Der zersprungene Spiegel – Polizeiruf 110 Fall 101 / Crimetime 475 / #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Spiegel #DDR #Fuchs #Zimmermann

Crimetime 475 - Titelfoto Fernsehen der DDR / ARD, Christina Becke

Zwei Brüder

In einem recht melancholischen Polizeiruf spielt Fred Delmare auf gekonnte Weise zwei Brüder, die einander lange nicht gesehen haben und einst um dieselbe Frau konkurrierten. Derjenige, der in Abwesenheit den Kürzeren zog, wird Artist, den anderen erleben wir als Nachtwächter – und in Ausübung dieser Funktion wird er schwer verletzt und stirbt an den Folgen. Die Ermittlungen konzentrieren sich auf einen gefundenen Jackenknopf. Doch der Bruder, der nach vielen Jahren erstmals Kontakt aufnahm, stellt eigene Nachforschungen an – und parallel zur Polizei den Täter. Mehr zum Film stellen wir in der -> Rezension vor.

Handlung

Paul und Anne Karuschke feiern ihren 35. Hochzeitstag in ihrer Stammkneipe, die aufwändig ausgeschmückt ist. Es gibt teures Essen und Sekt und Paul ist irritiert, als ihm der Wirt sagt, er habe das alles doch am Vortag so bestellt. Tatsächlich war ein vermeintlicher Paul da und hatte das erst einfach gehaltene kleine Fest in eine große Feier umgeplant. Pauls Doppelgänger war niemand anderes als sein Zwillingsbruder Otto mit seinem Haustier-Schimpansen. Beide Brüder haben ein gespanntes Verhältnis, war Otto doch früher mit Anne liiert, bevor die sich für Paul entschied. Nun übernachtet Otto bei dem Ehepaar. Obwohl es seine Feier war, geht Paul am Abend pflichtbewusst auf Arbeit. Er ist Nachtwächter im Hygiene-Institut.

Nachts steht mit einem Mal Oberleutnant Lutz Zimmermann vor der Tür der Karuschkes und teilt Anne mit, dass Paul schwerverletzt aufgefunden wurde. Er hat offensichtlich einen Dieb überrascht, der gelieferten Teppichbelag stehlen wollte, und wurde von diesem niedergeschlagen. Otto versetzt die Nachricht in seine eigenen schwärzesten Stunden. Beim Zirkus war einst seine Frau wegen eines Materialfehlers am Seil abgestürzt und gestorben. Die Herstellerfirma wurde nie zur Rechenschaft gezogen. Jetzt schwört Otto, den Täter zu finden, und kommt damit ein ums andere Mal den Ermittlern in die Quere.

Hauptmann Peter Fuchs und Lutz Zimmermann verdächtigen zunächst den mehrfach vorbestraften Gottlieb Stingel, der auf der Feier der Karuschkes Musik gemacht hat. Er hat eine Rolle der Auslegware in seiner Wohnung. Ein Spürhund führte die Ermittler vom Institut bis zu Stingels Wohnung und auch ein Zeuge bestätigt, dass Stingel sich in der Nacht mit einer Teppichrolle vom Tatort entfernt hat. Stingel gibt zu, auf dem Heimweg eine Teppichrolle gefunden und mitgenommen zu haben. Zur Tatzeit hat er jedoch laut Zeugen noch die Alkoholreste der Feier vertrunken. Er wird freigelassen. Am Tatort haben die Ermittler einen Jackenknopf gefunden, der zu einem bestimmten Parka-Typ gehört. Am Institut tragen unter anderem Dr. Fransen und Harald Bieler solche Jacken. An keiner der beiden Jacken fehlt ein Knopf, doch werden sie zur Untersuchung geschickt, kann man die Knöpfe doch inzwischen überall nachkaufen. Dr. Fransen hat nachts sein Haus verlassen, doch glaubt seine auf einen Rollstuhl angewiesene Ehefrau, dass er schon seit längerem eine Affäre hat. Da Fransen, der seine Rechte und Pflichten genau kennt, eine Aussage zu seinem Wegbleiben am Tatabend verweigert, wird er in Untersuchungshaft genommen.

