2019/33: Berlin: Lause bleibt (in Kreuzberg), Habersaathstraße (Mitte): „Es ist weiter saukalt, wir frieren!“, Hamburg: Investoren-Monopoly // @Lausebleibt @HeimatNeue @RegBerlin @correctiv #FlorianSchmidt @Mieterproteste @KiezinAktion @BGemeinwohl @BMieterverein @22Marion_Noiram @Kiez_Web_Team #Mietspiegel #DertäglicheMiespiegel Berlin #Gentrifizierung #Verdrängung #Milieuschutz #Milieuschutzgebiet #Mieter #Lause #Kreuzberg #Mitte #Schöneberg #HH #Hamburg #Grundstücksspekulation #Spekulation #Taekker #Danmark #Gewerbemietvertrag #Vonovia #BUWOGA #IGHab #Begehung #Kälte #Lungenentzündung

2019-01-26 der tägliche mietspiegel

Serie und Dossier „Mieter, kämpft um diese Stadt!“

Unser siebter Mietensammler befasst sich mit einem typischen Samstagsthema, weil samstags die Politik etwas mehr Ruhe gewährt als von Montag bis Freitag: Wir grüßen heute unsere neuen Follower (-innen) aus dem Bereich der Mieter- und Stadtgesellschafts-Initiativen. Hier zum gestrigen Sammler mit Schwerpunkt „2 Jahre Wohnungspolitik 2RG“.

Darum ein Vorwort zum Samstag

Wir freuen uns sehr über jede_n, der sich mit uns neu verbindet, die Bandbreite an Informationen vergrößert, die Vernetzung stärkt, die wir brauchen, um den Kampf um die Soziale Stadt zu dokumentieren und an ihm teilzunehmen – und uns die Möglichkeit gibt, an seinem Schicksal teilzunehmen. Wir werden künftig mehr als bisher über jene berichten, die uns etwas von ihrer Zeit schenken, indem sie unsere Nachrichten zu lesen.

Leider wird es nie so sein können, dass wir über alles, was sich bei ihnen ereignet, zeitnah berichten können, denn mehr Vernetzung bei gleichbleibender Schreib- und Recherchekapazität bedeutet den Zwang zur Selektion. Außerdem handelt es sich oft gar nicht um eine an Kriterien orientierte Auswahl, etwa nach angenommener Wichtigkeit, sondern um Spontantentschlüsse. Wir schreiben über etwas, weil es gerade hochpoppt und wir es interessant finden. Dadurch fallen zwangsläufig weitere Nachrichten unter de Tisch, die ebenso bedeutsam sind.

Die Tagessammler stellen jedoch einen Effizienzsprung dar und wir hoffen, dass sie von Ihnen, von euch, liebe Leser_innen, gut angenommen werden, denn jeder davon muss mehrere Einzelbeiträge ersetzen und schafft auf diese Weise Raum für ausführlichere „Hauptbeiträge“, von denen wir einen pro Tag (im Durchschnitt) veröffentlichen möchten. In diesem Sinne fahren wir fort (weshalb die Beitragsnummern aller Tagessammler fortlaufend angelegt sind).

Nachtrag: Wir haben aber schon festgestellt, dass wir heute nur eine Initiative vorstellen können, sonst wird der Sammler doch zu umfangreich. Das kommt davon, wenn man auf einer Webseite surft und erst dabei merkt, es steckt mehr und immer noch mehr dahinter.

25.) „Lause bleibt“, Lausitzer Straße 10-11, Kreuzberg

Berlin: 1970er. Wenn es um Kreuzberg geht, muss man nie „Berlin“ beifügen, es gibt nur ein Kreuzberg und das ist weltberühmt wegen seiner ruhigen Gangart.

Wir: 2007. Als wir noch in Mitte arbeiteten, fuhren wir durch die Oranienstraße und die Wiener Straße auch an der Ecke Lausitzer Straße vorbei, aber nicht durch sie hindurch, weil von dort aus keine Brücke auf die andere Seite des Landwehrkanals geht, wo wir damals wohnten; unsere erste Berlin-Station. Wir lernten dort u. a., dass die Nord-Neuköllner mit ihrer kiezmäßigen Identität unzufrieden waren und behaupteten, sie wohnen in Kreuzkölln. Wir sind also als Kreuzköllner geprägt worden. Wenn wir’s richtig im Kopf haben, liegt die Lausitzer sogar im alten SO 36 (wer das SO 36 nicht kennt, hat die Welt verpennt). Es handelt sich hier also um ein Herzstück der Berliner Kiezkultur, schon durch die Lage.

