Sumurun (DE 1920) #Filmfest 737 #DGR

Filmfest 737 Cinema – Die große Rezension

Sumurun ist ein deutscher Stummfilm von Ernst Lubitsch aus dem Jahr 1920. Er beruht auf einer Pantomime von Friedrich Freksa, die bereits 1910 von Max Reinhardt verfilmt worden war. Thomas Mann sah den Film am 23. September 1920 im Münchner Lichtspieltheater Sendlingertor zusammen mit Josef Ponten und hat seine Eindrücke später im Zauberberg verarbeitet.[4]

Langsam frage ich mich, ob es irgendetwas gibt, was Thomas Mann nicht in den „Zauberberg“ hat einfließen lassen, aber große Literatur ist ja auch ein großes Gefäß. Ich fand, „Sumurun“ zeigt wieder eine neue Seite des werdenden deutschen Kinos und natürlich des Regisseurs Ernst Lubitsch. Obwohl er vor „Anna Boleyn“ entstand, habe ich den Eindruck, die Lubitsch-Filme der Zeit in der richtigen Reihenfolge gesehen zu haben. Warum das so ist und mehr zu „Sumurun“ lesen Sie in der –> Rezension.

Handlung (1)

1. Akt

Das mittelalterliche Bagdad: Der Bucklige verehrt die schöne Tänzerin. Zusammen ziehen sie mit einem Theaterwagen durchs Land und treten in kleinen Dörfern auf. Sklavenhändler Achmed sieht die Tänzerin und schlägt dem Buckligen vor, sie dem alten Scheich für seinen Harem vorzustellen. Der jagt ihn davon.

Im Harem des Scheichs sind die Frauen derweil begeistert, da der junge Stoffhändler Nur-al-Din vor dem Tor des Palastes den Palast-Eunuchen seine Waren anbietet. Vor allem Sumurun, die Lieblingsfrau des Scheichs ist vom Stoffhändler hingerissen und wird bei ihrer Schwärmerei vom alten Scheich erwischt. Inzwischen steht vorm Fenster jedoch dessen Sohn und wirft Sumurun Kusshände zu – diese lehnt ihn zwar ab, doch ist der alte Scheich eifersüchtig.

2. Akt

Die Gaukler ziehen in Bagdad ein. Sofort sind die Einwohner auf den Beinen und sehen begeistert dem Spiel des Buckligen, der Alten und der Tänzerin zu. Als der junge Scheich den Platz passieren will, treibt er die Menschenmenge auseinander. Obwohl er die Gaukler zunächst der Stadt verweist, stimmt ihn der Anblick der Tänzerin milder – der Bucklige hatte sie zuvor beauftragt, den Scheich zu umgarnen, auf dass die Gruppe bleiben darf. Der Plan geht auf. Während der Bucklige sein letztes Geld ausgibt, um der Tänzerin ein Armband zu kaufen, überhäuft der verliebte Scheich die Tänzerin mit Stoffen – der Bucklige bleibt enttäuscht zurück.

3. Akt

Sumurun soll für ihren Flirt geköpft werden. Kurz bevor das Urteil vollstreckt wird, kann Haidee den Obereunuchen um Sumuruns Rettung ersuchen. Er berichtet dem jungen Scheich von ihren Schicksal und der fleht seinen Vater an, sie zu verschonen. Alles sei allein seine Schuld gewesen. Der alte Scheich nimmt sein Urteil zurück und Sumurun ist gerettet. Er lehnt nun auch das Angebot des Sklavenhändlers ab, sich die schöne Tänzerin aus der Nähe anzusehen. Als Sumurun ihn jedoch im Schlafgemach abweist, lässt er den Sklavenhändler kommen und folgt ihm zum Platz, wo die Gaukler Halt gemacht haben.