Otto hat Bieler schon lange in Verdacht. Tatsächlich findet er unweit des Tatortes Bielers Autoschlüssel und setzt Bieler unter Druck. Er soll sich freiwillig bei der Polizei stellen, oder Otto übergibt die Schlüssel den Ermittlern. Bieler, der die Tat begangen hat, will Otto den Autoschlüssel für 5.000 Mark abkaufen, doch gibt Otto nicht nach. Als sich Bieler auf ihn stürzen will, verprügelt Otto ihn. Die Ermittler haben unterdessen herausgefunden, dass vor kurzer Zeit sämtliche Knöpfe an Bielers Jacke ausgetauscht wurden, außer einem Ersatzknopf. Das Garn dieses Knopfes wiederum ist identisch mit dem Garn am gefundenen Knopf und unterscheidet sich vom Garn der beiden anderen Jacken, sodass der Beweis erbracht ist, dass der Knopf von Bielers Jacke stammt. Die Ermittler nehmen Bieler fest.

Rezension

„Gabriele Gabriel erwarb 1962 die Mittlere Reife und absolvierte anschließend eine Lehre als Lebensmittelchemielaborant. Von 1966 bis 1970 arbeitete sie im Institut für organische Chemie an der Pädagogischen Hochschule Potsdam. Dort studierte sie auch Chemie (1967–1969) und schloss ihr Studium als chemisch-technische Assistentin ab. Darauf folgte eine Tätigkeit als Kriminalistin in Potsdam und gleichzeitig ein Fachschulstudium der Staatswissenschaft und Kriminalistik. 1979 schrieb sie sich am Institut für Literatur Johannes R. Becher in Leipzig ein. Drei Jahre später begann ihre Existenz als freischaffende Schriftstellerin.“ (Wikipedia)

Es geht doch nichts über vielfältige Kenntnisse und ein intensives Studium verschiedener Fächer. Schön, dass es einen Wikipedia-Eintrag zu Drehbuchautorin Gabriele Gabriel gibt: Ihre Erfahrungen in einem chemischen Forschungslabor hat sie als Idee dafür verwendet, wo man die Männer, um die es geht, überwiegend beruflich verorten kann. Allerdings passiert die Tat nicht im Institut, sondern hätte in jedem Betrieb vorkommen können, in dem ein Nachtwächter tätig ist. Das ist ein wenig schade, denn die Berufswelt wird in einigen Polizeirufen durchaus gezeigt, aber meist handelt es sich dabei um eher einfache Tätigkeiten. Vielleicht gibt es sogar für den hochnäsigen Dr. Fransen ein konkretes Vorbild.

Außerdem ist die Autorin auch gelernte Kriminalistin und das hilft gewiss auch beim Schreiben von Krimis. Aber der Film konzentriert sich auf das eigenartige Brüderpaar Karuschke, das psychologisch sehr ausgefeilt wirkt. Obwohl der Film alles andere als actionreich ist, wenn man von der Szene absieht, in der Otto den Bieler verhaut und obwohl er mit 84 Minuten fast Tatortlänge aufweist, fanden wir ihn spannend. Fred Delmare macht unter der Regie von Hans-Werner Honert einen super Job und trägt diese Doppelrolle. Ein Bruder kriegt das Mädchen, begnügt sich offenbar damit und mit einem Job als Nachtwächter. Es ist anzunehmen, dass er zuvor etwas anderes gemacht hat, typischerweise werden ja ältere Mitarbeiter für solche Tätigkeiten eingesetzt, die nicht mehr schwer körperlich arbeiten können.

Der Bruder Otto hingegen findet aus einer persönlichen Enttäuschung heraus zu einem ungewöhnlichen Beruf oder einer Berufung, ist der Lebendigere und Auffälligere der beiden und dass er sich stets einen Spieltrieb erhalten hat, dokumentiert sich in dem Schimpansen, der ihn überall hin begleitet. Wir haben leider nicht aufgepasst, ob das erkennbar noch sehr junge Tier während der langen Drehzeit des Films (ca. 5 Monate) gewachsen ist und es zu typischen Continuity-Fehlern in der Form kam, dass er zum Ende des Films hin kleiner wirkt als zu Beginn. Vielleicht wurde aber auch chronologisch gedreht.

