Variante Tramper – Polizeiruf 110 Episode 126 #Crimetime 878 #Polizeiruf110 #Polizeiruf #DDR #Fuchs #Grawe #Tramper #Variante

Crimetime 878 - Titelfoto © Fernsehen der DDR / ARD

Der Tramp hat’s allezeit schwer

Wenn wir einen Film mit Renate Blume sehen, müssen wir unweigerlich an den großartigen „Der geteilte Himmel“ von Konrad Wolf denken, mit dem sie 1964 bekannt wurde. Allerdings sind 25 Jahre eine Zeit und es ist schon eine Zeit her, dass wir dieses Meisterwerk angeschaut und rezensiert haben. Um es nicht auf die lange Bank zu schieben: Mit einem Film aus der besten Zeit der DEFA können die Polizeirufe in der Regel nicht mithalten, auch wenn einige von ihnen hochinteressant sind und fast alle Topschauspieler der DDR irgendwann in einem oder mehreren Filmen der Reihe mitgewirkt haben. Wir sind nun fast am Ende dieser Reise angekommen, denn „Variante Tramper“ hatte im Februar 1989 Premiere. Wie war der Polizeiruf, zehn Monate vor dem Mauerfall? Das und mehr klären wir in der -> Rezension. (1)

Handlung (1a)

Der junge Kai-Dieter Kutscher überfährt mit überhöhter Geschwindigkeit in einer Kurve ein Mädchen und begeht Fahrerflucht. Das Kind verstirbt noch am Unfallort. Eine Zeugin kann nur aussagen, dass der Fahrer jung war. Kai gesteht die Tat seiner Mutter Angela. Diese alarmiert ihren geschiedenen Mann Ralph Jonas, der den beim Unfall beschädigten Wartburg versteckt und Angela rät, den Wagen als gestohlen zu melden. Angela organisiert zudem Kais Abreise aus der Stadt. Er soll die nächste Zeit bei einer Tante auf dem Dorf wohnen, obwohl er sich lieber der Polizei stellen würde. Auf keinen Fall will Angela, dass ihr Sohn seine Zukunft verbaut und wegen des Unfalls nicht weiterstudieren kann.

Auf der Rückfahrt zu seiner jetzigen Ehefrau Helma Jonas sieht Ralph einen trampenden Punk am Straßenrand stehen. Er nimmt den jungen Mann mit, der sich als Jochen Pankaus vorstellt. Ralph bittet ihn, ihm kurz zu helfen, sein Boot zu Wasser zu lassen. Auf dem Seegrundstück lässt Ralph ihn jedoch mit einigen Flaschen Bier allein und ruft Helma an. Sie soll zum versteckten Unfallwagen fahren und mit ihm zu einem stillgelegten Bahnhofsgelände kommen. Hier setzt Ralph Jochen ab, da er plötzlich einen wichtigen Termin habe. Ein Regenschauer geht nieder und so hält Jochen das nächste Auto an, das auf dem verlassenen Gelände erscheint: Der Unfallwagen, den die verkleidete Helma fährt. Während der Fahrt, die an Jochens Haus endet, wechseln beide die Fahrerplätze. Am nächsten Tag wird Jochen verhaftet, stand das als gestohlen gemeldete Unfallauto doch vor seinem Haus im Parkverbot. Jochen ist nun verdächtig, den Wagen gestohlen und mit ihm den Unfall verursacht zu haben. Beweise dagegen hat er kaum, auch wenn Spuren im Gras zeigen, dass er getrampt ist, und er auch das Grundstück wiederfindet, zu dem Ralph ihn gebracht hat. Es gehört jedoch nicht Ralph, sondern dem alten Krebs, der bei der Beschreibung von Wagen und Fahrer sofort an Ralph denken muss. Er deckt ihn jedoch und beginnt, ihn zu erpressen. Wenig später wird Krebs tot auf seinem Grundstück aufgefunden.