4. Akt

Die Gaukler treten auf. Der Bucklige verkleidet sich Pierrot-ähnlich und bringt die Menge zunächst zum Lachen. Als er jedoch sieht, wie sich die Tänzerin und der heimlich an den Theaterwagen getretene junge Scheich küssen, wird er tieftraurig. Melancholisch begleitet er den Auftritt der Tänzerin auf der Laute, der vom alten Scheich angesehen wird. Anschließend stimmt der alte Scheich zu, die Tänzerin in sein Harem aufzunehmen. Während die ihre Sachen packt und sich die Alte hemmungslos betrinkt, schluckt der Bucklige in seiner Trauer Pillen, die ihn todähnlich schlafen lassen.

Die Tänzerin ist schockiert, als sie den Buckligen leblos vorfindet und flüchtet. Sie wird vom jungen Scheich verfolgt und erst nach einer Verfolgungsjagd gelingt es ihr, zum Sklavenhändler zu gelangen. Die Alte ist derweil verzweifelt, als sie den Buckligen reglos an der Bühne liegen sieht und versteckt ihn in einem Sack. Dieser wird von Puffti und Muffti, den Dieners Nur-al-Dins, gestohlen, weil sie ihn voll Schmuck vermuten. Die Alte folgt den Dieben unauffällig.

5. Akt

Der Bucklige wird im Stoffladen entdeckt und die panischen Diener verstecken ihn auf dem Dachboden. Dort holt ihn die Alte herunter und der nun auf der Treppe sitzende, schlafende Bucklige wird von den Dienern in eine Stofftruhe befördert. Die Haremsfrauen des alten Scheichs treffen ein, um sich neue Stoffe zu kaufen. Haidee organisiert ein unbeobachtetes Stelldichein zwischen Sumurun und Nur-al-Din. Als die Frauen gehen wollen, bugsieren sie den Stoffhändler in eben jene Kiste, in der sich auch der Bucklige befindet. Sie wird wie die zweite Kiste mit dem gekauften Stoff von den Eunuchen zum Palast getragen. Die Alte folgt der Gruppe.

Es gelingt, den Stoffhändler unbeobachtet in den Palast zu schmuggeln. Die Eunuchen finden den leblosen Buckligen in einer Kiste und nehmen entsetzt Reißaus.

6. Akt

Beim Sklavenhändler wird die Tänzerin für den alten Scheich eingekleidet. Während sie in einer Sänfte zum Palast getragen wird, gelingt es der Alten, den Buckligen zu wecken. Der wird rasend vor Eifersucht, als er sieht, wie die Tänzerin in den Palast geht. Sie wird die neue Lieblingsfrau des Scheichs und verbringt mit ihm die Nacht.

Die Tänzerin wird durch den jungen Scheich geweckt, der sie am Bett seines Vaters in die Arme schließt und küsst. Dem jungen Scheich wiederum ist der Bucklige gefolgt. Als die Tänzerin ihn sieht, stößt sie einen überraschten Schrei aus, von dem der schlafende alte Scheich geweckt wird. Er tötet die Tänzerin und seinen Sohn. Als er in seinen Harem stürmt und Sumurun mit dem Teppichhändler in inniger Umarmung sieht, will er beide töten, doch wird er vom Buckligen erstochen.

Die Tore des Palastes sind nun offen. Die Haremsdamen verlassen das Gebäude und auch Sumurun und Nur-al-Din können nun ein Paar werden. Nur der Bucklige bleibt mit seiner Laute zurück.

