Es geschah in einer Nacht (It Happenend One Night, USA 1934) #Filmfest 347 #Top250

Filmfest 347 A "Concept IMDb Top 250 of All Time" (21)

Es geschah in einer Nacht (Originaltitel: It Happened One Night) ist eine US-amerikanische Screwball-Komödie des Regisseurs Frank Capra aus dem Jahr 1934. Das Drehbuch entstand auf der Grundlage der Kurzgeschichte Night Bus von Samuel Hopkins Adams. Mit dieser Produktion gewann erstmals ein Film Oscars in den fünf wichtigsten Kategorien.

Nun hatte ich die Gelegenheit, „Es geschah in einer Nacht“ anzuschauen, in der deutschen Synchronfassung von 1979 und für 3,99 Euro als Mietfilm in HD. Damit löst der vorliegende Text die Empfehlungsrezension ab, die wir vor einigen Monaten veröffentlicht haben. Wie war es mit der ersten aller Screwball-Comedies? Darüber steht mehr zu lesen in der -> Rezension.

Handlung

Die Bankierstochter Ellie Andrews befindet sich im Streit mit ihrem schwerreichen Vater, der ihre kürzlich geschlossene Ehe mit dem windigen Lebemann King Westley auflösen lassen will. Mr. Andrews sperrt Ellen auf seiner Yacht in Florida ein, doch sie kann entkommen und will nun per Bus zu King Westley nach New York City reisen. Unterwegs lernt sie den arbeitslosen Zeitungsreporter Peter Warne kennen, der Ellen erkennt und sogleich die Chance wittert, die neue Bekanntschaft für seine beruflichen Zwecke zu nutzen. Ellie, die nach einem Diebstahl ohne Geld und Kleidung dasteht, willigt ein, Peter exklusiv einen laufenden Bericht über ihre Flucht zu geben, wenn er ihr bei der Flucht nach New York hilft. Während der Fahrt mit einfachen Menschen im Bus lernt Ellie auch die Not in der Great Depression kennen.

Ellens Vater versucht inzwischen mithilfe von Privatdetektiven, Zeitungsanzeigen und Geldbelohnungen seine Tochter aufzustöbern. Als Oscar Shapeley, ein belästigender Busreisender, Ellen erkennt und die Belohnung einstreichen will, müssen sie und Peter sich weiter per Anhalter durchschlagen. Ellen benutzt dabei ihre attraktiven Beine, um die Autofahrer zum Anhalten zu bringen. Ein Autofahrer versucht Ellens Koffer zu stehlen, doch Peter kann ihn davon abhalten und nimmt das Auto des Diebes. Nach anfänglicher Abneigung kommen Ellen und Peter einander immer näher. Kurz vor Ende der Reise gesteht Ellie Peter ihre Liebe, der zunächst auf Grund ihrer Ehe mit Westley zögert. In der folgenden Nacht fährt er jedoch nach New York, um Vorkehrungen für eine gemeinsame Zukunft zu treffen. Als Ellie bemerkt, dass Peter verschwunden ist, nimmt sie an, er habe sie verlassen, und kehrt zu ihrem inzwischen nachgebigen Vater zurück. Gemeinsam mit ihm plant sie die kirchliche Hochzeit mit Westley.

Sowohl Ellie als auch Peter können jedoch einander nicht vergessen. Als Peter am Hochzeitstag bei Mr. Andrews erscheint, bietet dieser ihm die Belohnung für seine Tochter in Höhe von 10.000 US-Dollar – Peter will diese allerdings nicht und verlangt nur 39,60 Dollar, die Ellen ihm noch von der Reise schuldet. Mr. Andrews zeigt sich von dem fehlenden Interesse an der Belohnung beeindruckt und sorgt dafür, dass Ellen von der Hochzeitszeremonie zu Peter fliehen kann. Ihr Vater zahlt Westley eine Abfindung und lässt die Ehe nun doch annullieren, sodass schließlich Ellie und Peter heiraten können.

Rezension

Ich finde nicht unbedingt, dass „Es geschah in einer Nacht“ die erste Screwball-Comedy ist, wenn es darum geht, schnellen Wortwitz auf die Leinwand zu bringen und auch nicht die rasanteste – aber er verknüpft Romantik, Humor und eine humanistische Grundeinstellung. Diese Synthese, die Frank Capras Filme besonders auszeichnet, sichert ihm anhaltende Popularität. Nicht überall, wie wir sehen werden, außerdem ist er seit unserer Empfehlungsrezension in der IMDb Top 250 wieder um einen Platz gefallen – das Ende seiner Karriere in dieser Liste rückt also näher. Ich möchte nun verschiedene Anmerkungen anderer mit meinen Beobachtungen von gestern Abend abgleichen und dabei ein wenig mehr über die Hintergründe des Films erzählen.

