Ein Schiff wird kommen – Piräus, der chinesische Ankerplatz in Europa

2018-06-24 KommentarKommentar 42 / China-Serie 10 zu „Chinas Anker in Europa“ (DIE ZEIT)

Irgendwo muss jede Straße enden, zumal, wenn sie eine gedachte Straße zur See ist. Unweigerlich ist dieses Ende ein Hafen. Nun weiß jeder, dass der größte Hafen Europas derjenige von Rotterdam in den Niederlanden ist. Er macht ein ganzes Land reich, ist vielleicht etwas zu ausschließlich, aber der Wohlstand der Holländer beruht zu einem großen Teil auf ihrer Funktion als Tor nach Europa – die bisher dominierende Transatlantik-Seeroute betreffend. Nun aber spinnt China die neue Seidenstraße bis nach Europa und die südliche Version davon kann optimalerweise nicht in den Niederlanden enden, sondern muss sich ankern im Süden des Kontinents.

Und da Piräus in Griechenland der erste Tiefseehafen hinter oder vor dem Suezkanal ist, durch den viele asiatische Warenströme nach Europa gelangen, empfiehlt es sich, in ihn zu investieren. Schön für Griechenland und eine gewisse Revanche an der Troika und allen Spar-Reformen.

Die Pointe ist nämlich, dass Griechenland gezwungen wurde, große Teile seiner Infrastruktur zu privatisieren und da hat China zugegriffen und baut den Hafen von Piräus so aus, dass er nach Ansicht der ZEIT bald zum größten Europas werden könnte. Die Ironie der Geschichte ist wieder einmal in Klausur gegangen und schreibt an ihrer – genau, an ihrer Geschichte.

Der Grundton der ZEIT gegenüber China ist ein bisschen bewundernd, je nach Autor der China-Serie mehr oder weniger, aber vielfach warnend. Mir fehlen allerdings noch die Beiträge, in denen es um Grenzen und die Angst Chinas vor den USA geht. Das wird noch spannend, weil ich derzeit glaube, Angst ist das falsche Wort. Vorsicht trifft es für mich besser, zumal angesichts dieses unberechenbaren US-Präsidenten, der im Moment das Sagen hat.

Bei allem, was ich in diesem Beitrag gelesen habe und nicht nur in diesem, ist mir eine bestimmte Parallele aufgefallen: die zu einer SPIEGEL-Serie, Japan betreffend, wie es vor der Asien-Krise der 1990er aufgestellt war. Die lineare Fortschreibung des bis dahin ungebrochenen japanischen Aufstiegs, der in einigen Aspekten, aber bei weitem nicht in allen mit dem deutschen „Wirtschaftswunder“ zu vergleichen ist, hat dazu geführt, dass ich mit meinem damaligen Wissen als Student echt Angst vor Japan bekam – und was sie dort schon nicht alles per Technikdiebstahl in Deutschland kaputt gemacht hatten – wenn das so weitergehen würde! Mittlerweile sieht das alles etwas anders aus, wobei es in Deutschland keine Reindustriealisierung in den Schneisen gegeben hat, welche von der japanischen Konkurrenz geschlagen wurden. Was weg ist, ist weg, so sieht es bisher aus. Die Griechen können ein Lied davon singen, bei ihnen ist nicht einmal mehr die Feuerwehr in einem vernünftigen Zustand, was jüngst zu dramatischen Situationen geführt hat. Aber für Griechenland muss das ja nicht ein Dauerzustand bleiben, wenn China sich dort weiter engagiert.

Die Rachestory an Merkel & Co. geht nämlich auch weiter, die Ironie schreibt gerade wie wild. Ich stimme der Ansicht der ZEIT zu, dass China überall versucht, Staaten zu infiltrieren, die schwächer sind als andere – in ihrer Region. Die Sache mit der Abstimmung über die Menschenrechte muss doch jeden Verschwörungstheoretiker sofort hellhörig machen, es sei denn, er ist ein Selektiv-Verschwörungstheoretiker. Denken wir kurz nach: Auf dem Balkan ist China auch aktiv. Wenn das nicht zum Griechenland-Engagement und dem Aufrollen des Kontinents vom Südosten her passt, was dann? Jedem Imperium wird irgendwann das eigene Territorium zu klein, das angestammte, und mögen auch im chinesischen 1,4 Milliarden Menschen wohnen. Es zieht das Imperium immer hinaus in die Welt.