Rezension

Und schaut gar traurig aus, wie er die Seiten zupft. Ach ja. „Sumurun“ endet so intim und melacholisch und ist so monumental. Kaum auszudenken, was passiert wäre, wäre Lubitsch nicht in die USA gegangen, wo er zwar sicher mehr verdient hat, aber sich auch im Studiogefüge einzuordnen hatte. „Sumurun“ zeigt hingegen, dass Paul Davidson, der Produzent der PAGU, bei der Lubitschs damalige Filme enstanden, ein Überzeugungstäter war, nichts war ihm zu teuer und zu aufwendig, damit sein Lieblingsregisseur seine Träume verwirklichen konnte. Kürzlich habe ich mit „Die Augen der Mumie Má“ den Prototyp dieser Träume gesehen, von der Ufa später mit einem ironischen Vorspann versehen, aber bei „Sumurun“, zwei Jahre später entstanden, gibt es schon keine zwei Meinungen mehr: Das ist großes Kino. Dazwischen lagen „Carmen„, „Die Austernprinzessin„, „Madame Dubarry„, „Kohlhiesels Töchter„, „Anna Boleyn“ und noch einige, wir haben diese vier Filme benannt, weil sie die beiden Hauptlinien des Werks von Lubitsch zu jener Zeit besonders gut illustrieren: Die Komödie, mal elegant, mal derb, das Drama, mal im 18. Jahrhundert, mal im 16. Jahrhundert angesiedelt, mal in Frankreich, mal in England. Was für ein Riesenspaß muss es gewesen sein, das alles umzusetzen und dabei so innovativ sein zu dürfen, weil die Mittel dazu da waren, interessanterweise auch und gerade nach dem verlorenen Krieg. Und erst Bagdad im 9. Jahrhundert. Gut, dass die Epoche und die Stadt in der Wikipedia angegeben sind, denn beides lässt sich aus dem Film selbst nicht ohne Weiteres erschließen. Zumal Bagdad unseres Wissens von einem Kalifen, nicht von einem Scheich regiert wurde.

„Sumurun“ ist ohnehin schwer in eine Lubitsch-Reihe zu stellen. Er ist nicht nur Drama, sondern auch Komödie, er ist tragisch und im sechsten Akt sogar blutig. Er ist etwas, was ich heute noch gewagt finde: Eine Tragikomödie at equal Parts. Dadurch, dass die Geschichte der schönen Sumurun, die sich am Ende in die Freiheit begibt, nicht im Vordergrund steht, sondern quasi gleichrangig mit der Geschichte der schönen Tänzerin erzählt wird, die tödlich endet, wird der Film im sechsten Akt sehr erratisch und es ist nicht einfach, die Balance zwischen Lachen, Weinen und Entsetzen zu bewahren. Hollywoodfilme sind, wenn sie schon das Genre Tragikomödie bespielen, meist so konstruiert, dass entweder das Komödienatische oder das Tragische klar als prioritär akzentuiert wird und das andere nur dazu dient, dem Film tatsächlich oder scheinbar mehr Tiefe zu geben oder ihn nicht ganz so schwer wirken zu lassen. So haben auch mächtige Dramen oft einen „Comic Relief“, der sich in einer besonderen, eigens für die lockeren Momente installierten Figur manifestiert. So haben auch Komödien ihre ernsten Momente und diese werden meist von den Hauptfiguren dargestellt, wenn es um Liebe, um Bewährung, um Krisen geht, wie sie bei den besten Glückskeksschicksalen zuweilen vorkommen.

Lubitsch hingegen spielt selbst den Clown, der aber auch gleichzeitig mittendrin in der Handlung ist und im Spiel um die Gunst der Frauen, ohne Chancen natürlich. Einerseits geht Lubitsch hier den Weg, sich selbst und sogar Chaplin zu ironisieren, aber es gibt auch Szenen, in denen mir das Lachen sozusagen vergangen ist. „Narr der Fröhlichkeit, Gaukler der Grausamkeit“ haben Bandmann / Hembus diese Darstellung in „Klassiker des deutschen Stummfilms“ genannt und etwas erinnert mich unter anderem an die 1939er Verfilmung des „Glöckner von Notre Dame“, wenn ich mir einen Szenenausschnitt mit dem Gaukler, wie er auf dem Marktplatz performt, in dem Buch anschaue. 

