Die alte Heizung und die Gaskrise +++ Heizenergieträger-Anteile in Deutschland (Statista + Kommentar) | Klima-Energie-Report 4 | Voll auf Gas gesetzt

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KE-Report 4 vom 31.07.2022 (hier zu Nr. 3 vom 30.07.2022)

„Die alte Gasheizung“ wird vielleicht eines Tages zu den Schauermärchen der Vergangenheit gehören. Vor wenigen Jahren noch wurden aber auch Neubauten noch überwiegend mit Gasheizungen ausgestattet, darüber hatten wir mehrfach geschrieben. Wie sich die Heizungs-Alterskohorten verteilen, zeigt die folgende Grafik:

Diese Statista-Grafik wurde unter einer Lizenz Creative Commons — Namensnennung – Keine Bearbeitungen 4.0 International — CC BY-ND 4.0 erstellt und wir geben sie unter gleichen Bedingungen wieder. Folgend der Statista-Begleittext dazu, dann weiter mit unserem Kommentar.

Die Öl- und Gasheizungen in Wohngebäuden in Deutschland wurden mehrheitlich vor der Jahrtausendwende installiert. Das zeigt die Statista-Grafik auf Basis von Daten des Bundesverbands desSchornsteinfegerhandwerks. Sie entsprechend dann oft nicht mehr dem aktuellen Stand der Technik, was Energieverbrauch und Schadstoffemissionen betrifft.

In Deutschland wird überwiegend mit den fossilen Energieträgern Erdgas und Erdöl geheizt. Die Hälfte der Bestandswohnungen ist mit Erdgasheizungen ausgestattet. Die Beheizungsstruktur in Neubauten zeigt jedoch einen neuen Trend: Während der Anteil der Erdgasheizungen zuletzt unter 40 Prozent lag, nahmen die Anteile von Wärmepumpen und Fernwärme zu.

Wer mit fossilen Energieträgern heizt, leidet derzeit unter stark schwankenden Preisen. Wie diese Statista-Grafik auf Basis von Daten des Deutschen Pelletinstitut und des Brennstoffspiegels zeigt, ist der Preis für Holzpellets zwar zuletzt auch gestiegen – allerdings nicht so stark wie die Preise für Heizöl, Erdgas, Flüssiggas, Fernwärme oder Wärmepumpen.

Medienberichten zufolge schreibt das Gebäudeenergiegesetz (GEG) eine Austauschpflicht für viele Öl- und Gasheizungen vor, die über 30 Jahre alt sind. Stand 2022 müssen also alte Gas- oder Ölheizung ausgetauscht werden, wenn das Baujahr 1992 und älter ist. Ausnahmen gibt es vor allem für langjährige Hauseigentümer, die dann von der Austauschpflicht ausgenommen sind.

Uns hat eher erstaunt, dass offensichtlich noch in den 2000ern mehr Öl- als Gasheizungen eingebaut wurden. Zumindest dort, wo wir Einsicht in die Unterlagen zu Neubauten nehmen konnten, wurden Ölheizungen damals nicht mehr propagiert. Eine weitere Grafik sollte mit der obigen im Zusammenhang gelesen werden:

Diese Statista-Grafik wurde unter einer Lizenz Creative Commons — Namensnennung – Keine Bearbeitungen 4.0 International — CC BY-ND 4.0 erstellt und wir geben sie unter gleichen Bedingungen wieder. Folgend der Statista-Begleittext dazu, dann weiter mit unserem Kommentar.

Jede zweite Heizung in Deutschland wird mit Gas betrieben – und ist dadurch direkt von steigenden Gaspreisen betroffen. Das zeigt die Statista-Grafik auf Basis von Daten des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW). Gegenüber 1995 ist der Anteil der Gasheizungen um rund 10 Prozent angestiegen. Der Anteil ölbetriebener Heizungen ist im selben Zeitraum dagegen deutlich gefallen – allerdings sind immer noch ein Viertel der Heizungen von diesem Energieträger abhängig.

Rund 14 Prozent der Wohnungen werden mit Fernwärme geheizt. Unter Fernwärme versteht man die Belieferung von Gebäuden mit Wärme von einem Kraft- oder Heizwerk. Die dort erzeugte Wärme gelangt durch ein Rohrsystem in die Wohnungen. Fernwärme-Kunden brauchen daher zu Hause keine eigene Heizanlage. Als Brennstoffe kommen vor allem Erdgas sowie Steinkohle zum Einsatz. Aber auch Wärme, die bei der Müllverbrennung oder industriellen Prozessen entsteht, wird häufig als Fernwärme genutzt. Strom, Elektrowärmepumpen sowie sonstige Heizungssysteme (wie z. B. Pelletheizungen) spielen eine untergeordnete Rolle.

Bei der Beheizungsstruktur in Neubauten lässt sich ein Trend ablesen: Während der Anteil der Erdgasheizungen zuletzt unter 40 Prozent lag, nahmen die Anteile von Wärmepumpen und Fernwärme zu. Die Altersstruktur von Öl- und Gasheizungsanlagen in Deutschland zeigt, dass über die Hälfte aller Anlagen schon mindestens 20 Jahre alt ist. Rund acht Prozent aller Ölheizungen wurden sogar vor dem Jahr 1985 installiert. Die Effizienzstruktur der Heizungen spiegelt die Altersstruktur wider: Rund 53 Prozent des Heizungsbestandes in Deutschland sind nur unzureichend effizient.

Wie diese Statista-Grafik zeigt, sind moderne Heizungssysteme wie Pelletheizungen, Wärmepumpen oder Brennstoffzellenheizungen in der Anschaffung zwar deutlich teurer als Gas-, Öl- oder Elektroheizungen. Allerdings haben diese Heizungen geringere Betriebskosten, produzieren teilweise neben Wärme auch Strom und werden staatlich gefördert. 

