Schlachthof 5 (Slaughterhouse-Five, USA 1972) #Filmfest 745

Filmfst 745 Cinema

Schlachthof 5 (Originaltitel: Slaughterhouse-Five) ist ein US-amerikanischer Science-Fiction-Film von George Roy Hill aus dem Jahr 1972 nach dem Roman Schlachthof 5 oder Der Kinderkreuzzug des Schriftstellers Kurt Vonnegut.

Der Science Fiction-Film der frühen 1970er Jahre unterscheidet sich grundsätzlich vom heutigen, das trifft wohl auch auf „Slaughterhouse 5“ zu. In der Folge haben wir dann allerdings festgehalten, dass der SF in diesem Film nur etwa 10 Minuten ausmacht, was nichts über die Wichtigkeit der Sequenz aussagt, die auf einem Planeten mit nahezu unaussprchlichem Namen spielt. Mehr dazu findet sich in der –> Rezension.

Handlung (1)

Billy Pilgrim ist durch seine Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg und an die Bombardierung Dresdens im Februar 1945, die er als amerikanischer Kriegsgefangener erlebt hat, innerlich völlig zerrissen. Immer wieder durchlebt er diese Zeit in deutscher Gefangenschaft mit seinem Kameraden Edgar Derby, der von den Deutschen wegen einer Nichtigkeit erschossen wurde. Um das alles zu verarbeiten, flüchtete er schon während des Krieges in eine Traumwelt, in der er glücklich in Frieden und völliger Zufriedenheit zusammen mit seiner Freundin lebte. Das hat ihm in der wirren Zeit des Krieges in Deutschland geholfen, alles körperlich heil zu überstehen. Nachdem er wieder in seine Heimat Amerika zurückkehrt, heiratet er, hat Haus und zwei Kinder.

Doch seine Frau stirbt früh bei einem Unfall und wieder flüchtet er sich in seine Traumwelt. Diesmal erwartet ihn aber nicht seine Frau, sondern ein junges hübsches Mädchen, Montana Wildhack, das mit ihm zusammen auf den imaginären Planeten Tralfamadore entführt wurde. Die Bewohner des Planeten fordern, dass sich die beiden paaren, aber Pilgrim bleibt ganz Gentleman und weigert sich. Doch er findet Montana Wildhack durchaus attraktiv und sie sieht seiner Frau sehr ähnlich. Montana findet Pilgrim interessant und er verliebt sich in sie. Als die Bewohner von Tralfamadore die Geburt des Babys von Pilgrim und Montana erleben, zünden sie ein Feuerwerk der Freude.

Rezension

Schlachthof 5“ unterscheidet sich auch von allen anderen SF-Filmen seiner Zeit um einiges, weil er nicht überwiegend ein Weltraumszenario hat, insgesamt beinhalten die Sequenzen auf Tralfamadore weniger als zehn Minuten Spielzeit. Die Zeitreise als soche, die eine wichtige Rolle spielt, ist ein sehr altes Thema, prototypisch in H. G. Wells‘ „Zeitmaschine“ (Verfilmung u. a. 1960) abgehandelt. Wobei es durchaus einen Unterschied macht, ob jemand versucht, Zeitreisen bewusst auf technischer Basis zu organisieren und an einem bestimmten Punkt in der Zukunft zu landen, oder ob er, wie in „Schlachthof 5“, gemäß der Grundaussage, dass Fatalismus die Lösung aller Dinge sein könnte, wenn man sehr traumatisiert ist, ohne freie Willensbestimmung in der eigenen Biografie hin und her geschleudert und von Aliens auf deren Planeten entführt wird. Letzteres stellt wiederum besonders seit den 1950ern ein gängiges SF-Motiv dar, als die fliegenden Untertassen in Mode kamen.

