Nachtfrost – Tatort 36 #Crimetime 948 #Tatort #Kiel #Finke #NDR #Nacht #Frost #Nachtfrost

Crimetime 948 - Titelfoto © NDR

Frostiger Rekordhalter mit Spitzenkommissar

„Nachtfrost“ hält bis heute einen Rekord, und der wird wohl für die Ewigkeit sein: Bei seiner Erstausstrahlung am 20. Januar 1974 erreichte er eine Zuschauerquote von 76 %. Man muss diese Zahl selbstverständlich relativieren. Es gab nur zwei Sender, und um die Quote richtig einschätzen zu können, müsste man wissen, was gleichzeitig im  ZDF gezeigt wurde. Dennoch ist die Zahl nicht wertlos, denn sie weist darauf hin, dass die Finke-Tatorte des NDR sehr beliebt waren – und heute noch sind. Unter ihnen, gemessen an der Durchschnittsbewertung der Nutzer des Tatort-Fundus gilt allerdings „Nachtfrost“ als eines der weniger profilierten Werke mit dem prägnant-zurüchaltenden norddeutschen Ermittler, die überwiegend von Wolfgang Petersen inszeniert wurden. Trotzdem gibt es selbstverständlich einiges zu diesem Film zu schreiben, es steht in der -> Rezension.

Handlung

Eine hübsche junge Frau wird in ihrem Appartement in einem tristen Kieler Mietshaus tot aufgefunden. Kommissar Finke und seine Mitarbeiter ermitteln rasch, dass die tüchtige und vermeintlich brave Verkäuferin Renate Plikat ein einträgliches zweites Leben als Callgirl geführt hat.

Unermüdlich verhören die Kriminalbeamten „Kunden“, Kollegen, Freunde und Bekannte des Mädchens, um den Täter zu ermitteln. Ahnten Renates Mutter und ihr Stiefvater Paul Strube wirklich nichts vom Zweitberuf ihrer Tochter? Wo sind die 20.000 Mark geblieben, die sie am Tag der Tat von der Bank abgehoben hatte, um die Boutique des eleganten Herrn Schippka zu kaufen? Welche Beziehungen unterhielt Renate zu dem Zuhälter Heiko Schulz? Was verschweigt ihr Freund, der Fabrikantensohn Bertram Schaarf, was verbergen seine Eltern?

Kommissar Finke stellt Fragen und prüft Indizien, ehe er in einer dramatischen Schlusshandlung den Schuldigen stellen kann.

2021-02-04 Crimetime 2021Rezension

Dem 36. Tatort fehlt nichts Wesentliches, im Gegenteil, er ist ein absolut klassischer Film der Reihe, der alle Muster zeigt, die für einen Tatort konstitutiv sind oder überwiegend ins Schema passen. Zum einen gibt es sofort eine Leiche und damit eben einen Tatort, das war in den ersten Jahren der Reihe nicht selbstverständlich. Damit sehen wir auch Kommissar Finke relativ früh in Aktion. Die Aktion selbst bestand seinerzeit hauptsächlich in Befragungen, denn DNS-Tests gab es noch nicht und, wie der blöde Zufall es im 36. Tatort wollte, keine brauchbaren Fingerabdrücke. Die hätten allerdings auch nicht zur Lösung geführt, angesichts der vielen Menschen, die bei der Frau Plikat ein- und ausgingen. Während des gesamten Films kommt es nicht zu einer weiteren Tötungshandlung, auch das ist sehr traditionell, und der Film ist ein Whodunit reinsten Wassers mit einer vernünftig konstruierten Handlung. Was uns negativ auffiel, war die Tatsache, dass der Stiefvater dort, wo Frau Plikat eine Zweitwohnung unterhielt, illegale Durckerzeugnisse anliefert, und das recht häufig, ohne zu wissen, dass seine Tochter in dem gemischten Gewerbe- und Wohnhaus Quartier genommen hat, ihr also nie begegnet. Unmöglich ist aber auch dies nicht.

Dass die Auflösung anhand der Zustände des Wasserhahns so lange hinausgezögert wird, weil Finke auch nicht mehr so denkschnell ist wie in seinen jungen Jahren, darf man getrost als dramaturgische Finte  betrachten. Allerdings ist es dem Zuschauer unmöglich, die erst durch das Telefonat mit dem Wasserwerk sichtbar werdende Lücke im Zeitschema des Todes-Nachmittags sozusagen per Ratespiel zu ermitteln und damit schlauer zu sein als Finke – weil zunächst niemand darauf kommen kann, dass Frau Plikat den Wasserhahn aufgedreht hat, um festzustellen, wann die Wasserwerke es wieder laufen lassen, damit sie sich endlich ihren Kaffee zubereiten kann. Heute könnte die Gerichtsmedizin vermutlich auch ihren Todeszeitpunkt genauer eingrenzen. Eine Spanne von bis zu sieben Stunden für den möglichen Zeitpunkt der Tötungshandlung ist mittlerweile nicht mehr präzise genug, auch wenn die getötete Person erst zwei Tage nach der Tat entdeckt wird.

