Fremde Bettgesellen (Strange Bedfellows, USA 1965) #Filmfest 615

Filmfest 615 Cinema 

Echo aus der Vergangenheit

Fremde Bettgesellen (Originaltitel: Strange Bedfellows) ist eine US-amerikanische Filmkomödie aus dem Jahr 1965, mit den Hauptdarstellern Rock Hudson und Gina Lollobrigida

Wenn man sich  Filme wie diesen anschaut, meint man, ein Echo zu hören: Das Echo einer großen Vergangenheit. Für Rock Hudson begann sie in Melodramen und dann, geradezu schlagartig, im Komödienfach mit „Bettgeflüster“. Gina Lollobrigida ist ebenfalls ein erfolgreicher Star der 1950er gewesen. Mit Melvin Frank und Norman Panama hat ein versiertes Duo diese Komödie geschrieben und inszeniert. Aber wir schreiben das Jahr 1965, nicht 1959, und das macht einen Unterschied. Diesen und meSeltsame Kinogeschichten aus einer anderen Zeihr beschreiben wir in der –> Rezension.

Handlung

Der Ölmanager Carter Harrison kommt nach London und lernt durch ein Missgeschick die Malerin, Aktivistin und Bohémienne Toni kennen, die beiden velieben sich ineinander, heiraten umgehend und von da an geht’s bergab, weil sie vollkommen unterschiedlicher Ansicht in allen Dingen sind. Sieben Jahre später: Harrison kehrt als ein Mann nach London zurück, der für seine Firma viel gerissen hat in Arabien und soll eine ganz hohe Position bekommen, dazu aber muss er seinem konservativen Chef ein sauberes Familienleben nachweisen. Deshalb will Carter sich scheiden lassen, doch es kommt anders: Das Spiel von vor sieben Jahren wiederholt sich und am Ende reitet Toni als Lady Godiva beinahe nackt durch London.

Rezension

Der Eindruck nach dem Film? Die Zeit schreitet voran, aber viele Künstler, die in den 1940ern und 1950ern sehr erfolgreich waren, kommen nicht mehr mit. Die Mehrzahl der Größen aus jenen goldenen Hollywood-Jahren haben die Mitte der 1960er und die folgenden Jahre als Einschnitt und Krise erlebt, davon haben sich die meisten Filmschaffenden der klassischen Ära nie mehr erholt und nach einer künstlerisch sehr interessanten Zwischenphase übernahm eine neue Generation das Zepter, die heute noch tätig ist und viel besser klarkommt, weil es nach etwa 1975 keinen Einschnitt mehr, keine stilistisch und inhaltliche Neuorientierung mehr gegeben hat. Anlässlich der Veröffentlichung der Rezension im „neuen“ Wahlberliner müssen wir beifügen: Es zeichnet sich ein reibungsloser Wechsel ab, der bestätigt, dass es heute einfacher ist, auf Vorhandenem aufzubauen. Dafür gibt es eben kaum noch wirklich Neues, weil das Kino als Medium schon so arriviert und in seinen Entwicklungsmöglichkeiten vor allem inhaltlich an die Grenzen gestoßen ist. 

Das leitet uns konkret wohin? Der Film stammt von Melvyn Frank und Norman Panama, Komödien-Spezialisten, die unter anderem die „Road to…“-Reihe für Bing Crosby und Bob Hope konzipiert hatten. Aber schon „Road to Hong Kong“ aus 1961, den wir für den Wahlberliner rezensiert haben, war ein Beispiel dafür, wie der Schwung zu Routine geworden war und die Gags im Grunde immer dieselben.

1965 trat hinzu, dass es nach dem Kennedy-Mord in den USA einen erheblichen Umschwung bei den bevorzugten Genres und Stilen gab. Die leichten Komödien, die Rock Hudson mit Doris Day par Excellence auszuführen wusste, dieses klassisch-seichte, aber auch Wohlgefällige und Opulente war 1965 vorbei, viele Filmer haben das aber nicht gemerkt. Es ist auch leichter, es retrospektiv festzustellen, als wenn man mitten in der Arbeit steckt, die man seit vielen Jahren gut gemacht hat und leichter, Veränderungen zu fordern und anzustoßen, wenn man ein junger, ambitionierter Kritiker oder Filmemacher ist, der nur auf sich aufmerksam machen kann, indem er neue Wege geht. 

