmen. Evers’ Profil ist weniger das eines charismatischen Lagerkämpfers als das eines Verwaltungs- und Finanzpolitikers, der Funktionsfähigkeit zur zentralen politischen Kategorie macht.

In der Wohnungspolitik setzt die CDU auf beschleunigten Neubau, eine Ausweitung des Angebots und Mieterschutz innerhalb des bestehenden Systems. Eine Vergesellschaftung großer Wohnungskonzerne lehnt sie ab. Beim Tempelhofer Feld wirbt die CDU für Randbebauung, um zusätzlichen Wohnraum zu schaffen. In der Verkehrsfrage will sie die Mittel für den Straßenbau erhöhen und zugleich das Radwegenetz verbessern – allerdings ohne den Vorrang des Autos grundsätzlich infrage zu stellen.[bpb][t-online]

Markant ist an Evers weniger ein einzelner zugespitzter Satz als das politische Grundversprechen: Berlin müsse wieder „funktionieren“. Damit greift er eine verbreitete Unzufriedenheit mit Verwaltung, Infrastruktur und öffentlicher Ordnung auf. Seine Herausforderung liegt darin, zugleich Kontinuität zur schwarz-roten Regierungszeit und einen glaubwürdigen Neuanfang zu verkörpern.

Elif Eralp: Die Linke

Elif Eralp führt Die Linke mit einem klaren sozialpolitischen Profil in die Wahl. Die Juristin und stellvertretende Vorsitzende der Linksfraktion im Abgeordnetenhaus steht für einen Wahlkampf, dessen Dreh- und Angelpunkt die Wohnungsfrage ist. Die Linke lag vor dem Wahltag in mehreren Umfragen mit 20 bis 23 Prozent an der Spitze oder knapp vor der CDU. Eralp erzielte zudem unter den Spitzenkandidierenden den höchsten Zufriedenheitswert: In einer Infratest-dimap-Erhebung bewerteten 27 Prozent ihre politische Arbeit positiv.[bpb][rbb24]

Ihr Programm setzt auf einen starken Eingriff des Landes in den Wohnungsmarkt. Die Linke verlangt, Mieterhöhungen bei landeseigenen Wohnungsunternehmen auf höchstens ein Prozent jährlich zu begrenzen, jährlich 7.500 kommunale Wohnungen zu bauen und den Volksentscheid von 2021 zur Vergesellschaftung großer Immobilienunternehmen umzusetzen. Die Umsetzung dieses Volksentscheids hat Eralp zur Koalitionsbedingung erklärt.[bpb][t-online]

Damit verknüpft Eralp die Diagnose, dass der Berliner Mietmarkt nicht allein mit Neubau und Anreizen zu korrigieren sei. Wohnraum werde als soziale Infrastruktur verstanden, nicht vorrangig als Anlageobjekt. Die Zuspitzung lautet: Enteignung großer Wohnungskonzerne sei kein Tabu, sondern ein demokratisch legitimierter Auftrag. Diese Haltung macht Eralp für viele Mieterinnen und Mieter zur glaubwürdigen Gegenfigur zu einem marktliberalen oder investorenorientierten Kurs – sie begrenzt aber zugleich Koalitionsoptionen, vor allem mit der CDU.

In Verkehrs- und Sozialpolitik vertritt Die Linke einen Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs, mehr sichere Radwege und die Ablehnung eines weiteren Ausbaus der Stadtautobahn A100. Beim Tempelhofer Feld will sie die Freifläche erhalten. Eralps Kampagne verbindet damit Mietenpolitik, soziale Gleichheit und eine stärker gemeinwohlorientierte Stadtentwicklung.[t-online]

Kristin Brinker: AfD

Kristin Brinker tritt bereits zum dritten Mal als Spitzenkandidatin der Berliner AfD an. Die Landes- und Fraktionsvorsitzende verkörpert Kontinuität in einer Partei, die bei der Wahl 2023 noch 9,1 Prozent erreichte und vor der aktuellen Wahl in Umfragen bei etwa 17 bis 18 Prozent lag. Damit konnte sie auf erhebliche Zugewinne hoffen, ohne dass daraus eine realistische Regierungsoption entstand: Alle anderen im Abgeordnetenhaus relevanten Parteien schließen eine Zusammenarbeit mit der AfD aus.[bpb][stern][tagesschau]

