UPDATE 4: Nach dem ersten Tag des Potse-Räumungsprozesses – die Sicht des Kollektivs und die Bedeutung für die Stadtkultur von Berlin / @drugstoreberlin @Potse_Berlin @Syndikat44 @DoebertSteffen @HeimatNeue @RegBerlin #Besetzen #drugstorelebt #Berlin #potsebleibt #wirbleiben #gentrifidingsbums #Mietenwahnsin #Verdrängung #ZRV #Zwangsraeumung #NeueBerlinerLinie #R2G

Die Wut und die Trauer sind auch vier Tage nach dem „Potse-Räumungsprozess“ noch spürbar in der alternativen Szene von Berlin. Solch ein Ereignis verhallt nicht so schnell. Nicht im Fall des autnonomen Jugendzentrums Potse, das seine Räume in der Potsdamer Straße 180 seit über einem Jahr besetzt hält und vor wenigen Tagen seinen Räumungsprozess durchstehen musste – zumindest den ersten Teil.

Wir hatten mehrfach berichtet, im letzten Update Eindrücke der unterstützenden Neuköllner Kiezkneipe Syndikat vom Prozess wiedergegeben.

Weil wir der Meinung sind, die Aufmerksamkeit für diesen Vorgang von Jugendkultur-Zerstörung muss hochgehalten werden, veröffentlichen wir heute ein weiteres Update mit einer via Instagram zwei Tage nach dem Prozess verbreiteten Mitteilung des Potse-Kollektivs und betten ein Video ein, das Steffen Doebert von der Mieterpartei dankenswerterweise ins Netz gestellt hat.

Unterhalb dieser beiden Medienbestandteile erklären wir noch ein wenig, was auf dem Spiel steht, mit der Potse und mit anderen bedrohten Projekten der Berliner Kiez- und Sozialkultur. Zunächst wollen wir zeigen, wie das Potse-Kollektiv die Verhandlung empfunden hat:

Auch der RBB-Bericht, den Steffen Doebert archiviert hat, stellt sich eindeutig auf die Seite der Potse. Vor allem die erschütternden Szenen vom Jahreswechsel 2018-2019 sind uns in Erinnerung geblieben, kurz zuvor hatten wir mit unserer Berichterstattung über das nunmehr letzte Schöneberger autonome JuZ begonnen:

Wir haben unsere eigenen Ansichten darüber, was der Bezirk für den Erhalt der Potse und des Schwester-Jugenzentrums Drugstore getan hat und was er tun können oder müssen, wir haben sie in einigen Beiträgen dargelegt. Bevor wir weiterschreiben, hier noch ein Statement des Bündnisses Zwangsräumung verhindern, gepostet auf Facebook:

Heute wollen wir auf etwas hinweisen, worüber wir am Morgen mit der @HeimatNeue (Mieter*innen-Initiative der Habersaathstraße 40-48 in Berlin-Mitte) gesprochen haben, die uns nach wie vor authentische Eindrücke von vielen Mieter*innen-Kämpfen vermittelt. In diesem Fall geht es um den Zusammenschluss der bedrohten Projekte in Berlin zur „Interkiezionale“, die gestern wieder eine Versammlung abgehalten hat. Gemeint ist die kiezübergreifende Solidarität, die Initiative der Menschen und Kollektive, die um das Überleben in ihren Räumen kämpfen. Ein wichtiges Signet in diesem Zusammenhang ist #KeinHausWeniger.

Es ist eine besondere Zeit, denn in diesen Monaten folgt ein Räumungsprozess dem anderen, es riecht nach Zerschlagung der letzten linken Strukturen und Freiräume in Berlin, die man in einem umfassenden Sinn und als langfristig widerständig gegen die alles überlagernde kapitalistische Verwertungslogik ansehen kann.

Diese Projekte und Institutionen sind alle unterschiedlich, Mitglieder des einen oder anderen Kollektivs haben wir inzwischen kennengelernt oder wenigstens live erleben dürfen, wie sie versuchten, das zu erhalten, was Berlin noch immer ein wenig anders macht als durchgentrifizierte Städte ähnlicher Größenordnung. Ihre Vielfalt und ihre Weigerung, sich konfektionieren zu lassen, sind so wichtig für diese Stadt.

Und diese Projekte sind nicht irgendwelche. Die Potse ist das älteste noch bestehende selbstverwaltete Jugendzentrum und wir kennen mittlerweile auch Menschen, die auf den nicht kommerziellen Punkkonzerten in der Potse waren – für sie ist die Potse ein Teil ihrer eigenen Geschichte. Über alle bedrohten Projekte lässt sich leicht erzählen, was ihre Einzigartigkeit hervorhebt, wir können aus Kapazitätsgründen leider nicht über sie alle berichten.