Dass wir das Heizen mit Holz grundsätzlich nicht als modern bzw. nachhaltig ansehen, wenn es massenhaft geschieht, haben wir kürzlich erläutert, aber es ist schon erstaunlich, dass Öl und Gas immer noch 75 Prozent der deutschen Wohnungen erwärmen. Welch ein Fortschritt es in den 1950ern bis 1970ern war, eine Ölzentralheizung zu haben, keine Kohle mehr schippen zu müssen und dergleichen, kann man heute kaum noch ermessen. Zumal dann nicht, wenn man in Mehrfamilienhäusern lebt, in denen man in der Regel nicht direkt mit dem Betrieb der Heizung konfrontiert ist. Und erst das saubere Erdgas, das nach dem Öl kam. Alles schon wieder Schnee von gestern. Auf keinem Sektor merkt man, a.) wie schnell sich die Zeiten bei wirklich wichtigen Dingen wandeln können und b.) wie schwer es ist, einen Tanker umzusteuern, der jahrzehntelang mit dem Gas unterwegs war. Die Hälfte aller Menschen, die mit Gas heizt, denen man Gas als förderbar und umweltfreundlich verkauft hat, liegen jetzt also falsch.

Man darf den Vorwurf an so viele Menschen, plötzlich nicht mehr das Richtige zu tun, das sogar staatlich gefördert wurde, insbesondere im Rahmen der KfW-Programme, nicht unterschätzen, auch nicht im Sinne des Erhalts der Demokratie. Wäre frühzeitig eine nachhaltige Energiepolitik betrieben worden, würde es zumindest in den Städten anders aussehen. Auf dem Land hingegen ist es mit dem Anschluss an ein Fernwärmesystem nicht so einach, ebenso wie die Abschaffung der Autos derzeit utopisch anmutet. Deswegen würden wir uns als i-Tüpfelchen noch eine Grafik wünschen, die Anteile von Heizenergiequellen nach der Größe der Kommunen, in denen sie verwendet werden, darstellt.

TH

KE-Report 3 vom 30.07.2022 (hier zu Nr. 2 vom 29.07.2022)

Es ist schon ein paar Tage her, da kam die Idee auf: Wenn wir einem Tempolimit zustimmen, dann verlängert ihr bitte die Laufzeit der noch aktiven Atomkraftwerke. Daraus hat Civey eine noch laufende Umfrage erstellt, bei der Sie mitmachen können.

Wie bewerten Sie den Vorschlag von Teilen der Union, im Gegenzug für längere Atomkraftwerk-Laufzeiten ein Tempolimit auf Autobahnen einzuführen?

Damit Sie ein paar Zeilen zur Orientierung haben, stellen wir immer den Text bei, den Civey im Newsletter zu den Umfragen veröffentlicht:

In der Debatte um Maßnahmen in der derzeitigen Energiekrise sprechen sich Teile der Union für eine Art politischen Tauschhandel aus. Falls die Bundesregierung sich für die von CSU/CDU geforderte Verlängerung der AKW-Laufzeiten einließe, würden sie einem Tempolimit zustimmen, so Unionsfraktionsvize Jens Spahn in der ARD. Er ergänzte: „In der nationalen Notlage sei ein gutes, gemeinsames Paket nötig, bei dem alle über ihren Schatten sprängen.”

Während Grüne und Linke schon lange für Tempolimits sind, lehnt die FDP Geschwindigkeitsbeschränkungen ab. Zuletzt erteilte Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) dieser Idee mit Verweis auf den Koalitionsvertrag in der ARD eine Abfuhr. Diese Woche warnte er auf dem Petersberger Klimadialog dennoch vor einer „Renaissance fossiler Energie”. Der Ausbau erneuerbarer Energie müsse langfristig im Fokus stehen.

Die FDP schließt eine Laufzeitverlängerung der AKWs momentan nicht aus. Nach einer Prüfung im Frühjahr hielt Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) strikt am Atomausstieg 2022 fest. Abgesehen von wirtschaftlichen Gründen ist die extrem gefährliche radioaktive Strahlung nach wie vor der größte Nachteil der Kernenergie. Eine Wende in die Debatte brachte nun Grünen-Co-Chefin Ricarda Lang, die bei Anne Will wegen der Gasmangellage ankündigte, alle Maßnahmen zu prüfen.

Derzeit werden jeden Tag Wetten darauf abgeschlossen, wann die Grünen „umkippen“ und die Laufzeitverlängerung der Kernkraftwerke mittragen. Dumm, dass das ausgerechnet Robert Habecks Person angelastet werden wird, aber wer Wirtschaft gestalten oder wenigstens das schlimmste Übel in diesem Bereich verhindern will, der hat nun einmal die Aufgabe, letztlich zu sagen, es wird gemacht oder nicht. Anders als beim Tempolimit, wo ein FDP-Verkehrsminister zustimmen muss, wenn es endlich kommen will, der verhindert es aber bisher.

Um ehrlich zu sein: Was bitte hat das eine mit dem andern zu tun? Das Tempolimit auf Autobahnen ist längst überfällig, und daraus einen Atomkraftdeal abzuleiten, der auf einer Notsituation beruht, ist Unsinn. Hier wurde ein politisches Dealen sozusagen öffentlich gemacht, das die Bürger:innen normalerweise gar nicht mitbekommen, sondern das innherhalb einer Regierung oder zwischen Regierung und Opposition ausgehandelt wird. Warum aber ist es dieses Mal anders? Weil man einander versucht zu erpressen, und das gilt auch für die FDP einerseits und die Grünen andererseits. Wäre sich die Regierung einig, dann müsste nicht die Opposition aushelfen wollen, um eine Einigung zustandezubringen, die eine Mehrheit im Bundestag findet. Soweit es sich um Regelungen handelt, bei denen auch der Bundesrat zustimmen muss, sieht es freilich ein wenig anders aus, denn die Union ist an den meisten Landesregierungen beteiligt. Trotzdem erinnert das z. a. an die Impfpflicht gegen Corona, die auch daran scheiterte, dass die Regierung aufgrund Uneinigkeit auf Oppositionsstimmen angewiesen gewesen wäre, um sie in einem neuen Infektionsschutzgesetz verankern zu können.