Die Probleme bei der Besetzung für den Film waren legendär. Die weibliche Hauptrolle wurde von Margaret SullavanConstance BennettMiriam Hopkins und Carole Lombard abgelehnt. Angeblich wurde auch versucht, die junge Bette Davis zu gewinnen. Claudette Colbert nahm die Rolle nur an, weil man ihr das Doppelte ihrer üblichen Gage bei Paramount und eine Drehzeit von maximal vier Wochen zusicherte. Ähnlich schwierig war es, den männlichen Part zu besetzen. Robert Montgomery, die erste Wahl, lehnte dankend ab. Angeblich soll Clark Gable von Louis B. Mayer persönlich dazu gezwungen worden sein, die Rolle anzunehmen. Damit sollte, so die Gerüchte, Gable für sein aufsässiges Verhalten bei MGM bestraft werden.

Sicher hätten die oben genannten Schauspielerinnen in „Es geschah in einer Nacht“ auch eine recht gute Darstellung abgeben können, aber Clark Gable ist nach meiner Ansicht konstitutiv für den Erfolg, mir fällt spontan kein gleichwertiger Ersatz ein. Nun ja, Cary Grant vielleicht, aber er ist für ein Werk, das auch Klassenunterschiede deutlich macht, vielleicht etwas zu gentlemanlike – schon damals gewesen? Man muss aufpassen, dass man nicht seine spätere Aura zu sehr auf die ersten Jahre seines Schaffens überträgt. Jedenfalls war Gable damals ein Top-Star und wurde von MGM an das wesentlich kleinere Studio Columbia Pictures ausgeliehen. Seine Karriere konnte, im Gegensatz zu der von Claudette Colbert, keinen so großen Schub erfahren, weil er bereits oben auf der Leiter stand. Warum viele Schauspieler*innen es ablehnten, in dem Film mitzuwirken? Vielleicht, weil Columbia für ihren rauen Umgang mit den Stars bekannt war, vielleicht auch wegen des Plots. Ich könnte mir vorstellen, dass er noch vor dem Einsetzen des Hays Codes in dem Jahr, in dem der Film entstand, geschrieben und danach angepasst wurde. Zum Beispiel mit den legendären Bettdecken, aufgehängt an einer Wäscheleine in der Mitte von Zimmern kleiner Hotel-Bungalows.

Und immerhin gibt es noch die Szene zu sehen, in der Ellie ihren Rock anhebt, um Peters  Versuche, als Tramper zu reüssieren, auf ihre Weise ad absurdum führt. Aber wenn wir etwas genauer hinschauen: Sie beweist nicht, dass Bein zeigen erfolgreicher ist als gekonnte Arm- und Daumenstellungen zu verwenden, denn der Typ, der anhält, um die beiden Gestrandeten mitzunehmen, ist ein Landstraßenräuber, der es darauf abgesehen hat, Menschen ihre schmale Habe zu entwenden. Er hätte wohl auch gestoppt, wenn Peter anstatt Ellie am Straßenrand gestanden hätte – vielleicht nicht so plötzlich, dass das recht Hinterrad blockiert.

In einer Kategorie ist „It Happened One Night“ ohnehin kaum schlagbar: Als Roadmovie. Man sieht bis heute, dass Menschen in solchen Filmen unterschiedliche Autos benutzen, aber selten, dass sie zwischenzeitlich auch in einem Bus fahren, im Grunde stellt dies sogar die Grundform der Fortbewegung von Miami nach New York dar, die wir hier sehen. Dadurch ist viel soziale Interaktion möglich und sie gipfelt in dem zunächst von einer mitreisenden Band, dann von allen Passagieren gesungenen Lied vom Trapezkünstler. Nicht nur an dieser Stelle ist der Film wunderbar liebevoll seinen Figuren gegenüber und auch in einer Welt, in der es damals alles andere als rosig zuging, was nicht verschwiegen wird. Da kollabiert eine vom Leben gestresste Mutter nach dem Unfall des Busses, weil die Fahrkarten für sie und ihren halbwüchsigen Sohn so teuer waren, dass sie sich nichts mehr zu essen leisten konnten, sie müssen aber unbedingt nach New York, weil sie dort auf Arbeit hoffen dürfen.