Auch die meisten Viertel in Berlin, legendäre Plätze des Widerstandes gegen die Verwertungslogik des Kapitals, gegen die Reaktion und gegen Rechts, sind für die linke Szene für immer verloren. Oder doch für längere Zeit. Die Rolle der Politik in diesem gnadenlosen Kampf von oben gegen unten scheint zwischen hilflos und gezielt im Bunde mit dem Investorenmob zu schwanken. Anlässlich des Potse-Prozesses schrieb die „nd“ sinngemäß, R2G werde möglicherweise die Stadtregierung sein, die das Sterben der letzten Alternativzonen in Berlin zu verantworten hat (ein weiteres Update mit Pressestimmen zum Potse-Prozess werden wir in den nächsten Tagen nachreichen).

Das ist bittere Ironie, denn von wem sonst als von diesem Senat sollten sich die Menschen, die aus ihren Räumen herausgeklagt werden sollen, Verständnis und Unterstützung erhoffen?

Allein in den nächsten Wochen stehen zwei weitere Räumungsprozsse an: Am 26.02. (am Nachmittag des 13.01. als Änderung eingepflegt, zuletzt war der 23.01. geplant) gegen die Kreuzberger Kiezkneipe Meuterei und am 30.01. gegen das queer-feministische Hausprojekt Liebigstraße 34. Über das Syndikat im Schillerkiez von Neukölln ist der Sturm der ersten Instanz bereits im November vergangenen Jahres hinweggezogen, Berufung heißt jetzt das Stichwort.

Unser Stichwort heißt: Wir werden weiter berichten und weiter hoffen, dass der Kampf für so viele bedrohte Projekte und Kollektive wie möglich ein gutes Ende findet. Der Häuserkampf geht weiter. 2020 darf nicht das Jahr werden, in dem die letzten Freiräume für alternative Lebensmodelle in Berlin verschwinden.

TH

Update 3 vom 09.01.2020

FireShot Capture 239 - Syndikat bleibt! on Twitter_ _Das war also der erste Versuch des Räum_ - twitter.comUnser aktuellstes Update über das Geschehen rund um den Räumungsprozess des autonomen Jugendzentrums Potse beinhaltet einen Thread der Neuköllner Kiezkneipe Syndikat, die ebenfalls zu den bedrohten Projekten in Berlin zählt und beim heutigen Prozessauftakt vor Ort war.

Sehr aufschlussreich ist wieder einmal der Bericht über das Drumherum, das bisher klar über das Inhaltliche dominiert, weil noch nicht viel Inhaltliches passiert ist.

Dass der Prozess noch nicht zu Ende ist und warum, gibt der Thread, den wir nebenstehend abbilden, wieder. Auch über das Syndikat haben wir vielfach geschrieben, zuletzt hier – dessen Räumungsprozess fand bereits im November 2019 statt und jetzt geht es in die Berufung.

Wir wollen an dieser Stelle nach mehreren Artikeln und Updates auch wieder einmal unsere Solidarität ausdrücken:

Wer Institutionen wie Potse oder Syndikat räumt, kann auch gleich die Kieze räumen, in denen sie (noch) angesiedelt sind. 

Wenn sie weg sind, gibt es diese Kieze, wie man sie kennt, nicht mehr, sondern nur noch uniforme, durchgentrifizierte Wohnviertel und anonyme Workstations für Digitalnomaden. Soll wirklich eine kleine Minderheit von „Investoren“ bzw. Spekulanten, die mit ererbtem oder geliehenem Geld um sich werfen kann und die sozialen Fähigkeiten und die Einfühlung eines Haufens von Betonsteinen hat, allein darüber bestimmen, wie Berlin künftig aussieht?

Dagegen müssen wir 2020 noch stärker ankämpfen. Wir, das bedeutet: die Stadtgesellschaft. Denn die Bedrohten können nicht mehr tun, als sie bereits tun, um sich zu wehren. Deshalb kommt es jetzt umso mehr auf unsere Solidarität an!

Wir haben waren zuletzt bei der Demo „Wir gehen steil“ im Dezember 2019 dabei, dazu wird es noch ein zweites Update mit Bewegtbildern geben.

TH

Wir schieben schnell noch ein Update nach!