Wir haben mit „eher keine gute Idee“ votiert. Wir sind schon lange für ein Tempolimit und unter den gegenwärtigen Umständen würden wir auch ein Weiterlaufen der Kernkraftwerke akzeptieren, jedenfalls lieber, als dass jetzt vermehrt Kohle eingesetzt wird, um die Energielücke zu schließen, die wir bekommen werden, wenn Russland kein Gas mehr liefert. Denn ganz nebenbei hat Robert Habeck auch dafür schon den Weg freigemacht: Für den vermehrten Einsatz von Steinkohle zunächst, dann sogar für vermehrte Braunkohleverwendung. CO2-intensiver geht es nicht.

Damit stehen die Grünen ohnehin im schrägen Licht des Zweifels, ob sie wollen oder nicht. Zu allem Überfluss müssen sie sich auch noch von journalistischer Seite vorhalten lassen, dass sie die Gaskrise mitverursacht haben – weil sie die Abhängigkeit von russischem Gas nicht etwa, wie sie es gerne verkaufen, immer als kritisch angesehen, sondern zu deren Steigerung beitragen haben. Wie das möglich ist? Lesen Sie hier den Berliner Tagesspiegel von gestern. Ob aber erst die Reue, dann das Vergeben kommt oder die Reue gar nicht und gleichzeitig schon das Setzen auf das Vergessen oder die Vergesslichkeit der Menschen? (Q1-220730/29):

Robert Habeck, der Bundeswirtschaftsminister, ist ein Meister der mit Sorgenmiene vorgetragenen Appelle. Allerdings wäre es leichter, ihm zu folgen, wenn die Grünen etwas offener und demütiger mit ihrem Anteil an der Misere umgehen würden. Vergangenheitsbewältigung: Das ist ein großes Wort, das nicht überstrapaziert werden darf. Doch Einsicht ist nun mal der erste Weg zur Besserung, und vor dem Vergeben steht die Reue.

Vor allem der erste Satz hat uns exzellent gefallen. Viele Journalisten, die sich mit der dezenten Kommunikation des Kanzlers nicht anfreunden kommen, stellen den Wirtschaftsminnister als Gegenbeispiel heraus. Aber während Ersterer versucht, den in Schwierigkeiten gekommenen Laden  zu managen, delektiert sich Letztere an klassistischen Appellen und gibt auch noch sich selbst als positives Beispiel vor. Vielleicht hat Herr Habeck bisher täglich 45 Minuten geduscht. Wenn er jetzt auf 35 Minuten reduziert, ist der Gaskrieg noch lange nicht gewonnen. Olaf Scholz hingegen versucht, alles zu vermeiden, was nach einer offenen Eskalation aussehen könnte. Ob Putin damit noch irgendwie zu beeindrucken ist? Keine Ahnung, offen geschrieben. Aber es wird, falls nicht, eines Tages auch um die Schuldfrage gehen. Wer hat die ganze Zeit wohlfeilen Quatsch erzählt und wer hat sich der Herausforderung, das Land einigermaßen intakt zu halten, wenigstens ernsthaft angenommen?

Einige Journalisten äußern sich mittlerweile etwas nachdenklicher. Wir sind froh, dass wir von Beginn des Krieges an dafür geworben haben, einem Kanzler zu vertrauen, den wir nicht unproblematisch finden, wegen einiger Vorkommnisse in seiner politischen Vergangenheit, der aber in der Lage ist, (wir haben es mit diesen Worten zuerst geschrieben, jetzt merken es auch andere), die Dinge vom Ende her zu denken. Hilft das in der Energiekrise? Es geht im Moment nicht so sehr ums Gestalten, sondern das Beste aus einer aufgezwungenen und durch Fehler der Vergangenheit herbeigeführten Sondersituation zu machen. An dieser, wird in der o. g. Quelle weiter ausgeführt, seien die Grünen nicht unschuldig.  Und zwar, weil sie den Atomausstieg vorangetrieben haben. Weil sie sogar als Anti-Atomkraftbewegung angefangen haben. Weil sie im neuen Koalitionsvertrag ausdrücklich Gas als Brückentechnologie akzeptiert und die Förderung des Baus von Erdgaskraftwerken unterzeichnet haben.

Tja. Aber anders als im Fall Habeck, wo ein wirklich simpler Stil zu einem Meisterwerk moderner Bürgerkommunikation hochgejazzt wird, teilen wir hier die Meinung des Tagesspiegels nicht. Sicher ist das, was da steht, faktisch richtig. Weniger Atomkraft bedingt mehr Nutzung anderer Quellen, wenn der Energieverbrauch nicht wesentlich sinkt.

Aber hat irgendwer zum Beispiel aus Putins Krimbesetzung den Schluss gezogen, dass man von ihm nicht so viel Gas kaufen darf? Uns ist keine Partei bekannt, die das ernsthaft in Erwägung gezogen hat, es gab keinen Dissens diesbezüglich zwischen den Grünen und der Merkel-Union, beispielsweise. Donald Trump hat aus den USA rübergewettert, daran erinner wir uns gut. Aus durchsichtigen Gründen, nicht, weil die Deutschen bei den Erneuerbaren einiges versäumt haben. Auf diese durchsichtigen Gründe werden wir ganz am Ende noch einmal hinweisen. Eben deswegen fanden auch wir den Widerstand gegen ihn per Durchsetzung des Projekts Nord Stream 2 nicht direkt falsch.

Wenn überhaupt von einer Seite, dann gab es Kritik seitens der Grünen und der Umweltverbände und -aktivist:innen daran, dass der Ausbau der Erneuerbaren unter Merkel nicht schnell genug voranging. Wäre das der Fall gewesen, dann hätten wir aktuell nicht so massive Probleme mit der Gasbeschaffung. Was die Grünen jetzt in der Koalition mittragen, ist also ein Zustand, den sie eben nicht im Wesentlichen durch ihr stetes Plädoyer für den Kernkraftausstieg mitverursacht haben, sondern den wir der Unionsregierung zu verdanken haben, die 16 Jahre lang kein einziges Problem wirklich gelöst, aber massive Zukunftshypotheken aufgebaut hat. Dass eine davon jetzt so schnell eingelöst werden muss, ist Pech für die Ampelkoalition. Dass eine zweite ebenfalls Ausgleich fordert, welche die Merkel-Administration unterzeichnet hat, nämlich die Inflation, dass beide  zusammen den Menschen echte Schwierigkeiten bereiten, das kann die neue Regierung nicht von heute auf morgen beseitigen.

