Alibi für eine Nacht – Polizeiruf 110 Fall 48 #Crimetime 650 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #DDR #Fuchs #Subras #Alibi #Nacht

Crimetime 650 - Titelfoto © Fernsehen der DDR / ARD

Noch einmal mit Alibi – falsch!

Regisseur Hans-Joachim Hildebrandt hatte schon 1972 den Polizeiruf „Ein bisschen Alibi“ inszeniert, den achten Fall der Reihe. Schon damals hatte er das Drehbuch mitverfasst, beim Fall 48 war er nun sogar Alleinautor. Sind die Filme einander sehr ähnlich und was haben wir sonst noch mitzuteilen? Es steht in der -> Rezension.

Handlung

Elke Knaack heiratet im Winter Manfred Poser. Zur Hochzeit hat sie auch ihren erwachsenen Sohn aus erster Ehe, Thomas, eingeladen. Er zieht es jedoch vor, der Trauung fernzubleiben. Thomas hat ein enges Verhältnis zu seinem Vater Heinz und beide waren überrascht von Elkes Heiratsplänen, zumal sich Heinz und Elke erst vor einem Jahr scheiden ließen. Beide hatten zusammen in der Großgärtnerei der GPG Immergrün gearbeitet, deren Chefin Elke ist. Vor einem halben Jahr verließ Heinz die Produktionsgenossenschaft. Inzwischen ist er Leiter einer SERO-Annahmestelle und spricht rege dem Alkohol zu. Thomas, der noch bei Elke wohnt, soll nach ihrem Willen in die Wohnung von Manfred ziehen, die nach Manfreds Umzug in Elkes Haus nun leersteht. Der von seiner Mutter stets umsorgte Thomas glaubt, dass beide ihn loswerden wollen, und reagiert trotzig und unbeherrscht. Nach einem doppeldeutigen Vorwurf ohrfeigt ihn Manfred beim Abendessen und schmeißt ihn raus. Beim nächtlichen Kontrollgang durch die Gärtnerei bemerkt Manfred, dass die Räume nicht beheizt werden und der Wachhund der GPG in seinem Zwinger eingeschlossen ist. Als Manfred die Heizung andrehen will, kommt es zu einer Explosion, bei der er schwer verletzt wird. Er kommt mit Verbrennungen und Knochenbrüchen ins Krankenhaus. Oberleutnant Peter Fuchs und Meister Lutz Subras übernehmen die Ermittlungen.

Zunächst sieht alles nach einem Unfall aus. Das Überdruckventil war seit längerer Zeit defekt, aber Elke ging das Risiko ein, die Blumenräume dennoch beheizen zu lassen, da die Pflanzen sonst bei den winterlichen Temperaturen eingegangen wären. Sie übernimmt nun die Verantwortung für den Unfall, zumal ihr auch Heinz sagt, dass er Manfred auf den schlechten Zustand der gesamten Heizungsanlage aufmerksam gemacht habe. In Kürze sollte die GPG an ein neugebautes Heizhaus angeschlossen werden. Da Manfred im Krankenhaus noch nicht zum Hergang des Unfalls befragt werden kann, vernehmen Peter Fuchs und Lutz Subras zunächst Angestellte der GPG. Einer sagt aus, er habe in der Nacht ein Motorrad davonfahren sehen. Der Fahrer trug einen roten Helm. Es kann zudem ermittelt werden, dass ein Mensch in der Nacht über den Zaun in das GPG-Gelände eingedrungen ist. Da der Hund nicht anschlug, muss der Mensch dem Tier vertraut gewesen sein. Manfred wiederum hatte nach seiner Einlieferung ins Krankenhaus den Namen „Thomas“ genannt.

