Wir gehen steil! Bericht von der Luftdemo am 7.12.2019 #MeutereiBleibt #b0712 #KeinHausWeniger #WirBleibenAlle #Antifa #liebig34 #SyndikatBleibt #PotseDrugstore #Mietenwahnsinn @KeineBeute @Liebig34Liebig @rigaer94 @syndikat44 @Potse_Berlin @besetzenberlin @drugstoreberlin

Wir hatten es gestern vom Winter-Hoffest in der Mariannenstraße nicht weit zur Demo für den Erhalt der Meuterei und der anderen bedrängten Projekte, die im Görlitzer Park von Kreuzberg gestartet wurde und über den Kotti zur Reichenberger Straße 58 ging, wo die Kiezkneipe Meuterei ihre Räume hat.

Wir haben viel über die Neuköllner Kiezkneipe Syndikat geschrieben, Potse und Drugstore sind uns schon länger ein Begriff, nicht nur, weil wir fast um die Ecke wohnen, weil wir mal bei einem Soli-Abend dabei waren, die Namen vieler anderer linker Projekte, die auf der Kippe stehen, sind uns mittlerweile vertraut. Gestern haben wir Hassan Quadri von Kamil Moden kennengelernt (hier ein MoPo-Beitrag zum entscheidenden Moment für sein Geschäft) und etwas später André vom Bündnis Zwangsräumung verhindern. Wir waren mit der @HeimatNeue* unterwegs, die uns diese neuen Bekanntschaften wieder einmal vermittelt hat. Wir haben uns gestern Nachmittag fast ganz auf Amateur-Fotoimpressionen konzentriert (Fotostecke weiter unten) und das war eine gute Idee. Selten haben wir bisher eine so stimmungsvolle und kreative Veranstaltung besucht wie die Luftdemo „Wir gehen steil!“.

Der Anlass war, wie immer, wenn wir in Sachen #Mietenwahnsinn unterwegs sind, alles andere als erfreulich. Die Initiative ging von der Kiezkneipe Meuterei in Kreuzberg aus, der Aufruf zur Demo lautet:

„Nachdem wir tausend Leute für die Meuterei auf die Straße bekommen, eine Überlandfahrt nach Zossen gemacht und den Landwehrkanal bezwungen haben, wollen wir noch Einen drauf setzen und mit euch Berliner Luft genießen.

Wir werden im Görli Drachen steigen lassen. Es gibt Luftballons, Zeppeline, Gotongis und schwebende Transpis. Wir werden die Immobilienvögel aufspüren und ihren Höhenflug beenden.
Laut, bunt und meuternd schweben wir durch den Kiez. Enden wird das Ganze hoffentlich vor der Meuterei mit Berliner Luft und Bohnensalat. Denn: Immobilienvögel zu Federkissen!


Die Meuterei ist ein bedrohtes Kneipenkollektiv, sozialer Treffpunkt, Kiezkneipe, Ort für kollektive Arbeit, unser aller Wohnzimmer in der Reichenberger Straße 58 und seit Anfang Juni 2019 ohne Mietvertrag. Inzwischen wurde auch der Räumungs-Prozesstermin für Donnerstag, den 12.12.2019, 13:30 Uhr 23.1.2020 – 9:00Uhr festgelegt.

Sie haben keine gültigen Mietverträge. Sie sind das, was wir einmal „Anschlussbesetzer“*innen genannt haben. Die vielen Kneipen und Läden, die linken Projekte, die Ende des letzten Jahres oder im Verlauf von 2019 gekündigt wurden und einfach ausharren oder – doch gewichen sind. Sie machen im Exil weiter oder richten sich in neuer Umgebung ein. Man wartet auf das schriftliche Urteil zum jüngst gelaufenen Zwangsräumungsprozess, sagte uns Christian vom Syndikat und Hassan hat uns berichtet, wie er eine neue Heimat in der Karl-Marx-Straße 170 fand und – natürlich dort von vorne beginnen muss.

Man kann eine Kiezinstitution nicht einfach woandershin verpflanzen. Jeder Neustart ist mit erheblichen Risiken behaftet, nachdem man es einmal geschafft hat, etwas aufzubauen und dabei vielleicht mehrere günstige Faktoren zusammentrafen. In Gegenden wie dem Schillerkiez, wo das Syndikat beheimatet ist, kann man sich wichtige linke Veranstaltungen wie das Weisestraßenfest gar nicht ohne diese Mitinitiatoren denken. Es geht dem Kapital nicht nur darum, einen einzelnen Laden teurer zu vermieten, sondern um das Zerschlagen linker Strukturen. Es ist nochmal anders als bei den Wohnungen, weil Gewerbe keinen Milieuschutz hat. Kleines Kiezgewerbe und andere Projekte, die Gewerbemietverträge haben, sind buchstäblich Freiwild für Renditetreiber und jene, die Stadtentwicklung als Verödungsstrategie betreiben.