„Fremde Bettgesellen“ ist schon kein Spätfilm der Hudson-Komödienserie mit Doris Day mehr, sondern ein Nachhall auf bessere Zeiten und der Hauptdarsteller wusste das wohl – es war der letzte Film dieser Art, den er gemacht hat. Allerdings war seine Karriere damit auch über dem Zenit, denn nicht mit den Dramen von Douglas Sirk, in denen er zuweilen richtig gut war (am besten u. E. in „Was der Himmel erlaubt“ aus 1955) oder dem Epos „Giganten“ (1956), das eher zur James Dean-Legende beitrug, sondern mit den anschließenden Komödien wurde er zum Superstar. Seine brillante Physis und der robuste Charakter seiner Filmfiguren formierten sich zu einer Unwiderstehlichkeit, die man in „Fremde Bettgesellen“ immerhin noch erahnen kann.

Ginga Lollobrigida als Malerin und Aktivistin ist ohnehin zu alt für die Rolle, die sie hier spielt – Claudia Cardinale, die ebenfalls komödiantisches Talent hatte, wäre der richtige italienische Co-Star gewesen. Das hätte auch größenmäßig etwas besser gepasst, die Lollobrigida sieht neben Hudson wie ein halbes Kind aus. Man sollte mit Kritik dieser Art ja immer vorsichtig sein, in einem Zeitalter, in dem es mehr Novitäten auf gesellschaftlichem Boden gibt als im Kino, dem sich das Kino aber sukzessive anpasst, denn es könnte nach Diskriminierung klingen und was passt oder nicht, ist heute weiter gefächert als im Korsett der 1950er oder 1960er. Trotzdem gibt es etwas wie eine Natürlichkeit oder Harmonie des Teams, die auf vielen Faktoren beruht, diese haben wir in „Fremde Bettgesellen“ eher nicht feststellen können. 

Was fehlt dem Film am meisten? Originalität. Frische. Die Möglichkeiten, die sich Mitte der 1960er auftaten, mit der konventionellen Beziehungskomödie zu verknüpfen, wenn es denn schon grundsätzlich das alte Muster sein soll, in dem Hudson wirklich fast aufs i-Tüpfelchen die Rolle spielt, die er in manchen Komödien mit Doris Day innehatte – mit einer deutlichen Tendenz zu mehr Konsverativismus allerdings, der mit der progressiven Toni in Kontrast gebracht werden sollte. Das Progressivste ist demnach der Titel, der ausnahmsweise direkt ins Deutsche übersetzt wurde. Dass man auf einen Vorgang anspielt, der sich im Bett abspielt, wäre einige Jahre zuvor noch schwierig gewesen.

Dummerweise huldigt der Film aber in einem liberalen Zeitalter dem Konservatisvismus und macht Künstler auf die typisch amerikanische, anti-intellektuelle Weise lächerlich, die auch heute noch in Hollywoodfilmen zu finden ist. Diese Kumpanei mit niederen Instinkten und eng begrenzter Geschmacksbildung inklusive damit einhergehender Intoleranz, die bis zur „entarteten Kunst“ gehen kann, wird zwar nicht auf die Spitze getrieben, aber ist über den ganzen Film hinweg präsent. Besser hätte man sie auf die Spitze getrieben, also die Lollobrigida wirklich nackt, und nicht in einem fleischfarbenen Kostüm für die künstlerische Ausdrucksfreiheit einherreiten lassen, aber nicht die ganze Zeit diesen ermüdenden Unterton beibehalten. Nun ja, eine Nacktszene in Hollywood, dazu noch in der Öffentlichkeit, war 1965 eben noch nicht drin, intimere Nacktszenen mit immer neuen Freizügigkeitsrekorden kamen just ab 1966, 67 auf. Dafür gibt es eine Anspielung auf Sodomie, die vermutlich damals die wenigsten  Zuschauer verstanden haben, das ist der einzige wirklich frivole Moment des Films. Man misst Teams immer an ihren besten Ergebnissen, und da fallen alle Beteiligten in „Fremde Bettgesellen“ weit zurück. Der Film hat seinen Namen übrigens doppeldeutig von der Inkompatibilität der Charaktere Carter  / Toni und der Szene, in der sich Hudson mit Tonis aktuellem Zweitfreund im Bett wiederfindet.