Dabei ist der Film hochgradig witzig, sogar überwiegend, und Pola Negri, welche die Tänzerin spielt, ist eben auch eine Komödiantin. Wenn sie mit Lubitsch zusammenarbeitete, gab es auch in einer Tragödie wie „Madame Dubarry“ noch diese Momente, in denen man den sprühenden Spaß nicht heraushalten konnte. In „Sumurun“ hat sie mehr Spielzeit als Jenny Hasselqvist, welche die Titelrolle gestaltet.

Ich finde die Szene ikonisch, in welcher die beiden Frauen nebeneinander zu sehen sind, in Pink virargiert, ihrer unterschiedlich ausstrahlenden Erotik bewusst. Der alte Scheich hat Sumurun gerade die Kette abgenommen, die wohl das Symbol für „Lieblingsfrau“ darstellt und sie der Tänzerin umgehängt. Aber Sumurun ist nicht etwa verzweifelt, die Degradierung ist ihr wurscht, denn sie liebt längst den Tuchhändler. Dieser ist in der Kiste versteckt, vor welcher die beiden Frauen stehen, Sumurun wirkt hingegen befreit und misst Blicke mit der Scheinrivalin. Ihr Triumph, das wird man noch sehen, ist echt, während derjenige der materialitischen Tänzerin trügt und ihre neue Stellung als Favoritin der Mächtigen wird von kurzer Dauer sein. Das ist nur eine von vielen herausragenden Einstellungen in diesem Film, aber eine der allerbesten, deswegen haben wir sie als Titelfoto gewählt. Sie spart, wie viele andere gut ausgespielte Momente, etwas ein, worin Lubitsch ebenfalls richtig gut ist: Zwischentitel. Schon in früheren Filmen nutzt er sie für hinreißende Dialoge, in „Sumurun“ ist es von Vorteil, dass der Fluss des für damalige Verhältnisse langen Films nur selten durch Texttafeln unterbrochen wird.

In einem Film, in dem so viel drin ist, dass man nicht recht weiß, wo beginnen. Aber bleiben wir bei den Frauen. Das Ende vor dem Ende, als die wie eine Sklavin gehaltene Lieblingsfrau des älteren Scheichs mit ihrem feschen Tuchhändler durch die Palastmauern in die Freiheit geht, hat mir einen Schauer eingeflößt. Die Choreografie des Films ist sowieso außergewöhnlich, aber in diesem, dem richtigen Moment, erreicht sie ihren Höhepunkt: Die Despoten sind beide tot, der alte wie der junge, und die vielen Frauen, die ihnen zu dienen hatten, strömen aus ihren Gemächern hinaus in die Sonne und in der Mitte geht durchs Tor, jedoch ganz für sich, das Paar. Wenn man ein wenig verwegen interpretieren möchte, hat Lubitsch hier das Tor zu einer neuen, modernen und demokratischen Zeit aufgestoßen, nachdem er sich in „Dubarry“ und „Boleyn“ ausgiebig damit befasst hatte, wie auch starke Frauen in den Zeiten des Absolutismus und der Frührenaissance doch von mächtigen Männern und deren Launen komplett abhängig waren. Insofern ist „Sumurun“ auch ein feministischer Film. Das zeigt sich im Schicksal der Hauptfigur, die sich befreien kann, es zeigt sich aber auch daran, dass die Tänzerin den alten Scheich narrt, wie sonst niemand es sich annähernd trauen würde. Dann bringt er sie um, weil er auf seinen eigenen Sohn eifersüchtig ist, und tötet anschließend auch ihn, wird selbst am Ende von dem Clown erstochen. 