Der amerikanische SF der späten 1960er und besonders der frühen 1970er reflektiert hingegen eher die einsetzende bemannte Raumfahrt und was sich daraus entwickeln könnte. Herausragende Beispiele für Raumfahrtfilme und Raumfahrtfolgen-Filme sind „Planet der Affen“ und seine Fortsetzungen (ab 1968), „Soylent Green“, „Jahr 2022 … die überleben wollen“ und „Lautlos im Weltraum“ (alle 1971/1972), „Logan‘s Run“ (1976). Letzteren Film habe ich auch deshalb erwähnt, weil nach ihm eine Zäsur stattfand: Der ernst gemeinte, philosophisch angehauchte SF, der mit „2001“ (1968) bereits seinen Höhepunkt erreichte, wurde sozusagen mit einem Schlag abgelöst von „Star Wars“ und seitdem sind SF und die in der Folge populär werdenden Fantasyfilme („Star Wars“ verbindet beide Genres) auf einer wesentlich kindlicheren Ebene angesiedelt, mehr scheinphilosophisch und märchenhaft als frühere, schwieriger zu entschlüsselnde Werke – und greift vermehrt auf alte Mythen und politische Gegenwart und Vergangenheit zurück. Der Rückgriff auch auf die politische Vergangenheit und wie sie in der Zukunft darstellbar ist, den haben alle diese Filme auf ganz unterschiedliche Weise gemeinsam, denn SF ist perfekt geeignet, um Gesellschaftsformen prototypisch darzustellen.

Schlachthof 5“ geht sehr viel direkter als die meisten anderen Filme in die jüngere Vergangenheit zurück und beschreibt die Bombardierung Dresdens als traumatisches Ereignis für den jungen amerikanischen Soldaten Bill, obwohl dieser bereits vorher gemäß Handlungsbeschreibung desorientiert ist. Sein Leben gerät unter dem Einfluss der Geschehnisse jedenfalls aus den Fugen und dadurch bekommt auch das Raum-Zeit-Kontinuum Risse, sodass er und mit ihm der Zuschauer immer wieder in der Vergangenheit landen. Und in der Zukunft, in welcher Bill von einem früheren Mitgefangenen erschossen wird, als er schon längst ein berühmter Philosoph ist und vor großem Publikum spricht. Seine Philosophie ist der gelassene Fatalismus, den er unter anderem mit der Erkenntnis begründet, er habe, vermutlich auf dem Ticket der Tralfamadorianer, 31 bewohnte Planeten bereist, 100 weitere theoretisch erforscht und nur auf der Erde gebe es den Begriff der freien Selbstbestimmung, der demnach als philosophische Fehlentwicklung einer Außenseiterzivilisation zu betrachten ist.

Kein Wunder, dass Bill so denkt, denn den Krieg erlebt er ausschließlich passiv, wir sehen ihn nie aktiv kämpfen, dann als Gefangener, heiratet dann seine Jugendliebe (wie der Autor von „Schlachthof 5“, Kurt Vonnegut, auf den wir noch zu sprechen kommen) und lebt ein offenbar weitgehend angepasstes, in Maßen erfolgreiches Leben als Optometriker (hier im Sinn von Augenoptiker gemeint), schreibt aber auch über seine Kriegserlebnisse und ist selbstverständlich das alter ego des Autors von „Schlachthof 5“, der seine eigene Biografie fiktionalisiert und mit SF-Elementen anreichert, anstatt eine Autobiografie zu verfassen, die gewiss ebenfalls außergewöhnlich gewesen wäre: Die Perspektive eines US-Kriegsgefangenen in Deutschland, während amerikanische Bomber dort tätig sind, wo dieser Kriegsgefangene untergebracht ist, hat bereits als Szenario Bestseller-Potenzial.

Wie alle wichtigen SF-Filme seiner Zeit und bis zur Star Wars-Zäsur ist „Schlachthof 5“ progressiv und wendet sich gegen Gewalt im Allgemeinen. Die Zerstörung Dresdens wird als Akt maximaler Sinnlosigkeit im Krieg dargestellt und dass sich ein US-Film, der in einem großen Studio wie Universal entstand, auf diese Weise mit dem Zweiten Weltkrieg auseinandersetzt, war wohl nur unter dem Eindruck des moralischen Niedergangs denkbar, den die USA selbst während des gerade zu Ende gehenden Vietnamkrieges erlebten. Nach zwei konservativen Rollbacks in den 1980ern und den 2000ern, besonders nach 9/11, als die USA erstmalig in eine Opferrolle gedrängt wurden, ist der Film heute ebenso unvorstellbar wie in den 1950ern. Die US-Amerikaner waren nie zuvor und nie wieder danach in solchem Maß zur Selbstkritik fähig wie in den Jahren, in denen „Slaughterhouse 5“ entstand und die man heute als intellektuellen Höhepunkt der US-Geschichte definieren kann.