Elke vermutet, dass ihr Sohn nachts heimlich die Heizungsventile zugedreht hat, um sich an ihr und Manfred zu rächen. Sie will ihren Sohn decken und verschafft ihm ein Alibi. Sie und Heinz sagen aus, dass Thomas die gesamte Tatnacht bei Heinz war. Beide hätten getrunken. Elke kann zudem Manfred im Krankenhaus das Alibi verraten und auch Manfred deckt Thomas. Der arbeitet seit drei Wochen im Zoo und hat in der Tatnacht ebenfalls seine Arbeitsstelle aufgesucht und dort im Heu geschlafen. Da Manfred ihn rausgeworfen hatte, kommt Thomas zunächst bei seiner Kollegin Hannelore Weigel unter. Disziplin kümmert ihn nicht und so täuscht er vor, dass es ihm nicht gut gehe, während er in Hannelores Wohnung laut Musik hört, ein Vollbad nimmt und Wein in Massen trinkt. Die Ermittler hinterlegen im Zoo die Nachricht, dass sich Thomas auf der örtlichen Polizeidienststelle melden soll. Hannelore richtet ihm dies aus und Thomas fährt in der Nacht zu Elke. Sie berichtet ihm, welches Alibi er für die Tatnacht hat und auch Thomas gibt bei seiner Befragung durch die Polizei an, dass er in der Tatnacht bei seinem Vater war und beide getrunken haben. Die Befragung zieht sich bis zum folgenden Morgen hin, da die Ermittler wissen, dass Elke Thomas decken will. Elke wiederum reagiert aufgrund der langen Befragungszeit nervös und will ihre Falschaussage revidieren. Vorher jedoch sagt Thomas aus. Er hatte in der Nacht Unterschlupf in seinem Schuppen unweit des Elternhauses gefunden, als Manfred seine nächtliche Tour gemacht habe. Thomas habe sich vor ihm versteckt und sei anschließend fortgefahren. Die Ermittler hatten bereits von Hannelore erfahren, dass sie ihn früh im Zoostroh gefunden hatte. Thomas darf gehen. Er eilt zu seinem Vater, wo bereits die Polizei wartet. Da Thomas nicht die gesamte Nacht bei Heinz war, hat der für einen Teil der Tatnacht kein Alibi. Der Hund kannte auch ihn, Heinz war mit der GPG-Technik und ihren Schwächen vertraut – er ist dringend tatverdächtig.

Heinz geht zu Elke und will verhindern, dass sie bei der Polizei ihre Aussage widerruft. Er gesteht ihr, dass er der Täter war, und Elke reagiert verzweifelt, da sie ihren eigenen Sohn verdächtigte. Als Heinz gehen will, wird er von den Ermittlern bereits erwartet und festgenommen.

Rezension

Der Plotaufbau ist in der Tat ähnlich, aber der Ton ist deutlich anders als fünf Jahre zuvor. Wir haben von Hans Joachim Hildebrandt schon

gesehen. „Alibi für eine Nacht“ fügt diesen Filmen wieder eine andere Note hinzu. Es ist ganz offensichtlich, dass Hildebrandt zu den Regisseuren zählte, die keinen persönlichen Stil durchsetzen wollten, sondern sich am Thema und vielleicht auch an den Wünschen der Autoren orientierte. „Per Anhalter“, „Der Tod des Professors“ und „Heiße Münzen“ zählen wir zu den besonders gelungenen Polizeiruf-Produktionen bis 1977, aber alle drei haben verschiedene emotionale Farben und leben von unterschiedlichen Elementen. „Alibi für eine Nacht „ist sicher eine der gelungensten Darstellungen darüber, warum Jugendliche nicht „in die Spur“ finden, wie man das damals nannte, bis zu dem Zeitpunkt als der Film herauskam, „Der Tod des Professors“ freilich lebt von Erwin Geschonnecks großer Interpretation der Titelrolle – und „Heiße Münzen“ ist ein optisch gut gemachter und auch humorvoller Film. Die anderen Werke von Hildebrandt, die wir bisher gesehen haben (es werden noch einige bis 1987 gedrehte folgen), stechen weniger hervor – und „Alibi für eine Nacht“ ist für uns der bisher schwierigste, den Hildebrandt zu verantworten hat.