Einige schräge Elemente wie der Nachtclub inklusive beinahe vollständigem Striptease, eine Boutique mit fetzigen Klamotten im expressiven Stil der Zeit, eine pfundig-betuliche Verfolgungsjagd zwischen einem Ford Mustang als typischem Zuhälter-Auto und einem vollbesetzten Polizei-VW gibt es auch, denn was wäre ein Petersen-Film ganz ohne Action. Die Schluss-Verfolgungsjagd im Wald ist dann hübsch aufwendig gestaltet, und weil man schon diesen Aufwand betrieben hat, auch ziemlich gedehnt worden – ohne dass uns dies gestört hätte. Mehr noch als andere Finke-Tatorte hat „Nachtfrost“ eine insgesamt sehr realistische Anmutung, und diese wird auch durch die penible Handlungsführung und die Alltäglichkeit der Figuren erzeugt.

Allerdings und vorrangig durch Finke selbst. Klaus Schwarzkopf spielt ihn so zurückhaltend und immer dann, wenn’s drauf ankommt, zupackend und auch mal genervt, das schon in der Behandlung, die den Verdächtigen durch ihn widerfährt, ein kleiner sozialer Kommentar liegt. Für uns ist er einer der am authentischsten wirkenden Tatort-Ermittler bis heute und der Kontrast zwischen seiner Bodenständigkeit und den Szenarien, die wir in seinen Fällen manchmal vorgeführt bekommen. Zuletzt hatten wir „Strandgut“ rezensiert, der auf Sylt spielt und ein herrliches Zeitbild abgibt. Von der Kommentierung der Zeitzustände (Sexwelle, Clubleben, halbprofessionelle Prostitution, Loddels wie aus dem Bilderbuch, Familien mit Geld, aber ohne emotionales Benefit und als System im Auseinanderfallen begriffen) macht natürlich auch „Nachtfrost“ Gebrauch, außerdem ist er stellenweise in recht gedeckten Farben gehalten, was z. B. bei den Szenen im Haus Schaarf den Eindruck von Schwere und bedrückenden Umständen verstärkt.

Was ihm ein wenig fehlt, ist die Atmosphäre, ist auch der humorvolle Anstrich, den der Zeitkommentar sich in manchen Finke-Filmen gibt. Die Ironie, mit der auf die Welt geblickt wird, ist in „Nachtfrost“ zwar nicht gänzlich außen vor, was im Umfeld der Prostitution und des Clublebens am besten deutlich wird, aber nicht so entschlossen in den Vordergrund gerückt wie in anderen Tatorten dieser Schiene, etwa in dem legendären „Reifezeugnis„.

Finale

Wer einen geradezu prototypischen Tatort sehen und dabei die unaufgeregte, reibungsarme Art und Weise genießen möchte, in der Wolfgang Petersen den Kommissar Finke arbeiten lässt, ohne von allzu viel Pracht und Kolorit abgelenkt zu werden, der ist mit „Nachtfrost“  gut beraten.

So richtig hineingezogen wird man nicht, was dem Umstand zu verdanken ist, dass hier doch sehr nüchtern auf Menschen geblickt wird – keine der Figuren reizt zur Identifikation und Finke ist ohnehin eher jemand, den man als Polizist zweifelsfrei akzeptiert, dessen Vorgehen man als sinnvoll und zielführend ansieht, aber man kann ihn nicht leicht ins Herz schließen, wie das bei heutigen Ermittlern immer wieder vorkommt, weil sie viel näher an den Zuschauer herangeführt werden als dieser Typ, der selbst für die Verhältnisse der 1970er-Tatorte recht hermetisch wirkt. Verschlossener als zum Beispiel der südwestdeutsche Kollege Lutz, der hier einen Gastauftritt hat.

Auch in „Nachtfrost“ ist dieses damals übliche Element wieder, wie zuletzt in „Kressin und die Frau des Malers“ bei Konrad, ziemlich herbeizitiert, weil der Plot partout keinen Ansatzpunkt bieten will, mit dem man ihn auf natürliche Weise, nämlich durch Kooperation bei der Ermittlungsarbeit, integrieren könnte – also muss eine Art polizeiinterner Kochkurs herhalten, und natürlich hat Finke keine  Zeit für den Kollegen. Die Szene mit den beiden ist leider einer der Schwachpunkte des Films.

7/10

© 2021 (Entwurf 2015) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Kommissar Finke – Klaus Schwarzkopf
Assistent Franke – Hans-Peter Korff
Assistentin Scheffler – Ursula Sieg
Bertram Schaarf – Marcel Werner
Hugo Schaarf – John van Dreelen
Frau Schaarf – Ulla Jacobsson
Herr Strube – Uwe Dallmeier
Frau Strube – Helga Bammert
Monika Schäfer – Sabina Zimmermann
Schippka – Wolf von Gersum
Heiko Schulz – Peter Lakenmacher
Kioskbesitzer Miesbach – Rudolf Beiswanger
Drucker Seibt – Jürgen Mikol
Dr. Lehmann – Jochen Schmidt
Kommissar Lutz – Werner Schuhmacher
Putzfrau Frau Voss – Marga Maasberg
Metz – Günther Heising
Renk – Kurt Klopsch
Hermes – Peter Frank
Gröhner – Rudolf Möller
Plöss – Peter Petran
Zeller – Hans Kahlert
Herr Gallner – Herbert Mensching

Drehbuch – Herbert Lichtenfeld
Regie – Wolfgang Petersen
Kamera – Jörg Michael Baldenius
Musik – Nils Sustrate

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