Dies bedeutet nicht, dass „Schlachthof 5“ ein hochintellektueller Film ist. Die allfällige Gewalt darin wird aus der eher unbedarften Perspektive des Soldaten Bill und des späteren Optometrikers – sic! – angeschaut. So symbolisch wie der Beruf auch ist, den jemand der viel gesehen hat, sich aneignet, so wenig sieht der Protagonist über den Moment hinweg, sondern kann ihn nur beschreiben als das, was er gesehen hat. Er ist nicht in der Lage, sein Schicksal wirklich zu bestimmen und die Zukunft wirkt ebenso determiniert wie die Vergangenheit nun einmal geschehen ist.

Das Szenario des Romans gibt uns allerdings viel Spielraum für weitere Betrachtungen. Der Autor von „Schlachthof 5“, Kurt Vonnegut entstammt, wie der Name vermuten lässt, einer deutschen Einwandererfamilie und das nötigte ihm eine besondere Positionierung im Zweiten Weltrkieg ab, im Grunde gab es das gleiche Problem für deutschstämmige Amerikaner schon während des Ersten Weltkrieges, in dem die Lage propagandistisch so vereinfacht wurde, wie sie im Zweiten Weltkrieg dann moralisch eindeutig war. Bereits diese Entwicklung, nämlich dass letzteres Ereignis nicht ohne Ersteres denkbar war und dass diejenigen, denen die gesamte Schuld für den Ersten Weltkrieg zugeschrieben wurde, dann im Zweiten Weltkrieg tatsächlich die Schuldigen wurden, ist ein Schlüssel für das Verständnis des Geschehens und des Romans bzw. des Films.

Kurt Vonnegut zog also freiwillig in den Krieg gegen die Nazis, anders als seine Filmfigur, die „gezogen“ wurde, und es war selbstverständlich, dass gerade Deutschamerikaner auf diese Weise klarstellten, auf welcher Seite sie stehen. Ein Problem, das die Angehörigen anderer Einwanderer-Nationen nicht hatten – dass man ihnen nicht traute. Lediglich amerikanische Japaner waren noch größeren Ressentiments ausgesetzt und erfuhren sogar eine Sonderbehandlung in Form der Internierung, die bei deutschstämmigen Amerikanern schon aus zahlenmäßigen Gründen kaum denkbar war. Dieser Soldat erlebt nun also die Zerstörung der Heimat seiner Vorfahren in einem Akt, der auch unter den Kautelen der moralischen Eindeutigkeit im Zweiten Weltkrieg nicht gerechtfertigt war, denn die Alliierten hätten sich ja nicht mit den Nazis in ein Boot setzen und sich genauso barbarisch verhalten sollen. Die Zahl der Getöteten in Dresden wird im Film auf damaligem Wissenschaftsstand noch stark übertrieben angegeben, das ändert aber nichts an der grundsätzlichen Sinnlosigkeit dieses Bombardements einer mit Geflüchteten überfüllten Stadt.

Die Stadt wird nur schemenhaft gezeigt, weil sie während der DDR-Zeit eben nicht wieder historisierend aufgebaut worden war, das kam erset später, als ihr historischer Kern wieder auf Vorkriegsstand gebracht wurde. Besonders die Frauenkirche ist dabei auch ein Symbol der Versöhnung geworden, denn an ihrer Wiedererrichtung hat sich u. a. ein britischer Spendenfonds beteiligt. Dass heute ausgerechnet in dieser mit fremder Hilfe so schön wie keine andere deutsche Stadt wiedererrichtten Dresden Gewaltbereitschaft und Rechtsradikalismus zeigen, während viele andere deutsche Städte durch den Zweiten Weltkrieg für immer ihrer historischen Kerne beraubt wurden, ist zu beklagen, aber es sind die Schatten der Vergangenheit, die dabei eine Rolle spielen – neben 40 Jahren DDR-Gesellschaft, die nur vorgeblich solidarisch und vor allem niemals weltoffen war und sein konnte und die ebenfalls eine Folge des Zweiten Weltkrieges war.