So etwas sieht man in Screwball-Komödien selten und es wäre einige Jahre später auch nicht mehr so glaubhaft gewesen. Auch die Massenduschszene zeigt alles andere als Hollywoodschönheiten und es kommt dem, was Frank Capra den üblichen Verdächtigen im Komödien-Genre als Regisseur veraus hatte: Zum sozialen Blick. Freilich endet alles doch im Wohlstandsglück und eine Anklage wird an keiner Stelle des Films geführt. Es war, wie es war und die Menschen in den Kinosälen nahmen es auch deshalb an, weil man als einigermaßen cleverer Bursche, wie Peter, am Ende gerade dadurch, dass man nicht zu gierig ist, alles gewinnen kann.

Clark Gable gave the Oscar he won for his performance in this movie to a child who admired it, telling him it was the winning of the statue that had mattered, not owning it. The child returned the Oscar to the Gable family after Clark’s death (3).

Gable, der als netter, umgänglicher Mensch bekannt war (warum bloß die Suspension durch die MGM-Gewaltigen?), hat also das, was man im Film sieht – dort bringt er Ellie schließlich dazu, dem erwähnten Jungen Geld zu geben, obwohl die beiden Verliebten selbst sehr knapp bei Kasse sind – aufs reale Leben übertragen, und wirkt das nicht rührend? Außerdem hat Clark Gable besonders dazu beigetragen, dass die Looney Tunes von Warner so beliebt wurden:

Friz Freleng’s unpublished memoirs mention that this was one of his favorite films, and that it contains at least three things which the character „Bugs Bunny“ was based on: the character Oscar Shapely’s (Roscoe Karns) personality, the manner in which Peter Warne (Clark Gable) was eating carrots and talking quickly at the same time, and an imaginary character mentioned once to frighten Oscar Shapely named „Bugs Dooley.“ Other mentions of „Looney Tunes“ characters from the film include Alexander Andrews (Walter Connolly) and King Westley (Jameson Thomas) being the inspirations for Yosemite Sam and Pepé Le Pew, respectively (3).

Lediglich Claudette Colbert scheint nicht zu einer Figur aus dem Universum von Bugs Bunny inspiriert zu haben, es mangelt daran allerdings grundsätzlich, anders als beispielsweise in Entenhausen. Dass es Situationen gibt, in denen ein Universum ohne Frauen Vorteile hat, zeigt sich anhand der Auflösung des Umstandes, der den Einsatz von Clark Gable in der Schauspieler-Strafkolonie Columbia und damit das Entstehen des Klassikers „Es geschah in einer Nacht“ erst möglich  machte:

Clark Gable was loaned to this film by MGM as punishment for his affair with Joan Crawford.

Er hatte also nichts weiter getan als eine Kollegin gedated,  nicht etwa den Rebellen gegeben, den er dann aber ein Jahr später in der MGM-Großproduktion „Meuterei auf der Bounty“ spielen durfte. Allerdings waren sowohl die Kollegin als auch er verheiratet und es wehte ein neuer Hauch von Moral durch Hollywood. Deswegen wird wohl auch in „Es geschah in einer Nacht“ die lyrische Umschreibung der Mauern von Jericho zwischen den beiden Betten der Verliebten verwendet, die Frank Capra erfunden haben soll. Am Ende wird die Trompete geblasen und die Mauern fallen, als die beiden endlich verheiratet sind. Von wegen, Alfred Hichtock hat Andeutungen dieser Art erfunden, als der Hays Code schon bröckelte und häufiger unterlaufen wurde, nämlich Ende der 1950er.

Aus der Empfehlungsrezension (Filmfest B) Nr. 237:

In der New York Times schrieb Mordaunt Hall 1934, dass Es geschah in einer Nacht ein guter Spielfilm sei, der mit fiebrigen Stunts, mit glänzendem Dialog und einer ausgewogenen Anzahl von relativ verhaltenen Szenen gesegnet sei.[4] Das Branchenblatt Variety stellte fest, dass „die Geschichte […] den nicht konkret bestimmbaren Reiz“ habe, „der aus einer ausgewogenen Mischung verschiedener Zutaten“ entstehe. Der Film sei „schwer zu analysieren, unmöglich […] zu reproduzieren“ und „einfach ein glücklicher Zufall“.[5]