Denn was immer nun passiert, eines ist sicher: Putin wird das Gas als Hebel benutzen, um den Westen in die Enge zu treiben, solange der Ukraine-Krieg dauert. Vielleicht sogar darüber hinaus: Finnland, Schweden in die NATO? Ein Grund mehr, mal wieder am Gashahn zu drehen. Die einzige Lehre, die man aus diesem Desaster ziehen kann, ist, dass das niemals wieder passieren darf. Anstatt alles achelzuckend hinzunehmen, müssen wir endlich lernen, in solchen Kategorien zu denken: Niemals wieder!, auch wenn dieser Ansatz nach dem Ersten Weltkrieg von den Nazis missbraucht wurde. Andere Völker haben ihn aber mittlerweile erfolgreich zu einer Staatsräson entwickelt, die sie davor schützt, Spielball von Großmächten zu werden. Erst, wenn man solche Grundsätze in die Politik implementiert, kann man ernsthaft eine werteorientierte und geostrategisch konsequente Außenpolitik machen. Und natürlich ist Außenpolitik auch Rohstoff- und Energiepolitik.

Deswegen trennen wir zwischen den wohlfeilen, gleichwohl nicht auf Augenhöhe abgegebenen Tipps der Grünen und dem, was sie in der Gasangelegenheit bisher zu verantworten hatten. Bezüglich Letzterem haben die Union, die SPD und auch die FDP weitaus mehr Reue zu zeigen. Bei den Grünen könnte man aber ihre Zeit in der Regierung Schröder mal etwas näher beleuchten, denn das Schröder ein Fan russischen Gases ist, wissen wir, und damals sind viele politische Nägel eingeschlagen worden, die nun diese Gesellschaft schon länger schmerzen und sie spalten. Dafür sind auf jeden Fall die Grünen mitverantwortlich. Ein Grund, warum wir ihre lockeren Appelle an die Bevölkerung nicht mögen. Sie haben mit dafür gesorgt, dass die Armut im Land so groß geworden ist und so viele Menschen vor der nächsten Gasrechnung zittern. Dafür Reue zu zeigen, wäre erste Grünenpflicht, nicht wegen ihrer seit über 40 Jahren konsequenten Haltung gegen die Kernkraft.

Die Sonderumlage Gas aber wird kommen. Wir werden nun beobachten, ob die Regierung, deren Parteien einst den Startschuss für eine exorbitante Ungleichheit im Land gesorgt haben, diejenigen wirklich von den Folgekosten freistellen werden, die jene Folgekosten einfach nicht mehr tragen können. Habeck hat Scholz damit zitiert, dies solle der Fall sein und wir sind der Ansicht, wenn das nicht einmal hinhaut, brauchen wir uns um konsequent nachhaltige und von der Mehrheit akzeptierte Zukunftsgestaltung erst einmal keine Gedanken zu machen: Sie wird mit der Ampel nicht drin sein. Dazu muss man nämlich viele Menschen mitnehmen können, die man mit verschiedenen Politikansätzen der letzten Jahrzehnte erst in die jetzige üble Lage hineingeführt hat (Q2-20220730/29). Vielleicht frägt ja mal jemand in einer politischen Talkshow so klug nach, dass die Sozialverbrecher der 2000er sich stellen müssen – oder deren politische Nachfahren. Von selbst werden sie kaum Reue zeigen. Dafür sind sie kommunikativ viel zu taff und mental viel zu hart. Nun könnte man den Gedankengang weiterführen, warum sie das aktuelle Desaster nicht haben kommen sehen, aber so furchtbar kriegslüstern waren. Einige von den Grünen, weniger von der SPD. Hat das wirklich etwas mit Werten zu tun oder wurde man von neoliberalen transatlantischen Thinktanks aufs Glatteis geführt, unbedarft, wie man wirtschaftspolitisch nun einmal ist, obwohl man den Wirtschaftsminister stellt? Das ist ein weites Feld, aber darüber nachdenken lohnt sich. Nur einer von vielen Ansätzen: Wer zum Beispiel profitiert davon, teures und höchst umweltschädliches Frackinggas nach Deutschland verkaufen zu können?

TH

KE-Report 2 vom 29.07.2022 (hier zu Nr. 1 vom 28.07.2022)

Aller Anfang ist nicht so leicht, wie auch der Umstieg von einer in loser Reihenfolge veröffentlichter Reihe von einzelnen Artikeln zu einem Thema hin zu einer kontinuierlichen Berichterstattung über einen Themenkomplex, der uns noch befassen wird, wenn Corona (hoffentlich) lange vorbei ist und der Ukraine-Krieg (hoffentlich) Geschichte sein wird.

Nachdem wir gestern die Überzeugung geäußert haben, dass wir im Sparen besser sind als Robert Habeck, so als Allgemeinbevölkerung (wie will er durch kürzer Duschen mehr als 25 Prozent Gaseinsparung erreichen?) (Q2-220729/0624) und der folgenden Drohung eines FDP-Politkers seinem Sohn gegenüber, wenn er nicht brav spart, „dann holt dich der Habeck“ (Q3-220729/28) müssen wir uns wieder Fakten widmen, die als Kinderschreck sehr wohl taugen. Nebenbei gewinnen wir Einblick in die Erziehungsmethoden con Habeck è Waldrapp, mit denen die Neoliberalen ihre Kinder gegen jede Empathie immunisieren wollen.