Lause-Privatisierung: Auch 2007 an den dänischen Investor Jøern Taekker für 2,3 Millionen Euro.

Kontakt: 2019. Kam zustande, weil wir gestern auf diese Veranstaltung zu Community Land Trusts aufmerksam wurden. Und die findet in der Lausitzer Straße 10 statt. Es gibt dort die „Interlause“, die sich mit stadtpolitischen Themen beschäftigt und da die Veranstaltung als #6 gelabelt ist, wagen wir den verwegenen Schluss, dass es sich um die sechste Veranstaltung handelt, die von der Interlause organisiert.

Wie immer: Falls wir uns verspekuliert haben, bitte Nachricht, wir korrigieren dann sofort und binden den enstprechenden Tweet auch ins Update ein. Inklusive Diktionen wie: Kacke, erst anrufen, dann keen Schrott texten, wa! Was wir aus Zeitgründen und weil wir so schüchtern sind, nicht immer in der Reihenfolge hinkriegen.

Initiative: Gerne erst einmal auf deren Homepage schauen, die wir sehr schön gemacht finden. Dann gerne hier weiterlesen:

Warum: 2016. „Im Dezember wurde uns bekannt, dass die Gebäude, im Besitz der Tækker Group, verkauft werden sollen. Im Exposé der Maklerfirma wurde für das Objekt ein Kaufpreis von gut 20 Millionen Euro aufgerufen – eine 800%ige Steigerung des Kaufpreises. Die Tækker Group hatte der Stadt – unter Regierung des Rot-Roten Senats – im Jahr 2007 nur 2,3 Millionen Euro für die Gebäude bezahlt.“ 

Schon der erste Verdrängungsfall, mit dem wir uns intensiv beschäftigt haben (und es immer noch tun), die Habersaathstraße 40-48 in Berlin-Mitte, zeigte genau dieses Muster und seitdem sehen wir es immer wieder. Einst für Spottpreise verscherbelt von der Stadt, sind Häuser Spekulationsobjekte erster Güte geworden. Wir kennen die Preise von 2007, weil wir in dem Jahr nach Berlin kamen und uns damit zu befassen hatten. Niemand, wirklich niemand ahnte den Hype voraus, der sich seitdem entwickelt hat. Ab 2010, genauer geschrieben. Damals galt Berlin als „billig“, heute ist es eindeutig überteuert. Es kann auch wieder anders kommen, aber die Mieter_innen haben darauf keinen Einfluss. Das heißt, sie hatten lange Zeit keinen. Jetzt kämpfen immer mehr von ihnen in Initiativen wie „Lause bleibt“ dagegen, dass sie den Spekulanten ausgeliefert werden.

Ein Verkauf fand offensichtlich noch nicht statt. Sehr vorausschauend, eine Initiative bereits ins Leben zu rufen, wenn Verkaufsabsicht des bisherigen Eigentümers besteht, erordert aber auch Marktbeobachtung, weil über die reine Absicht normalerweise keine Information an die Mieter_innen erfolgt, sondern erst über den Verkauf, wenn erfolgt. Die mehr als 20 Millionen Euro, die Taekker gerne haben möchte, hat bisher wohl niemand zahlen wollen. Von Preisvorstellungen, die man vor wenigen Jahren als utopisch angesehen hätte, Abstriche machen, das muss mittlerweile aber kaum noch ein verkaufswilliger Eigentümer. Er muss nur etwas Sitzfleisch haben. Wenn es für 15 Millionen keine Häuser mehr gibt, werden halt 20 gezahlt.

Insofern hat die Aktivität der Lause-Bewohner_innen vielleicht sogar den Effekt, preisdämpfend zu wirken. Was ihnen nichts bringt, denn ihr Ziel ist ja nicht, den Investoren einen Erwerb ihres Lebensraums zu erleichtern.

Sie wollen rekommunalisiert werden. Mit dem Baustadtrat Florian Schmidt haben sie da den richtigen Partner an ihrer Seite und nun ist der Moment gekommen, unsere Solidarität mit der Initiative „Lause bleibt“ auszudrücken und die Hoffnung, dass es klappt, mit der Rück-Verstaatlichung! Das bezirkliche Vorkaufsrecht kann natürlich erst ins Spiel kommen, wenn ein Verkauf erfolgt ist. Auf diesen Moment, so unser Eindruck, sind die Lause-Bewohner sehr gut vorbereitet.