Offenbar wurde erst kurz vor dem FireShot Capture 237 - Potse auf Twitter_ „@SchwarzePalmen @QMGrunewald @Kiezhaus_65 +++UPDA_ - twitter.comGerichtstermin entschieden, den „Austragungsort“ des kapitalistischen Kampfes gegen die Berliner Jugendkultur zu verlegen.

Die Preisfrage: Warum die Änderung und warum so kurzfristig? Eine zeitliche Verlegung gab es nicht, die  Unterstützer*innen hinreichende Möglichkeiten gegeben hätte, sich umzuorientieren. Hier der Link zum Tweet, den wir auch als Bild eingebettet haben.

Auch wir sind auf dem falschen Fuß erwischt worden und haben das Update zu spät gesehen. Wir zeigen es hier nur aus dokumentarischen Gründen und was wir über dieser Form von  Staatshandeln denken, dürfte klar sein. Der Unmut wächst und diejenigen, die sich das ausgedacht haben, dürfen sich überlegen, ob ihr Handeln nicht kontraproduktiv ist.

Hier noch ein weiterer Tweet dieses Mal vom „Schwester-Jugendzentrum Drugstore, ohne neuen Artikel als Update:

FireShot Capture 238 - Drugstore im Exil auf Twitter_ „Der Räumungsprozess um die @Potse_Ber_ - twitter.com

TH

2020-01-06 Potse goes GerichtNachdem wir heute bereits die Pressemitteilung des autonomen Jugendzentrums Potse weitergeleitet und kurz kommentiert haben, hat sich das Kollektiv soeben noch einmal mit Details gemeldet und zu einer Kundgebung aufgerufen.

Sie startet vor dem Gericht um 8 Uhr, um 9 beginnt der Prozess im Saal B 129.

Um 9 Uhr startet das Verfahren im Hochsicherheitssaal B129. Es wird Küfa geben, und mehrere Bands werden Auftreten. Es wird laut im Gerichtsviertel mit Torkel T, Roim und Stroifahrzoige, Geigenschrey, und weiteren.“

An alle, die das zeitlich schaffen: Kommt bitte um 8 Uhr am Mittwochmorgen, 08.01.2020, zum Kriminalgericht Wilsnacker Straße 4! Helft den Jugendlichen dabei, ihre Freiräume zu erhalten, die dem Kommerz geopfert werden sollen!

TH

Vielfach haben wir über die autonomen Jugendzentren Potse und Drugstore in Schöneberg geschrieben,  in einem eigenständigen Beitrag zuletzt am 2. Juli 2019, sie seitdem mehrfach erwähnt, insbesondere, wenn es um Zwangsräumungen ging.

Am 2. Januar hat das JuZ nun eine Pressemitteilung abgegeben, die wir hier unverändert zeigen – in Form eines Twitter-Threads. Hier der Link dazu. Es geht dabei um den Räumungsprozess, der am 8. Januar ansteht. Im Anschluss noch ein paar zusammenfassende Worte von uns, um den Anschluss an vorausgegangene Artikel herzustellen.

FireShot Capture 235 - Potse auf Twitter_ „@annalist @ak_hipp @garethmetik @MariaKotsev @mir_ - twitter.com

Potse ist das älteste Jugendzentrum Berlins, ein autonomer Freiraum für Jugendliche in schwierigen persönlichen Situationen, aber auch ein Stück der linken Kultur, die Berlin auszeichnet.

Oder sollte man schreiben – ausgezeichnet hat, bis der Immobilienhype, bis die Gentrifizierung und eine Politik gezielter neoliberaler Anschläge auf das Milieugerüst das Besondere dieser Stadt endgültig vernichtete?  

Wir haben es so erlebt: 2018 war das Jahr der Kündigungen, dies Kündigungswelle setzte sich 2019 fort, es war aber auch das Jahr der Zwangsräumungen, aber auch der Anschlussbesetzungen (im Anschluss an vom Vermieter aus Renditegründen beendete Mietverträge) und das Jahr des Protests, des Zusammenschlusses der bedrohten Projekte und der Unterstützung durch Teile der Stadtgesellschaft. 

2020 wird das Jahr der Entscheidung werden. Kann ein Kern partizipativer, linker Projekte erhalten werden? Wird es endlich Schutz auch für Gewerbemietraum geben? Werden wir die Politik endlich dazu bewegen, sich zu bewegen – gegen den  vernichtenden Strom des freidrehenden Kapitals? 

