Der Fälscher von London (D 1961) #Filmfest 102 #EdgarWallace

Filmfest 102 A "Special Edgar Wallace" (18)

2020-08-14 Filmfest AMelodram und Motivlage

Denn „Der Fälscher von London“ stellt ein Special für Karin Dor dar, inszeniert von ihrem Mann Dr. Harald Reinl.

Sie steht an Nummer eins der Besetzungsliste und von dem Verhalten der Figur Jane Clifton, geborene Leith, die sie spielt, hängt in diesem Film vieles ab: Glaubt sie doch an den Mann, den sie nicht aus Liebe geheiratet hat, obwohl einige starke Indizien dafür sprechen, dass er der Fälscher von London ist? Wir klären das in der -> Rezension. Diese beinhaltet aber viel mehr, denn die Handlungsbeschreibung, die wir der Wikipedia entnommen haben, ist ebenfalls komplett und zeigt somit – Spoiler! – die Auflösung.

Erstmalig standardisieren wir Rezensionen optisch und inhaltlich – alle Edgar Wallace-Filme, die wir uns für den Wahlberliner angeschaut haben, rezensieren wir gemäß dem nachfolgenden Schema, das wir für den ersten Film der Reihe („Der Frosch mit der Maske“) entwickelt haben und das viele Infos zu jedem einzelnen beinhaltet. Der usprüngliche Rezensionsentwurf zu „Der Fälscher von London“ war aufgrund eines Abspeicherfehlers nicht vollständig erhalten, sodass wir uns den Film für das „Special Edgar Wallace“ noch einmal angeschaut haben.

Infos zur Produktion

  • Die bisherigen Edgar-Wallace-Filme der Rialto Film erwiesen sich als außergewöhnlich erfolgreich, während zahlreiche andere Filmproduzenten bereits die Folgen sinkender Zuschauerzahlen seit Einführung des Fernsehens spürten. Horst Wendlandt, seit 1961 neben Preben Philipsen Mitgesellschafter bei Rialto Film, gewann durch seinen Erfolg zunehmend an Einfluss auf die Wallace-Produktionen. Bei Constantin Film standen ihm mit Waldfried Barthel und Gerhard F. Hummel kompetente Geschäftspartner und Berater zur Seite.
  • Diese einigten sich mit Wendlandt für die Planung der Kinosaison 1961/62 abermals auf die Produktion von vier Edgar-Wallace-Adaptionen: Der Banknotenfälscher (Der Fälscher von London), Die seltsame Gräfin, Die Tür mit den sieben Schlössern sowie Gangster in London (Das Rätsel der roten Orchidee).
  • Für die Adaption des Romans Der Banknotenfälscher konnte Constantin Film den Schriftsteller Johannes Kai gewinnen. Sein Drehbuch wurde praktisch unverändert übernommen, der Filmtitel wurde in Der Fälscher von London geändert. Harald Reinl, der bereits als Regisseur der Edgar-Wallace-Filme Die toten Augen von London und Das Geheimnis der gelben Narzissen als Regisseur vorgesehen war, übernahm die Regie.
  • Zum dritten Mal in einem Wallace-Film spielte Reinls damalige Ehefrau Karin Dor. Aus dem etablierten Wallace-Ensemble waren außerdem Siegfried Lowitz, Ulrich Beiger und Eddi Arent zu sehen. Gastauftritte hatten Viktor de Kowa, Mady Rahl, Robert Graf und Walter Rilla. Die männliche Hauptrolle übernahm Hellmut Lange, der damals noch kaum bekannt war. Dies erlaubte dem Publikum, möglichst unbefangen auf dessen zwielichtigen Rollencharakter zu reagieren.
  • Die Außenaufnahmen drehte man unter anderem auf Schloss Herdringen im Sauerland und in der Hamburger Speicherstadt. Die Innenaufnahmen entstanden im Realfilm-Studio in Hamburg-Wandsbek. Die London-Aufnahmen stammten aus dem Archiv. Zu Beginn der Dreharbeiten waren die Aufnahmen für die vorherige Wallace-Verfilmung Das Geheimnis der gelben Narzissen noch nicht abgeschlossen. Martin Böttcher komponierte erstmals die Filmmusik zu einem Edgar-Wallace-Film. Insgesamt stammen fünf Soundtracks der Serie von dem erfolgreichen Filmkomponisten. Der Film wurde von der FSK ohne Schnittauflagen ab 16 Jahren freigegeben, 1991 folgte die Freigabe ab 12 Jahren.
  • In der ersten Szene beim Pferderennen sind Archiv-Aufnahmen von der Queen Elisabeth II. zu sehen, die von der Rennbahn Ascot stammen, und in der letzten Szene sind Archiv-Aufnahmen vom Endspiel des Europapokals der Landesmeister zu sehen, wieder mit einer kurzen Einblendung von Queen Elisabeth II. und mit Gatte Prinz Philip. Beide Aufnahmen wurden in die Handlung des Filmes eingefügt.
  • „Der Fälscher von London“ ist der achte Edgar-Wallace-Film deutscher Produktion in der Nachkriegszeit und erreichte 2 Millionen Kinozuschauer*innen.

