Der schlanke Tod – Polizeiruf 110 Episode 183 #Crimetime 989 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Halle #Schmücke #Schneider #MDR #Tod #schlank

Crimetime 989 – Titelfoto © MDR

Der Kampf mit den Pfunden führt nicht immer zum Gesunden

Die Schmücke-Schneider-Polizeirufe Nr. 1, 2, 4 und 5 sind bereits für den Wahlberliner rezensiert*, die Nummer drei folgt auf die vier, die Lücke im Feld der ersten fünf Halle-Tatorte schließt sich nun mit „Der schlanke Tod“. Das Thema des Films hat nichts an Aktualität verloren – der Kampf mit den Pfunden ist einer der härtesten, in einer Gesellschaft, in der das zu viel ganz verschiedene Ausdrucksformen kennt. Die typische Methode unserer Zeit, mit Problemen umzugehen, ist das Schlucken von Pillen. Es liegt also nah, auch das schlank werden auf diese Weise zu regeln. Wie das in Halle anno 1996 ablief, darüber steht mehr in der -> Rezension.

Handlung (Wikipedia)

Die Hallenser Kommissare Schmücke und Schneider ermitteln im Todesfall der Mitarbeiterin einer pharmazeutischen Firma. Ruth Baselitz, war nach einem Streit mit ihrem Chef und Lebensgefährten, Dr. Helmut Merten, von dessen Party und mit seinem Wagen verärgert weggefahren und erleidet einen tödlichen Verkehrsunfall. Da die Polizei keine Bremsspuren vorfindet, geht sie zunächst von Suizid aus. Ihre Kinder, Lena und Robert Baselitz, sind schockiert und erklären den Ermittlern, dass ihre Mutter nicht depressiv war. Ihrer Meinung nach kann nur Dr. Merten mit ihrem Tod zu tun haben, denn er wollte sich von seiner Partnerin trennen, da er sich mit seiner jungen Kollegin Dr. Kerstin Paslak eingelassen hatte. Nachdem sich herausstellt, dass die Bremsleitungen des Unfallautos mutwillig durchtrennt wurden, wird Merten zum Hauptverdächtigen. Spuren in dessen Garage deuten darauf hin, dass die Manipulation dort durchgeführt wurde. Er leugnet jedoch irgendetwas mit dem Unfall zu tun zu haben. Bei ihren Recherchen finden die Kommissare heraus, dass Mertens als Chef in seiner Firma nicht allzu beliebt war. Somit hätte der Anschlag auch durchaus ihm gelten können.

Lena Baselitz findet im Nachlass ihrer Mutter Unterlagen, wonach Merten ein noch nicht zugelassenes Präparat zur Gewichtsreduzierung an Patienten verabreicht hat und dabei möglicherweise eine Frau gestorben ist. Sie unterrichtet Kommissar Schmücke darüber, der sich daraufhin mit diesem Todesfall auseinandersetzt. Ein Sachverständiger erklärt ihm jedoch, dass es schwierig sein würde den Tod der Frau zweifelsfrei dem Medikament zuzuschreiben. So machen die Ermittler einen weiteren Patienten ausfindig, der sich bei Frau Dr. Kerstin Paslak in Behandlung befindet und ebenfalls das Präparat bekommt. Mit einem Trick verschafft sich Schmücke eine Blutprobe des Mannes. Er hofft damit beweisen zu können, dass Merten ein nichtzugelassenes Mittel herstellt und mit Hilfe von Dr. Kerstin Paslak illegal an Patienten verabreicht.

Robert Baselitz gesteht inzwischen, von Selbstvorwürfen geplagt, seiner Schwester, dass er es war, der die Bremsleitungen zerschnitten hat. Er wollte seine Mutter von dem tyrannischen Merten befreien und hatte nicht ahnen können, dass dieser sein Auto Ruth Baselitz anvertraut. In seinem Kummer erschießt sich Robert mit einer Pistole. Lena Baselitz eilt daraufhin zu Merten und will ihn für ihre Familientragödie büßen lassen. Sie bedroht ihn mit Roberts Pistole, doch ehe sie schießen kann, erscheint Kommissar Schmücke und verhindert einen weiteren Mord.

