Die schwarzen Bilder – Tatort 308 #Crimetime 877 #Tatort #Düsseldorf #Flemming #WDR #Bilder #schwarz

Crimetime 877 - Titelfoto © WDR, von der Heydt

Pervers & krank oder lustig & laienhaft

Ich  wandle den Titel der Vorschau leicht ab, aber im Grunde hat es der Tatort-Fan, der so kommentiert hat, schon ganz gut auf den Punkt gebracht. Allerdings schrieb er auch etwas von langweilig. Das kann ich so nicht bestätigen. Denn ab einem gewissen Punkt wird es auch wieder interessant, vor allem, wenn man ohnehin schon so viel Zeit mit diesem wichtigsten fiktionalen Fernsehformat in Deutschland namens „Tatort“ zugebracht hat. Warum das so ist und etwas mehr zum Film steht in der -> Rezension.

Handlung

Professor Eschen, Leiter einer psychiatrischen Klinik, wird in seinem Wagen erdrosselt aufgefunden. In seiner Tasche befinden sich Flugkarten für ihn und seine Frau Marie nach Berlin.Bei ihren Recherchen im Umfeld des Toten stoßen Kommissar Flemming und seine Kollegin Miriam Koch auf desolate Familienverhältnisse: zwei abweisende Töchter, die auf makabre Weise auf den Tod des Vaters reagieren, eine tablettensüchtige Haushälterin und schließlich die Ex-Frau des Toten, die als Modedesignerin in Paris lebt, sich gerade zur Präsentation ihrer Kollektion in Düsseldorf aufhält und nicht im mindesten die Absicht hatte, Eschen nach Berlin zu begleiten.

Flemming kann sich der Faszination dieser Frau nicht entziehen, obwohl die Welt, in der Marie Eschen lebt, alles andere als die seine ist. Flemming beobachtet Maries vergebliche Versuche, sich ihren Töchtern zu nähern. Er findet schließlich heraus, daß ihre Trennung von Eschen eine Flucht war, Marie jedoch unter der Gewissheit leidet, ihre Kinder geopfert zu haben.

Marie präsentiert Flemming einen möglichen Täter: Dr. Tall, den Kollegen ihres Mannes, der in der Tat höchst verdächtig ist. Tall hatte illegale Experimente mit psyschisch Kranken durchgeführt und mußte damit rechnen, daß sein Partner ihn anzeigen würde, denn Eschen war im Besitz von Video-Kassetten, die diese Experimente dokumentierten. Doch da gibt es noch andere Kassetten aus dem Besitz des Verstorbenen, sehr private Filmaufnahmen, die Marie unbedingt vor Flemming verbergen möchte und die der Schlüssel zu einer Familientragödie sein könnten.

Rezension

Vielleicht musste Horst Schimanskis Nachfolger Bernd Flemming (Martin Lüttge) in etwa folgenden Passus im ARD-Vertrag unterschreiben, bevor er zum Tatortkommissar werden durfte: Anders als Ihr Vorgänger halten Sie sich strikt an die Drehbücher und spielen so, wie wir es gerne hätten, selbst wenn es eine Liebesszene ist, die Ihnen peinlich sein könnte.

Schimanski war ja nichts peinlich, wie wir wissen, aber Flemming ist ein ganz anderer Typ, gleichermaßen aufmerksam wie zurückhaltend und durchaus ein Teamplayer mit viel Sympathie für seine jungen Schäfchen Ballauf (spielt in „Die schwarzen Bilder“ bereits nicht mehr mit) und Miriam Koch. Sie sorgt auch für eines der beiden Highlights des Films. Ich schreibe nur: die Frau in Rot. Das ist wirklich süß gemacht, auch wenn Darstellerin Roswitha Schreiner für ein Laufstegmodel zu klein ist – aber von ihr wurden ja auch Fotos gefertigt, auf dem Catwalk hat man sie nicht gesehen.

Auch für den zweiten Höhepunkt ist eine weibliche Person verantwortlich: Katja Flint in der Badewanne, mit Flemming auf dem Rand sitzend, dann das Tuch reichend. Und dann – nun ja. Nun kenne ich alle Flemming-Tatorte, bis auf einen, glaube ich oder zwei, ich bin mir jedenfalls sicher, diese Liebesbeziehung zur Hauptverdächtigen in einem Mordfall war eine einmalige Angelegenheit, obwohl ich mich u. a. an eine Barszene kürzlich erinnere – ich kann nicht gut einschätzen, ob er ein Typ für bestimmte Frauen ist, aber ich finde ihn sympathisch.