Handlung mit Auflösung (Wikipedia)

Der gerade verheiratete Millionenerbe Peter Clifton verbringt seine Flitterwochen mit Jane auf Longford Manor. Als Jane ihren Mann nachts hinter einer Geheimtür an einer Druckerpresse entdeckt, glaubt sie, es handle sich um den seit langem gesuchten „Fälscher von London“, einen notorischen wie genialen Fälscher von 5-Pfundnoten.

Janes alter Verehrer Basil Hale diskreditiert Clifton zudem mit geheimnisvollen Andeutungen über dessen Vergangenheit. Nach einer heftigen Auseinandersetzung mit Clifton wird Hale am nächsten Tag im Schlosspark erschlagen aufgefunden. Jane findet ihren verletzten, nicht ansprechbaren Mann und beseitigt alle Spuren sowie die vermeintliche Mordwaffe.

Inspektor Rouper sieht Cliftons Schuld als erwiesen an, nicht aber der bedächtige Oberinspektor Bourke. Als Radlow, der Rechtsanwalt und Testamentsvollstrecker von Peter Clifton, Bourke zu sich bittet, findet dieser bei seinem Eintreffen den Rechtsanwalt erstochen im Arbeitszimmer vor. Im Garten liegt der bewusstlose Clifton, daneben ein blutbeflecktes Stilett.

Trotz der scheinbar eindeutigen Beweislage sucht Bourke Cliftons Hausarzt Dr. Wells auf. Dieser gesteht, Clifton mit Spritzen betäubt zu haben, um ihm die Morde anzulasten. Bourke überführt auch seinen Amtskollegen Rouper als Mittäter und lässt ihn verhaften. Und Clifton erfährt von Bourke, dass sein Vater ein anderer ist als der, den er bisher dafür gehalten hat. Mrs. Unterson, die Mutter von Basil Hale, erschießt auf der Suche nach Clifton, dem vermeintlichen Mörder ihres Sohnes, Dr. Wells. Als „Fälscher von London“ wird schließlich der biedere Kunstmaler John Leith entlarvt.

Rezension

Der gesellschaftliche Spin, der gleich zu Anfang gesetzt wird, ist sehr traditionell, um es vorsichtig auszudrücken, so sehr, dass er aus einem Roman von Jane Austen übernommen sein könnte, aber Edgar Wallace wurde ja immerhin im viktorianischen Zeitalter groß und wenn diese Auffassung von Ständen und Chancen aus der Buchvorlage übernommen ist, hat man diese nicht modernisiert, als das Drehbuch verfasst wurde.

Da gibt es also ein schönes, aus, wie wir annehmen düren, respektablem Hause stammendes, jedoch armes Mädchen, sie darf auch keine Mitgift erwarten. Der kranke Onkel ist ihr einziger Verwandeter und er muss sie unter die Haube bringen, damit vor allem er selbst im Alter abgesichert ist. Hätte er mal mehr in die Rentenkasse einbezahlt. Wenn man es vom Ende her sieht, ist das Ganze unlogisch, denn warum soll er seine Tochter reich verheiraten, wenn er sie doch immerhin mag und sich jederzeit frische Banknoten drucken kann. Es wird auch nicht geklärt, warum er „nachlässt“, was anfangs eine wichtige Rolle spielt. Er ist nicht mehr der Jüngste, aber dass er z. B. eine Sehschwäche hat oder Parkinson bei ihm einsetzt, wird nicht thematisiert.