Leider müssen wir heute zu einem Thema kommen, dessen grafische Darstellung seit mehr als einer Woche auf unserem Tisch liegt bzw. im Mailpostfach auf Veröffentlichung wartet: die enormen Waldbrände in Europa. Dass deren Zunahme etwas mit dem Klimawandel zu tun hat, liegt sehr nah, trotzdem haben wir noch ein wenig weitergeforscht. Hier zunächst die aktuellle Grafik von Statista als Basisinformation:

Diese Statista-Grafik wurde unter einer Lizenz Creative Commons — Namensnennung – Keine Bearbeitungen 4.0 International — CC BY-ND 4.0 erstellt und wir geben sie unter gleichen Bedingungen wieder. Folgend der Statista-Begleittext dazu, dann weiter mit unserem Kommentar.

Schon 2021 war ein extremes Waldbrandjahr, nun hat eine neue Hitzewelle Europa erreicht und sorgt vor allem in den südlichen Regionen für Trockenheit und Brandgefahr. Bereits in den vergangenen Wochen kam es beispielsweise in Frankreich, Italien und Griechenland zu Waldbränden.

Laut Daten des European Forest Fire Information Systems (EFFIS) ist die von Waldbränden betroffene Gesamtfläche in Europa schon jetzt fast dreimal so hoch wie im Vorjahr – dabei lag selbst 2021 schon deutlich über dem Durchschnitt der Vorjahre, wie die Statista-Grafik zeigt. Zum Stichtag 16. Juli 2022 registrierte das Effis eine Fläche von etwa 346.000 Hektar. Das entspricht einem Bereich der 1,3-mal so groß ist wie das Saarland oder viermal die Größe Berlins. Zwischen 2008 und 2020 waren es im Schnitt etwa 86.000 Hektar, die von Waldbränden betroffen waren.

Auch in Deutschland kommt es jetzt wieder vermehrt zu Feuern. Erst heute Morgen (19.07.2022) meldete die Feuerwehr im Raum Essen ein brennendes Waldstück. Im vergangenen Jahr kam es in Deutschland laut Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BMEL) zu 548 Waldbränden, die eine Gesamtfläche von rund 148 Hektar angriffen – verhältnismäßig wenig im Vergleich zu den Jahren davor. Von diesen 548 Bränden wurden jedoch nur sieben durch natürliche Ursachen entfacht. Der größte Risikofaktor für Wälder in Trockenzeiten bleibt also der Mensch.

Über das Jahr 2021 haben wir hier geschrieben. Kürzlich haben wir zur Vermeidbarkeitsquote von Waldbränden einen Artikel veröffentlicht, der mehr ins Grundsätzliche geht. Wir wollten es dieses Mal nicht bei den Basisdaten belassen, die Sie oben sehen, sondern haben uns auch die Quelle angeschaut. Sie zeigt folgendes Bild:

Wir sind ein paar Tage weiter, morgen wird die Erfassung von Copernicus / dem EFFIS wieder aktualisiert, aber schon jetzt sind 559.000 Hektar Wald in der EU verbrannt (Q4-220729/23). Das ist der höchste Wert im erfassten Zeitraum, wie die Minimum-Maximum-Angaben zeigen, und etwa das Dreifache des Durchschnittswerts der Jahr 2006 bis 2021. Offensichtlich gibt es ab Mitte Oktober so gut wie keine Waldbrände mehr in Europa und noch besteht die Chance, dass das Jahresmaximum von fast einer Million Hektar verbranntem Wald in Europa nicht erreicht wird. Dazu bedürfte es aber eines vergleichsweise kühlen und regenreichen Restsommers vor allem in West- und Südeuropa.

Nach einer weiteren Darstellung werden jährlich allein in Südeuropa fast eine Million Hektar Baumbestand und Gebüschland verwüstet. Das ist durchaus möglich, denn das EFFIS-Panel registriert nur größere Waldbrände, die mehr als 30 Hektar Fläche vernichten. Gemäß der zugehörigen Grafik sind ganz Portugal, Spanien, Griechenland, Südfrankreich und Süditalien besondere Hochrisikogebiete. Aber auch die Gegend in Deutschland, in der wir leben, wir als „hoch riskant“ eingestuft und es gab im Umland von Berlin im Jahr 2022 bereits größere Waldbrände. (Q5-220729). Auf dieser Grafik können Sie sehen, dass auch 2020 bereits ein extremes Waldbrandjahr war. Jedes neue Jahr der 2020er drückt damit auch den Durchschnitt der letzten 15 erfassten Jahre nach oben. Darauf basierend, stellen diese Abbildungen eine neue gefühlte Normalität mit vielen großen Bränden her, die, auf längere Sicht betrachtet, alles andere als normal ist (Q6-220729). Diese heutige Realität als Normalität hinzunehmen, heißt, eines der deutlichsten Anzeichen für den Klimawandel zu ignorieren.

Haben Sie noch in Erinnerung, womit die Holzverbrennungsindustrie Werbung macht? Nicht nur mit geringen Kosten. Sondern auch mit Klimaneutralität. So gesehen, sind die Waldbrände auch klimaneutral, denn was dabei an Kohlendioxid freigesetzt wird, haben die verbrannten Bäume im Laufe ihres Lebens auch gespeichert. Was merkt man daran? Dass die Apologeten des archaischen Heizens die Waldfunktion auf einen CO2-Kreislauf reduzieren, der nicht einmal die Tatsache berücksichtigt, wie lange Wald braucht, um nachzuwachsen und wie sich die stetig abnehmende Wald-Biomasse auf der Erde in Sachen Klimawandel auswirkt. Nämlich negativ im Sinne einer Beschleunigung, weil somit immer weniger CO2 gespeichert werden kann. Oder: Was durch einen Waldbrand in einer Nacht zerstört wird, braucht viele Jahre, um wieder neu zu entstehen und noch länger, um die frühere Biomasse und Biodiversität zu erreichen. Der Klimawandel ist aber jetzt, wie wir kürzlich hier dargestellt haben. Jeder durch Feuer zerstörte oder gar absichtlich abgeholzte gesunde Baum erschwert zusätzlich den Kampf gegen die Erderwärmung und für die CO2-Neutralität.

