Ich hab im Traum geweinet – Tatort 1121 #Crimetime Vorschau 23.02.2020 DAS ERSTE #Tatort #Schwarzwald #Tobler #Berg #SWR #Traum #Weinen

Crimetime Vorschau - Titelfoto SWR, Benoît Linder

Achtung, ein weiterer 5th-Season-Krimi!

Die alemannische Fastnacht wurde vom SWR, damals SDR, schon in Stuttgart thematisiert („Bienzle und das Narrenspiel„), in der Schweiz („Schmutziger Donnerstag“, Rezension hier noch nicht veröffentlicht) und natürlich mehrfach am Rhein als Karneval. Der jüngste dieser Filme ist „Tanzmariechen“ aus dem Jahr 2017, der selbstverständlich auch 2020 in der „fünften Jahreszeit“ wiederholt wurde.

Nun geht es also tief in jenen dunklen Wald, in dem seit einiger Zeit Franziska Tobler und Friedemann Berg (nicht zu verwechseln mit dem Fernsehproduzenten Wiedemann & Berg) unterwegs sind, um Licht reinzubringen. In Verbrechen, die sich dort ereignen. Im fünften gemeinsamen Fall (einer zählt eigentlich nicht, weil Berg aufgrund krankheitsbedingter Abswesenheit ersetzt wurde) trägt sich nun u. a. das Folgende zu:

Es geht heiß her, denn es ist Fasnet im Schwarzwald-Tatort! Die Hauptkommissare Franziska Tobler (Eva Löbau) und ihr Kollege Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner) trinken ordentlich über den Durst und landen schließlich in der Kiste – und nicht nur sie. Nach einem Treffen mit der Ex-Prosituierten Romy liegt ein Mann aus Karlsruhe mit eingeschlagenem Schädel in seinem Hotelzimmer im Schwarzwälder Hof. Was ist in der durchzechten Nacht geschehen? (Tatort Fans)

Das klingt ja, zusammen mit dem Titel gelesen, beinahe bedrohlich. War der Sex so schlecht? Viel schöner als im kürzlich gesehenen München-Polizeiruf „Morgengrauen“ (Rezension noch nicht veröffentlicht), in dem der Zauber der Nacht furchtbarer Erkenntnis weichet oder auch der Chimäre einer Erkenntnis, kann man Liebe, die in der Familie, unter Angehörigen der Exekutive, stattfindet, nicht darstellen. Insofern: Alles schon gesehen. Zumal es sich hier eher um einen „Unfall“ nach zu viel Alkohol zu  handeln scheint. Solche Unfälle können allerdings die Zusammenarbeit zweier Personen als Team für immer verändern.

Auch im erwähnten München-Polizeiruf war es so, dass der Fall hinter das Persönliche zurücktrat, das sehen die beiden Redakteure von Tatort Fans beim 1121. Tatort ebenso. Und beide votieren zurückhaltend, denn die Spannung fehle bzw. zu einem guten Krimi gehöre mehr. Mehr als eben das oben Beschriebene, obwohl es sich gewiss nicht über den gesamten Film zieht.

Die SW3-Kritiker hängen nur eines von fünf möglichen Elchgeweihen an die Wand. Das ist auch deshalb von Bedeutung, weil es hier immerhin um eine Produktion des eigenen Senders geht. In einem Video erklärt Tatort-Jurist Frank Bräutigam etwas zur Täterperson, das wir hier natürlich nicht wiedergeben, aber auch, dass es sich um einen – trotz Fastnet und Unfallsex! – düsteren Tatort handele, der viel 90er-Feeling aufkommen lässt, schon wegen der Hintergrundmusik, Backstreet Boys etc. Die Ermittlungsmethoden seien zumindest in zwei Situationen „nicht ganz die reine Lehre“. Gibt es Tatorte, die in den letzten beiden Jahrzehnten gedreht wurden, in denen die Ermittlung immer technisch korrekt, realistisch und vor allem rechtsstaatlich abläuft? Hier geht es einmal um eine Beschuldigte, die in einer unzulässigen Weise „informell“ befragt wird und darum, dass Tobler jemanden fragt, warum er einen Anwalt möchte: Es gibt kein „Warum“, das steht ihm zu.

Diese Erklärungen wirken geradezu niedlich. In Tatorten werden manchmal Anwälte einfach verweigert, spielen Ermittler*innen Staatsanwält*innen, um Informationen unter Vortäuschung falscher Tatsachen zu erlangen – man hat fast den Eindruck, der SWR fingiert hier eine Achtsamkeit der Rechtstreue gegenüber, macht etwas Karneval mit einem sensiblen Publikum, während die Grenzen des Rechtsstaates in vielen anderen Filmen der Reihe im Sauseschritt überrannt werden, ohne dass die Sender dazu Erklärvideos fertigen. Aus gutem Grund, denn die Erklärungsnot wäre groß. Aber im Südwesten ist man noch ein wenig detailverliebt und möchte wenigstens andeuten, dass man weiß, wie Vorgänge in der Realität zu abzulaufen hätten, würde denn in der Realität immer korrekt gehandelt. Wir meinen, man darf unserer Schreibe ruhig anmerken, dass die Trigger des 1119. Tatorts „Monster“ noch aktiv sind.  Ganz anders als das, was wir bisher besprochen haben und was in Trailern zu sehen ist, liest sich, was das Portal „Filmstarts.de“ schreibt, das in der Regel einen sehr kritischen Blick auf die Reihe wirft:

Filmemacher Jan Bonny, der in den letzten Jahren unter anderem mit zwei vielgelobten Münchner „Polizeiruf 110“-Folgen für Aufsehen sorgte, bricht in seinem aufwühlenden Film gleich reihenweise mit den Sehgewohnheiten des Publikums. Das stellenweise nur schwer auszuhaltende, aber unheimlich intensive Krimidrama wartet mit drastischen Sex- und Gewaltdarstellungen auf und ist nicht weniger als eine der provokantesten und skandalträchtigsten „Tatort“-Folgen aller Zeiten – bei großen Teilen des Publikums wird es der Film daher auf diesem Sendeplatz unheimlich schwer haben.

Wir merken uns, dass der Regisseur für den München-Polizeiruf gearbeitet hat, den wir oben schon – lobend, was sonst – erwähnt haben und dass „Filmstarts.de“ 3,5/5 vergibt, viel, für deren Verhältnisse. Für einen Film, der keine Kompromisse mache, der unfassbar viel Sex und Gewalt enthalte und schon gar nicht wie ein Normal-Tatort daherkomme. Ist damit die Experimentalquote nach „Das Team“ für 2020 bereits ausgeschöpft? Mit diesem Dortmund-Krimi sind wir viel besser klargekommen als der durchschnittliche bewertende Nutzer der Plattform „Tatort-Fundus“, vielleicht wird das beim Traum- & Heulkrimi im Schwarzwald, dem auch „Filmstarts.de“ einen schwierigen Stand vorhersagt, ebenso sein. Kein Wunder, bei einem Film, der wirken soll, als wolle er den Untergang des Abendlandes wieder einmal heraufbeschwören.

Zum Abschluss haben wir bei Tittelbach.TV nachgeschaut. Thomas Gehringer vergibt sehr gute 5/6 und klärt uns auf: „Ich hab im Traum geweinet“ ist ein 200 Jahre altes Lied und der Text stammt von niemand anderem als von Heinrich Heine. „Für immer und dich“, auch ein Schwarzwaldtatort-Titel, ist auch der eines Songs von Rio Reiser. Obwohl wir uns mit ihm zuletzt wegen des „Housing Action Day 2020“ befasst hatten – Überraschung: Das Abendland lebt! Das wird sicher wieder ein feiner Kritiker-Tatort, heißt, der rechtslastige Teil des Publikums schäumt wie frischfalsch Gezapftes. Über.

TH

Handlung

Fasnet im Schwarzwald. Ausnahmezustand, auch für Kommissare. Franziska Tobler und Friedemann Berg lassen sich mitreißen, treiben durch Umzüge und Kneipen. Allerdings werden sie auch an einen Tatort gerufen: Philipp Kiehl, der seine Frau Elena zu einer Schönheits-OP in den Schwarzwald begleitete, liegt erschlagen in seinem Hotelzimmer. Den Abend seines Todes, soviel ist bald klar, verbrachte er mit Romy Schindler.

Romy ist heute Krankenschwester in der Schönheitsklinik, hat einen kleinen Sohn und lebt mit dem Arzt David Hans zusammen. Früher arbeitete sie im Escort und Kiehl war einer ihrer Kunden. Er hatte Romy überredet, ihn im Hotel noch einmal zu treffen. Nur ein ausgelassener Abend, ein spontaner Impuls, beteuert Romy Schindler gegenüber den Kommissaren. Was ihm nichts ausgemacht habe, versichert David Hans. Aber beide sind verdächtig und der Druck auf sie und ihre Beziehung wird immer größer.

Besetzung und Stab

Hauptkommissar Friedemann „Frieda“ Berg – Hans-Jochen Wagner
Hauptkommissarin Franziska Tobler – Eva Löbau
Staatsanwältin Kirchner – Silke Bodenbender
Ex-Prostituierte Romy Schindler – Darja Mahotkin
ihr Partner Dr. David Hans – Andrei Viorel Tacu
Davids Mutter Andrea Hans – Susanne Bredehöft
Romys ehemaliger Freier Burk Giebenhain – Ronald Kukulies
Romys ehemaliger Freier Philip Kiehl – Andreas Döhler
seine Ehefrau Elena Kiehl – Bibiana Beglau
Karl Brambach – Jean-Luc Bubert
Schönheitschirurgin Dr. Herzog – Franziska Hartmann
Wirt – Julian Sark
Sandra – Sylvana Seddig
Ari – Saro Emirze
u.a.

Drehbuch – Jan Eichberg
Regie – Jan Bonny
Kamera – Stefan Sommer
Szenenbild – Julia Maria Baumann
Schnitt – Saskia Metten
Ton – Tom Doepgen
Kostümbild – Ulrike Scharfschwerdt
Musik – Jens Thomas

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