Nun gut, Jane heiratet Peter Clifton. Die Szene in der Kirche ist gut gefilmt, man spürt ihre Unsicherheit, die Anspannung und dan noch diese flinken Hände an der Orgel – die Kamera schwenkt hoch und zeigt ein Gesicht mit großen Narben. Die Assoziation ist natürlich sofort, dass diese geschickten Hände auch kleine Gravuren anfertigen könnten. Oder ist es jener Bräutigam, der ebenfalls ein recht markantes Antlitz hat und während der Zeremonie die Hände knetet? Wer macht denn sowas? Jemand der weiß, dass die Frau neben ihm vielleicht im letzten Moment ihre Ansicht ändern könnte, denn er weiß ja, dass in Sachen Liebe noch Luft nach oben ist, damit wenigstens Luft und Liebe zusammenkommen können, um eine schöne Zweisamkeit zu verursachen. Geld stört da nur, jedenfalls, wenn es so viel ist, dass man nie weiß, ob man nicht nur deswegen geheiratet wird – oder es sogar weiß, wie ebenjener Peter Clifton.

Aber die Vermählung ist damit nicht vorbei, dass sie doch ein „Ja“ herausbringt. Direkt vom Orgelspiel eine Überblendung auf eine Jazztrompete: Hochzeitsfeier! Zunächst schneit die Polizei herein und macht ordentlich Wind wegen einer falschen Banknote, die der anwesende Doktor / Psychiater der Familie Clifton beim Pferderennen in Umlauf gebracht hat. Dann trit, bereits zum zweiten Mal nach dem erwähnten Rennen in Ascot, ein eifersüchtiger junger Mann auf, der das Mädchen nicht bekommen hat und wird von Bräutigam ausgeknock,  nachdem jener Eifersüchtige sie die arme Schönheit genannt hat, welche die Millionen ehelichte. Aber er hat doch Recht, oder? Außerdem heißt er Basil Hale, wird von Robert Graf gespielt und der gibt eine der besten Leistungen in diesem Film. Trotzdem sagt man sowas auf einem solchen Event nicht. Als wenn das nicht genug wäre, platzt schließlich eine geheimnisvolle Frau in die Manage, welche den Bräutigam dubioser Machenschaften bezichtigt.

Dass die Hochzeitsgesellschaft danach recht fröhlich auseinandergeht, angesichts und trotz der vielen Zeichen an der Wand, ist erstaunlich. Aber die alte Dame lässt erst einmal nicht locker. Der Verschmähte, Basil mit Namen, wird jedoch alsbald von einem Typ herbeizitiert, der sich hinter einem Spiegel verbirgt, währenddessen bereits Spannungen zwischen den Frischvermählten, als sie in Peters offenem amerikanischen Wagen durch London zu fahren, weil Jane ihrem Peter nun tatsächlich vorwirft, er habe sie gekauft. Vergessen wir nicht, wir sind gesellschaftspolitisch im 19. Jahrhundert, in dem Frauen aus finanziellen Gründen heirateten und dann ihrem Mann das Leben zur Hölle machen durften, eben der mangelnden Liebe wegen und weil sie sich als Kaufobjekt fühlen. Eine gutaussehende Endzwanzigerin in den wirtschaftlich guten Zeiten zu Beginn der 1960er hätte es aber auch mit Arbeit versuchen können und wer weiß, was passiert wäre.

Mein unausweichliches Gefühl an dieser Stelle war aber, dass es mit den beiden am Ende gut gehen und dass es ihnen gutgehen wird. Alles andere wäre ein Bruch des Vertrages mit den Zuschauern gewesen, denen eigentlich beide sympathisch überbracht wäre. Diese Brüche gibt es in Edgar-Wallace-Filmen. Selbst wenn Karin Dor mitspielt. Allerdings nicht unter der Regie ihres Mannes. Erinnern Sie mich bitte während des Schreibens der Kritik zu „Zimmer 13“ daran, dass ich darauf zurückkomme. Ach, das werde ich ohnehin tun. „Der Fälscher von London“ beinhaltet den oben angedeuteten Onkel-Schock, aber „Zimmer 13“ geht darüber weit hinaus. Aber Jane und Peter? Es gibt keine weiteren Hauptdarsteller-Typen, anders als in fast allen übrigen Wallace-Filmen der „klassischen Phase“ bis 1965. Kein Joachim Fuchsberger oder Heinz Drache lässt sich sehen, der als neues Love Interest für Jane in Frage käme.