Nur, eines muss man zumindest bremsend erwähnen. Dass die Waren, die China selbst produziert und mit seinen Schiffen in seinen Werkbänken wie Vietnam und Kambodscha einsammelt, zwar von Piräus aus schneller in Kerneuropa sein werden als via Rotterdam, der Unterschied kann bis zu fünf Tage betragen, aber nur, weil die Waren schneller da sind, werden es ja nicht mehr. China kann sich in Bahnstrecken einkaufen, die irgendwann lukrativ sein werden, in Häfen, die wachsen, kann alle ökologisch motivieren Begrenzungsgedanken als nebbich abtun und schwache Länder wie Griechenland dazu bringen, sich nicht mehr an formalen Menschenrechtsverletzungsverurteilungen zu beteiligen, doch was heißt das schon?

Kein Land in Europa fährt wirklich noch einen Menschenrechtskurs gegen China und mit welcher Glaubwürdigkeit denn auch, angesichts seiner – nein, nicht seiner Geschichte, man kann ja mal neue Wege gehen und das sogar glaubwürdig – sondern der Tatsache, dass es keine neuen Wege geht und selbst in militärische Abenteuer verstrickt ist, die alles andere als menschenrechtsfreundlich sind. Und dann die abnehmende Demokratie in vielen europäischen Ländern. Da lacht China, denn das alles geschieht, entspricht eigenen Verfahrensweisen der dortigen Regierung immer mehr und das gänzlich ohne direkte Einflussnahme.

So, und wo ist nun die bremsende Erwähnung? Hier: Die Warenströme werden nicht mehr, weil sie etwas schneller ausgeliefert werden können. Okay, ein klein wenig vielleicht, weil natürlich die kürzeren Wege auch die Transportkosten ein wenig verringern, aber das ist nicht der entscheidende Punkt, angesichts der riesigen Mengen, die auf einem einzelnen Schiff transportiert werden. Denn bis zu den Kraftzentren der europäischen Wirtschaft muss ja dann per Bahn weitergeleitet werden und Rotterdamm liegt doch etwas dichter an diesen Zentren als Piräus. Es wird einen Vorteil geben, aber so gigantisch ist er nicht. Daher überwiegt die strategische Bedeutung dieses neuen chinesischen Stützpunktes. Die geostrategische.

Der Warenverkehr mit billigem chinesischem Spielzeug, nicht mehr ganz so billigen Laptops und irgendwann auch Autos, der wird nur so weit ansteigen, wie in Europa Kaufkraft dafür vorhanden ist. Die griechische Kaufkraft wird wohl durch Chinas Eintritt in dessen Sphäre etwas steigen, aber dafür muss die EU ja geradezu dankbar sein, weil dadurch die Krisenanfälligkeit der griechischen Wirtschaft vielleicht etwas zurückgeht. Gegen ein Land mit einem Partner wie China kann eine Troika nicht mehr viel ausrichten. Unabhängig, wie man deren Wirkung beurteilt: Das ist der wirkliche Punkt, nicht die Umleitung der Warenströme vom Hafen R in den Hafen P. Und ich wette, dass China mit großem Interesse darauf blickt, wie sich die wirtschaftliche Situation in Italien weiterentwickeln wird. Da gibt es so schöne Häfen, Livorno oder Genua zum Beispiel, die viel dichter an Frankreich und Deutschland liegen als Piräus. Eine Basis in Frankreich wäre auch super, aber die französische Regierung ist sehr eigen, was den Verkauf von Objekten angeht, die für die Nation als wichtig erachtet werden. Da wird  eher der Hamburger Hafen an China gehen, bevor über Marseille die rote Flagge mit Sternen weht.

Aber es muss ja nicht immer ein Seehafen sein. Die nächste Privatisierungswelle in Europa macht sicher auch den einen oder anderen Flughafen oder eine ganze Bahngesellschaft zum aufkaufbaren Objekt oder wie wär’s mit essentiellen Dingen wie der Stromversorgung? Die nächste Krise, die mit den alten Rezepten bekämpft werden soll, kommt bestimmt und in China denkt man nicht in Quartalen, wie die nerdischen Aktienkapital-Anleger westlichen Zuschnitts, sondern mindestens in Dezennien.

Nichts ist unmöglich, wenn man imperialistisch tickt und genau weiß, dass man nur mit immer mehr Warenüberschwemmung Europa nicht allein besetzen kann, denn was, wenn die eigene Wirtschaft des alten Kontinents dadurch so in die Knie geht, dass die Menschen hier kein Geld mehr haben, um die chinesischen Waren zu kaufen, mögen sie noch so billig und unnachhaltig sein? Und bis China Dinge herstellen kann, von denen das Klientel der Luxusartikel begeistert ist, das wird noch ein ziemliches Weilchen dauern. Gegenwärtig gibt es kein einziges chinesisches Industrieprodukt, das   als Statussymbol gilt, also in die Welt der Besserverdiener eindringen und große Margen erzielen kann. Made in China ist immer noch ein Synonym für billig und leicht minderwertig. Ja, die Handys sind nicht so minderwertig, aber wie der Hase der europäischen Konsumenten läuft, sieht man auch hieran: Wenn ein Mobiltelefon in China produziert wird und es ist der angebissene Apfel als Symbol drauf, dann wird gleich doppelt so viel dafür bezahlt, als wenn ehrlicherweise der Markenname auf „Huawei“ lautet. Das ist wahrer Luxus für lau – für die Hersteller, nicht für die verarschten Konsumenten. Eine Win-Win-Situation für den Markennamensgeber und die Werkbank und eine dicke Frage an das Wirtschaftsverständnis der Abnehmer hierzulande und anderswo. Ach ja, die Haier-Hausgeräte klingen zwar irgendwie deutsch, aber kommen – genau, aus China und es gibt nicht mal einen deutschen Bezug in Form einer hier ansässigen Firma, die dort produzieren lässt.