Brinker setzt auf ein klassisches AfD-Profil aus Migrationsbegrenzung, Innerer Sicherheit, Kritik an Klimaschutzauflagen und Widerstand gegen eine aus ihrer Sicht bevormundende Stadtpolitik. Der Berliner Landesverband fordert eine deutlich restriktivere Migrationspolitik, mehr Abschiebungen und strengere Strafen für verschiedene Delikte. In der Wohnungspolitik soll geförderter Wohnraum bevorzugt Menschen zugutekommen, die ihren Lebensmittelpunkt bereits lange in Berlin haben.[bpb][t-online]

Markant ist bei Brinker der Versuch, soziale Verteilungsfragen mit einer restriktiven Zugehörigkeitslogik zu verbinden: Wohnungsnot, knappe Plätze in Kitas und Belastungen der Verwaltung werden nicht primär als Folge von Marktversagen oder unzureichenden Investitionen dargestellt, sondern eng mit Migration verknüpft. Damit erreicht die AfD Wählergruppen, die staatliche Überforderung und Kontrollverlust als zentrale Probleme empfinden.

Politisch bleibt die Partei zugleich isoliert. Das Bundesamt für Verfassungsschutz führt die Bundespartei seit 2021 als rechtsextremistischen Verdachtsfall; eine weitergehende Einstufung war zum Zeitpunkt der Wahl gerichtlich noch nicht abschließend entschieden. Selbst ein starkes Ergebnis Brinkers würde daher voraussichtlich eher die Koalitionsbildung der übrigen Parteien beeinflussen als ihre eigene Regierungsbeteiligung ermöglichen.[bpb]

Werner Graf: Bündnis 90/Die Grünen

Werner Graf führt die Grünen als Co-Fraktionsvorsitzender und Vertreter eines bewusst moderateren Kurses in die Wahl. Seine Strategie zielt darauf, die Grünen trotz Verlusten gegenüber 2023 als unverzichtbare Kraft für mögliche Regierungsbildungen zu positionieren. Vor der Wahl lag die Partei in den Umfragen meist bei 15 bis 16 Prozent.[bpb][stern]

Graf verbindet Klimaschutz mit sozialer Stadtpolitik. Berlin soll nach dem Willen der Grünen bis 2040 klimaneutral werden. Als konkrete Maßnahmen nennt die Partei unter anderem eine Million zusätzliche Bäume, eine Solarpflicht auf öffentlichen Gebäuden und den Ausbau klimaverträglicher Mobilität. Auch die Bildungspolitik soll stärker auf Gemeinschaftsschulen, Ganztag und Teilhabe ausgerichtet werden.[bpb]

Beim Wohnen stehen die Grünen zwischen marktliberalem Neubau-Fokus und radikaler Vergesellschaftungsforderung. Sie wollen leerstehende Büroflächen zu Wohnungen umnutzen und unterstützen die Umsetzung des Volksentscheids zur Vergesellschaftung großer Wohnungsunternehmen. Auf dem Tempelhofer Feld lehnen sie eine Bebauung ab. In der Verkehrspolitik setzen sie auf sichere Radwege, mehr Tempo-30-Abschnitte und den Widerstand gegen den Ausbau der A100.[t-online]

Die markante politische Aussage lautet weniger ein kurzer Slogan als ein strategisches Signal: Klimaschutz dürfe nicht als Nebenfrage behandelt werden, sondern müsse Stadtentwicklung, Wohnungsbau und Verkehr zugleich prägen. Graf versucht damit, grüne Kernpositionen zu verteidigen, ohne sich ausschließlich über kulturelle Polarisierung zu definieren. Seine moderatere Tonlage soll Gesprächsfähigkeit sichern – vor allem gegenüber SPD und Linken.