Otto erleidet aber einen zweiten Verlust, indem seine Frau unter der Zirkuskuppel abstürzt und er akzeptiert die technische Ursache nie vollständig – und nun auch der Bruder. Es lässt sich nichts zurückholen, aber Otto will vielleicht Anne, der einstigen Freundin und jetzigen Frau Pauls, etwas beweisen, es steckt aber mehr dahinter: Der zersprungene Spiegel. Es gibt nämlich kein zerbrochenes Spiegelglas in diesem Film, also ist das Verhältnis von Otto und Paul gemeint. Letzterer spiegelt sich vor allem in Ersterem, sein Leben als Zirkuskünstler ist eine spiegelverkehrte Sicht auf das ruhige, unauffällige Leben des anderen. Damit wird ein klassisches literarische und filmisch super darstellbares Motiv verwendet; es gibt Regisseure der klassischen Zeit die geradezu vernarrt waren in Spiegelszenen, in denen sich das andere Ich eines Menschen reflektierte.

Man sieht das auch hier: Otto sitzt vorm Spiegel, klebt sich das Spitzbärtchen an und wird zu Paul. Das geschieht gleich zweimal. Zunächst, als er die Feier bestellt, denn offenbar ist er als Artist kein armer, zumindest aber ein großzügiger Mensch, vor allem seinem Bruder gegenüber, dem bzw. dessen Frau er sicher auch imponieren will. Dann wieder, als er in die Haut des Bruders schlüpfen will, um Nachtwächter zu spielen. Sein Kollege bemerkt allerdings einige Abweichungen im Verhalten des Mannes, der sich als Paul ausgibt, sodass er diesen lieber einweiht.

Wolf-Dieter Lingk, der in Polizeirufen sehr häufig eingesetzt wurde, spielt hier den Dr. Fransen. Wir haben mittlerweile gelernt, dass der Einsatz von Lingk nicht immer darauf hindeutet, dass er auch den Täter darstellt, aber es muss wohl immer eine schwierige, wenig sympathische Figur sein. In diesem Fall darf sich Hauptmann Fuchs über den dünkelhaften und oberschlauen Akademiker aufregen und mit ihm die Mehrheit des Publikums.

Neben dem „ostdeutschen Maigret“ Peter Fuchs ermittelt Lutz Riemann als Oberleutnant Lutz Zimmermann. Die beiden sind ein wirklich starkes Duo, der äußerst geradlinige und kompetente Fuchs und der kaum weniger begabte, aber mit hintergründigem Humor ausgestattete Zimmermann. Es gibt sogar einen dritten Ermittler namens Claus. Dieser Claus wird von niemand anderem gespielt als von Walter Nickel, der später den Kriminaltechnik-Chef in den Ehrlicher-Kain-Tatorten geben und diese Filme mit seiner kauzigen Art und deutlichem, aber nicht unsympathisch wirkenden Sächsisch sehr bereichern wird. Er wurde zwar 1941 in Oberschlesien geboren, zog aber, wie so viele, nach Kriegsende westwärts und wuchs vermutlich in Sachsen auf.

In den Polizeirufen waren größere Teams schon üblich, als am Tatort noch ein nicht selten mit Starqualität ausgestatteter und ein Assistent die Regel waren. Das Kollektiv wurde eben in der DDR mehr hervorgehoben. Die erste Tatortschiene, die mit vier Polizisten arbeiten, in der Tat damals alles Männer, war die des Berliner SFB.

Es gibt eine weitere starke Verbindung zu den Ehrlicher-Tatorten: Regisseur Hans-Werner Honert wurde nach der Wende Geschäftsführer der Saxonia Media, die bis heute Polizeirufe und Tatorte für den MDR produziert – und hat auch einige Filme mit Ehrlicher und Kain inszeniert und / oder die Drehbücher für sie geschrieben. Honert war damit wohl auch einer der wenigen unternehmerisch Tätigen, die auch politisch aktiv waren und dabei keinen Biografiebruch durch die Wende erlitten (er war für die PDS als Stadtverordneter von Berlin-Friedrichshain gewählt, vor der Zusammenlegung mit Kreuzberg zum heutigen Doppelbezirk).