Jochen sitzt in Untersuchungshaft, wobei der Punk auch unter den Ermittlern mit Vorurteilen zu kämpfen hat. Vor allem Thomas Grawe erweist sich als sehr skeptisch bezüglich der Geschichten, die er erzählt. Jochen vertraut daher Peter Fuchs an, dass der Fahrer zunächst weiterfuhr, bevor er zurücksetzte und ihn mitnahm. Durch Hinweise von Nachbarn kommen die Ermittler schließlich auf Ralph, der von Jochen als Fahrer identifiziert wird. Jochen kann auch Helma als Fahrerin des Unfallwagens wiedererkennen. Helma gibt zur Überraschung der Ermittler an, Krebs erschlagen zu haben, der ihren Mann erpresst hatte. Auch der Unfallverursacher ist am Ende schnell ermittelt: Gegen den Willen seiner Eltern stellt sich Kai freiwillig der Polizei, weil er die Taktik seiner Familie zu seinem Schutz emotional nicht mehr verkraftet und mit der Schuld nicht leben kann.

Rezension

Dem lustigen oder auch miesepetrigen Wandervogel wird meist nicht geglaubt. So kämpft Jochen Pankaus, der Mann in der etwas billig wirkenden Punk-Montur, einen großen Kampf, um die Polizisten davon  zu überzeugen, dass er das Mädchen nicht überfahren hat. Sein Darsteller Uwe Lach hat nicht einmal einen Wikipedia-Eintrag, erinnert aber ein wenig an Jürgen Vogel. Wie ist es, wenn man das Manipulationsopfer einer ganzen Familienblase wird, die nichts anderes im Kopf hat, als den Sohn vor einem Karriereknick zu bewahren, weil er ein Kind totgefahren hat und Unfallflucht beging?

Es ist nicht so selten, dass in Polizeirufen Frauen subtil oder auch auf eine ziemlich offensichtliche Weise zu den eigentlichen Urheberinnen – nicht der Verbrechen selbst vielleicht – aber wer weiß, die falsche Art der Erziehung, die zu delinquenten Kindern führte? – aber für viel unnötige Polizeiarbeit gemacht werden. Genauer: Es geht um Mütter, die ihre Söhne vor Strafverfolgung schützen müssen und ihre Männer, die Väter, manchmal dazu verpflichten, an dieser Vertuschung teilzunehmen. In Polizeirufen, die einige Jahre zuvor gedreht worden sind, kommt dann oft der Satz, der dem guten Hauptmann Fuchs (Peter Borgelt) so gut steht: „Hätten Sie mal der Volkspolizei vertraut!“. Tja. 1989 hat man sich mit sowas schon ziemlich zurückgehalten, das fällt in allen Filmen dieses Jahrgangs auf, die wir bisher gesehen haben. Es gibt kaum noch die Anrede „Genosse“ und es wird so ideologiefrei wie möglich gefilmt, denn der Wandel liegt in der Luft. Das war wohl schon 1988 so, denn die Filme brauchten, wie heute noch üblich, einige Monate bis ein Jahr, bis sie ins Fernsehen kamen.

Die DDR ist nicht urplötzlich implodiert, die innere Unruhe wuchs in den letzten Jahren des Systems. Sehr interessant, dass nach einer überwiegend melancholischen Phase, etwa 1985, 1986, noch einmal ein Ruck durch die Polzeirufe ging und nochmal die staatspolitische Karte gezogen wurde. Das hielt aber nach unseren bisherigen Erkenntnissen nicht so lange an und ein Polizeiruf wie „Variante Tramper“ hätte bis auf einige DDR-Spezifika, die nichts mit der Handlung zu tun haben, auch im Westen gedreht werden können.