Bei der Potse wurde von bezirklicher Seite fast alles falsch gemacht, was man falsch machen kann, das Interesse an Jugendarbeit im Schöneberger Norden scheint in der Tat nicht besonders groß zu sein.  Durchgängige politische Unterstützung erfuhren die Verteidiger*innen der beiden Jugendzentren im Grunde nur von der LINKEn, aber das reichte nicht, um die Existenz von Potse und Drugstore zu sichern. Drugstore, das „Schwesterzentrum“ lebt mittlerweile im Exil anderswo in der Stadt.

Auf einer Solidaritätsveranstaltung kurz vor dem Jahreswechsel 2018/2019 waren wir zugegen und haben seitdem einen Eindruck davon, wie mangelnder politischer Wille dazu führt, dass unsere Kieze immer mainstreamiger und langweiliger werden. Und teurer, selbstverständlich. Es ging dabei nicht um das, was zu diesem Zeitpunkt an konkreten Hürden für eine Umsiedlung für Potse und Drugstore bestand, sondern darum, dass man den Fortbestand nicht viel früher gesichert hat und die Kündigung, die Besetzung, die drohende Räumung auf diese Weise verhinderte. Wir hoffen, dass es eine adäqute Ersatzraumlösung für Potse und Drugstore geben wird – vielleicht inklusive Wiedervereinigung. 

TH

2019-05-17 Mieter kämpft um diese Stadt Häuserkampf Zuletzt hatten wir im Vorfeld der Bezirksverordnetenversammlung vom 19. Juni 2019 über das Autonome Jugendzentrum Potse berichtet, das immer noch seine Räume in der Potsdamer Straße 180 besetzt hält.
Damals sollte das AJZ ein Thema des Abends sein und wir hatten um Unterstützung vor Ort gebeten. Wir kennen noch keine Ergebnisse, aber am 30. Juni kam es (erneut) zu einem Polizeieinsatz gegen das besetzende Kollektiv, zu dem sich die Potse umgehend in Form einer Pressemitteilung geäußert hat, dazu bitte diesen Link öffnen.  
Wir nehmen die Gelegenheit wahr, um den Verlauf des des Abends anhand von Tweets der Potse nachzuzeichnen: 

Und hier noch eine Meldung vom 28. Juni, die wir super fanden und als Titelbild verwendet haben:

Wir bitten als Schöneberger weiterhin um Unterstützung für eine der letzten Einrichtungen dieser Art und es tut uns sehr leid, dass die Bezirks- und Landespolitik hier auf eine wirklich beispiellos negative Weise zusammenwirken, um das Weiterwirken der Potse mit den Angeboten, die für ihren Betrieb unerlässlich sind, zu gewährleisten – wozu unbedingt der Konzertbetrieb gehört, der die Auswahl von Ersatzräumlichkeiten für das AJZ eingrenzt. Schade finden wir auch, dass Potse und Drugstore evtl. getrennt werden, indem der Trägerverein des Drugstore jetzt die (Zwischen-) Nutzung der Potsdamer Straße 134/146 akzeptiert hat, die ebenjenen Betrieb nicht erlaubt.

In unserem vorletzten Beitrag hatten wir darüber nachgedacht, wie es wäre, wenn beide Jugendzentren ins alte Straßenbahndepot in der Belziger Straße einziehen und damit zu unserem Kiez gehören würden. Wir fänden das eine interessante Lösung, aber im Moment hören wir nichts davon, dass irgendetwas vorangeht, obwohl doch eine Kulturnutzung des Depots geplant ist. Was wäre aber Kultur ohne Jugendkultur?

Es gibt sicher im künstlerischen Bereich vieles, was einmalig und erhaltenswert ist, dazu gehören auf jeden Fall Potse und Drugstore. Das Drama um die beiden Einrichtungen verfolgen wir jetzt, seit wir uns durch unseren Parteibeitritt Ende 2016 wieder aktiver am politischen Geschehen teilnehmen – und man kann Strukturen natürlich auch dadurch beschädigen und zerstören, dass man keine zukunftssichernden Lösungen finden und alles in de Schwebe lassen will. Zielt die Politik darauf ab? Das Kapital will Fakten schaffen und wird irgendwann die Zwangsräumung durchsetzen wollen.

Schade, dass wir nicht schreiben können, dann wählen wir die Partei von Herrn Schworck, dem Jugendstadtrat, nie wieder, wenn das passiert. Weil wir das noch nie getan haben. Aber es geht auch um 2RG, und daran liegt uns durchaus etwas – dass die jetzige Stadtregierung sich endlich um die Menschen und nicht nur um „Investoren“ kümmert. Dafür ist sie angetreten und daran erinnern wir heute wieder.

Helft endlich der Potse und dem Drugstore, Leute!

TH

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s