Wenn jemand schnell gemerkt hat, wie sich viele Menschen nicht nur zur vielzitierten „Cheoreografie der Masse“ kinematografisch modellieren und bewegen lassen, sondern, wie man das auch noch einsetzen kann, um einen ironischen Kommentar zur Lage der Gesellschaft zu liefern, dann war es gewiss Ernst Lubitsch. In „Die Austernprinzessin“ sieht man das erstmals deutlich, wenn in absolut synchronen oder individuell eng funktional begrenzten Bewegungen die Dienerschaft dem neureichen Amerikaner und seiner Tochter geradezu die Zunge auf die andere Seite legen muss. Auch diebezüglich geht Lubitsch in „Sumurun“ einen Schritt weiter, wenn nicht mehr als einen Schritt: Die Massen an Untergebenen werden verwendet, um die Brutalität und Launenhaftigkeit insbesondere des alten Scheichs zu illustrieren, wobei selbst die grundlosen Sündenbock-Züchtigungen noch etwas Komisches haben, ohne deshalb ihre Wirkung zu verfehlen. Der, der alles darf und diejenigen, die alles abkriegen, werden in komplett konträren Bewegungsmustern geordnet. Es gibt freilich Momente, die sich davon loslösen, wie die beiden homosexuellen Diener des Tuchhändlers, die für ihre Zeit absolute Avantgarde sind, die köstlichen Eunuchen., die im sehr dekorativ gestalteten Palast ihren eigenen Tagungsraum haben.

Stereotypen und kulturelle Aneignungen, wo man hinschaut. Die Frauen, die alle begierig und im selben Moment über die Zinnen des Palastes schauen, alle gleichzeitig, wenn der Tuchhändler mit seidenen Stoffen aufkreuzt, das ist auch ein so süßes Klischee. Wenn es Klamotten zu erstehen gibt, haben Frauen ein untrügliches Timing. Lubitsch lässt in diesem FIlm nur wenige dieser Klischees über Frauen, den Orient, die Zeit, die Sitten, die Gesellschaftsschichten und sogar die Gender aus, aber die Macht und die Ohnmacht, das vergebliche Schwärmen und freudig erhört werden, Liebe und Eifersucht und Tod, sie setzen die Gegenakzente, Massenszenen, Tanz und Zerstreuung, eine Verfolgungsjagd, melancholisch-stille Momente sorgen für hochgradige Abwechslung im Rhythmus. „Sumurun“ ist eine Pracht, nicht nur optisch.

Manches dürfte man so heute nicht mehr inszenieren, aber die ironische Haltung noch in den schwärzesten Momenten dieses genialen Frühwerks eines hiesigen Monumentalkinos, das es demnach wirklich einmal gab, lässt es einfach nicht zu, dass man sich zu sinister lediglich um die politische Korrektheit des Gezeigten nach heutigen Maßstäben Gedanken macht. Gerade die Frauen mit ihren sehr aktiven Handlungsweisen, welche das Geschehen eigenständig vorantreiben, während die Männer mehr oder weniger reagieren müssen, sind die Stars des Films, sie kämpfen wie weibliche Davids gegen die dunkle Seite der Macht, beherrschen nicht nur das Set, wenn sie auftreten, sondern lassen sich nicht die Butter vom Brot nehmen, riskieren Gefahr und Tod, verlieren und siegen und siegen auch dann, wenn sie verloren haben. Dass eine von ihnen sterben muss, ist sehr schade, aber am Ende steht die neue Zeit, in der die Liebe zählt, und nicht mehr, wer Herrscher und wer Sklave bzw. Sklavin ist. 

Die zeitgenössische Kritik meinte, dass mit Sumurun „ein Werk geglückt [sei], von dem stärkste künstlerische Wirkungen ausgehen, das mit reinsten Mitteln die Effekte großer Kunst erzielt und Wege weist im Film-Neuland, fernab von aller pseudotheatralischen Unkultur.“ Der Film sei ein „orientalisches Märchen in bewegten Bildern, denen der Regisseur Ernst Lubitsch seinen charakteristischen Stempel aufgedrückt hat.“[2]

Das Lexikon des internationalen Films bezeichnete Sumurun als „‚Historienschinken‘ mit großen Aufwand an Kulisse und Kostüm mit Blick auf die Kinokasse, aber auch eine filmische Reise in ein Universum der Gefühle und Leidenschaften von großer Intensität und äußerster Vollendung mit einem sehenswerten Ernst Lubitsch in einer der Hauptrollen.“[3]