Das Lexikon des internationalen Films urteilte: „Glänzend gespielt und inszeniert, vermag die mit geistreicher gesellschaftskritischer Ironie durchsetzte und erfrischende Hollywood-Komödie auch heute noch ausgezeichnet zu unterhalten.“[6] Auch Cinema beschreibt Capras Film als „immer noch bezaubernde Komödie“. Diese sei ein „Meisterstück mit zeitlos geistreichen Dialogen“.[7]

Der Film-Kurier titelte am Tag nach der deutschen Erstaufführung: „Triumph amerikanischer Lustspieltechnik“.[8] Joseph Goebbels war der Auffassung, man könne von diesem Film viel lernen; im Vergleich dazu seien deutsche Komödien wie Leichte Kavallerie oft unnatürlich und „zum Sterben langweilig“ (Tagebuch 17. Oktober 1935).

Wenn Lob vom Propagandaspezialisten kommt, muss etwas dran sein, aber das Unnatürliche an deutschen Komödien kam eben auch dadurch, dass das Volk in einem unnatürlichen Zustand war,  seit es die Nazis gewählt hatte. Die frühen Tonfilmkomödien, die bis etwa 1932 entstanden, waren oft gar nicht so schlecht und sehr musikalisch – das Problem stellte die Weiterentwicklung dar, und die war in den USA problemlos möglich, weil man die Great Depression, die im Film durchaus nicht verschwiegen wird, nicht mit dem Abgleiten in die Diktatur zu besiegen gedachte, sondern mit – in Maßen – mehr sozialem Denken, hohen Steuern für die Reichen und dem Vertrauen auf den Grundoptimismus einer Bevölkerung, die schon durch ihre Auswanderung aus vielen europäischen Ländern bewiesen hatte, dass sie bereit war, ein Risiko einzugehen, um ein besseres Leben zu gewinnen.

Aus dem Zauber, dass vielleicht nicht alles geht, aber doch vieles, speisen sich u. a. die Screwball-Komödien, die ich bisher gesehen habe. Nach den Beschreibungen zu „It Happened One Night“ dürfte dieser Film geradezu die Initialzündung für ein Genre gewesen sein, das – nun ja, seine Existenz einem glücklichen Zufall verdankt, wie oben zu lesen ist. Es war offenbar auch schwierig, das später zu steigern. Aus dem glücklichen Zusammentreffen verschiedener Umstände zog man aber die richtigen Schlüsse und es gab in späteren Jahren noch manche recht geist- und wortreiche Komödie mit wunderbaren Gags zu vermelden.

Es geschah in einer Nacht war 1935 der erste Film, der Oscars in den fünf wichtigsten Kategorien, den Big FiveBester Film, Beste Regie, Bestes Drehbuch, Bester Hauptdarsteller (Clark Gable) und Beste Hauptdarstellerin (Claudette Colbert) –, gewann. Seither ist dies nur noch Einer flog über das Kuckucksnest (1975) und Das Schweigen der Lämmer (1991) gelungen. Bereits 1934 wurde der Film mit dem Preis des National Board of Review in der Kategorie Bester Film ausgezeichnet und war für den Coppa Mussolini, den Hauptpreis der Filmfestspiele von Venedig, als Bester Film nominiert.

1993 wurde Es geschah in einer Nacht in das National Film Registry aufgenommen. Das American Film Institute wählte den Film 1998 bzw. 2007 in mehrere Listen: Liste der 100 besten amerikanischen Filme aller Zeiten (Ausgabe 1998: Platz 35; Ausgabe 2007: Platz 46), Liste der 100 witzigsten amerikanischen Filmkomödien aller Zeiten (Platz 8) und Liste der 100 besten amerikanischen Liebesfilme aller Zeiten (Platz 38).

Nicht zu vergessen der Grund, warum ich ihn hier schon platziere, obwohl noch keine eigene Rezension vorliegt: 8,1/10 von den Nutzern der IMDb und aktuell Platz 242. Das heißt allerdings auch, dass er Gefahr läuft, aus den Top 250 zu fliegen, wenn noch ein paar technische Monstrositäten in 3D hinzukommen. In unserer Schau der Top 250 aller bisherigen IMDb-Zeiten hätte er dann selbstverständlich auch seinen Platz sicher.

