Der vierte Mann – Tatort 567 #Crimetime 955 #Tatort #Berlin #Ritter #Stark #RBB #Mann #vier

Crimetime 955 – Titelfoto © RBB

Sind vier Mann einer zu viel?

Die Handlung in einem Satz, ohne Auflösung: Ein alkoholkranker Kunstrestaurator wird ermordet, ein Zöllner hat einen stadtbekannten Kleingauner beobachtet, wie dieser zur möglicherweise relevanten Tatzeit aus dem Haus kam und erzählt dies den Kommissaren Ritter und Stark, die im Verlauf erst mit dem einen, dann mit dem anderen komischen Vogel kooperieren und dabei einer Machenschaft im Kunstgewerbe auf die Spur kommen, die ziemlich kunstvoll konstruiert ist. Vielleicht ist das bei einem Titel, den man sich von einem der berühmtesten Krimis abgeschaut hat, Pflicht? Mehr darüber steht in der -> Rezension.

Handlung

Als Zollinspektor Heinze am Abend mit seiner Kollegin Angela am Haus des Restaurators Lohmeyer vorbeifährt, entdeckt er etwas Merkwürdiges: In Lohmeyers Wohnung scheint sich ein Einbrecher aufzuhalten. Heinze versucht noch, den Mann zu stellen, doch er kann entkommen.

In der Wohnung machen sie eine grausige Entdeckung: Lohmeyer ist erschossen worden. Die beiden Kommissare Till Ritter und Felix Stark vermuten zunächst einen Raubmord, zumal Heinze ihnen schnell einen Verdächtigen präsentiert, den er erkannt haben will: den vorbestraften Einbrecher Harry Wolter.

Der bestreitet zwar heftig ein Mörder zu sein, gibt aber zu, das Opfer gekannt zu haben – zumal Lohmeyer ihm noch Geld geschuldet hat. War das vielleicht das Motiv? Dennoch bekommen Ritter und Stark erste Zweifel, ob Harry der Täter war. Er überredet die beiden Kommissare, noch einmal Lohmeyers Wohnung zu untersuchen – und tatsächlich: Versteckt hinter einem Fernseher finden sie ein unbekanntes Gemälde aus dem deutschen Impressionismus. War Lohmeyer etwa in ein großes Geschäft verwickelt?

Schon bald stoßen Ritter und Stark auf die Kunsthistorikerin Florentine Bruck, den Chefarzt Prof. Thomson und den Geschäftsmann Waldbach, die sich auffällig für Kunst interessieren. Doch es gibt noch einen vierten Mann, und der schreckt auch vor Mord nicht zurück. 

Rezension

Was haben Berlin und das Saarland gemeinsam? Zum Beispiel, dass es Tatorte gibt, in denen der gebürtige Finne Hannu Salonen Regie geführt hat, er ist zum Beispiel für die letzten Reinfälle mit Stellbrink verantwortlich („Melinda“ und „Eine Handvoll Paradies“). Aber auch, mit dem vorherigen Team zwei bessere Filme: „Verschleppt“ und „Hilflos“. Und: „Tango für Borowski“, der passenderweise, wegen des finnischen Tangos, in Finnland spielt und dabei recht authentisch wirkt. „Der vierte Mann“ war der erste Tatort, den der damals erst 32jährige Salonen im Jahr 2004 inszeniert hat.

Die laufende Tatort-Nr. 567 ist einer der besseren Tatorte des kleinen Stark und des großen Ritter, zumindest unter denjenigen, die wir bisher rezensiert haben. Das liegt vor allem an der Inszenierung und noch mehr an dem Spiel von Jürgen Vogel als sympathischer, gewitzter Kleingauner, der ein Hallodri, aber auch ein liebender Vater ist und immer einen coolen Spruch drauf hat. Der Humor mit Ritter und Stark ist ebenfalls okay, vor allem im Vergleich mit anderen Tatorten, in denen er ziemlich aufgesetzt wirkt, und man kann dem Film insgesamt eine gute Schauspielerführung attestieren. Außerdem traut Salonen sich, so etwas wie einen echten Score zu unterlegen, der die Atmosphäre eines Films mehr beeinflusst, als es die Minimalmusik vieler modernerer Tatorte tut.

