„Werden die Chinesen neue Menschen?“ (DIE ZEIT, 1956) // #China #VRChina #Kommunismus

2018-06-24 MedienspiegelSerie China 13 / Medienspiegel 61

 Wir müssen uns endlich wieder um unsere China-Serie kümmern, anstatt jeden Tag wie die Schlange aufs Kaninchen auf irgendwelche ostdeutschen Städte zu starren, um wieder irgendwelche Analysen zu freidrehenden Nazis abgeben zu können. Oder wie die Schlange auf die Schlange, wenn es um „Aufstehen“ geht, die neue Linksbewegung.

Lieber machen wir wieder das Kaninchen und schauen auf den Drachen und damit auf China.

Eines Tages müssen wir dorthin fahren, aber vorerst reicht es, sich mit seiner Geschichte, seinem Gestern und Heute zu befassen und draus abzuleiten, was morgen sein und wie uns das betreffen wird. Es wird uns sehr betreffen, dies steht fest. Das tut es bereits, aber nicht in dem Maße, wie wir es in einigen Jahren zu erwarten haben.

Sofern nicht der Kapitalismus zusammenbricht, dem China nun auch hemmungslos frönt, wird China das mächtigste Wirtschaftsimperium werden, das es jemals gab. In absoluten Zahlen auf jeden Fall, die Frage ist nur, ob auch im Verhältnis zur übrigen Welt.

Relativ gesehen waren die USA direkt nach dem Zweiten Weltkrieg, als sie die Hälfte der weltweiten Wirtschaftstätigkeit ausübten, dominanter, als China es in nächster Zeit sein kann. Und das British Empire in seiner maximalen wirklichen und hypothetischen Ausdehnung, war es ebenfalls. Und vergessen wir nicht das Römische Reich.

Noch weiter müssen wir nicht zurückgehen, um uns vorzustellen, was China sein könnte, wenn niemand es bremst. Es wird nicht dadurch herrschen über die Erde, dass es andere Länder offen kolonisiert und seinem Territorium einverleibt. Die chinesische Methode ist anders und Staaten zu kaufen und dadurch zu beherrschen, das tut es zunehmend und – geben wir es zu – dies ist der Traum eines jeden Kapitalisten, sich Regierungen auf die merkantile und produktionsmittelseitige Art und Weise untertan machen zu können.

Wo das alles herkommt und wie es weitergehen könnte, dazu haben wir schon einige Zeilen geschrieben, unser Interesse ist längst entfacht – und kehrt nach dem höchst anstrengenden Binnenblick wieder zurück. So schrecklich und großartig China sein mag. Diese Rückkehr ist eine Art von Erlösung.

Heute werfen wir einen Blick ins Jahr 1956 und werden künftig die Beiträge zur China-Serie nach der Chronologie der bezogenen Schriften ordnen. Wir fangen nun nicht damit an, dass wir einen großen  historischen Aufriss präsentieren, sondern steigen mitten ins damals tatsächlich tiefrote Reich ein und fangen bei fast Null an.

Nämlich, wie westliche Reporter dieses Land zwischen dem Langen Marsch und der Kulturrevolution erlebten: indem sie Rikscha fuhren und auch sonst einige Alltagsbeobachtungen machten. Elaboriertes Insiderwissen und die Beschreibung wirtschaftlicher Funktionsweisen waren damals gar nicht immer notwendig, man fühlt sich ein wenig daran erinnert, wie heute auf Nordkorea geblickt wird. China war in den 1950ern so fern und so unbekannt, dass die Schilderung von Begegnungen mit Hotelangestellten große Faszination beim deutschen Leser hervorgerufen haben muss.

Der Duktus des Beitrags ist in gewisser Weise spätkolonial, oder empfindet man das nur so, weil er direkter und nicht von jahrzehntelangem Abschleifen der Journalistensprache geprägt ist? Es ist nicht zu ändern, Artikel aus jenen Jahren lesen sich lebendiger und spannender als heutige, deren Nüchternheit und vor allem deren Gleichförmigkeit durchaus etwas Ernüchterndes hat.

In diesem Beitrag, der im August 1956 in der ZEIT erschienen ist, bereits also ein Schweizer Rotchina und wir lernen vor allem über die bestehende Ehrlichkeit der Chinesen, die etwas Zwanghaftes ausdrückt und sich bereits vom Verhalten der Rassenbrüder – ohne Anführungszeichen, so war das damals und so behalten wir es hier bei – im Ausland, also auf Formosa, dem jetzigen Taiwan oder in Singapur unterscheidet. Ein besonderes Schmankerl ist der Vergleich mit Russen in China und wie auffällig neugierig diese Menschen selbst unter den strengen Augen des maoistischen Apparates waren, der nach wenigen Jahren gut etabliert schien.

Überschrieben ist der Beitrag mit dem Titel „Werden die Chinesen neue Menschen?“ Der neue Mensch, der war damals sehr im Gespräch. Man versuchte ihn in der Sowjetunion zu erschaffen und das Experimentierfeld wurde nach dem Zweiten Weltkrieg auf viele weitere Länder ausgedehnt, auch ganz nah bei uns, verglichen mit China, da wurde in diese Richtung mit großem Eifer gearbeitet. Heute schlauer zu sein, was die Fehler bei dieser Arbeit angeht, ist leicht. Dabei wäre doch der neue Mensch so wichtig, um die Probleme der Welt zu lösen. Die Probleme, die der gegenwrätige und in Teilen archaische Mensch bis heute verursacht.

Können wir aus einer erzwungen wirkenden Hochanständigkeit und sehr asiatisch wirkenden Beflissenheit, die sich den Beschreibungen in Herrn Fabers Beitrag herauslesen lässt, etwas für heute lernen? Lieber nicht. Wir waren hier nie so, wir werden es nicht und das ist gut so. Denn wir sehen auch, mit welcher Naivität die Chinesen heute sich selbst zu gläsernen Menschen machen. Natürlich hat es mit mangelnder Demokratieerfahrung zu tun. Nebenbei: Hatte Max Frisch seinen Namen vom Landsmann Uli Faber entlehnt, als er ein Jahr später „Homo Faber“ herausbrachte? Vermutlich nicht.

Lesen Sie also den ältesten Beitrag, den wir bisher für unsere China-Reihe ausgraben konnten und wir danken dem Digitalarchiv der ZEIT – der SPIEGEL bietet derlei ebenfalls und auch an diesem magischen Ort, dessen erster Raum die Aufschrift „1947“ trägt, werden wir demnächst auf Erkundungsreise gehen und sicher etwas über China finden.

© 2018 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1) Unsere bisherigen Beiträge der China-Serie

Mission: Chinesen abwehren – Bundesregierung will Außenwirtschaftsverordnung verschärfen (Junge Welt)
China, der nächste Schritt: Macht über die Rohstoffpreise
Ein Schiff wird kommen – Piräus, der chinesische Ankerplatz in Europa
China 2020 = 1984
Trump bringt die europäisch-chinesischen Beziehungen voran 
Startcamp für nachhaltigen Konsum mit China als Team „Rot“
China: Höher, weiter, schneller (DIE ZEIT) – Grunddaten zu China
Cina: Das Ziel ist die Welt (DIE ZEIT)
So abhängig sind die Autohersteller von China (FAZ)
China bekommt Handelsstreit zu spüren (OnVista)
USA haben größten Handelskrieg der Wirtschaftsgeschichte eingeleitet (mm)
Hongkong protestiert (ARD) – Einstieg ins Thema „China als neues Imperium“

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