Als deutsche Rezension wollen wir noch empfehlen: Doreen Matthei, Testkammer, die auch die Wikipedia ähnlich konsequent auswertet, wie wir das gerne tun, aus dieser Publikation werden wir künftig im Rahmen des „Filmfest B“ auch zu neuen Filmen immer mal wieder eine Leseempfehlung aussprechen. In Gedenken an Roger Ebert schweife ich doch noch einmal ins Entstehungsland des Films und empfehle, was Michael Olesczyk auf dessen Plattform geschrieben hat. Ihm fiel unter anderem dieselbe Differenz zwischen einem wirklich gleichberechtigten Comedy-Paar auf und dem, was wir z. B. in „Die Frau, von der man spricht“ sehen kann. Aber Letzterer stammt ja auch nicht von dem großen Sozialromantiker Frank Capra.

Finale

„Es geschah in einer Nacht“ ist schön ausgewogen und hat einen alles in allem sympathischen Blick, aber ganz und gar auf Augenhöhe sind die Protagonisten nicht, obwohl das häufig geschrieben wird. Denn es ist Ellie, die sich letztlich anpassen muss, weil sie zuvor zu viel über die Stränge geschlagen und ihrem armen reichen Vater viel Kummer gemacht hat, mit ihrer Eigenwilligkeit. Sie setzt es sich in den Kopf, einen Stenz zu heiraten und wird immer wieder mit ihren eigenen Standesdünkeln konfrontiert – zum Beispiel, als sie glaubt, der Überlandbus würde auf sie warten. Eine der weniger logischen Stellen der Handlung, denn das wäre nur denkbar gewesen, wenn der Busfahrer von ihrem besonderen sozialen Status gewusst und diesen berücksichtigt hätte.

Die heutige Betrachtung könnte bestätigen, dass Identitätspolitik den Blick für die Klassengegensätze verstellt. Man hat viel Wert darauf gelegt, die schlagfertige Ellie als moderne Frau darzustellen – die Wahrheit ist aber vor allem, dass sie sich als verwöhntes Upper-Class-Kind vieles erlauben kann, bis Peter sie auf den Boden der Tatsachen holt. Es kommt interessanterweise in Filmen viel seltener vor, dass es umgekehrt läuft – und wenn, dann sind es eher ernste Werke, wie zum Beispiel Douglas Sirks „Die wunderbare Macht“ (1953), keine Komödien, die den Gegensatz zwischen den sozialen Schichten, wenn er denn vorkommt und nicht gleich alles in der „besseren Gesellschaft“ angesiedelt ist, wie etwa „Der dünne Mann“, ein weiterer Erfolgsfilm aus dem Jahr 1934, der immer noch sehr beliebt ist, wird eher komödiantisch eingesetzt. Nur Spezialisten fürs Soziale wie Frank Capra können da Momente echter Zuneigung auch zu den ärmeren Menschen implementieren.

Der Plot ist schön getaktet und gestaltet, es finden sich nur kleinere Momente, in denen die Logik ein wenig verloren geht und das Verhältnis zwischen Aktion und Dialog ist recht ausgewogen. Technisch ist der Film okay, aber nicht herausragend, auch nicht für die Verhältnisse von 1934, und man merkt, dass er z. B. nicht bei MGM entstanden ist. Es gibt auffällige Unterschiede bei der Gestaltung der Kontraste und der Belichtung zwischen unterschiedlichen, aber zeitlich eng zusammenliegenden Szenen und der Art, wie die unterschiedlichen Darsteller*innen abgelichtet werden, z. B. Claudette Colbert mit deutlich sichtbarem Weichzeichner. Ein Teil der Lebendigkeit und des stellenweise dokumentarischen EIndrucks von „Es geschah in einer Nacht“ rührt aber genau daher, dass er nicht zu sehr durchgestylt ist. Eine sehr gute Komödie, die für mich aber nicht an Meisterwerke wie „Manche mögen’s heiß“ heranreicht und auch nicht ganz an Werke, die ebenfalls in den 1930ern entstanden, wie meine Lieblingskomödie aus jener Zeit, die auch wesentlich screwballiger geraten ist, „Bringing Up Baby„. Diesem Film von Howard Hawks fehlt eindeutig der sozialverständige Touch, den das Capra-Werk hat, aber er ist die überlegen quirlige Komödie.

82/100

(1) Sowie kursiv und ohne Nummerierung Es geschah in einer Nacht – Wikipedia
(2) Es geschah in einer Nacht (1934) – Trivia – IMDb

Regie Frank Capra
Drehbuch Robert Riskin
Produktion Frank Capra für
Columbia Pictures
Musik Frank Churchill,
Louis Silvers
Kamera Joseph Walker
Schnitt Gene Havlick
Besetzung

 

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