Heute wirkt das witzig, weil man um Hudsons Homosexualität weiß und die Tatsache, dass er  es ausdrücklich nicht schlimm findet, diesen Typ auf der anderen Seite der Matratze zu haben, bekommt dadurch eine andere Note. Vielleicht wussten die Macher des Films Bescheid und haben einen Insidergag verwirklicht, der auf den unbedarften Kinogänger aber nicht wirkt, weil er die Hintergründe nicht kennt.

Es war die Rede davon, dass alle Beteiligten … Ja, das gilt auch für Melvyn Frank und Norman Panama, Frank hat sogar Regie geführt, alles lag in der  künstlerischen Hand der Drehbuchschreiber. Aber wenn man sieht, wie weit „Fremde Bettgesellen“ von dem zehn Jahre zuvor entstandenen „Der Hofnarr“ mit Danny Kaye und Angela Lansbury entfernt ist, dem wohl besten Werk der beiden, kommt ausgerechnet beim Anschauen einer Komödie eine gewisse Trauer auf. „Der Hofnarr“ war zwar ein Sonderfall in der Karriere der beiden, auch diesen Film haben sie komplett gestaltet, aber der Witz, die Originalität und ein bestens aufgelegter Danny Kaye haben eine wirklich wunderbare Komödie mit Action und Wortspielen geschaffen, die, wie wir eben nachgeschaut haben, heute immer mehr Fans findet. Bei der IMDb ist die Bewertung seit unserer letzten Berührung mit der flamboyanten Mittelalter-Parodie von 7,8/10 auf 8/10 angestiegen, wo in etwa der Bereich der absoluten Top-Filme beginnt und ein weiterer Anstieg auf 7,9/10 hat zwischen Entwurf und Veröffentlchung dieser Kritik im Jahr 2021 stattgefunden. Demgegenüber erreicht „Fremde Bettgesellen“ nur 6/10.

Auch die „supporting Actors“ sind in „Fremde Bettgesellen“ nicht in der Lage, wesentliche eigene Akzente zu setzen. Am meisten gilt das noch für Terry-Thomas, den britischen Komödianten, der in den Folgejahren viele witzige Rollen in US-Filmen spielen sollte. Aber Gig Young als Ersatz für Tony Randall, der zuvor den Sidekick, manchmal sogar Konkurrent für Rock Hudson gegeben hat ist zu wenig dezidiert und schräg, hat nicht die Verschrobenheit, die Randalls Rollen schön in Kontrast zum smarten, aber auch etwas glatten Hudson gesetzt hatten. Hudsons Tricks gelangen immer, die von Randall nimmer, das war neben dem besser funktionierenden Gespann Day-Hudson wichtig für den Erfolg etwa von „Lover Come Back“ aus 1961.

Hinzu kommt ein Drehbuch, dessen Gags bis auf wenige Ausnahmen aus der Retorte oder aus dem Fundus früherer Filme kommen und dessen Handlung ebenfalls ein so bekanntes Muster zeigt, dass klar wird, warum sich die Filmwelt Mitte der 1960er nach einem Aufbruch sehnte.

Finale

  „Fremde Bettgesellen“ ist ein geradezu typisches Beispiel für das Leerlaufen des traditionellen Hollywoodfilms, seiner Macher am Ende einer großen Ära – und auch seiner Stars in ihren bisherigen Rollen. Wobei die Stars, abgesehen davon, dass sie ohnehin aus Altersgründen einem Rollenwandel unterworfen waren, die neuen Zeiten manchmal besser an- und aufnehmen konnten als insbesondere die Regisseure der alten Schule.

Doris Day,  Hudsons Traumpartnerin, war einer der wenigen Stars, die ihre Erfolge im bisherigen Fach bis 1965, 66 („Glass Bottom Boat“) durchhalten konnten. Danach hat sie aber aufgehört zu filmen, und sie wusste, warum. Wenn es um Rock Hudson geht, wäre nach wie vor eine Douglas-Sirk-Retrospektive der beste Weg, ihn als Schauspieler zu würdigen.

54/100

© 2021, 2014 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Kursiv und tabellarisch: Wikipedia

Regie Melvin Frank
Drehbuch Melvin Frank
Norman Panama
Musik Leigh Harline
Kamera Leo Tover
Schnitt Gene Milford
Besetzung

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