Der Kampf der linken Jugendzentren Potse und Drugstore ist bereits eine Legende unsere Bezirks, eine der wenigen, die wir hier haben – er dauert seit Jahren an und die Politik hat diese wichtigen autonomen Anlaufstellen für Jugendliche immer wieder im Stich gelassen. Kreuzberg tickt schon anders, aber auch dort kann sich eine Kneipe nicht ohne Weiteres gegen Verdrängung mit legalen Mitteln wehren und es kann auch kein Baustadtrat mit den üblichen Instrumenten des Mieterschutzes helfen. Aber viele, die Wohnen von ganz links oder von ganz unten betrachten, geht es auch darum nicht – oder nicht mehr. Es geht ums Überleben eigenständiger, alternativer Entwürfe in einer Stadt, in der sich die Reichen entschlossen haben, sie wie andere Städte werden zu lassen,. Der Hebel, den es zwar immer schon gab, den man früher aber nicht so leicht ansetzen konnte wie seit dem Beginn des #Mietenwahnsinns lautet Verdrängung. Gentrifizierung. Die Kämpfe dagegen laufen in Berlin seit den späten 1960ern und sind gut dokumentiert.

Das Ende des Gierkapitalismus zeichnet sich immer deutlicher ab, das schreiben wir nicht als heißen Wunsch in diesen Bericht, sondern ganz nüchtern: Entweder werden grundsätzliche ökonomische Parameter verändert oder wir werden alle mit diesem System draufgehen, wenn wir nicht den Mut haben, es loszulassen. Also das zu tun, was viele derer, die gestern unterwegs waren, bereits leben. Kollektive, solidarische und unkommerzielle Strukturen aus einer besseren Berliner Vergangenheit können uns helfen auf dem Weg in eine Zukunft, in der nicht mit dem Immobilienhype auch alles andere zusammenbricht. Man stelle nur die beeindruckende Kreativität und den Mut der Menschen, die gestern wieder auf dem Demo waren, den blutleeren, mit Geld anstatt Ideen mühsam auf den Weg gebrachten Kampagnen der Immobilienwirtschaft gegenüber, um zu verstehen, um was es geht und welche Verluste – erneut – drohen.

Die Situationen derer, die sich gestern in der Organisation und / oder mit Redebeiträgen eingebracht haben, ist durchaus unterschiedlich, aber dass 2020 nicht nur das Ende der Rendite-Blütenträume, sondern auch das Ende vieler linker Projekte bedeuten könnte, wäre die sogenannte Ironie der Geschichte: Das Beste geht mit dem Schlimmsten. Und irgendwo dazwischen stehen die meisten von uns und müssen sich eine Haltung angewöhnen, wenn sie bisher keine hatten. Daher ist dieser Bericht nicht für jene geschrieben, die sowieso Bescheid wissen und viel mehr Details über die Projekte kennen als wir, sondern für unser Publikum, das bisher eher aus dem Bereich der Hausinitiativen kommt, über die wir schon etwas länger schreiben, Mitglieder und Wähler*innen der LINKEn und der Grünen, aber eher selten in der IL und in den autonomen Teilen der Bewegung verortet – wenn man so will, auch für uns selbst. Dafür haben wir die Fotos gemacht, die etwas von der besonderen Atmosphäre wiedergeben sollen. Nicht eingebettet: Die wunderschönen Aufruf-Plakate, es gibt eine ganze Reihe davon. Man kann sie aber ebenfalls im Blog der Meuterei bewundern.

Wir haben in den Bildbeschreibungen auch einige Redebeiträge erwähnt – vornehmlich von jenen, die wir schon etwas besser kennen. Und man sieht auch die andere Seite: Welch eine ziemliche Angst die Staatsmacht vor ein paar linksorientierten Menschen haben, die im Grunde aus einer ganz defensiven Position, von Zwangsräumung bedroht oder schon geräumt, lediglich ihr Existenzrecht nicht einfach drangeben wollen. Wir alle haben es verpasst, den Anschluss an die 1970er und 1980er zu halten, als links noch auf dem Weg nach vorne war und es so aussah, als könne Berlin seinen Sonderweg weitergehen – im Schutz der Mauer allerdings, weil die Stadt damals für das Kapital nicht so interessant war wie heute, aller Subventionen zum Trotz.

Hinzu kommt eine in der Nachkriegszeit einmalige Situation aus eher mäßiger Lohnentwicklung und einer Fehlsteuerung von Kapitalströmen, die alles innerhalb weniger Jahre gedreht hat und Mieten bis heute fast ungebremst in die Höhe schießen lässt. Jetzt haben wir die Situation, dass Rechte und Kapitalisten gemeinsam immer mehr freidrehen und versuchen, die letzten Bastionen einer einst mächtigen Gegenkultur zu schleifen. Das wird ihnen aber nicht gelingen und die Retoure wird kommen. Da sind wir uns ziemlich sicher. Es liegt uns nämlich gar nicht so, für etwas zu schreiben, was wir von vornherein für verloren halten. Die Menschen sind ja nicht weg, die man zu verdrängen versucht. Manche schaffen es, zu bleiben. Andere machen an Standorten weiter, die nicht so weit entfernt sind – oder sie werden wiederkommen.

Damit schließen wir unseren Bericht – nicht ohne unsere Solidarität mit allen bedrohten Projekten und Institutionen auszudrücken!

Falls wir Zeit für die Bearbeitung finden – einige Momente haben wir gefilmt, wir würden dann noch einmal ein Update veröffentlichen.

*IG HAB, Mieter*inneninitiative der Habersaathstraße 40-48 in Berlin-Mitte.

TH

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