Sicher liegt es auch an Marianne Wünscher. Welch passender Name für eine Frau, die vor allem Figuren darstellt, die von und in Wunschträumen leben. In „Alibi für eine Nacht“ spielt sie nun schon zum dritten Mal eine Mutter, die alles durcheinanderbringt, weil die Liebe zum Sohn größer ist als die Wahrheitsliebe – und macht den Ermittlern damit viel Arbeit. Wünscher ist in diesen Rollen so gut, dass sich uns beim Zuschauen die Zehenägel einrollen, und wer will schon sowas? Man muss diese nicht einmal übermäßig naiven, aber immer extrem subjektiv handelnden, meist sehr zurückhaltenden, ja schüchternen und etwas beleibten Figuren verknusen können, sonst sollte man sich Polizeirufe, in denen Wünscher mitmacht, nicht ansehen.

In „Alibi für eine Nacht“ leitet sie immerhin einen Gartenbaubetrieb, zählt also zur Arbeiterelite – trotzdem will sie unbedingt ihren Sohn schützen, mehr gegen die materiellen Folgen der Heizungsexplosion als gegen die Strafverfolgung, weil dabei ihr neuer Mann verletzt wurde. Auch Erwin Berner als ihr Sohn Thomas ist nicht gerade der Typ, mit dem man sich leicht identifizieren kann. Erst zum Ende hin brachten wir ihm etwas mehr Verständnis entgegen – als festestand, was wir allerdings schon vermuteten: Dass er gar nichts mit der Explosion zu tun hatte, sondern dass diese vielmehr von Elkes Ex verursacht wurde, der sich in dem Betrieb auskannte, weil das Ehepaar dort lange zusammenarbeitete. Dass der Sohn es wohl nicht war, konnte man sich ausmalen, weil er zu sehr in den Mittelpunkt gerückt wurde. Aber auch der Mann rief bei uns keinen großen Überraschungseffekt hervor, denn eine dritte verdächtige Person gab es nicht – es sei denn, man rechnet die Variante hinzu, dass eine Havarie zu einem Unfall mit Verletzungsfolge führte.

Zunächst dachten wir, der Film will Kritik am maroden Zustand baulicher Anlagen von Gewerbebetrieben üben, das ist wohl auch so. Es dauert extrem lange, bis die großen Gewächshäuser  an ein neues Heizhaus angeschlossen werden, offenbar behalf man sich jahrelang mit einer Heizung, die immer wieder Ausfallerscheinungen zeigte. Ein zentrales Kritikthema gibt es auf sozial-wirtschaftlicher Ebene eher nicht, denn auch Alkoholismus wird thematisiert, inklusive Streit über das Huhn und das Ei: Hatte Elke sich von ihrem Mann getrennt, weil dieser trank oder fing er wegen der Scheidung an, zu trinken? Hatte das Treibhaus, in dem alle Beteiligten arbeiten, eine symbolische Bedeutung, wie im Poliruf „Das Treibhaus“ von 1990? Vermutlich eher nicht, es ist einer von vielen Staatsbetrieben und mal wird die eine, mal die andere Branche gezeigt, auffällig oft die Bauwirtschaft und noch öfters greift diese in die Existenz anderer Wirtschaftszweige oder von Privatpersonen ein.