Rezension

Als der Nachtmarsch des Wehrpflichtigen Robert Baselitz so ausführlich erklärt wird, dachte ich erstmals: Der wäre doch ein guter Täter. Zu dem Zeitpunkt hatte man noch nicht so klar herausgestellt, welch große Abneigung er gegen Dr. Merten hegt. Roberts Schwester hingegen, glauben die Kommissare, kann es nicht gewesen sein. Was wir sehen, ist ein geplanter Mord, der die falsche Person getroffen hat, die Tat „irrt ab“ (aberratio ictus). Dabei spielt es keine Rolle, ob der Mord durch eine Aktion ausgeführt wird, die sofort zum Tod führen soll (Schuss auf die falsche Person) oder ob die Vorbereitungen so getroffen werden, dass der Erfolg erst später – ohne, dass weitere Tatausführungselemente hinzutreten müssen – eintreten soll (wie im hier vorliegenden Fall der Manipulation an einem Kraftfahrzeug). Strafrechtlich ist das ebenso brisant wie moralisch:

Die herrschende Meinung sieht die aberratio ictus stets als relevant an. Der Täter hatte seine Tat auf ein bestimmtes Ziel konkretisiert, dieses aber nicht getroffen. Demnach kann der Täter nicht wegen eines vollendeten vorsätzlichen Delikts bestraft werden. Bezüglich des getroffenen Objektes fehlt ihm der Vorsatz (§ 16 Abs. 1 StGB), bezüglich des anvisierten Objektes fehlt es am Erfolg. Somit kann der Täter nur wegen Versuchs hinsichtlich des anvisierten und gegebenenfalls wegen Fahrlässigkeit hinsichtlich des getroffenen Objekts bestraft werden.[1]

Robert hat also den versuchten Mord an Dr. Merten und die fahrlässige Tötung seiner Mutter zu verantworten. Es gibt Ansichten in der Literatur, die den Vorsatz (als bedingten Vorsatz = billigende Inkaufnahme) weiter fassen und ihm diesen auch bezüglich des Todes seiner Mutter zurechnen würden.

„Der schlanke Tod“ stößt also mitten hinein in ein Problem, in dem man moralische Aspekte strafrechtlich durch Abschichtungen beim subjektiven Tatbestand bei gegebener Kausalität zu lösen versucht. Etwas anders sieht es beim Handeln der beteiligten Mediziner aus. Handelt Frau Dr. Paslak mit bedingtem Vorsatz, nimmt also billigend den Tod ihrer Patienten in Kauf, weil sie um die Gefährlichkeit des noch nicht zugelassenen Medikaments weiß – oder liegt bewusste Fahrlässigkeit „wird schon (nicht) schiefgehen“ vor? Anhand dessen, was wir im Film sehen, nicht so einfach zu sagen. Als Ärzte hassender Staatsanwalt würde ich ihr natürlich Totschlag unterstellen. Die besondere Verwerflichkeit ihres Handelns als niedriger Beweggrund der Habgier könnte mich sogar dazu veranlassen, auf Mord zu plädieren. Bei Dr. Merten sowieso, bei dem dieses Motiv ebenfalls die Triebfeder seines Handelns darstellt. Dass er versucht, sein Tun von dem seiner Geliebten als ausführender Person, die das gefährliche Medikament an Patienten verabreicht, abzukoppeln, ist Quatsch – ob er nur Anstifter oder mittelbarer Täter ist, braucht hier nicht zu erörtert zu werden, da beide gleich bestraft werden.

Dieser Dr. Merten ist aber auch eine tolle Bösewicht-Figur. Dieter Wien, der ihn spielt, hat es wirklich drauf, dass man die Charaktere hassen kann, die er darstellt, weshalb er in vielen Polizeirufen und auch Tatorten in negativen Rollen zum Einsatz kam. An seine herausragende Vorstellung als Mann „In Maske und Kostüm“ (1978) als drittklassiger Artist, der sich selbst belügt, erinnere ich mich gut, sie ist auch um einiges differenzierter als die des Dr. Merten. „Der schlanke Tod“ ist, anders als jener Film aus den 1970ern, ein konventioneller Whodunit. Dadurch ist die Konzentration auf eine einzelne Figur nicht gleichermaßen möglich, wie wenn der Täter von Beginn an bekannt ist und die Handlung sich darum dreht, wie die Polizei ihm auf die Spur kommt.  An einer Stelle gibt es einen kleinen Patzer: Wer noch Zeit hat, die Augen zuzukneifen, bevor man ihm Wein ins Gesicht schüttet, kann auch den Kopf bewegen und ausweichen.