Eine echt diversifizierte Eroberungsstrategie wie die chinesische hat natürlich viele Standbeine, ist nicht so plump wie der einstige Direkt-Kolonialismus der Europäer und der jetzige „Bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt und mach einen Regime Change“ der USA und dadurch kommt China in Afrika und anderswo, wo die Bodenschätze liegen, gut voran.

Und wenn in den USA etwas zu sagen hätte, würde ich warnen: Seid etwas etwas vorsichtiger im Umgang mit Lateinamerika, China wartet schon. Sollte China sich beispielsweise in Venezuela festsetzen, wo die größten Erdölvorkommen der Welt auch dadurch noch so groß sind, dass die jetzige Regierung sie nicht aus dem Boden bekommt, ist die Idee einer panamerikanischen US-Dominanz endgültig futsch. Ich würde diesen tapferen Staaten in Mittel- und Südamerika wünschen, dass sie keinem der Imperien anheimfallen, aber wenn die USA partout darauf abzielen, China in Stellung zu bringen, dann nur so weiter wie bisher. Die Weltmacht ist längst wieder auf zwei Pole konzentriert, die miteinander konkurrieren, wie zu Zeiten des Blocksystems, nicht mehr auf einen, wie in den 1990ern.

Was das mit Europa zu tun hat? Fast alles. Trumps Handelskriegsszenarien gegen die EU rufen vielfach Forderungen hervor, sich stärker an China zu halten. Ich bin kein Fan dieser Option. Denn es gibt in der Tat kein Win-Win in den Schlachten um die wirtschaftliche Vormachtstellung im Großkapitalismus, also nimmt der Gewinner alles – zum Beispiel das geistige Eigentum, das Know-How der anderen. Man kann die USA noch so sehr für ihr politisches Handeln an den Pranger stellen und alle ihre Motive dafür mies finden: Der internationale Warenaustausch nach ihren Maßgaben war für die Europäer ziemlich fair. Ob er deshalb für die Amerikaner unfair war, wie Trump behauptet, ist eine andere Frage. Die chinesische Regierung denkt aber nicht in Kategorien von fair oder unfair, sondern tut schon lange das, was Trump jetzt so medienwirksam für sein Land proklamiert hat: China first. Sie hat diese Präferenz begonnen umzusetzen, da war Trump noch ein Immobilienheini, dessen Interessen nicht über seine persönlichen Geschäfte hinausreichte.

In Griechenland sang man zu jenen Zeiten Songs wie „Ein Schiff wird kommen.“ Ganz sicher wird es das, und es wird groß sein und sein Name in Lettern geschrieben, die in Europa kaum jemand lesen kann. Und was da alles in drin ist, was so gar nicht nach niedlichem Billigspielzeug aussieht, das kann  man zum Beispiel in der anschließenden Beiträge-Liste nachlesen, besonders empfohlen sei der noch recht neue Beitrag „China 2020 = 1984“. Ach ja: „Ein Schiff wird kommen“ beschreibt die sehnsüchtige Hoffnung einer Prostituierten, dass der Matrose kommen wird, den sie wirklich lieben kann. Da ist etwas rührend Asymmetrisches drin, in der Suche nach dem Glück. Von einer Win-Win-Situation ist hingegen nicht die Rede.

TH

1) Unsere bisherigen Beiträge zu China:

China 2020 = 1984
Trump bringt die europäisch-chinesischen Beziehungen voran
Startcamp für nachhaltigen Konsum mit China als Team „Rot“
China: Höher, weiter, schneller (DIE ZEIT) – Grunddaten zu China
Cina: Das Ziel ist die Welt (DIE ZEIT)
So abhängig sind die Autohersteller von China (FAZ)
China bekommt Handelsstreit zu spüren (OnVista)
USA haben größten Handelskrieg der Wirtschaftsgeschichte eingeleitet (mm)
Hongkong protestiert (ARD) – Einstieg ins Thema „China als neues Imperium“

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