TH

Energie-Report 1 vom 28.07.2022 (hier zur „Nullversion“ vom 26.07.2022) und hier zum gestrigen Artikel Energie-Ziele der Regierung in weiter Ferne (Statista + Kommentar) | Umwelt Klima Wirtschaft | Energiewende

Es gibt schon wieder Neues aus der (Gas-) Anstalt. Und dieses Mal ist erfreulich. Wir können sparen, wenn wir wollen, die nachfolgende Grafik belegt es:

Diese Statista-Grafik wurde unter einer Lizenz Creative Commons — Namensnennung – Keine Bearbeitungen 4.0 International — CC BY-ND 4.0 erstellt und wir geben sie unter gleichen Bedingungen wieder. Folgend der Statista-Begleittext dazu, dann weiter mit unserem Kommentar.

Der Erdgasverbrauch in Deutschland ist im laufenden Jahr gegenüber dem Vorjahr rückläufig. Das zeigt die Statista-Grafik auf Basis von Daten der Bundesnetzagentur. So lag der Verbrauch im Juni 2022 um rund 27 Prozent unter dem des Juni 2021. Laut Angaben der Bundesnetzagentur hängt dies vor allem mit dem Wetter zusammen: Ab Mitte März hätten in Deutschland ungewöhnlich hohe Temperaturen geherrscht; an manchen Tagen wurde es wärmer als 20 Grad. In der Folge wäre weniger geheizt worden. Die Gasnetzlieferanten würden darauf in der Regel reagieren, indem sie weniger Gasmengen anmelden („nominieren“). Der Gasverbrauch sei somit stark von der Temperatur abhängig. Der Winterbedarf liege ungefähr achtmal höher als der im Sommer.

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck hat die Deutschen unterdessen zum Gassparen aufgerufen, damit die Speicher schneller gefüllt werden können. Hintergrund: Angesichts der Gasknappheit hat die EU einen Notfallplan für diesen Winter beschlossen. Demnach sollen die Mitgliedsstaaten ihren Gasverbrauch zwischen dem 1. August 2022 und dem 31. März 2023 um mindestens 15 Prozent im Vergleich zu ihrem durchschnittlichen Gasverbrauch zwischen dem 1. August und dem 31. März in den fünf Jahren davor senken. Statista wird diese Infografik daher regelmäßig aktualisieren um zu zeigen, ob Deutschland dieses Ziel erreichen wird.

Die Höhe der Füllstände der Gasspeicher in Deutschland hängt direkt vom Gasverbrauch ab. Hierbei ist es wiederum entscheidend, wie kalt der Winter ist und wie viel infolgedessen geheizt wird. Viel heizen bedeutet also niedriger Füllstand.

Die Höhe der Einsparungen hängt nicht nur vom Wetter ab, sonst würde die „Sparquote“ gegenüber 2021 nicht jeden Monat zunehmen. Wir finden es großartig von allen, die sparen, dass sie das tun. Gibt es dafür auch mal ein Dankeschön vonseiten derer, die uns die Gaskrise eingebrockt haben? Folgendes ist keine ethische, sondern eine rein kausale Betrachtung: Hätte sich die Bundesregierung aus dem Ukrainekrieg herausgehalten, hätten wir keine Gaskrise. Jetzt muss sie wenigstens dafür genutzt werden, die Energiewende voranzubringen. Die Menschen hierzulande, tun, was sie können, das sieht man deutlich an den Verbrauchszahlen, auch wenn es im Durchschnitt heuer 1 Grad wärmer war als im vergangenen Jahr 2021.

Jetzt ist die Politik am Zug, den Menschen zu helfen. Wir sind gespannt, ob die Bemühungen der Bevölkerung von einer Kaste von Politiker:innen, die unser Mitmachen bei wirklich (bisher) allem viel zu selbstverständlich nimmt und die Menschen immer noch gerne mehr ausquetschen möchte, anerkannt werden. Wir könnten ja auch mal sparen und gleichzeitig ernsthaft protestieren, das wäre bereits eine weitaus elaboriertere Strategie als das, was wir bisher von der Regierung sehen.

In eigener Sache:

Nach Corona / Affenpocken werden wir jetzt auch das Thema Energie aus der allgemeinen Berichterstattung ausgliedern. Es wird uns nämlich weiterhin beschäftigen, auch, wenn der Ukrainekrieg vorbei ist, und zwar erheblich, wie die Gaskrise zeigt, die uns vor allem vor Augen führt, dass man nicht alles haben kann und wie es sich auswirkt, dass die vorherige Bundesregierung das Thema Energiewende so nachlässig und lobbylastig behandelt hat. Das heißt, wir werden auch Lobbyismus aus dem Energiebereich in die künftigen Energie-Reporte einarbeiten. Das heißt, wir werden messen, ob Fortschritte tatsächlich stattfinden oder ob nur Ziele deklariert werden.

Wenn Statista seine Grafiken so verstetigt, wie es auf dem Energiesektor gerade zu beobachten ist und wie es offensichtlich verstärkt werden soll, ist es für uns relativ einfach, darauf aufzubauen. Es ist aber auch nicht ausgeschlossen, dass wir eigene Datenreihen anlegen werden, wie beim Corona-Report. Die Daten zur Energiewirtschaft werden nicht jeden Tag aktualisiert werden, aber das Thema ist sehr vielfältig und verwoben mit weiteren Wirtschaftsthemen, dazu kann man immer wieder interessante Betrachtungen anstellen.

Zum Beispiel diese: Wie wird sich das Sparen auf die Wirtschaftsleistung Deutschlands auswirken? Nicht sehr negativ, angesichts der Preisexplosion, die wir derzeit sehen. Sparen an sich ist aber ein Wachstumshemmnis im wirtschaftlichen Sinne, das BIP geht zurück. Das muss uns klar sein. Ebenso klar ist, dass dies nichts Schlimmes darstellt.  Keine Panik, falls es zu einem Degrowth-Effekt infolge von Energieeinsparungen kommen sollte! Manchmal ist weniger mehr. In diesem Fall ein Mehr an Lebensqualität, Umwelt- und Klimaschutz.