Ein wenig Kummer macht wieder einmal die Handlung – sie ist mit vielen Twists versehen, sodass Salonen seine flotte Art der Inszenierung schon andeuten kann, die er in späteren Tatorten zu mehr Action hin ausgebaut hat. Aber sie ist auch ziemlich an den Haaren herbeigezogen und, was ja häufig die Folge dieser Reißbrett-Anlagen ist, überkonstruiert.

Trotz der komplexen Matrix erahnt man den Täter sehr früh. Dafür kann der Film selbst allerdings nur zum Teil etwas, indem er einen gewissen Zöllner zeigt, der anfangs eine große Rolle spielt, dann aber so gut vor dem Zuschauer versteckt wird, dass man weiß, da kommt noch etwas. Und nachdem drei im Bund der Kunstverschieber klar sind (ein Schönheitschirurg, der als Investor fungiert bzw. reiche Menschen kennt, die als Investoren fungieren, eine Kunstexpertin, welche die Epertisen fertigt und der erwähnte Restaurator) und wirklich klar ist, dass der kleine Tagedieb es nicht sein kann – da bleibt nur noch der Zöllner, mehr infrage kommende Figuren gibt’s nicht. Denn, klar, zur illegalen Einfuhr von Gemälden bedarf es auch eines Zolls, der die Augen zudrückt. Und wenn ein Glied in der Kette schwächelt, wie hier der kaum noch pinselfähige Restaurator, dann hat es das oftmals tödliche Nachsehen.

Wofür das Casting dieses Tatorts nicht verantwortlich zu machen ist: „Der vierte Mann“, dieser Zollinspektor Claus Heinze, wird von Ulrich Gebauer wird gespielt. Das ist der Kerl, der im selben Jahr in „Bitteres Brot“, einem Bodensee-Tatort mit Klara Blum (Eva Mattes) als Ermittlerin, den unvergesslich bitterbösen Ernst Kemmerlang gespielt hat, einen Bäcker, welcher seiner Familie nach dem Leben trachtet. Die Assoziation hat erheblich dazu beigetragen, dass wir dachten, kein anderer Schauspieler kann zumindest den ausführenden Täter auch in „Der vierte Mann“ geben, wenn er schon auf der Besetzungsliste steht, und keinesfalls der Wolter, gespielt von Vogel. Diese Eindeutigkeit ist auch der Tatsache zu verdanken, dass wir uns mit deutschen Fernsehserien nicht sehr gut auskennen, wenn man vom Tatort absieht, denn Gebauer ist ein sehr vielbeschäftigter Serienschauspieler mit entsprechend unterschiedlichen Rollen und hat immerhin neulich den Gustav Stresemann in „Die Deutschen“ gespielt, einen wahrlich anderen Charakter als in den beiden genannten Tatorten.

Der übrigens eine echte Berliner Type darstellt, wie wir sie schon beinahe gebetsmühlenartig für die Berliner Tatorte fordern, aber bisher selten zu sehen bekamen (1). Ein Lebenskünstler, immer mal illegal, aber es ist ihm nie alles scheißegal. Vielmehr ist er auch ein sympathischer Träumer und Macher, wie es sie in Berlin kurz nach der Jahrtausendwende zu Hunderttausenden gab. Unser Eindruck ist, dass die Zwänge unserer Zeit dafür sorgen, dass diese weniger werden. Da tut es gut, solche Typen zu sehen wie den Wolter, der seine spezielle Kunst illegal in einem alten Schwimmbad ausstellt, er hat einen guten Draht zum Hausmeister dieser abgewickelten öffentlichen Einrichtung.