Wir sehen neben Renate Blume, Peter Borgelt und Andreas Schmidt-Schaller, der den Oberleutnant Grawe spielt, auch Wolfgang Winkler – in einer zwielichtigen Rolle als Vater, der sich von seiner früheren Frau anstiften lässt, den Sohn  zu schützen und Renat Blume spielt die aktuelle Ehefrau, die einen Mitwisser ins Wasser stößt, der schlägt offenbar mit dem Kopf auf etwas Hartes und ist tot. Damit hat auch „Variante Tramper“ unter den Polizeirufen aus der DDR-Zeit, die wir bisher gesehen haben, ein Alleinstellungsmerkmal: In keinem anderen kam es zu gleich zwei Todesfällen. (2) In den meisten Polizeirufen wird gar niemand getötet und wenn es doch vorkommt, ist es meist keine Absicht.

Die Marschroute war klar: Mord und Totschlag sind im Sozialismus Ausnahmedelikte. Auch in „Variante Tramper“ handelt es sich zunächst um eine fahrlässige Tötung, beim zweiten Fall war uns nicht ganz klar, ob Vorsatz vorliegt oder was immer die Frau damit bezweckte, dass sie den alten Bösling Opa Krebs (Joachim Tomaschewski) vom Steg stieß. Nur durch eine kalte Dusche hätte er wohl kaum davon abgelassen, Ralph Jonas (Winkler) zu erpressen. Ihn hatten wir zuletzt in „Am Abgrund“ sehen dürfen, weil der MDR derzeit nicht nur den Jahrgang 1989, sondern auch 1979 wiederholt – Winkler war vom Typ das perfekte Opfer der Umstände, obwohl er in „Variante Tramper“ deutlich mehr kriminielle Energie beweist als in „Am Abgrund“, wo er gar keine zeigt, sondern zu Unrecht in Verdacht gerät. Wie es weiterging, wissen wir: Mit Jaecki Schwarz zusammen war er als Team Schmücke / Schneider 17 Jahre lang und in 50 Fällen der Reihe Polizeiruf 110 zu sehen, die in die Nachwende-Ära fallen.

Für eine Sozialstudie ist „Variante Tramper“ nicht signifikant genug, die Milieus betreffend. Man hat es mit Normalbürgern zu tun, die plötzlich anfangen, sich in Schwierigkeiten zu bringen, nachdem sie viele Jahre lang ein unauffälliges Leben geführt haben. Das war sicher auch so gewollt – weil jedem von heute auf morgen etwas passieren kann, was die persönliche Lage sehr verändert. Selbst dann, wenn man an der Entstehung der Lage gar nicht beteiligt ist. Psychologisch sind viele Details durchaus stimmig – allerdings am meisten bei der Mutter, die den Vater einspannt, der wiederum seine jetzige Ehefrau ins Komplott gegen den Tramper einbindet. Da ist durchaus noch ein Nachhall zu spüren aus der Zeit, in der viel offensiver private Gefühlsduselei als Überbleibsel einer vorsozialistischen Zeit angeprangert wurde. Vor allem, wenn z. B. Mutterliebe zur Verdeckung von Straftaten führt. In Polizeirufen aus den ersten Jahren ist derlei gar nicht erst zu sehen, die Gesinnung der Straftäter*innen wird meist als ziemlich verwerflich und materialistisch dargestellt, allenfalls werden Schulden als Erklärung, nicht als Entschuldigung für ausgedehnte Beutezüge angeboten.

1989 aber sind alle in der Defensive. Es geht nur noch um die Abwehr drohenden Übels. Erst jetzt kommt uns der Gedanke, dass darin auch eine Metapher zu sehen sein könnte: Die Angst um die Zukunft der jungen Generation lässt die ältere panisch und illegal handeln. Nicht aber komplett kopflos. So schlecht ist die Idee nicht, den Tramper als Täter anzubieten. Die Ausführenden haben aber wohl nicht mit dem Kampfgeist des Verdächtig(t)en gerechnet, der die Polzei geradezu zwingt, es sich nicht zu einfach zu machen.