Ein Historienschinken im engeren Sinne ist der Film gar nicht, Bagdad wird nicht einmal von einem Kalifen regiert, wie wir bereits festgestellt haben. Als „Sumurun“ herauskam, wurde er als „Der Wunderfilm“ apostrophiert, so sieht man auf dem einen oder anderen Plakat. Wirklich, ein Wunder, das ist er. Fantasievoll in tausend Varianten, von unbändigem Detailreichtum und schon sehr gut durchdacht und flüssig inszeniert. Manchmal ruckelt es noch ein wenig, die Amplitude von Freude und Trauer fällt etwas zu heftig aus, aber es gab Momente, in denen ich beinahe vergaß, dass ich einen über 100 Jahre alten Stummfilme anschaue, so sehr war ich mittendrin. Zugegeben, die äußerst fantasievolle Gestaltung spricht mich sehr an, ich bin auch ein Fan der Märchen aus tausendundeiner Nacht mit ihrer unvergleichlichen, magischen Atmosphäre und ihren Mysterien des Orients, die ich so gerne wiederfinden würde in einer friedlicheren Zeit als der unseren. Die Faszination der Deutschen für das alles ist in den Stummfilmen jener Zeit unverkennbar und sehr berührend. Man spürt, damals hätte alles noch anders kommen können, als es 1933 dann kam.

Aber Lubitschs Werk ist eben nur eine Spielart des damaligen Kinos, andere Regisseure machten mit ihren Gruselfilmen deutlich, dass dies nicht nur eine kreative, sondern auch eine Epoche war, in der die Dämonen, die im bräsigen Kaiserreich noch ein beherrschbar erscheinendes Schlummerdasein führten, bis zum Himmel steigen und ihn nachtschwarz werden lassen sollten. In diese Richtung habe ich „Sumurun“ allerdings nicht gedeutet, denn ich glaube, dass Lubitsch mit Filmen wie diesem schon deutlich nach Hollywood geschielt hat, wo er ja auch mit „Madame Dubarry“ großen Erfolg

hatte. Das heißt, die brutalen Momente entsprechen eher denen, die man US-Monumentalfilmen auf ähnliche Weise gezeigt bekam. 

Deswegen klappt allerdings die Harmonisierung von Komödie und Tragödie nicht ganz, die Lubitsch hier anstrebte, ohne bis ins Letzte konsequent zu sein oder die Zusammenschau in ihrer Wirkung visualisieren zu können. Vielleicht gab es damals noch zu wenige filmische Vorbilder für etwas, das so groß gedacht werden konnte und doch so differenziert ausgeführt werden musste. Jedenfalls ist die Entwicklung des Großkinos gerade bei diesem Regisseur atemberaubend. In fünf Jahren von kleinen Kammerspielen mit wenigen Personen und meist sich selbst in der männlichen Hauptrolle zu Filmen, von denen jeder bezüglich der Sets hochwertiger, der Statist:innen zahlreicher und somit teurer zu sein schien als der vorherige. Fritz Lang hat ihn dann übertroffen, doch ihm blieb dabei auch ein katastrophaler kommerieller Misserfolg nicht erspart, den Lubitsch und seine Geldgeber nicht zu verkraften hatten. Die Rede ist von „Metropolis“, der beinahe die Ufa ruiniert hätte. Sie ging ja dann auch für die nächsten Jahre mit den beiden größten US-Studios Paramount und MGM zusammen, um zu überleben.