So weit, so gut. Die Badszene ist leider auch die einzige, in der die Sprache zumindest einer darstellenden Person inspiriert und natürlichwirkt, vielleicht durfte Flint in diesem wertvollen Moment etwasf freier agieren. Ansonsten: Die schrecklichsten Dialoge ever oder doch beinahe. Ich müsste mal eine Liste mit Tatorten nach Sprachqualität machen und dazu die Bewertungen aufteilen: Plot, Sprache, Figuren etc. Aber das ginge zu weit, vor allem für ca. 1000 geschriebene Rezensionen rückwirkend. Außerdem zeigt sich wieder ein Phänomen, das entweder typisch für manche Drehbuchautor*innen ist oder mit der Kognition des Rezipienten zu tun hat: Am Anfang ist es besonders schlimm. Ich war nach fünf Minuten komplett genervt. Nach spätestens einer Viertelstunde aber begann es sich zu drehen. Ich kam in einem Modus, den sich Autor*innen oder Filmemacher vermutlich ebensowenig wünschen wie das Genervtsein der Zuschauer: Ich begann, den Film komisch zu finden genau dort, wo er sicher nicht komisch sein sollte. Also fast immer, denn gewollter Humor ist hier selten zu beobachten oder zu hören.

Anfangs hatte ich überlegt, die größten Klöpse in eine Sprachmail zu verfachten und diese Rezension damit anzureichern, aber es dann doch gelassen, denn sich daran zu delektieren, dass wirklich fast jeder Satz, den die Figuren sprechen, knapp oder weit neben dem liegt, was man erwarten darf und noch weiter neben dem, was Sprachgenies unter den Drehbuchverfasser*innen drauf haben, ist nicht immer mein Ding. Ein weiteres Phänomen schließt sich an, darüber muss ich ja auch noch ein paar Worte verlieren. Fast immer, wenn die Dialoge besonders hölzern oder gekünstelt wirken und die Schauspieler das auch wissen und man es ihnen anmerkt, dass sie damit keine gute Figur machen können, gibt es auch Probleme mit dem Plot. Heute ist die Regie oft in der Lage, diese Plotholes und Unglaubwürdigkeiten mit einer mächtigen Visualität und ebensolcher Musik zuzukleistern, man kommt kaum noch ins Nachdenken. So waren die Tatorte aber in den frühen 1990ern noch nicht. Sie waren oft geradezu rückschrittlich gefilmt, was bedeutet: Weniger versiert, ideenärmer als in den 1970ern. Auch Action wurde weitgehend gespart, wie in „Die schwarzen Bilder“, dadurch wurde Geld frei für einen Topshot auf Flemming, wie er aus seinem Dienstagen aussteigt. Meine Vermutung dazu: Man wollte unbedingt das damals neue Opel-Modell Omega II in Silber und mit Glasschiebedach auch mal – genau – von oben zeigen. Einen anderen Sinn konnte ich dieser Einstellung nicht abgewinnen.

Eine etwas aufwendigere Sequenz gibt es aber doch: Die Modenschau. Die Frau, die nach Paris gegangen war, kehrt zurück und zeigt, was sie dort als Designerin gelernt hat.  Das ist aber keiner der schrägen Teile dieses Films, Düsseldorf war vor dem Aufstieg Berlins nach der Wende, mit Großevents wie der Berlin Fashion Week, die Modestadt Nr. 1 in Deutschland – zumindest diejenige, in der die Fachmessen stattfanden. Dass über den Catwalk aber auch der Doktor läuft, der Experimente an lebenden Patienten macht und im Verdacht steht, seinen Freund und Kollegen umgebracht zu haben (der zweite wichtige Verdächtige), über ebenjenen Steg davonrennt und die Zuschauer*innen in dem Moment klatschen, als dächten sie, es läge eine geplante Showeinlage vor, das war mein Lacher das Abends. Ich glaube nicht, dass der Effekt beabsichtigt war, sondern der Applaus den Models gelten sollte, die gerade vorführten.