Sehr viel Mühe haben sie sich gemacht, um ihre Welt zu beschreiben, wie sie zusammengesetzt ist, wie sie sozial ausschaut, warum das Haus und seine Gemeinschaft ein Politikum darstellen. Alles dazu steht auf der Homepage.

Es ist faszinierend, wie jede Initiative ihr eigenes Gepräge hat und den Lausern, wie man sie dort nennen würde, wo wir herkommen, merkt man deutlich an, dass sie in einem Kiez mit großer linker Tradition zuhause sind. Alles wirkt selbstverständlich und eingeübt, man ist nicht fremd in der Rolle als Aktivist, wie wir das immer wieder mal bei Initiativen in konservativeren Stadtteilen sehen, die früher eher politisch still waren, die sich erst auf ihre Situation als Verdrängungsfall einstellen müssen – und dann, wenn’s plötzlich drauf ankommt und nach Hausverkauf nur zwei Monate Zeit  für die Vorkaufsrechtsausübung gegeben sind, manchmal leider nicht die Überzeugungskraft, nicht die Dynamik entwickeln können, die wir „Lause bleibt“ ohne Weiteres zurechnen. Das mit der „Diktion“ oben spiegelt also nicht unseren Eindruck von der Lause, sondern war allgemein und mit dem Gedanken an einen kürzlichen Vorfall geschrieben.

Lause ist mehr, das deutete sich hoffentlich anhand der bisherigen Beschreibung an. Zum Beispiel Kunst. Darüber kann man hier lesen. Kultur, kuratiert – und doch für alle. Lause live nennt sich die Veranstaltungsreihe, die es neben der oben erwähnten „Interlause“ gibt. Es wäre nicht Kreuzberg, wenn es nicht auch politisch wäre:

Der Raum für Kunst in Berlin und in Großstädten weltweit ist akut bedroht. Die Konsequenz ist eine Verarmung der Kunstlandschaft, fehlende gesellschaftliche Weiterentwicklung sowie die Verdrängung von Kreativschaffenden aus den Städten. Auch die Werk- und Kreativräume von ca. 150 Freischaffenden in der Lause sind gefährdet. Und weil es im Zentrum Berlins schon lange keine Ausweichmöglichkeiten mehr gibt, gefährdet diese Entwicklung die Existenz vieler Mieter*innen als Künstler*innen in dieser Stadt.

Wir hören das oft. Wir meinen: Kreativität statt Google & Co., nicht durch solche Firmen und wer sonst noch alles in Traditionskieze ziehen will, um sie kaputtzumachen. Kreativität heißt für uns nicht, als nomadierender IT-Arbeitssklave für verrückte Mietpreise im pseudo-hippen Microspace einzuchecken und nebenbei die angestammte Kiezkultur zu verdrängen, wie wir das bei uns in Schöneberg mit Potse und Drugstore gerade erleben.

Gruß an alle Besetzer_innen, die gekündigt wurden und sich nicht damit abfinden, dass die Politik und die Immobilienmafia meinen, dass alles und jede_r weg kann, wenn dem Maximalprofit im Weg!

Kündigungen. Herbst 2018. Wir orientieren uns an diesem Beitrag in der taz. Wie gut der zum vorherigen Absatz passt. Denn hier wie dort geht es darum, dass man Mieter_innen kündigen konnte, weil sie offensichtlich Gewerbemietverträge haben, denn bei Wohnraum wäre es ja nur durch Hochmodernisierung mit einhergehenden massiven Mieterhöhungen möglich gewesen, sie rauszudrücken.

Das ist ohnehin der Fluch des Malers, des Tischlers wie auch des Eisverkäufers: Sobald er rechtlich nicht wohnt, sondern, was ja normalerweise auch Vorteile hat, Gewerbe betreibt, ist er Vermietern noch schutzloser ausgeliefert als Wohnungsmieter_innen. Und das erste, was wir von der Lause mitbekommen haben, seit wir uns immer mehr mit dem #Mietenwahnsinn befassen, war die Eis-Demo am 26. Oktober 2018. So cool, in jedem Sinn des Wortes. Wären wir beinahe spontan hingefahren, als Eisfans, wenn Sommer.  Die Aktion machte Schlagzeilen und innovativer Protest wie dieser geht ein ins Bewusstsein von allen, die gegen die Verdrängung kämpfen.