Möglicherweise wird Lubitsch von manchen Kritiker:innen nicht in eine Reihe mit Lang und Murnau gestellt, weil er immer so grandios dicht am Publikum war und sich nie total ins Mystische hineinsteigerte, während diese anderen Größen mal den einen oder anderen Flop produzierten, der sich erst später als Meilenstein herausschälte, wie den erwähnten „Metropolis“, oder, bei F. W. Murnau, den „Nosferatu“. Der Film mit dem kahlschädeligen, kalkweißen Untoten, der sich ins deutsche Biedermeier einkauft und sich von Hals zu Hals saugt, war für das damalige Publikum wohl etwas too much, zumal wegen der Symbolik in Bezug auf den erst wenige Jahre vergangenen Krieg und der äußerst gelungenen Ansprache des Unbewussten, die eine große Rolle spielt. Lubitsch stellte sich hingegen immer auch in die Schuhe der Kinobesucher, wollte sie gut unterhalten, folgte also nicht vorwiegend dem eigenen künstlerischen Auftrag, was man vor allem von Murnau sagen kann, und das merkt man Lubitschs sehr effektvoll gestalteten Werken an. Ich glaube, er hätte auch anders gekonnt, manchmal bewies er das ja auch, aber er wollte daraus kein Markenzeichen machen und bisher habe ich keinen Film von ihm gesehen, in dem es ausschließlich ernst zugegangen wäre. Am meisten, dem Thema gemäß, sicher in „Anna Boleyn“, am radikalsten in „Madame Dubarry“, vom Ende des Films her betrachtet.

Finale

Gegenüber den Werken von Lubitsch, die ich zuletzt gesehen habe, wirken seine Hollywoodstreifen geradezu reduziert, einige sogar spartanisch, selbst diejenigen, die als Komödien Evergreens sind. Es ist die Seite der inszenatorischen Pracht und der visuellen Fantasie, die er in seiner amerikanischen Zeit hintangestellt hatte, weil dafür möglicherweise schon ein paar andere, sogenannte Platzhirsche, zuständig waren, als er dort ankam. Vielleicht war es aber auch seine persönliche Entwicklung, die einiges, was man in „Sumurun“ sieht, nicht ermöglichte. Vielleicht war es sogar so, dass die Inspiration für immer Neues nur unter bestimmten Umständen perfekt funktioniert, und die waren mit einem Produzenten wie Davidson in Berlin und einem Team, in dem Darsteller wie Jannings, Wegener (der alte Scheich in Sumurun), Liedtke (der junge Scheich) und Pola Negri (die Tänzerin) mittaten, das sich vermutlich blind verstand, waren im Sinne des totalen Autorenfilms, den die damaligen Arbeiten darstellten, nie wieder so zu verwirklichen. Die Negri ist in „Sumurun“ übrigens am meisten das, wofür sie gerühmt wird. Frech, fesch, tanzend, temperamentvoll. In diesem Film sieht man das besser zusammenwirken als in jedem mit ihr, den ich bisher angeschaut habe.

Da „Sumurun“ gut erhalten ist und selbst auf Youtube in 720p oder mehr vorhanden, würde ich sagen: unbedingt anschauen! Er ist ein großer Spaß, aber nicht nur das. Er spricht auch von Versagung, Melancholie und sogar von Freiheit, von Enge und Prekariat, einem goldenen Käfig und dem stets gefährdeten Leben unter der Knute der absolut herrschenden Fürsten, von der weiten Welt, von der Freiheit, die keine Grenzen kennt. Trotz einiger Schwächen und einer noch nicht erwähnten gewissen Verknotung der Handlungsstränge im fünften Akt ein herausragendes Monument des deutschen Films der führen 1920er. Ich stelle ihn wegen seines kühnen Konzepts über alle anderen Lubitsch-Stummfilme und unter seinen Tonfilmen kommen „Ninotschka“ und natürlich „Sein oder Nichtsein“ als Vergleichsmaßstäbe in Frage.

86/100

© 2022 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1), kursiv, zitiert, tabellarisch: Wikipedia

Regie Ernst Lubitsch
Drehbuch Hanns Kräly,
Ernst Lubitsch
Produktion Paul Davidson;
Projektions-AG „Union“
für Universum-Film AG
Musik Victor Hollaender (Original),
Javier Pérez de Azpeitia (Version 2005)
Kamera Theodor Sparkuhl,
Fritz Arno Wagner
Besetzung

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