Nachdem wir fast nur noch über ein Thema schreiben, den Mietenwahnsinn, verengte sich dieses Thema zuletzt immer mehr – bis hin zum bald startenden Volksbegehren „Deutsche Wohnen & Co. enteignen“ und von dort zur „Deutsche Wohnen SE“ und denen, die deren Interessen vertreten.
Bald werden wir nur noch über die Schuhe von Herrn Zahn von der Deutsche Wohnen und den Oberlippenbart von Herren Eberhart vom BBU berichten. Falls Sich Herr Eberhart den Bart nicht in einer beherzten Zweisekunden-Aktion wegrasiert und Herr Zahn nicht das Gehen auf roten Socken bevorzugt.
Deswegen müssen wir den Blick im Moment auf andere Art weiten: Indem wir weitere Autor_innen zu Wort kommen lassen. Heute empfehlen wir einen Beitrag von Jason Tebbe im Jacbinmag. Was er über den neuen Viktorianismus schreibt, gilt besonders für Deutschland, nicht nur, weil ihn offensichtlich der deutsche Begriff „Bildung“ fasziniert.
Wie werden neue Module der disziplinierten Selbstoptimierung im Klassenkampf verwendet? Und wie wird damit eine viktorianische Gesellschaft in Teilen restituiert?
Was Tebbe pointiert wiedergibt, sehen wir alles vor Ort, aber er hat es in einen sehr interessanten Zusammenhang gestellt. Was wir aufgrund unseres vorausgehenden Beitrags übers Humankapital noch beifügen möchten: Mehr als in der viktorianischen Zeit dient die Selbstoptimierung des Mittelstands aber nicht ihren eigenen, sondern fremden Interessen: denen des Großkapitals. Alles, was Tebbe beschreib, erhöht ja das Humankapital. Daher sind wir uns nicht sicher, ob wir wirklich diesem Schlussabsatz folgen wollen:
„We should care about health, food, and education. But instead of seeing them as ways to prop up class dominance, we should improve them for everyone. Imagine if all of the energy used to get mediocre, upper-class children into prestigious colleges was redirected into making higher education more accessible and affordable across the board. Imagine if access to healthy food for all was prioritized over attaining status through buying the most virtuous products. Imagine, in short, what our world would look like if socialist values — not Victorian ones — dominated.“
Vielleicht sollte man eher den stressigen und gestressten Selbstoptimierern zurufen: easy, Folks! Denn die Lüge lauert im Hintergrund. Raucher beispielsweise werden gebasht ohne Ende, die gesundheitliche Selbstkontrolle per APP zum Exzess, am besten direkt angeschlossen an den Computer der Krankenkasse, die dann Bonus- und Maluspunkte vergeben kann, wird propagiert von allen Seiten, auf dass niemand mehr schon während des anstrengenden Arbeitslebens irgendwelche Verschleißerscheinungen zeigen oder unterhalb seines persönlichen Maximums leisten möge.
Aber wir alle werden weiterhin unzähligen Giften ausgesetzt und es schert keine kapitalistische Sau, ob wir dadurch im Rentenalter ein paar Jährchen verlieren, die wir bei sauberer Umwelt und wirklich guter Nahrung noch hätten locker leben können. Im Gegenteil. Die Menschen werden sowieso viel zu alt. Besonders für das deutsche Fail-Rentensystem.
TH
Medienspiegel 315
Kritisch schauen und immer wieder Beiträge außerhalb des Mainstreams lesen, das ist eine Aufgabe, die der Wahlberliner sich gestellt hat und damit auch seinen Leser_innen.
Wir empfehlen. Manchmal kommentieren wir die Empfehlungen auch. Unsere bisherigen Beiträge der Serie „Jeden Tag ein Blick nach draußen“:
- Wider die Mär vom Humankapital (Norbert Häring, Wirtschaft, Blog Geld und mehr)
- 100 Jahre Faschismus: „Mussolinis Terrorschwadronen – vor 100 Jahren wurde mit der Gründung der Fasci di combattimento die Keimzelle des italienischen Faschismus gelegt“ (Gerhard Feldbauer, Geschichte, Junge Welt)
- „Klimareligion – Das erste Buch Greta“ (Jan Fleischhauer, Umwelt & Klima, Der Spiegel)
- „Atlantisch bleiben, europäischer werden“ (Sevim Dagdelen, deutsch-französische Militärpolitik, Spiegel online)
- „Gelenkte Kritik: Die Eliten manipulieren unser Denken und Handeln zum Umweltschutz“ (Susan Bonath, Umwelt & Klima, Telepolis)
- „Instrumentalisierte Ökologie“ (Bärbel Weisshaupt, Umwelt & Klima – Blog heimart)
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