Wir lernen weiter, dass Florian Schmidt sogar mit der Lause schon zugange war, das hätten wir jetzt kaum vermutet. Aber die 12 Millionen, welche die WBM (Wohnungsgesellschaft Berlin Mitte) für das Haus zahlen wollte, ohne dass überhaupt der Stress mit dem Vorkaufsrecht entstanden wäre, der ja a.) wiederum nur Wohnungsmieter schützen kann, so ist es bisher jedenfalls, und b.) bei Share Deals leider ein riesiges, böses Loch für besonders abgezockte Investoren offen lässt – die schlappen 12 Millionen Euro, die waren dem sozial und ökologisch bewussten (so, zusammengefasst, der Lause-Text zur Selbsteinschätzung des) Herrn Taekker aus Dänemark zu wenig.

Das haben wir auch gerade gelesen, im Pressespiegel, den die Initiative anbietet (wie geschrieben, die Webpräsenz ist super gemacht). Wie lautete unsere Einschätzung oben? Genau. Eine Verfünfeinhalbfachung dessen, was man vor zwölf Jahren selbst hinlegen musste, zuzüglich zwischenzeitlicher Mieteinnahmen? Quatsch. Wir wollen 800 Prozent Spekulationsrendite! in nur 12 Jahren! Dass das mal klar ist. Und wenn sich nicht bald ein Käufer zu dem Preis finden lässt, schlagen wir aus lauter Ärger darüber gleich noch ein paar Millionen drauf und kündigen noch ein paar Mieter_innen.

Wir schreiben hier nicht en detail übers abgestimmte Mietkonzept, das zwischenzeitlich im Raum stand, dann aber nach typischer Manier der unguten Zusammenarbeit zwischen den Haien und ihren Hausverwaltungen erst dem Schweigen anheimgegeben und dann lapidar gecancelt wurde. Alles nur Taktik, Zeitschinderei, Spalterei, die dann in Einzelkündigungen mündet.. Das haben die Lause-Bewohner gut erkannt und dadurch wird es jetzt leider richtig ernst für einige von ihnen.

Es gäbe zur Lause noch so viel zu sagen bzw. zu schreiben, aber wir haben nun doch einen Tages-Hauptbeitrag über sie produziert. Wir gehen in Wiedervorlage, gliedern diesen Artikel mit dem nächsten Update in eine Einzeldarstellung aus, weil wir das Projekt faszinierend finden und wenn es Aktuelles zu berichten gibt – und schließen für heute dieses Kapitel.

Unsere Serie heißt „Mieter, kämpft um diese Stadt“ weil wir uns allen Mieter_innen in allen Städten gegenüber solidarisch erklären – auch wenn die Idee für den Titel auf einer berühmten Rede basiert, die in Berlin und für Berlin gehalten wurde.

Wir reisen nun ca. 200 Kilometer und kommen an in der Millionenstadt in Deutschland an, die Berlin am nächsten liegt – Hamburg. Bei den Begrifflichkeiten müssen wir uns nicht groß umstellen, denn die Regierung und ihre Ressorts heiße dort ebenfalls Senat(e).

26.) Correctiv: Senat vergibt Grundstücke oft nicht nach Konzept, sondern immer noch nach Höchstgebot.

Wir geben zu, vom Stadtteil Stellingen noch nie gehört zu haben, was darauf hindeutet, dass er nicht zu den Superkiezen gehört, die in Hamburgs Gepräge ausmachen, anders als in Berlin, wo eher die linksgrünen Innenstadtbezirke das heutige Image bestimmen. Pardon, die Hafenstraße. Aber das ist auch schon lange her.

In Hamburg liegen die Preise für Immobilien und auch die Mietpreise trotz der Berliner Aufholjagd immer noch höher als bei uns und der Senat hilft offenbar kräftig mit, das weiter zu befördern, weil – die Einnahmen. Höhere Preise = mehr Steuern und natürlich auch mehr direkte Zuflüsse in die Stadtkasse im Fall von Grundstücksverkäufen. Es setzt sich in deutschen Städten mehr und mehr durch, Grundstücke nach dem besten Konzept zu vergeben, also unter Berücksichtigung von Nachhaltigkeit und sozialer Vielfalt, nicht nach Höchstgebot. In 27 Prozent aller Fälle scheint das in Hamburg aber immer noch anders zu sein.