Spoiler voraus

Aber auch die Szene, in welcher er sich urplötzlich erschießt und dabei das Blut so furchtbar unnatürlich in Miriam Kochs Gesicht spritzt (nicht nur bezüglich der Art der Flecken, sondern auch, weil er sich, am Schreibtisch sitzend, in die Schläfe schießt, sie aber vor ihm steht), hat glücklicherweise nicht dazu geführt dass sein Darsteller Max Volkert Martens nie wieder ein Engagement bekommt, seine schwache Vorstellung im gesamten Film ist ihm nicht persönlich zugerechnet worden. Später wurde Martin Feifel der wichtigste Schauspieler für solche Rollen, er weist interessanterweise eine deutliche optische Ähnlichkeit mit Martens auf.

Die Wahrheit ist leider, dass es nicht um berufliche Auseinandersetzungen ging, sondern der andere Arzt, der Mordfall, der erschossene Kollege von Dr. Thall (Martens), dran glauben musste, weil er zuhause perverse Spiele mit seinen Töchtern veranstaltete, von denen eine tatsächlich Amanda heißt, die andere Julia. Dabei kamen Videos zustande, die jenen Aufnahmen von Patienten, die für Medikamententests verwendet werden, nicht ganz unähnlich sind, zumimdest kann man die Bildträger schon mal verwechseln, was ja auch geschieht. Der Raum mit den sechs oder acht Fernsehern im  Haus des Arztes, der sich dort seine Töchter anschaut – so schräg, sowas kannst du dir nicht ausdenken. Die Verfasserin des Drehbuchs hat es aber doch getan. Mit den heutigen Ganzwandgeräten wäre die Show viel billiger und in besserer Qualität zu haben, auch Perversion konnte also insoweit demokratisiert werden. Meine Befürchtung ist allerdings: Genau so läuft es in manchen Familien-Blackboxen.

Das Motiv der jüngeren Tochter, die sich schließlich als Mörderin herausstellt, ist also nachvollziehbar, zumal sie ja auch noch gegenüber der anderen zurückgesetzt wurde, aber das wird psychologisch überhaupt nicht ausgearbeitet und einem krassen Kinderzimmerdesign mit News-Laufbändern wie am New Yorker Times Square und weiten Gimmicks wie den schwarzen Bildern geopfert. Der Film ist schon schrill, aber deshalb noch lange nicht gut. Das kann ich bei der Gelegenheit ebenfalls auflösen: Die Bilder sind keine Kunstgegenstände oder zumindest nicht als solche beabsichtigt. Am Ende sprüht eines der Kids die Fernsehbildschirme mit schwarzer Farbe zu und natürlich ist das, was wir sehen, alles ein tiefer, sehr dunkler Abgrund. Das Kindermädchen wusste übrigens auch Bescheid, die Frau hingegen hat die Kinder dieser Situation überlassen, falls sie zum Zeitpunkt ihres Ausbruchs aus der Ehe schon bestand. Das erfahren wir nicht, wie leider die Art der Inszenierung fast jede Dramatik und jede Grausamkeit beinahe oder tatsächlich zur Lachnummer werden lässt.

Finale

Falls „Die schwarzen Bilder“ Betroffenheit über das wirkliche Wesen der Psychiater und das Schicksal ihrer Patienten oder Familienangehörigen auslösen sollte – Thema verfehlt, und das ist eigentlich ganz gut. Gleichermaßen entstand bei mir kein Mitgefühl mit Opfern, weil sie dafür viel zu wenig kenntlich wurden. Die Peinigungen ebenso wie die Figuren selbst. Warum das gut ist? Eine glaubwürdige Darstellung hat immer die nicht immer positive Eigenschaft, dass sie geglaubt wird, unabhängig davon, ob sie der Realität entspricht, was eben dann nicht positiv ist, wenn sie nicht der Realität entspricht, aber beim Publikum eine Authentizitätsvermutung aufkommt, wie seinerzeit bei den Hitler-Tagebüchern oder jetzt bei den vielen Fake News des digitalen Zeitalters.

Wegen „Die schwarzen Bilder“ aber braucht sich die Zunft der Seelenforscher aber keine Gedanken um ihr Renommee zu machen, auch nicht, wenn sie in Bezug auf Psychopharmaka sagen: „Alle wollen doch die bestmögliche medzinische Betreuung, aber getestet werden darf nicht?“ Die bestmögliche Versorgung ist nach unzähligen Gesundheits-„Reformen“ sowieso für die meisten Menschen nicht mehr gewährleistet oder nur gegen hohe Zuzahlungen – also nicht gewährleistet.