Das heißt immerhin, dass der Aufbau mal ein bisschen anders ist als in E.W.-Adaptionen üblich, nämlich dergestalt, dass eine doch zur Liebe hin ausbaufähige Verbindung von Anfang an besteht und auf die Probe gestellt wird. Zum Beispiel dadurch, dass Jane, die ein eigenes Zimmer hat, ans Fenster tritt und sich beim unheilvollen Quaken der Frösche im Teich nichts denkt – und alsbald ein Würger ihr Zimmer betritt, sich einen durch Würgen erzwungenen Kuss stiehlt. Sie flieht zu Peter ins Zimmer, doch der liegt nicht in seinem Bett und hier sehen wir wieder, wie ein Generalverdacht durch getrennt von Tisch und vor allem vom Bett aufkommen kann. Apropos Tisch: Zuvor gab es eine Abendessenszene, in der dadurch, dass Peter am einen Ende, Jane am anderen Ende der langen Tafel sitzt, ausgedrückt wird, wie groß die menschlich-soziale Distanz zwischen den beiden sich darstellt. Bildsprache kann so einfach sein.

Aber Jane sucht nun weiter nach Peter und entdeckt ihn tatsächlich dabei, wie er an einer Druckmaschine arbeitet. Was er damit bezweckt, erschließt sich im Verlauf des Films m. E. ebenfalls nicht, denn, Spoiler, er ist ja nicht der Fälscher. Nein, er probiert wohl nur, was der Fälscher in einer Werkstatt gemacht hat, die er zuvor selbst nicht kannte, denn so ein Schloss ist eben für einen, der gerade erst die Millionen mit dem Schloss dazu geerbt hat, weitgehend Terra incognita. Es wäre so schön, diese holzvertäfelte und an Geheimräumen hinter Bücherwänden und Kerkern reich bestückte Welt mit seiner lieblichen Angetrauten zusammen zu erforschen, aber: getrennte Betten!

Wenn man die Szene sieht, denkt man aber: von wegen alles ererbt, du Kenner und Künstler des Kupferstichs! Aber was war mit der Druckplatte, die Peter nicht zurückerhielt? Mit wem hat er darüber auf der Hochzeit gesprochen? Genau. Peter traut sich aber selbst immer weniger und fragt seinen Dr. Psych., ob er möglicherweise  schizophren sein könnte, da auch sein Vater auch Dinge getan habe, an die er sich später nicht erinnern konnte. Der Arzt findet das erst einmal abwegig. Wir lesen jedoch:

Je näher die Verwandtschaft mit einem Schizophreniekranken, desto wahrscheinlicher wird auch eine eigene Erkrankung. Bei einem schizophreniekranken Elternteil beträgt sie fünf bis zehn Prozent, bei kranken Geschwistern acht bis zehn Prozent, bei eineiigen Zwillingen 45 % und etwa 21 % bei zweieiigen Zwillingen.[28] Wäre die Schizophrenie eine rein genetisch verursachte Krankheit, müsste sie bei eineiigen Zwillingen 100 % betragen. (Wikipedia)

Jane findet derweil eine Druckplatte, in einem Schrank versteckt. Mit einem Baumpaar eingestochen. Es tagt und jener ungute Basil taucht auf und erzählt Jane, dass sie unter falschem Namen geheiratet wurde und dass der Vater von Peter, jener psychisch Erkrankte, zwei Menschen umgebracht habe (im Wahn: sein krankes und sein besseres Ich?). Peter kommt herbei, die Rivalen der Rennbahn haben eine tätliche Auseinandersetzung, bei der beinahe ein Messer eingesetzt worden wäre, und es ist erstaunlicherweise immer noch keinen Mord – je nach Temperament zu beklagen oder zu genießen. Hellmut Lange, der Peter Clifton spielt, wurde mit dieser einzigen Edgar-Wallace-Hauptrolle zu einem sehr populären Darsteller und hatte später u. a. in welcher bekannten Serie eine Rolle? Also bitte, es steht doch schon im hiermit zum Ende gelangenden Absatz.

Eigentlich hätte Peter seine Frau nicht fragen müssen, was der böse Basil ihr erzählt hat, denn dieser ruft Peter ja bei seinem angeblichen richtigen Namen, irgendwas mit W. Dann: Wir sind noch nicht miteinander fertig! Schnitt.