Das Trauma, das heute noch im Osten, besonders in Dresden, fortwirkt, ist dem Trauma von Vonnegut und damit seiner Figur Bill, der Zerrissenheit, die aus eigener Herkunft, eigenem Erleben und der darauf fußenden vergeblichen Suche nach Identität, durchaus ähnlich. Die Entwurzelung, die erlebte Zerstörung von allem, ist der Ausgangspunkt für Verwerfungen, die bis heute andauern und auch die Deutschen und sicher nicht wenige Amerikaner immer wieder aus dem Raum-Zeit-Kontinuum reißen, die einfache Philsophien als Rettungsanker erscheinen lassen in einer Welt, in der die Gewalt so allseitig und scheinbar oder tatsächlich unmotiviert auftritt wie in „Schlachthof 5“, in dem keine Seite moralisch überlegen wirkt – zwar hat der Autor dem Zuschauer die Figur des freundlichen und nachdenklichen Gefangenen Derby zugesellt, damit dieser überhaupt eine Art Orientierung findet, doch dieser wird von SS-Angehörigen, die aufpassen, dass in der zerstörten Stadt nicht geplündert wird, erschossen, weil er in den Trümmern eine kleine Porzellanfigur gefunden hat, die jener ähnelt, die seine Eltern einst als Touristen in Dresden erstanden haben. Derby entgegengesetzt ist der Rächertyp Lazarro, der keinen Unterschied zwischen eigenen Leuten und dem Feind macht, wenn es darum geht, die latente Aggressivität auszuleben. Er ist es später auch, der Billy, den Philosophen des Fatalismus, erschießt, und das ist in sich wieder logisch.

Finale

Zwischen seinen beiden Erfolgsfilmen „Butch Cassidy and the Sundance Kid“ und „Der Clou“, beide Vehikel für die Superstars Robert Redford und Paul Newman, hat Regisseur George Roy Hill also „Schlachthof 5“ realisiert und sich dabei offenbar eng an die Romanvorlage gehalten. Der Film ist weniger beeindruckend als verstörend, weil er wenig kommentiert, sondern das zerrissene und seltsame Leben des Bill Pilgrim so zeigt, wie es ist. Seine Existenz hat sich bis zu seiner Entführung auf den fremden Planeten nie gefunden und seine Perspektive bleibt die eines Mannes, der sich lange gar nicht und am Ende nur durch die Hilfskonstruktion der Unabwendbarkeit allen Schicksals von seinem Trauma lösen kann. Dass diese Konstruktion hochgradig unamerikanisch ist, das war wohl auch 1972 sehr offensichtlich – Ablehnung erfuhr aber vor allem das Buch aus bestimmten Kreisen, wegen einiger sexueller und religiöser Darstellungen, die im Film dann doch nicht enthalten sind. Menschen, die unvermutet von Schlägen wie dem Tod naher Angehöriger und irreversiblen Krankheiten heimgesucht werden, dürften sich dem, was als Essenz des Films gelten kann, näher fühlen als junge Menschen, die weder Verlust noch Krankheit oder auch nur größere Misserfolge kennengelernt haben.

Der letzte Satz hat mich zu einem kurzen Blick in die IMDb veranlasst, um die demografische Aufschlüsselung der Nutzer zu recherchieren, die dem Film insgesamt 7/10 gegeben haben: in der Tat ist das Publikum über 45 Jahre dasjenige, das mit etwa 7,2/10 von allen demografischen Gruppen am höchsten wertet, wobei Männer mit 7,3/10 etwas höher liegen als Frauen mit 7,1/10. Die Unterschiede zwischen den Altersgruppen und Geschlechtern sind allerdings nicht dramatisch. Stilistisch wirkt der Film so uneben, wie es die Erinnerungen von Bill sind, weshalb man dies ebenso als Teil des Konzepts ansehen wie zum Gegenstand einer Abwertung machen kann. Ich gebe ersterer Verfahrensweise den Vorzug und komme für das Werk insgesamt auf

81/100

Ein Nachtrag anlässlich der Veröffentlichung: Leider kann ich mich an den Film kaum erinnern, obwohl es noch nicht ewig her ist, dass ich ihn angeschaut und rezensiert habe. Offenbar kam er mir aber damals schon sperrig vor, daraus erklärt sich m. E. der hohe Anteil von Text, der nichts mit dem Film selbst zu tun hat.  

© 2022 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2016)

(1), kursiv, tabellarisch: Wikipedia

Regie George Roy Hill
Drehbuch Kurt Vonnegut (Roman),
Stephen Geller (Drehbuch)
Produktion Paul Monash
Musik Glenn Gould
Kamera Miroslav Ondříček
Schnitt Dede Allen
Besetzung

 

 

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