TH

26.07.2022: It’s the Energy, Stupid! Das könnte das Motto dieser Wochen, Tage und Stunden sein. Zum dritten Mal innerhalb kurzer Zeit zeigen wir die aktuelle Russland-Gaslieferungs-Grafik auf aktualisiertem Stand, wie Statista sie gerade anbietet. Heute gibt es davon wieder eine neue Version:

Diese Statista-Grafik wurde unter einer Lizenz Creative Commons — Namensnennung – Keine Bearbeitungen 4.0 International — CC BY-ND 4.0 erstellt und wir geben sie unter gleichen Bedingungen wieder. Folgend der Statista-Begleittext dazu, dann weiter mit unserem Kommentar.

Nach Abschluss von Wartungsarbeiten fließt wieder Gas durch die Pipeline Nord Stream 1 nach Deutschland, wenn auch nicht viel, wie die Statista-Infografik auf Basis von Daten des Statistischen Bundesamts zeigt. Und es könnte bald noch weniger werden. Bereits in der vergangenen Woche hatte Russlands Präsident Wladimir Putin gedroht, die Lieferungen zu drosseln. Nun will der russische Gaskonzern Gazprom die Gaslieferungen durch die Ostseepipeline auf 20 Prozent des Maximums senken. Robert Habeck unterstellt Putin, ein perfides Spiel zu spielen. „Er versucht, die große Unterstützung für die Ukraine zu schwächen und einen Keil in unsere Gesellschaft zu treiben. Dafür schürt er Unsicherheit und treibt die Preise„, so der Bundeswirtschaftsminister.

Falls man überhaupt dieses Keil-Bild gelten lässt, muss man es mindestens präzisieren oder korrigieren: Der Keil sitzt ohnehin tief drin in der Gesellschaft, man kann ihn höchsten noch tiefer hineintreiben, und das tut Russlands Präsident gewiss mit Absicht, das sehen wir auch so. Die Schwächen unserer Demokratie sind seine Stärke, nicht die Stärke seines eigenen Systems. Deswegen schauen wir auch genau hin, wer hierzulande mit welchen prorussischen Argumenten unterwegs ist. Bei einigen tritt die Heuchelei von Jahren jetzt voll zutage: Es geht ihnen nicht um die Ärmeren, sondern darum, Putins Geschäft zu betreiben.

Gleichwohl legt die Gaskrise noch einmal mehr als Corona offen, woran es bei uns mangelt: An einer Politik, die vorausschauend und den Menschen dienlich ist. Das Mindeste, wenn man Sanktionen gegen ein Land einführt, ist doch wohl, sich zu überlegen, ob man sie selbst durchhalten kann, ohne dass einem der Laden um die Ohren fliegt und Millionen von Menschen übermäßig leiden müssen. Selbst, wenn von heute auf morgen alle Sanktionen gegen Russland aufgehoben würden oder sogar gerade dann: Putin würde genau dort weitermachen, wo er sich jetzt festgesetzt hat, nämlich in der Strategie der gegenseitigen Schädigung. Wären es nicht die Sanktionen des Westens, könnte man das Gas-Monopoly immer noch mit Waffenlieferungen des Westens begründen. Es ist nach unserer Ansicht mittlerweile egal, was hierzulande weitergetrieben oder geändert wird, es kann nur reagiert, nicht agiert werden. Es sei denn, man würde wirklich aktiv in den Ukrainekrieg eingreifen, aber das will ja niemand.

Inzwischen wird aus der russischen Führung heraus ganz offen kommuniziert, was wir doch, wenn wir ehrlich sind, schon längst ahnen konnten und was sich zu Kriegsbeginn mit dem Marsch auf Kiew bereits abzeichnete: Russland will die Ukraine komplett unter Kontrolle bringen. Sei es durch eine Regime Change oder deren Vernichtung mit anschließender Russifizierung. Damit ist auch klar, dass die russische Kriegsführung derjenigen schlechter historischer Vorläufer an imperialistischer Grausamkeit in nichts nachsteht. Und was wir schon länger so sehen: Über was wollen diejenigen, die sich hier mit Aufforderungen zum Verhandeln hervortun, eigentlich verhandeln? Russland sieht sich in einer Position der Stärke oder suggeriert dies wenigstens, und so, wie das Regime gestrickt ist, wird es aus dieser Position heraus oder der unbedingten Aufrechterhaltung des Narrativs, das eine solche Position gegeben sei heraus, nicht tatsächlich verhandeln, sondern einen Diktatfrieden durchsetzen wollen. Die hiesigen Putinisten werden dann sagen: Na bitte, da wurde doch klug verhandelt, der Krieg ist zu Ende.

Wie groß die Verwerfungen in Russland sind, ist schwer einzuschätzen, aber die Bevölkerung im Griff zu behalten und Proteste zu verhindern, ist dort allemal leichter als in demokratischen Systemen wie unserem. RT-Sendeverbot hin oder her, von vielen Seiten wird hierzulande weiterhin prorussische Propaganda betrieben. Auch wir stellen immer wieder Meinungen dar und besprechen sie, die von den Standard-Deutungen abweichen und unsere eigenen Ansichten auf die Probe stellen. Aber wenn wir einen Schritt zurücktreten und uns einfach nur anschauen, was ganz offensichtlich und unwiderlegbar ist, dann sehen wir keine Stärke darin, einen Eroberungskrieg zu führen und gleichzeitig eine Chance nutzen zu wollen, um ein dem eigenen immer noch weit überlegenes Gesellschaftsmodell zu beschädigen. Das hat auch etwas von Größenwahn, wenn man bedenkt, wie schwach Russland trotz seiner großen Fläche und seines Rohstoffreichtums wirtschaftlich und bezüglich der politischen und sozialen Teilhabe der Mehrheitsbevölkerung dasteht.

Die politischen Schwächen und die offensichtliche ethische Unglaubwürdigkeit des Westens bei vielen seiner geostrategischen Handlungen rächen sich gerade, aber dass das hohle und triste System Putin, das von Paranoia lebt, sich aus dem Gas-Monopoly heraus als überlegen etabliert, ist eine aberwitzige Idee.