Auch schön: Ritter und Stark als kunstinteressiertes Schwulenpärchen aus den Kreisen der Besserverdiener. Erstaunlich, wie natürlich die beiden in dieser Rolle in der Rolle wirken, da macht man sich so seine Gedanken. Auch diese Spezies gibt es in Berlin und wir haben das eine oder andere dieser auch in ihren ästhetischen Ansprüchen und dem damit verbundenen Kunstinteresse korrekt dargestellten Männerpaare kennengelernt. Diese Lebensform ist wenigstens nicht vom Aussterben bedroht. Ein gewisser Trost ist das schon, wenn man zuschauen muss, wie die Zeit für echte Kieztypen abläuft, bevor ein Tatort sie hinreichend gewürdigt hat. Szenig ist die Nummer 567 also durchaus, und da dies vielen Filmen mit dem aktuellen Team komplett fehlt, ist das Plus für „Der vierte Mann“ umso größer.

Es gibt aber auch jenseits der Konstruktion ein Plus für die Handlung, das man nicht unterschätzen darf. Da der Film sehr auf die Wolter-Figur von Jürgen Vogel zugeschitten ist, konnte man ein echtes Happy-End bringen, das in Tatorten, die mit Bildern der Ermittler enden, normalerweise nicht geht – auch deshalb nicht, weil das Verbrechen ja etwas Tristes darstellt, das nicht mit einem so poetischen Ausklang gelöst werden kann wie der Szene, in der Wolter beginnt, eine kahle Häuserwand mit einem Großgemälde zu versehen, und durch eine Baulücke hindurch kann man den Fernsehturm betrachten. Und natürlich verzeiht seine herzensgute Freundin dem Wolter die bisherigen Eskapaden und der Bub hat seine beiden Eltern wieder zusammen. Die Familie ist wieder vereint im Glauben an das Leben im Heute und in der Hoffnung auf Morgen. Sowas kann man in Berlin prima darstellen, ohne dass es kitschig wirkt, auch wenn, siehe oben, die Zeiten sich von diesen originellen Lebensentwürfen abwenden, die zunehmende Unsicherheit über dem Großen und Ganzen sorgt dafür, dass viele sich vernünftiger verhalten müssen, als es ihnen und der Vielfalt der Stadt guttut.

Finale

„Der vierte Mann“ brilliert durch seine Lust am Erzählen und die Schauspieler, die ganz offensichtlich Lust am Spielen haben, er zeigt etwas von Berlin, das man wirklich greifen kann; dafür sind wir angesichts der Hochglanzfassadenlastigkeit der aktuellen Tatortepoche dankbar. Es gibt zwar auch dieses Mal eine schicke Wohnung und es ist ein anderes Feeling vorhanden als beim verschmitzt-melancholischen Markowitz, der das alte Berlin mit der Muttermilch aufgesogen, über die Wende hinaus konserviert und mit Nachwende-Elementen angereichert hatte. Dazwischen liegen nur zehn oder zwölf Jahre. Die Wandlung zum moderneren Stil ist in Ordnung, denn gerade zu Beginn des neuen Jahrtausends hatte sich die heutige Filmsprache der Tatorte weitgehend herausgebildet und es bestand im Jahr 2004 kein Grund, einen Retro-Film zu machen.

8/10

(1) Die Rezension wurde bereits 2013 verfasst, die Wendung, welche die Berliner Tatorte seitdem genommen haben, sind deshalb noch nicht gewürdigt. Sie sind aber beschrieben in „Vielleicht„, dem Abschieds-Tatort von Felix Stark, dessen Rezension die hiesige  als Doppel-Feature beigestellt ist. Diesen Tatort haben wir gleich bewertet wie „Der vierte Mann“.

Till Ritter (Dominic Raacke)
Felix Stark (Boris Aljinovic)
Lutz Weber (Ernst-Georg Schwill)
Harry Wolter (Jürgen Vogel)
Sandra Wolter (Antje Westermann)
Claus Heinze (Ulrich Gebauer)
Angela (Jennifer Antoni)
Florentine Bruck (Friderikke Maria Hörb)
Thomson (Gerhard Naujoks)
Waldbach (Klaus Manchen) u.a.

Musik: Karim Sebastian Elias, Habib Benedikt Elias
Kamera: Andreas Doub
Buch: Hartmann Schmige
Regie: Hannu Salonen

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