Inspektor Bourke haben wir bisher gar nicht erwähnt, aber seine Spürnasigkeit erweist sich hier: Woher weiß er, dass Peter in der Nacht ein blutiges Hemd anhatte, dass der erste Mord mit einem Hammer begangen wurde, und woher wissen Sie, liebe Leser*innen, jetzt, dass ich etwas ausgelassen habe? Genau. Es hat ihn nämlich erwischt, den Basil mit der Melone. Nun gut, in Edgar-Wallace-Filmen tragen in den 1960ern noch viele Engländer Melonen, z. B. Eddi Arent, wann immer er auftritt. Was er dieses Mal nur in einer kleinen Rolle tut. Jedenfalls hat Bourke eine exzellent genaue Vorstellung davon, was Jane in dem Koffer transportiert, mit dem sie erst einmal dem mörderischen Anwesen und dem mglw. mörderischen eigenen Mann entflieht. Aber er ist auch ein Gentleman, nicht nur ein bärbeißiger Mensch namens „Der Alte“, Siegfried Lowitz, er macht es nicht auf die ruppige Tour, sondern wirbt so lange um das Vertrauen von Jane, bis sie zugibt, dass sie Beweismittel entwendet hat.

Aber sie hilft ihrem Mann und je mehr er in Bedrängnis gerät, desto fester steht sie zu ihm. Durch die große Rolle, die man Karin Dor hier gegeben hat und wie sich langsam die Persönlichkeit von Jane als die einer starken Persönlichkeit mit Kampfgeist aufbaut, wirkt „Der Fälscher von London“ melodramatischer als viele andere Wallace-Verfilmungen, aber auch „normaler“ – es handelt sich bisher um einen Plot, in dem Kriminelle sich tummeln und recht offensichtlich ist, worum es geht – auch wenn wir den Fälscher noch nicht kennen.

„Ausschließlich auf Gruseleffekte angelegter Serienkrimi nach Edgar Wallace“, textete seinerzeit das Lexikon des internationalen Films[3]

Genau das stimmt nicht, denn der Film ist stärker psychologisch durchorganisiert und weniger auf Gruseleffekte ausgerichtet als z. B. die Werke, bei denen Alfred Vohrer effektvoll Regie führte. Harald Reinl weiß dafür aufgrund seiner früheren Arbeit in konventionellen Dramen und Heimatfilmen gut, wie man Figuren so zueinander stellt, dass sie einigermaßen glaubhafte Gefühle entwickeln können. Für mich ist „Der Fälscher von London“ aufgrund seiner Akzentuierung eines Paares, das sich erst findet, mehr ein Melodram als jeder andere Wallace-Film, den ich bisher gesehen habe. Deshalb ist auch die Plausibilität höher und Macken am Plot fallen eher auf, einige wurden bereits angedeutet, werden jedoch durch eine vergleichsweise stringente Gesamtanlage der Handlung ausgeglichen.

Normalerweise würde ich sagen, das Verhalten, das Inspektor Bourke nun zeigt, bringt die Plausibilitätstheorie etwas ins Wanken. Er vernichtet nämlich die oben erwähnten Beweismittel, indem er sie in die Themse schmeißt, die bekanntlich Leichen, aber sicher keine Hemden an die Welt zurückgibt. Zumal dann nicht, wenn sie mit Hämmern beschwert sind. Ich beschwere mich aber nicht über dieses Vorgehen, denn durch die jahrelange Arbeit mit dem Tatort- und nun auch dem Polizeiruf-Format weiß ich: Nur dann haben Kommissare die Probe der Sendergewaltigen endgültig bestanden und dürfen zu Ikonen werden wie Ballauf und Schenk in Köln, wenn sie bereit sind, die Dienstvorschriften abzulegen wie ein altes – hoffentlich nicht zu blutiges – Hemd.

Was der Inspektor also für einen heimlichen Crush auf Jane hat! Nein, er ist ja ein alter Freund von Peter und glaubt an dessen Unschuld. Oder beides oder alles kommt zusammen. Dann wird Peters Anwalt umgebracht und Peter liegt bewusstlos in dessen Garten. Dieser Anwalt wusste zu viel und es ist an der Zeit, etwas zu korrigieren. Bisher schrieb ich, die Mordserien in Wallace-Filmen beruhen vor allem auf zwei sehr klassischen Motiven: Habgier und Rache, seltener Eifersucht. Ich glaube, das stimmt nicht: Am häufigsten werden Menschen vom Leben zum Tode gebracht, weil sie zu viel wissen. Das sind sozusagen Kollateralmorde, die man mal kurz einstreut, um den Bodycount auf ein sachgemäßes Niveau zu bringen. Wichtig bei einem Film, bei dem das Morden so spät einsetzt und so zögerlich wie in „Der Fälscher von London“. Es soll nun wieder so aussehen, als ob Peter seinen eigenen Advokaten getötet hätte und daher geht er zum Arzt.