Die einzige Darstellerin, die mit der Präsenz von Wien als Dr. Merten einigermaßen mithalten kann, ist die junge Julia Richter als Tochter der getöteten Frau Baselitz – sie setzt vor allem ihre Stimme auffallend stark ein, womit ich nicht meine, dass ihre Figur gemäß Drehbuch hin und wieder ziemlich laut wird, aber das An- und Abschwellen der Emotionen von piano bis forte hat sie recht gut  hinbekommen.

Schneider ist ohnehin eher dezent, aber auch Schmücke tritt dieses Mal etwas mehr zurück als zum Beispiel im Nachfolgefilm „Die falsche Sonja“. Die beiden Filme habe ich innerhalb von 24 Stunden gesehen, daher basiert der Vergleich auf aktuellen Eindrücken. Beide Filme wurden von Polizeiruf-Routinier Thomas Jacob inszeniert, aber das Drehbuch von „Der schlanke Tod“ stellt Dr. Merten sehr stark heraus – In Sachen Tod durch Schlankheitspillen, der dem Film immerhin den Titel gibt, ist er ja auch Täter. Insofern muss ich ein wenig relativieren: Der dritte Schmücke-Schneider-Fall ist nur zum Teil ein Whodunit. Witzig die Szene, in der Schneider zu Schmücke sagt, anstatt den Mord an Frau Baselitz aufzuklären, beschäftige man sich nun bloß noch mit der Pillengeschichte. Genau das dachte ich wenige Sekunden zuvor und der Autor des Drehbuchs hat’s wohl ebenfalls bemerkt.

Auch wenn Geschichten von Wunderwaffen oder Wunderpillen immer etwas leicht SF-Mäßiges haben, ist der Plot also solcher überschaubar und halbwegs logisch. Die Identifikation mit den Kindern der Getöteten gelingt so einigermaßen, aber „Der schlanke Tod“ ist eher ein Beispiel dafür, dass man einer bösen Figur mit einer Mischung aus Abstoßung und Faszination folgt und unbedingt haben will, dass sie endlich ihre gerechte Strafe erhält. Ich war nach einiger Zeit genauso ungeduldig wie die Tochter von Frau Baselitz, weil Dr. Merten sich immer wieder aus der Sache herausgewunden hat. In dem Moment, als die Pillen analysiert sind, ist noch lange nicht alles klar, da man deren Kausalität für den Tod des ersten Opfers gemäß Aussage des Rechtsmediziners nicht einwandfrei feststellen können dürfte. Das hat mich etwas erstaunt, aber wenn man dadurch, dass man den Merten durch die Analyse seines Produkts noch nicht dingfest machen kann, den Film auf 90 Minuten bringen wollte, ist es auch okay. Seine berufliche Laufbahn wäre ohnehin zu Ende gewesen.

Finale

Was ich auch gelernt habe: Herbert 1 Schmücke und Edith wohnen noch gar nicht zusammen – sie kochen und frühstücken zusammen, daher lag es nah, das zu vermuten. Später wird Schmücke zu ihr ziehen und sie wird tun, was sich aufgrund des etwas erratischen Verhältnisses der beiden zueinander schon in den ersten Filmen als mögliches Ende der Kiste abzeichnet: Sie wird ihn rausschmeißen. Und natürlich nimmt sie auch von den Pillen. Die Theaterregisseurin in die Fälle einzubeziehen, war damals gerade eine Masche der Halle-Tatorte.

Der Plot hat auch ein paar witzige Elemente. Damit Schmücke ein Kunstgespräch mit einem Opernsänger führen kann, bringt er diesen dazu, Alkohol zu trinken, lässt ihn dann von der Polizei auf Blutalkohol checken und wenn einiges vorhanden ist, wird offenbar die Blutprobe möglich, die Schmücke von dem Mann, der die Pillen schluckt, unbedingt haben möchte. Zum Glück kam der beleibte Mann nicht auf die Idee, nach den Drinks lieber doch mit dem Taxi zur Oper zu fahren. Halle hat tatsächlich eine Oper.

7/10

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Thomas Jacob
Drehbuch Axel Götz
Produktion Matthias Deyle
Oliver Hengst
Musik Arnold Fritzsch
Kamera Wolfram Beyer
Schnitt Brigitte Hujer
Besetzung

*„Der Pferdemörder“
„Lauf oder stirb“
„Die falsche Sonja“
„Heißkalte Liebe“

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