Und das, was wir auf den „Test am lebenden Menschen“-Videos sehen, ist mehr als fragwürdig, weil man schon vorher bei – sorry! – Tierversuchen festgestellt hätte, dass diese Arznei eine dermaßen tödliche Katastrophe ist. Für Katja Flint und den etwas beschämten Fleming und die Frau in Rot eine kleine Aufwertung, daher noch

5,5/10.

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Vorschau: Krank und dreckig oder unglaubwürdig und langweilig

Wieder einmal hatte ich das Gefühl: Den Titel kenne ich doch! Also ab zur Recherche, aber keine Rezension gefunden. Es gibt aber noch eine andere Möglichkeit: Bei der Durchsicht der Ranglisten des Tatort-Fundus fiel mir wohl spätestens beim Schreiben über „Herz As“ auf, dass „Die schwarzen Bilder“ exakt darüber steht, als zweitschwächster Flemming-Tatort angesehen wird. Auch beim Lesen der Handlung verfestigte sich dieser Eindruck, denn Flemming und eine Liebesgeschichte, an so etwas konnte ich mich nicht erinnern. Sein Assistent hat Max Ballauf, dem sowas passierte, unter anderem in dem ergreifenden „Direkt ins Herz„, hat es auch nicht von Flemming gelernt, denn als der Fall mit den schwarzen Bildern sich zutrug, war Ballauf nicht mehr im Düsseldorfer Team, sondern schon in den USA – was die Tatortgemeinde unterschiedlich aufgefasst hat, überwiegender Tenor aber, sofern sich die Fans äußerten: Max fehlt eher, als dass er nicht fehlt.

Einer der Fundus-Nutzer schrieb zu „Die schwarzen Bilder“: Die 90er-Tatorte waren krank und dreckig. Bester Flemming-Tatort“ und vergab 10 Punkte. Zwei weitere Nutzer*innen optierten ebenso, das Meinungsbild sieht im Ganzen aber nicht so gut aus. Ich finde die zitierte Bemerkung deshalb bemerkenswert, weil sie etwas hervorhebt, was bei 1990er-Tatorten erste einmal auf die Ebene des Bewusstseins gehoben werden muss, wenn der bisherige Spin eher war: Man trat stilistisch-inhaltlich irgendwie auf der Stelle, zumindest in der ersten Hälfte des Jahrzehnts und bis ebenjene Kölner Ballauf und Schenk kamen – bzw. bis Ballauf nach NRW zurückkehrte -, was damals in vieler Hinsicht den Tatort nach vorne brachte.

Aber der Nutzer hat recht: So versiert die Bildsprache heute auch sein mag, so viel schneller das Tempo, so viel mehr Gewalt man sieht: In gewisser Weise sind die Filme heute viel korrekter und stromlinienförmiger. Kuddelmudel und moralische Fragwürdigkeiten werden auf eine so manipulative Weise dargeboten, dass man sich kaum wehren kann, während in den 1990ern noch das Betrachten und sich mal am Kopf kratzen und evtl. den Kopf schütteln kein Problem darstellte. Die Filme waren nicht so gejagt von sich selbst wie heute und erlaubten sich manche Entgleisung, die auf eine ganz andere Art geschmacklos war als die heute manchmal total überzogenen Darstellungen des unbedingt Gewollten. Viele Fans wollten offenbar nicht sehen, dass Flemming in einer Lovestory steckt, aber ich rate mal: Das wird eh nix. Also nur die Ruhe und soll nicht wieder vorkommen. 

Die Wiederholung findet am 24.11.2020 im Dritten des WDR statt und ist beinahe ein Mitternachtsfall – um 23:45 Uhr geht’s los. Ich werde aufzeichnen und meine Meinung hier zum Besten geben. 

TH

Kriminalhauptkommissar Flemming Martin Lüttge
Miriam Koch Roswitha Schreiner
Marie Eschen Katja Flint
Julia Vanessa Sobolewski
Amanda Lara Körner
Carlotta Heide Simon
Sonja Marlen Breitinger
Dr. Tall Max Volkert Martens
Regie: Erwin Keusch
Buch: Susanne Schneider
Kamera: Dietmar Koelzer
Musik: Andreas Köbner
Ausstattung: Anette Reuther

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