Der Film ist weiterhin unangenehm, weil er bereits etwas von der Tristesse ausstrahlt, die wir vor allem bei den Jahrgängen 1984, 1985 als sehr ausgeprägt empfunden haben, ein melancholischer Grundton, der oft angesichts der Ereignisse auch seine Berechtigung hat. In „Alibi für eine Nacht“ geht aber alles gut aus, wenn auch nicht für den Ex-Mann von Elke Poser. Der Neue wird zurückkehren aus dem Krankenhaus, sich gewiss auch mit dem widerständigen Thomas aussöhnen, nach allem was passiert ist (die Ohrfeige!) und Elke Poser hat eben den falschen geschützt und dadurch Oberleutnant Fuchs und Meister Subras so viel Arbeit gemacht, dass ein für damalige Verhältnisse normal langer Polizeiruf von 71 Spielminuten dabei herauskam. Der Fall ist sehr einfach konstruiert und konzentriert sich auf das Verhältnis der Beteiligten zueinander.

Ganz gewiss spielt bei der Stimmung, die wir gespürt haben, eine Rolle, dass der Film im Winter gedreht wurde und es mal Schnee, mal Schneematsch und mal nur Matsch gab. Der Exmann von Elke leitet jetzt eine SERO-Annahmestelle, also einen Betrieb, der Rohstoffe zur Wiederverwertung einsammelt, und dort ist es besonders düster und matschig. Wenn der Mann durch den Dreck watet, kann man sich denken, wie es ihm geht und dass er vielleicht auch Dreck am Stecken hat. Das SERO-System soll übrigens einen höheren Wiederverwertungsgrad erreicht haben als das Recyclingsystem der BRD und bestand bereits seit den 1960ern, während in Westdeutschland erst 1975 die gesetzlichen Voraussetzungen u. a. für den grünen Punkt geschaffen wurden. Heute hat Deutschland mit 62 Prozent eine sehr hohe Recyclingquote, nur Österreich liegt in Europa nochmal um einen Punkt besser, mit etwas anderer Verteilung von Werkstoff- und organischem Recycling.

Aber ein Aufstieg war das SERO-Management wohl für den Mann nicht, der voher Primärrohstoffe verwendete, um daraus Pflanzen zu züchten. „Alibi für eine Nacht“ ist aufgrund des langen Verweilens der Kamera auf zerfurchten Gesichtern auch alles andere als rasant, wobei dieses Festkleben in Großaufnahme, hier besonders auffällig beim entsorgten Herrn Knaack, allgemein üblicher war als in neueren Filmen – ein ganz neuer Trend ist, dass das jetzt zurückkehrt, am liebsten mit beweglicher Kamera, die Gesichter regelrecht abtastet.

Finale

Dass wir „Alibi für eine Nacht“ besonders mochten, lässt sich nicht sagen. Er verwendet viele bereits bekannte Standards. Der eine oder andere Kritiker mag in der intensiven Bearbeitung der Figurenkonstellationen und in der Stimmungslage etwas für damalige Verhältnisse Neues erkannt haben, wir nehmen aber heutzutage eine retrospektive Sicht ein und erkennen an, dass dem Zuschauer hier nichts anderes übrig bleibt, als sich mit Figuren auseinanderzusetzen, die alle keine Verbrechertypen sind. Nach diesem Satz haben wir nun doch entdeckt, dass genau darin das Besondere des Films liegt. Bis zu dem Zeitpunkt war meist auch irgendeine recht gewissenlose Figur zugange, hier ist das überhaupt nicht der Fall, obwohl man bei Thomas anfangs nicht weiß, zu was er fähig ist, wenn dem verwöhnten Jungen etwas quer läuft. Womit auch die in den DDR-Polizeirufen durchaus nicht unübliche Kritik an zu naiver Erziehungsweise laut wird – es gibt allerdings, vor allem in späteren Jahren, auch einen genau gegenteiligen Spin, der den Wert strenger und formalistischer Erziehung in Frage stellt. Jedenfalls fängt man hier langsam an, sich mit dem Gegenstand auseinanderzusetzen.

6/10

© 2020 (Entwurf 2019) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Hans Joachim Hildebrandt
Drehbuch Hans Joachim Hildebrandt
Produktion Ralf Siebenhörl
Musik Lothar Kehr
Kamera Bernd Sperberg
Schnitt Silvia Hebel
Besetzung

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