Finale

Wir kennen nun einige Polizeiruf-Fälle aus der Mitte der 1980er und es ist sehr interessant, wie die Jugend („Verlockung„, den direkten Vorgänger von „Der zersprungene Spiegel“ oder auch „Lass mich nicht im Stich„, „Freunde„, „Inklusive Risiko) und das Altern („Der zersprungene Spiegel“, „Ein Schritt zu weit„) dezidiert untersucht werden und wie sich schön gemachte und auch etwas traurige Filme und eine rauere und weniger ästhetisch ansprechende Linie voneinander unterscheiden lassen. „Der zersprungene Spiegel“ würden wir aufgrund seiner Länge, der vielen guten Darsteller, der gelungenen Farbinszenierung zu den „Premium-Polizeirufen“ rechnen, wie auch „Draußen am See„, „Ein Schritt zu viel„, den etwas älteren „Vergeltung?„; wenn wir in die 1970er zurückgehen, „Heiße Münzen“ oder „Per Anhalter„.

Finale

Wenn man die Verbindungen kennt, die zwischen diesem Film und den späteren Tatorten der Dresden-Leipzig-Schiene bestehen, könnte man sagen, die einsetzende Melancholie hat sich auf die 1990er übertragen und der Verlust spielt auch in diesen Filmen eine große Rolle: Der Verlust einer positiv besetzten Identität. Aber die atmosphärische Dichte vieler Polizeirufe aus jener Zeit knapp vor der Wende, ihre überwiegend bedächtige Inszenierung – wir vermuten, dass die noch nicht gesichteten Jahrgänge 1986-1989 ähnliche Tendenzen aufweisen – hat sich nach der Wende tatsächlich in beim MDR auch in den Tatorten fortgesetzt, ohne dass dies eine bewusste, programmatische Absetzung von einige West-Tatort-Schienen gewesen sein muss, die damals ebenfalls langsamer waren als heute.

Da wir drei Monate nach dem Entwurf publizieren, müssen wir wieder einen Einschub beifügen. Das zuletzt Ausgesagte gilt zwar für 1986 weitgehend, nicht aber für 1987. Der Jahrgang 1988 wird gerade gezeigt und zeigt eine gute Mischung aus Subtilität und doch einem wieder etwas handfesteren Gepräge.

Wie auch „Ein Schritt zu viel“ ist „Der zersprungene Spiegel“ recht ideologiearm, einzig die Kritik an Dr. Fransen ist gesellschaftlich relevant: Aus einer möglicherweise standesbedingten Überheblichkeit heraus vertraut er sich nicht der Polizei an, sondern geht in die Konfrontation – und verzögert damit die Ermittlungen. Letztlich ist es aber egal, denn Bieler wird ja nur ein wenig zerknautscht, nicht nachhaltig verletzt – von dem kleinen Otto Karuschke, der aber als Artist immer noch eine gute Kondition hat und sehr reaktionsschnell ist. Schwächen hat der Film bei der polizeilichen Arbeit trotz des Drehbuchs von kundiger Seite, weil man die Ermittlungen ja verzögern muss, um Otto Zeit für sein eigenmächtiges Vorgehen zu geben. Daher wirkt die Jackenuntersuchung ziemlich verschwurbelt und nicht ganz logisch und auch Dr. Fransens Verhalten wird der Notwendigkeit, Ottos Spürsinn und seine Suche nach Gerechtigkeit in den Mittelpunkt zu stellen, sichtbar angepasst.

7,5/10

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Hans-Werner Honert
Drehbuch Gabriele Gabriel
Produktion Uwe Herpich
Musik Jürgen Wilbrandt
Kamera Wolfgang Voigt
Schnitt Margrit Schulz

Peter Borgelt: Hauptmann Peter Fuchs
Lutz Riemann: Oberleutnant Lutz Zimmermann
Walter Nickel: Leutnant Claus
Fred Delmare: Paul / Otto Karuschke
Ingrid Rentsch: Anne Karuschke
Petra Kelling: Gerda Bieler
Horst Weinheimer: Harald Bieler
Carl Heinz Choynski: Gottlieb Stingel
Erhard Köster: Karl Meier
Hannelore Koch: Frau Fransen
Wolf-Dieter Lingk: Dr. Fransen
Michael Telloke: Schorschel
Horst Papke: Arzt
Nicole Haase: Nachbarin
Bernd Eichner: Erster Kriminaltechniker
Hans Klima: Zweiter Kriminaltechniker
Werner Kamenik: Älterer Mann
Dieter Knust: Lokführer
Roland Seidler: Genosse Übungsleiter
Klaus Werthmann: Genosse Wachtmeister

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