Dass dieser Psychiater mit in der Sache drinhängt, hatte ich längst geahnt, dazu gehört auch nicht viel. Aber spätestens, als man seiner Praxis ansichtig wird, ist es sonnenklar, obwohl sie in geheimnisvolles Licht getaucht ist. Ich glaube, die sogenannte indirekte Beleuchtung, ein Einrichtungshit der 1970er, wurde durch diesen Film auf avantgardistische Weise eingeführt. Außerdem sieht man Designermöbel in eckig und rundlich und vor allem moderne Kunst. Da weiß der liebe Freund und Kupferstecher Bescheid, es sei denn, er traut sich selbst nicht, wie Peter und ist daher in einer so exzentrisch möblierten Praxis struktruell in der Defensive. Irgendwie erinnert mich diese Praxis an Kammern des Schreckens, in denen Bösewichte wie Dr. Mabuse ihr Werk vollbrachten.

Nicht nur amerikanische Filme sind anti-intellektualistisch. Auch „Der Fälscher von London“ zeigt, dass man die Verwicklung eines Psychiaters in ein Verbrechen (Bildsprache, Teil 2!) am andeuten kann, indem man ihn als Freund moderner Malerei und moderner Einrichtungsgegenstände zeigt. Hätte er röhrende Hirsche an der Wand hängen, wäre Entwarnung gegeben, doch diese zudem sehr offensiven Bilder – niemals würde ein Psychiater eine Praxis so einrichten, es sei denn, er zielt darauf, dass seine Patienten sich strikt unwohl fühlen, aber einmal wenigstens muss auch dieser Film in die Schräglage gehen, die für Edgar-Wallace-Filme nicht vollkommen abdingbar ist.

Typische Merkmale von Edgar Wallace-Filmen gemäß Wikipedia (kursiv) und unsere Anmerkungen zum jeweiligen Film:

  • Regie: (…) Nicht viel weniger Einfluss auf die Serie (als Alfred Vohrer mit seinem eher ekstatischen und effektvollen Stil, A. d. Verf.) hatte Harald Reinl, zu dessen fünf Edgar-Wallace-Filmen das erste Werk zur Reihe Der Frosch mit der Maske sowie die Höhepunkte Die Bande des Schreckens und Der unheimliche Mönch zählen. Typische Merkmale der Filme des einstigen Heimat- und Bergfilm-Regisseurs sind stimmungsvolle Außenaufnahmen mit langen Kamerafahrten und -schwenks. Stilmittel, die Reinl vor allem auch in den durch ihn geprägten Karl-May-Filmen angewendet hat. (…)
    • Tolle Alleefahrten sehen wir hier noch nicht so sehr wie z. B. in „Zimmer 13“, der auch echte Fahrtaufnahmen bringt, während hier noch mit Rückprojektion gearbeitet wird, wenn unser Traumpaar durch London cruist, aber etwas Umgebung ist bekanntlich immer.
  • Darsteller: Die Besetzung mit bewährten Schauspielern in ähnlichen Rollen war typisch für die Edgar-Wallace-Verfilmungen. Zu den meist reifen und besonnenen Ermittlern zählten Joachim Fuchsberger (13 Filme), Heinz Drache (acht Filme), Siegfried Lowitz (vier Filme), Harald Leipnitz (drei Filme) oder Klausjürgen Wussow (zwei Filme). In den weiblichen Hauptrollen waren meist attraktive, junge Schauspielerinnen wie Karin Dor (fünf Filme) (…) zu sehen. (…) Komische Rollen übernahmen Eddi Arent (23 Filme), Siegfried Schürenberg (16 Filme) und Hubert von Meyerinck (vier Filme) (…).
    • Wenn man von Karin Dor, Siegfried Lowitz und der Kurzrolle für Eddi Arent absieht, ist „Der Fälscher von London“ eher ungewöhnlich besetzt – aber wieder mit bekannten Stars der Ufa wie Mady Rahl und vor allem Viktor de Kowa, den ich zu den Top 5 der männlichen Darsteller der 1940er zählen würde und der damals noch einen etwas jugendlicheren Charme offenbarte, mit dem er u. a. Ilse Werner in „Wir machen Musik“ erobern konnte.
  • Titel: Die Filmtitel, die meist den Romantiteln entsprachen, sollten beim Publikum eindeutige Assoziationen mit dem Genre des Edgar-Wallace-Films hervorrufen. So verbarg sich hinter vielen Titeln ein eindeutiger Hinweis auf den Hauptverbrecher des Films (Der grüne Bogenschütze, Der Zinker, Der Mönch mit der Peitschea.).
    • Der Romantitel wurde hier zwar leicht verändert, aber die Assoziation passt schon.
  • Handlung: Die Handlungselemente der Edgar-Wallace-Filme waren ähnlich angelegt. So drehte sich das Geschehen vordergründig um einen meist fantasievoll maskierten Hauptverbrecher. Im Gegensatz zum Psychothriller war hierbei das Entlarven des bis zum Finale unbekannten Verbrechers entscheidend (Whodunit). Die Motive der Verbrecherfiguren waren meist Habgier, Rache, Erbschleicherei sowie Mädchen- und Drogenhandel.
    • Interessant ist dieses Mal, dass der Mann, der die Blüten zum Erblühen bringt, während der Kopf des Fälscherrings sie in Umlauf bringt, bezüglich seines Motivs nicht recht kenntlich wird. Dass das Ende doch etwas überraschend wirkt, kommt auch daher, dass nicht nachvollziehbar ist, warum der Onkel seine Tochter unbedingt an einen zunächst Ungeliebten verkuppeln möchte, obwohl er doch durch seine hervorragenden Falsifikate im Geld schwimmen müsste. Auf eine Weise spielt immer rein, dass er „nachlässt“, sprich, seine Hand nicht mehr so sicher ist und er deshalb seine Tochter als Lockvogel für die Millionen einsetzt. Auf diese Weise laufen zwei Stränge etwas nebeneinander her.
  • Handlungsorte: Der (hauptsächliche, A. d. Verf.) Handlungsort war, wie in den Romanvorlagen, fast immer London und Umgebung, wobei sich die Akteure vorwiegend in alten Schlössern, Herrenhäusern oder Villen bewegten. Auch verruchte Nachtlokale, düstere Blindenheime, Irrenanstalten und finstere Kellergewölbe waren beliebte Haupt- und Nebenschauplätze der Handlung. In späteren Filmen kamen Mädchenheime und -pensionate hinzu. Die tatsächlichen Drehorte befanden sich aufgrund geringerer Produktionskosten jedoch selten in Großbritannien sondern in Deutschland. So dienten vor allem Straßen in Berlin und Hamburg. (…) Als Kulisse für London-Szenen. Für die nötige Authentizität in den Filmen sorgten oft allein Archivaufnahmen Londons, die man in die Filme einfügte.
    • Es ist ein Schloss. Und eine psychiatrische Praxis als Kontrapunkt und die bescheidene, aber doch mit einem Dienstmädchen ausgestattete Wohnung von Onkel und Nichte. Die geheime Druckerwerkstatt natürlich nicht zu vergessen, die in „Babylon Berlin“ fröhliche und dann blutige Urständ feierte.
  • Vorspann: Die meisten Edgar-Wallace-Filme begannen mit einem spektakulär in Szene gesetzten Mord. Dann folgte der Vorspann des Films, der ab 1961 (bis auf zwei Ausnahmen) farbig gestaltet war (der Rest des Films war Schwarzweiß). Schon die Gestaltung der Namensnennung mit blutroten oder giftgrünen Buchstaben sollte einen spannenden Film ankündigen. Um der Serie einen noch höheren Wiedererkennungswert zu verleihen, wurde der Vorspann der Wallace-Filme ab 1962 mit aus dem Off erklingenden Schüssen und dem Satz „Hallo, hier spricht Edgar Wallace“ eröffnet. (…)
    • Der Film hat einen etwas zwische den früheren und den späteren Formen liegenden Beginn zwischen den Fronten liegenden beginn, zuerst kommt kurz das Logo der Constantin Film, dann einige Rennszenen in Ascott, dann der Vorspann, in dem Karin Dor an erster Stelle genannt ist. Die Rennszenen beinhalten noch kein Verbrechen und auch keinen Einsatz der Darsteller*innen.
  • Musik: Besonders prägnant gerieten auch die Soundtracks der Filme, vor allem die oft reißerische und eingängige Titelmusik. Die Musik von insgesamt 18 Filmen der Serie stammt von Peter Thomas, der mit seinen phantasiereichen Arrangements und modernen Aufnahmetechniken der markanteste und dominanteste Komponist der Serie war. Während die Soundtracks von Martin Böttcher (fünf Filme), Willy Mattes (zwei Filme) oder Peter Sandloff (ein Film) eher aus zeitlosem Orchestersound mit Easy-Listening-Charakter bestanden, griffen Heinz Funk (drei Filme) und Oskar Sala (ein Film) auch auf neue Techniken der elektronischen Musik und experimentelle Kompositionen zurück.
    • Martin Böttcher hat einen angemessen krimimäßigen, aber nicht experimentell klingenden Score geschrieben. Demnächst werden wir „Zimmer 13“ rezensieren, dann werden wir sehen, wie Peter Thomas auf eine damals noch nicht so übliche Weise durch den Einsatz von Geräuscheffekten sogar die Täterperson preisgibt, bevor man darauf kommen kann, was er mit dem … aber halt, ich möchte nicht zu sehr vorgreifen.