Steffen Krach: SPD

Steffen Krach will das Rote Rathaus für die SPD zurückerobern, tritt aber aus einer schwierigen Ausgangslage an. Der Co-Vorsitzende der Berliner SPD kam aus Niedersachsen nach Berlin und war zuvor Regionspräsident der Region Hannover. Er ersetzt die frühere Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey als Spitzenfigur. Die SPD, 2023 noch bei 18,4 Prozent, lag vor dieser Wahl nur noch bei etwa 10 bis 12 Prozent und drohte damit auf Platz fünf zurückzufallen.[bpb][tagesschau][ad-hoc-news]

Krach steht programmatisch für eine sozialdemokratische Mischung aus Investitionspolitik, öffentlichem Wohnungsbau und sozialstaatlicher Absicherung. Seine Partei fordert mehr Investitionen in die städtische Infrastruktur, den verstärkten Bau von Kommunal- und Sozialwohnungen, bessere Personalschlüssel in Kitas sowie mehr Inklusion und Ganztagsangebote an Schulen. Gegen Mietwucher setzt die SPD auf eine „Mietenpolizei“, die Verstöße konsequenter verfolgen soll.[bpb][t-online]

Diese Formel ist zugleich Krachs markanteste programmatische Zuspitzung: Der Staat solle nicht nur Wohnungen bauen, sondern Mietrecht im Alltag wirksamer durchsetzen. Anders als Die Linke lehnt die SPD allerdings die Vergesellschaftung großer Wohnungskonzerne ab. Beim Verkehr unterstützt sie zusätzliche und sicherere Radwege, lehnt den Ausbau der A100 ab und versucht, soziale, ökologische und praktische Mobilitätsinteressen zu verbinden.[t-online]

Belastet wurde Krachs Wahlkampf durch Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Hannover im Zusammenhang mit einer Spende von 9.900 Euro an die Berliner SPD. Unabhängig vom Ausgang dieser Ermittlungen schwächte der Vorgang seine ohnehin schwierige Position. Seine politische Aufgabe besteht deshalb darin, die SPD als gestaltende Mitte zwischen CDU, Linken und Grünen zu behaupten – und zugleich zu erklären, warum die Partei nach Jahren wechselnder Berliner Regierungsbeteiligung noch als glaubwürdige Erneuerungskraft gelten soll.[de.euronews]

Michael Lüders und Alexander King: BSW

Das BSW tritt in Berlin erstmals mit einem Spitzenduo an: dem Publizisten und Nahostexperten Michael Lüders sowie dem Co-Landesvorsitzenden Alexander King. King sitzt bereits im Abgeordnetenhaus, nachdem er von der Linken zum BSW gewechselt war. Die Partei bewegte sich in den letzten Umfragen zwischen drei und fünf Prozent; ihr Einzug war damit offen.[bpb][stern]

Inhaltlich will das BSW soziale Mietenpolitik mit einer scharfen Kritik an der deutschen Außen- und Sicherheitspolitik verbinden. Es fordert mehr öffentlichen Wohnungsbestand, einen bundesweiten Mietendeckel und eine Begrenzung der Zweckentfremdung von Wohnraum. Wie Linke und Grüne unterstützt es die Umsetzung des Berliner Volksentscheids zur Vergesellschaftung großer Immobilienunternehmen.[bpb][t-online]

King steht besonders für den außenpolitischen Flügel der Partei. Die Berichterstattung beschreibt ihn als engen Anhänger Sahra Wagenknechts, der im Wahlkampf auf Friedenspolitik und gute Beziehungen zu Russland setzt. Lüders bringt als Publizist und langjähriger Nahostkenner ein außenpolitisch geprägtes Profil ein. Gerade diese Verbindung – soziale Intervention im Inneren, „Friedenspolitik“ nach außen – soll Wählerinnen und Wähler ansprechen, die sich weder von der Linken noch von SPD oder AfD vertreten sehen.[tagesschau]

Ob das BSW ins Abgeordnetenhaus einzieht, kann die Mehrheitsbildung erheblich verändern. Der Unterschied zwischen drei und fünf Prozent entscheidet nicht nur über Mandate, sondern darüber, ob mehrere Dreierkoalitionen rechnerisch notwendig oder vermeidbar werden. Die Wahl findet zudem erstmals mit einem Wahlalter ab 16 Jahren statt; gewählt werden Abgeordnetenhaus und die Bezirksverordnetenversammlungen der zwölf Bezirke.[bpb]

Die Wahllokale sind noch etwa drei Stunden lang geöffnet. Diejenigen, die noch nicht gewählt haben, können sich noch an den Profilen der Kandidat:innen orientieren, wenn sie möchten.


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