„Ein Plädoyer für den gepflegten Streit“ (Gerhard Kugler, Neue Debatte) / #Psychologie #Konsens #Streit #Gefühle #Debatte #Kooperation #Auseinandersetzung #Politik #Parteien #APO

 Von Gerhard Kugler hatten wir schon den einen oder anderen Beitrag empfohlen, vor dem Start der Reihe „EBA“, aber vielleicht nochmal zur Person.

„WGerhard Kugler (Jahrgang 1946) ist Psychologischer Psychotherapeut im Ruhestand. Er gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Deutschen Gesellschaft für Verhaltenstherapie (DGVT) und der Gesellschaft für kontextuelle Verhaltenswissenschaften (DGKV), deren Therapieansatz die Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT) ist. Auf seiner Homepage http://www.erlebnisoffen.de finden sich weitere Informationen und Blog-Einträge.“

In „Neue Debatte“ erschien heute sein Beitrag

Ein Plädoyer für den gepflegten Streit.

Wie streiten wir? Wie sollte es laufen? Wie erreicht man im Streit Kooperation? Läuft die Findung eines Kompromisss so ab, wie Kugler es hier anhand einer kleinen Grafik und im Text beschrieben hat. Wir sollten uns immer hüten vor Vereinfachungen und zu modellhaften Darstellungen. Und als Psychotherapeut sollte Kugler wissen, dass mit der Wichtigkeit der Äußerung von Gefühlen nicht gemeint ist, dass jede Sachdebatte sich in die Richtung bewegt, dass alle einander ihre Gefühlslage spiegeln.

Aber die Art, wie wir miteinander um die beste Lösung ringen, also auch streiten, beschäftigt uns gerade beruflich und durch die Präsenz des Wahlberliners in den Sozialen Netzwerken. Gerade gestern hatten wir das im Team. Ich hatte meinem Ärger darüber Ausdruck verliehen, dass ich Hunderte von Beiträgen schreiben kann, die jemandem gefallen, dann bringe ich einmal etwas, das von seiner heiligen Meinung abweicht und schon ist wieder ein Follower verloren gegangen.

Wie ist die psychische Aufstellung mancher Menschen, was das Aushalten anderer Meinungen angeht? Man sagt so etwas nicht, es war auch eher als Scherz gedacht: „Nein, das ist kein spezifisches psychisches Problem, das ist einfach charakterschwach“, bekam ich zur Antwort. Vermutlich spielt auch eine Rolle, dass der Leser uns auf seiner Seite wähnt und er nicht folgen kann, wenn wir Dinge auch mal von der anderen Seite betrachtet.

Aber streitbar sein, macht offenbar doch Freunde und bindet ein, während Streit aus dem Weg gehen, einsam werden lässt. Kein Wunder, dass es in Berlin keine einsamen Menschen gibt.

Das ist natürlich Quatsch. In den ersten Jahren habe ich mich gewundert, wie schnell die Leute hier nicht nur mit dem Anraunzen, sondern auch mit dem Anwalt zugange sind. Ich halte diese Kombination für nicht sehr effizient und schon gar nicht für nervenschonend, aber natürlich musste ich mich im beruflichen Bereich anpassen, ich kann die Regeln nicht eigenständig setzen, wenn ich kooperieren muss. Ich kann mich nur abgrenzen, wo ich keine Interessen anderer zu vertreten habe. Es ist aber hier wie da schwierig, denn dazu gehört eine gewisse Leidenschaftslosigkeit. Das ist die andere Seite: Dieses Pure, das finde ich hier immer noch krass faszinierend und es hat mich auch ein Stück weit verändert.

Was ich hinterfrage, siehe Schema, ist die Ansicht, dass Menschen früher besser streiten konnten, heute hingegen jede Beziehung kippt, wenn die Kinder groß sind, weil kein Kompromisszwang mehr besteht, der das Wohl anderer berücksichtigen muss. Wir hätten den Beitrag wohl nicht empfohlen, wenn nicht eine passende politische Botschaft enthalten wäre:

„In der zurückliegenden kulturellen Evolution dominierten wohl Drohen, Prügeleien und Verjagen als Mittel des Streitens. Sie sind in den meisten Teilen der Gesellschaft nicht mehr alltäglich. Diese Formen haben sich heutzutage offensichtlich in die höheren, also mächtigeren Kreise verzogen, von denen Kriege geführt, Sanktionen verhängt und ausspioniert wird. Ihre Primitivität ist oft kaum zu überbieten. Und die so Handelnden halten ihre gewählten Mittel für angemessen.“

Also wären wir Normalmenschen ja inzwischen weitergekommen und hätten besser streiten gelernt. Was im zitierten Absatz steht, gefällt uns, aber wenn sich dieses Verhalten auf die herrschende Klasse reduzieren ließe, würde es uns, den Beherrschten,  leichter fallen, miteinander zu kooperieren und die Machtverhältnisse zu verändern. Auch kleine Leute sind oft gemeine Leute, da wollen wir es mit der Sozialromantik nicht übertreiben. Man kann diese Gemeinheit als systembedingt darstellen, dann passt sie wieder ins System. Außerdem ist das Archaische am Streigebaren der Mächtigen nicht nur durch deren Wesen, sondern durch den Umstand selbst bedingt: Macht streitet nicht mit Ohnmacht auf konstruktive, kooperative Weise. Das hat sie nicht nötig.

Dadurch geht es über in den politischen Streit: Hier geht es erst einmal nicht ums Kooperieren, sondern um Propaganda. Ums Überzeugen. Die Positionen bleiben einander fremd, sie dürfen sich gar nicht annähern, sonst geschieht, was in Deutschland immer wieder zu beobachten ist: Alles tendiert zur Mitte und wird alternativlos. Nicht, weil es keine anderen Lösungen gäbe, sondern weil es keine wählbare Alternative gibt. Gegenwärtig manifestiert sich politische Streitbarkeit daher in einer neuen Form von APO, die auf vielen Initiatven fußt und eine graswurzelorientierte Gegenbewegung zur allzu kompromissorientierten Parteienpolitik darstellt. Es geht um die Wahrung von Rechten, von Existenzrechten. Nicht um Kooperation. Diese kann man von unten nicht anbieten, wenn sie von oben nicht gewünscht ist.

EBA 12

Kritisch schauen und immer wieder Beiträge außerhalb des Mainstreams lesen, das ist eine Aufgabe, die der Wahlberliner sich gestellt hat. 

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Medienspiegel 341, EBA 11


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