Finale

Zum ersten Mal hat mich ein emotionaler Moment in einem Edgar-Wallace-Film berührt, dafür sollte es zusätzliche Punkte geben. Diese treue Seele von einer hübschen Person, Jane meine ich! Und dann erfährt sie, es ist der eigene Onkel. Er ist jener berüchtigte Fälscher, auch wenn er nicht die Morde begangen hat, das war natürlich der Psychiater bzw. waren seine Helfershelfer, die mit dem Onkel zusammenarbeiten. Der malt nur und druckt falsche Pfundnoten und D-Mark sollen demnächst auch in Arbeit gehen. Gut, dass die Sache vorher aufgedeckt wird, sonst wäre die Karriere der westdeutschen Währung als internationales Reservezahlungsmittel frühzeitig im Eimer gewesen.

Aber was malt der böse Onkel eigentlich? Röhrende Hirsche. Es ist kaum zu fassen und noch weniger zu verstehen, wie subtil fies die Dekonstruktion von Rezensenten im deutschen Unterhaltungskino der 1960er in die Wege geleitet wird. Selbst dann, wenn ebenjene Rezensenten ein Werk erst um 2020 herum anschauen und darüber schreiben. Allerdrings haben viele mehr oder minder kollektive Traumen der deutschen Vergangenheit Nachwirkungen bis heute, warum nicht auch dasjenige, dass man die Kraft der Zangenbewegung gegenüber der Kunst unterschätzt, die in solchen Filmen zu sehen ist.

Doch der Onkel wird doch nicht der Mann hinter dem Spiegel sein? Nein, es ist derjenige, der auch versucht, Peter entmündigen zu lassen wegen mörderisch ausgepräger Schizophrenie und der mit Spritzen nachhelfen möchte. Und ein gewisser Inspektor Rouper, mehr ein Konkurrent als ein Kollege des Bourke, hängt mit drin, wenn auch eher als der übliche Schmiergeldempfänger. Obwohl Jane bereits ziemlich gut Bescheid weiß, versucht der manipulative Arzt, sie davon überzeugen, es sei das Beste, Peter in eine Anstalt einzuweisen und lässt dabei seinen Charme des mittelalten weißen Mannes spielen. Rehauge, sei wachsam! Ja, sie springt vom Sofa auf, die gute Jane. Von wegen Onkelchen oder Shrink als Treuhänder des Vermögens, das ihr nach der Entmündigung Peters zufallen wird. Da macht Jane nicht mit. Am Schluss wird es etwas fahrig, der Organist kommt wieder ins Spiel, den hatte man inzwischen ganz vergessen, aber der Mann, der zwischenzeitlich auch immer als der Gerissene bezeichnet wird, ist doch Onkelchen. Und warum ließ er bezgl. der Qualität seiner Blüten nach? Manches muss man nicht erklärt kriegen, man denkt sich seins.

Es gibt ein schönes Happy-End und dann ein noch schöneres. Hatte ich erwähnt, dass der brave Inspektor Bourke Fußballfan ist und im Radio immer mitleidet, wenn englische Mannschaften von Real Madrid vermöbelt werden? Aber im Stadion, da fällt der Ausgleich und der Mann ist so aus dem Häuschen, dass er auf die Melone des vor ihm Sitzenden haut und sie diesem über die Augen drückt. Wer ist dieser Mann? Es ist Eddi Arent, für den sonst leider kein Platz in diesem Film war. Ein zu Null für den Alten.

„Der Fälscher von  London“ hat ein paar Besonderheiten, die ihn zu einem der beachtenswerteren Werke innerhalb der Wallace-Reihe machen. Auf jeden Fall stellt er eine Abwechslung dar oder ein letztes Verharren im klassischen Stil, bevor die Zeit der wirklichen Gruselkrimis kam.

71/100 

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Harald Reinl
Drehbuch Johannes Kai
Produktion Horst Wendlandt,
Preben Philipsen
Musik Martin Böttcher
Kamera Karl Löb
Schnitt Hermann Ludwig
Besetzung

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