Diese Idee wird sich nicht durchsetzen lassen, gleich, wie der Ukraine-Krieg endet und ob wir uns den Hintern abfrieren, weil viele Jahre falsche Bundespolitik, geben wir’s doch zu, auch für uns ziemlich bequem waren. Das System Putin aber ermöglicht gar keine Suche der Zivilgesellschaft nach dem richtigen Weg, sondern basiert auf negativen Zuschreibungen gegenüber anderen, nicht auf positiven Ideen für die eigene Gesellschaft. Da ist nichts drin für eine bessere Welt. Keine Vision, keine Strategie außer einer imperialistischen Restitution und dem Verkauf von Rohstoffen.

Kein Wunder, dass vor allem Menschen in unserem Land, die es nicht mit dem konstruktiven Denken, sondern mit dem Wunsch nach möglichst viel Unruhe und sozialer Zerstörung haben, den Nachteilen von Putins System gegenüber komplett ignorant sind. Was sie dabei nicht bedenken: Eine weniger auf fossilen Rohstoffen basierende Wirtschaft ist nicht nur möglich, sie wäre auch ohne den Ukrainekrieg eine dringende Notwendigkeit zum Erhalt unserer Lebensgrundlagen gewesen. Also, warum nutzen wir die Krise nicht? Schluss mit dem Gas-Junkietum, auch wenn es von der Bundesregierung zu lange zu sehr gefördert wurde.

Was die Bundesregierung aber tun muss: Ihre Fehler insofern eingestehen, als sie die Menschen ernsthaft entlastet und dabei eine gerechte Verteilung der Fehlerursachen gewährleistet: Wir haben mitgemacht. Dadurch haben wir auch eine Mitverantwortung. Aber in der Form, wie die Kostenexplosion jetzt läuft, kann sie nicht einfach auf die Bürger:innen abgewälzt werden, denn eine Regierung wird auch dafür gewählt, vorausschauend zu agieren und Schaden von der Bevölkerung abzuwenden. Der Eindruck, dass sie einen dahingehenden Plan hatte, als sie ihren für die Mehrheit im Land sehr riskanten Weg beschritt, vermittelt sich uns nicht, und das muss gerade gegenüber den begabten Kommunikator:innen in der Regierung klar kommuniziert werden.

TH

22.07.2022: Heute beginnen wir den Tag mit einem Info-Artikel. Wir wissen schon fast nicht mehr, wo wir anfangen, so viele wichtige Statistiken erreichen uns, aber im Vorgriff auf das große Wochen-Briefing ist diese die wichtigste von allen.

Außerdem soll ja heute wieder rusissches Gas durch Nord Stream 1 fließen. Die Grafik gibt den Stand von gestern, dem 20.07.2022, wieder:

Diese Statista-Grafik wurde unter einer Lizenz Creative Commons — Namensnennung – Keine Bearbeitungen 4.0 International — CC BY-ND 4.0 erstellt und wir geben sie unter gleichen Bedingungen wieder. Folgend der Statista-Begleittext dazu, dann weiter mit unserem Kommentar.

Derzeit kommt in Deutschland kaum noch russisches Gas an. Das zeigt die Statista-Infografik auf Basis von Daten des Statistischen Bundesamts. Während über die Jamal-Pipeline ohnehin seit Monaten kein Erdgas geliefert wird, sind zuletzt auch die Durchflüsse von Nord Stream 1 und Transgas auf nahezu null Gigawattstunden gefallen – in beiden Fällen sind Wartungsarbeiten für die Unterbrechung des Gasflusses verantwortlich. Im Fall von Nord Stream 1 sollen diese am kommenden Donnerstag abgeschlossen sein. Ob sich die Gasflüsse dann normalisieren ist aber fraglich. Putin droht bereits mit eingeschränkten Lieferungen, sollte Russland eine in Kanada reparierte Turbine nicht zurückerhalten.

Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine ist der Umfang russischer Erdgaslieferungen nach Deutschland in den Fokus politischer und gesellschaftlicher Debatten gerückt. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck hat als Reaktion auf die gesunkenen Gaslieferungen kürzlich die Alarmstufe des Notfallplans Gas ausgerufen. „Es liegt eine Störung der Gasversorgung vor, daher ist dieser Schritt erforderlich“, sagte Habeck Medienberichten zufolge auf einer Pressekonferenz. Gas sei von nun an ein knappes Gut. Die Preise seien jetzt schon hoch und wir müssten uns auf weitere Anstiege gefasst machen. Deutschland ist auf fossile Energie aus Russland angewiesen, wie eine weitere Statista-Grafik zeigt.

Die Leitung Transgas steht kaum im Fokus der Öffentlichkeit, aber wenn man sie einbezieht, wie Statista es getan hat, sieht das, was die Grafik zeigt, besonders dramatisch und nach mächtig kalten Füßen im nächsten Winter aus. Deswegen werden die nächsten Tage besonders spannend werden. Bedeutet das Ende der Wartungsarbeiten tatsächlich, dass das Gas wieder ungestört und in früheren, vertraglich vereinbarten Mengen fließt? So recht daran glauben mögen wir im Moment nicht. Erpressung gehört im Moment zum Kriegsgeschäft und Putin würde Deutschland zu gerne damit demütigen, dass Nord Stream 2 nun doch nach seinem Willen in Betrieb gehen wird. Um vielleicht bei der nächsten Gelegenheit Gegenstand eines erneuten Erpressungsversuchs zu werden.

Die Entscheidungen, die jetzt zu treffen sind – wahrlich, einfach sind sie nicht. Aber die Lage in Sachen Gas versinnbildlicht etwas, womit wir uns hier schon länger befassen: Mit Politikfehlern, die uns irgendwann auf den Kopf fallen werden. Dazu haben wir Nord Stream 2 übrigens nicht gerechnet, sondern darin ein Kompensationsangebot der früheren Bundesregierung zugunsten Russlands gesehen, um Dinge auf friedliche Weise voranzubringen und Vertrauen aufzubauen oder zu erhalten. Die wirtschaftliche Fragwürdigkeit des Projekts wäre allerdings offensichtlich gewesen, wenn die Regierung Merkel die Energiewende stärker vorangetrieben hätte.

TH

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