Finale

Aber wenn Peter Fuchs dabei ist, kann man sich darauf verlassen, auch als Verdächtiger in guten Händen zu sein. Der alte Meister und der jüngere Grawe, von dem wir mittlerweile auch ein recht gutes Bild haben, sind ein Team, das funktioniert. Grawe hat zwar nicht mehr ganz die ungebrochene Arbeitseinstellung wie die vorherige Generation, aber er kann sich richtig in Fälle hineinbeißen, exemplarisch gezeigt in „Der Kreuzworträtselfall„. Bei ihm hat das Ermitteln eher einen individuellen Touch und wirkt nicht so mit dem System verwachsen. Wir können mittlerweile auch festhalten, dass er in den letzten Jahren vor der Wende  zunehmend als Hauptermittler aufgebaut wird, Fuchs steuert manchmal nur noch im Hintergrund bzw. delegiert.

In „Variante Tramper“ ist das nicht der Fall, hier vernehmen beide und Fuchs wird die Ehre zuteil, dass der Tramper ihn vertrauenswürdiger findet als den jüngen der beiden Polizisten. Grawe muss in der Zusammenarbeit sowieso einiges einstecken, über die Jahre betrachtet, aber seine Zähigkeit und natürlich auch seine Fertigkeiten bringen ihn Stück für Stück nach vorne. Eine solche Entwicklung gab es bei den Tatort-Teams der damaligen Zeit selten, die mehr das Prinzip der permanenten Gegenwart gepflegt haben und dadurch statisch wirkten. Mittlerweile hat sich dies ein wenig geändert, doch die Polzeirufe sind auch heute in dieser Hinsicht ein Stück voraus.

Auch Regisseur Gerald Hujer hat keinen Wiki-Eintrag, er hat außer „Variante Tramper“ noch „Ihr fasst mich nie!“ und „Allianz für Knete“ gedreht. Der vorliegende Polizeiruf Nr. 126 fiel uns nicht durch ungewöhnliche formale Aspekte oder inhaltliche Besonderheiten auf, es fehlt ihm aber auch nichts, was sofort ins Auge springt. Eine durchschnittliche Produktion, abschließend geschrieben.

7/10

(1) Wir sind, Stand genau elf Monate nach dem Verfassen des Entwurfs dieser Rezension, immer wieder zurückgegangen in jene Zeit, denn mittlerweile hat der RBB die nächste Wiederholungstour gestartet und dabei auch Filme gezeigt, die der MDR ausgespart hatte – und die zu überraschenden Erkenntissen geführt haben. Bereits zuvor hatten wir in der ARD-Mediathek, die uns in heutiger Form seit November 2019 zur Verfügung steht, das eine oder andere Fundstück aus der frühen Polizeiruf-Phase entdeckt und gesichtet, das zuletzt nicht auf Sendung ging. Die zusätzlichen Rezensionen betreffen sowohl die „heißen Eisen“, die in Polizeirufen noch häufiger angepackt wurden als bisher gedacht, als auch die Stellung von Polizeileutnant Arndt, die ausgerechnet in einigen der Filme, die vom MDR im Jahr 2019 ausgelassen wurden, vergleichsweise stark herausgehoben wurde. Außerdem fehlten uns zu der Zeit noch die Episoden der Jahrgänge 1979 bis 1983 weitgehend.
(2) Jüngst haben wir „Schwere Jahre“ die 35-Jahre-DDR-Jubiläums-Doppelfolge gesichtet, darin ist der „Bodycount“ erheblich höher, respektive im ersten Teil das ist das so, im zweiten wird das, was 1946 geschah, aufgrund neuer Erkenntnisse im Jahr 1984 wieder ermittelt.

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Gerald Hujer
Drehbuch Klaus Jörn
Produktion Erich Biedermann
Musik Reinhard Lakomy
Kamera Winfried Kleist
Schnitt Margrit Schulz
Besetzung

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