Augenfällig wurde das anhand eines Grundstücksverkaufs in Höhe von 40 Millionen Euro, der Teile eines Noch-Sportplatzes umfasst. Correctiv hat sich dieser Sache angenommen und dabei herausgefunden, dass hier das Dreifache des Schätzwertes geboten wurde. Und zwar von einer Vonovia-Tochter. Wie immer der Ruf der Firma sein mag, da konnte die Stadt offensichtlich nicht widerstehen.

Das Bewertungsschema der Stadt Hamburg für die Vergabe von Grundstücken sieht so aus, wir erlauben uns, es direkt zu zitieren:

„Die Stadt hat dafür ein eigenes Bewertungsschema entwickelt: Investoren müssen Pläne vorlegen, inwiefern soziale Einrichtungen entstehen, ob sie ökologisch bauen und ob sie für eine sozial ausgewogene Aufteilung der Wohnungen sorgen. Das Konzept wird mit 700 Punkten bewertet, der Preis mit 300 Punkten. Wichtig zu wissen: der Preis wird dann zum entscheidenden Hebel, wenn das Konzept vieler Bieter ähnlich bewertet wird. Wer einen doppelten so hohen Verkaufspreis wie die Konkurrenz bietet, erhält auch die doppelte Anzahl an Punkten und setzt sich so in den Gesamtpunkten ab.“

Wir mussten ein wenig schmunzeln. Diese hanseatischen Kaufleute, denen macht so schnell niemand was vor. In gewisser Weise könnte die Berliner Administration von ihnen viel lernen. Nur verstehen wir diese Kriterien so, dass auf keinen Fall jemand mehr als 300 von 1000 Punkten durch beherzte Zahlungswilligkeit einfahren kann, auch wenn er das Zehnfache wie andere Bieter zu zahlen bereit ist. Aber wir wissen natürlich, dass Bewertungen immer individuell und subjektiv sind – was ist also das beste Konzept? Niemand kann ausschließen, dass ein tolles Angebot fürs Grundstück sich auch auf die Konzeptbeurteilung positiv auswirkt, in Wirklichkeit der Preis also mehr als 30 Prozent Einfluss auf die Gesamtbewertung hat. Man müsste einige wichtige Ausschreibungen exemplarisch und in allen AuV-Details von Architekten und Stadtplanern überprüfen lassen und selbst dann bliebe das eine Kriterium der Vergabe Ansichtssache. So ist das, wenn nicht mehr nach Höchst (Grundstücksverkauf) oder Günstigst (Bauleistungen) entschieden wird – es wird schwieriger, Verstöße gegen Prinzipien der Vergabe nachzuweisen. Beim in Rede stehenden 40-Millionen-Deal nimmt sich das so aus:

Dabei hatte ein anderer Mitbewerber ein besseres Konzept vorgelegt und einen Preis angeboten, der am Verkehrswert orientiert war. CORRECTIV konnte die Bewertungen der Konzepte einsehen. Danach gab es ein Unternehmen, das nach dem Konzept der Bebauung auf Platz zwei lag und auch beim Preis das zweitbeste Angebot gemacht hatte.  Die Buwog lag nach dem Konzept dahinter auf dem dritten Platz.

Vielleicht war aber das Konzept der Vonovia-Tochter nur ein bisschen schwächer und der Abstand zum nächstbesseren Planungsvorschlag wurde durch die doppelte Punktzahl beim Kaufangebot mehr als ausgeglichen.  Ein Hamburger Bauunternehmr wird so zitiert:

„Die Konzepte gleich sich, und am Ende ist doch der Preis oft entscheidend. Das ist unsere Erfahrung.“

Das wäre aufgrund des obigen Punkteschemas auch korrekt. Und es ist nicht ethisch  zu beanstanden, sofern es nicht später dazu führt, dass der höhere Kaufpreis über höhere Mieten wieder reingeholt werden soll.

Die Geschichte der einst österreichischen Staats-Wohnungsgesellschaft für Bundesbedienstete BUWOG ist allerdings wieder eine sehr typische, wie sie offenbar auch im wohnungsmäßig und sozial als vorbildlich geltenden Österreich vorkam: Im Jahr 2000 wurden nicht weniger als 48.000 Wohnungen privatisiert, an die Börse gebracht, 2018 von der Vonovia komplett übernommen.

27.) Habersaathstraße 40-48 in Berlin-Mitte.

Wir sind wieder zurück in der Stadt, in welcher die Immobilienhaie niemals schlafen, weshalb auch die Mieter_innen wenig Schlaf finden

Wir sind auch zurück dort, wo alles den Anfang nahm, mit diesem Bericht über einen Brandanschlag. Jetzt ist es aber umgekehrt, nämlich viel zu kalt und die Habersaathler sind gestern Abend dem Vermieter sprichwörtlich aufs Dach gestiegen. Es gibt davon sensationelle Fotos, aber Twitter hat im Moment Probleme damit, sie hochzuladen – die Menge! Dewegen reposten wir hier erstmal dies von gestern, was direkt von der Initiative kam:

Und das haben wir noch exklusiv bekommen: Nicht Karlsson, sondern die Herren von der IG Hab auf dem Dach und dieses Mal sieht man das gemeinerweise ganz geöffnete Fenster im 6. Stock neben einer bewohnten Wohnung aus der Nähe, weil dies der Zweck von „IG Hab auf dem Dach“ war: Mit einem Handystick diesen Missstand zu dokumentieren. Einen schönen Blick in Richtung Alex mit Turm gibt’s auch noch.

2019-07-30 Habersaathstraße 40-48 Dachansicht 2 Fenster offen Stockwerk 6
Das offene Fenster im 6. Stock, das aus größerer Entfernung schon mehrfach auf Bildern zu sehen war – jetzt vom Dach aus mt Handystick fotografiert. Bild © IG Hab.

Wir müssen an dieser Stelle mal eine kleine Erklärung loswerden. Wir haben das heutig HAB-Update hier fast versteckt, damit die H 40-48 nicht so prominent vertreten ist. Diese Bescheidenheit, um die wir beinahe gebeten wurden, finden wir sehr nett, aber wir meinen: Sicher war es Zufall, dass wir über diesen Fall zuerst berichtet hatten, weil es damals „in der Zeit“ lag und es diesen spektakulären Brandanschlag auf Herrn Diekmanns Auto gab, aber die IG Hab hat den direkten Kontakt zu uns gesucht und versorgt uns mit Infos, die unsere Beiträge sehr authentisch und lebendig wirken lassen.

2019-07-30 Habersaathstraße 40-48 Dachansicht Kollektoren
Kollektoren auf dem Dach des Blocks Habersaathstraße 40-48 – die wollte der abrisswütige Investor also auch mitvernichten. Foto © IG Hab

Dieser Weg steht jeder anderen Initiative und jeder Person offen: Uns zu kontaktieren, evtl. auch mal ein Treffen zu organisieren und sich andererseits auch mit der IG Hab auszutauschen, um von deren Erfahrungen mit der ÖA zu profitieren, die sie exzellent beherrscht – wir sind das mit Abstand kleinste Medium, das von der IG Hab berücksichtigt wird und für diese Aufmerksamkeit danken wir selbstverständlich und herzlich. Sie haben ja auch schon viel erreicht, die Habersträßler, vor allem die eminent wichtige Verweigerung des Abrisses ihres Hauses durch den Bezirk Mitte – was ja dann auch das Kältemobbing des Käufers hervorrief.

2019-07-30 Habersaathstraße 40-48 Dachansicht
Über den Dächern von Berlin – romantisch, wenn der Anlass für die Begehung ein anderer wäre. Foto © IG Hab.

Dass die Politik in Mitte sich trotz viel Druck seitens der Medien und der IG Hab nach zwei Monaten nicht um die offenen Fenster gekümmert hat, ist ganz sicher nicht dem mangelnden Einsatz der Hab-ler zu verdanken, sondern dem mangelnden Einsatz der Politik für einen Fall, der bereits Krankheiten hervorgebracht hat und zu weiterer Verdrängung führen kann, nachdem unsinnigerweise ohnehin über 80 Wohnungen leerstehen. Hier ist ein besonders bösartiger Investor am Werk und wir werden deshalb nicht müde, über die Habersaathstraße und deren Initiative gegen Verdrängung zu berichten. Natürlich ist sie uns schon etwas ans Herz gewachsen, weil wir die Menschen dahinter immer besser sehen können, aber das finden wir normal und es hat uns auch beim Zugang zum Thema  geholfen und das, was beim „Mietenwahnsinn“ passiert, für uns vorstellbarer und konkreter werden lassen. In diesem Sinne hier zum vorherigen Beitrag über die Habersaathstraße.

TH 

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