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Crimetime 1000 – Titelfoto © MDR / Filmpool Fiction, Alexander Abraham – Die große Rezension – 50 Jahre Polizeiruf

Kein Tag ist wie der andere

7,82 Millionen Zuschauer, 26 Prozent Marktanteil, das war die Ausbeute von „An der Saale hellem Strande“ bei seiner Premiere an einem Schönwetter-Sonntagabend. Hinzu kommen die Mediathek-Streamings und diejenigen, die den Film anlässlich der Spätvorstellung erstmals gesehen haben. Wir gratulieren erneut zu „50 Jahre Polizeiruf“ und uns selbst zur tausendsten Crimetime-Rezension. Wir haben die Veröffentlichungen von Crimetime-Beiträgen so getaktet, dass dieser Film die große Jubiläumsnummer dieser Beitragsrubrik bekommt, denn wir meinen, die Reihe Polizeiruf 110 und dieser Film haben dieses bisher größte Ereignis innerhalb einer unserer Beitragsrubriken verdient. In keiner anderen sind bisher 1000 Artikel erschienen. Mehr zum Film und zu dem Lied, dem der Titel gewidmet ist, steht in der Vorschau und in der –> Rezension.

Handlung

Kriminalhauptkommissar Henry Koitzsch und Kriminalkommissar Michael Lehmann wissen nicht weiter: Vor drei Monaten lag Uwe Baude tot im Eingang seines Hauses, ermordet durch Stiche in Unterleib und Lunge. Der Fall ist mysteriös, es gibt keine Anzeichen auf ein Motiv, der Täter verschwand spurlos in der Nacht. Den beiden Ermittlern gelang es bisher nicht, einen Verdächtigen ausfindig zu machen, Indizien liegen nicht vor, niemand hat etwas gesehen. Was genau geschah in jener Nacht vor Uwe Baudes Haus?

Nun soll als letztes Mittel eine groß angelegte Funkzellenauswertung helfen. Personen, die in der Mordnacht in der Umgebung des Tatorts telefoniert haben, werden vorgeladen. Koitzsch und Lehmann sind mit einer Vielzahl an Aussagen und möglichen Zeugen konfrontiert. Sie befragen akribisch, sortieren aus und geraten an die Grenzen ihrer Belastbarkeit. In den Fokus geraten drei Menschen, die unterschiedlicher nicht sein könnten: der vorbestrafte Maik Gerster, der desorientierte alte Eisenbahner Günter Born und das sprunghafte Irrlicht Katrin Sommer. Die Zeugen widersprechen sich, geraten ins Straucheln. Haben sie etwas gesehen oder sogar mit dem Fall zu tun? Die Kommissare blicken in ganz verschiedene Leben und Welten, der Mörder von Uwe Baude bleibt dabei ein Phantom, das stets die Wege der Zeugen gekreuzt haben muss.

Doch endlich gibt es eine heiße Spur: Die Aussage eines gewissen Rainer, der in der Tatnacht direkt vorm Haus telefonierte, führt die Ermittler zu Uwe Baudes Nachbarn, Olaf und Silke Berger. Olaf, Silke und Rainer widersprechen sich, sie versuchen etwas zu vertuschen. Immer tiefer geraten die Ermittler in den bizarren Lügensumpf der Trinkerfreunde. Doch was geschah wirklich in dieser Nacht vor drei Monaten?

Rezension

„Ein Jahr nach dem »Tatort« feiert nun eben der »Polizeiruf« sein Jubiläum. Und es ist beachtlich, wie hier jede Zeitgeistzappelei vermieden wird. Stattdessen gelangen die Verantwortlichen aus der Tiefe der Geschichte heraus zu einem zum Teil atemberaubenden Neuentwurf des Ostklassikers, Ostbiografien und Oststars inklusive.“ – Christian Buß: Spiegel Online[5]

Ganz haben sie es nicht geschafft, mit den Ostbiografien. In der umfangreichen Wikipedia-Besetzungsliste habe ich zwei Darsteller*innen mit Geburtsort in Westdeutschland gefunden, aber der Film ist trotzem sehr korrekt und die Dialekte, die man hin und wieder vernehmen darf, klingen nicht nur echt, sie sind authentisch. Was Christian Buß mit „Zeitgeistzappelei“ meinte, kann ich mir in etwa vorstellen. Zum 30-Jährigen der Reihe Polizeiruf 110 beispielsweise durften Schmücke und Schneider, das Ermittler-Vorgängerduo aus Halle, eine große Parade von noch lebenden Polizeiruf-Stars der vergangenen Jahrzehnte in einem Sanatorium bespaßen, die Verblichenen wurden am Ende noch einmal als Fotos eingeblendet. Der Film versuchte damals, die Brücke zwischen der gutgelaunten Schmücke-Schneider-Welt und der DDR-Epoche der Reihe zu schlagen und kam dabei etwas ins Schleudern und nicht über Mittelmaß hinaus („Kurschatten„, Episode 231). Trotzdem wird es wohl nie wieder eine so große Versammlung von aktuellen und früheren Polizeiruf-Stars geben.

Der MDR ist die Sache zwanzig Jahre später komplett anders angegangen. Nur Thomas Grawe (Andreas Schmidt-Schaller) ist eine für die meisten Polieiruf-Experten sichtbare Brücke in die Polizeiruf-Historie, ansonsten hat man demonstriert, dass man Kontinuität anders auffasst: Die Stadt Halle war bereits der Schauplatz vieler Polizeirufe, aber dieses Mal wirkt sie anders. Sie wirkt verbrauchter, älter als von 1996 bis 2013, als die beiden Herberts, Schmücke und Schneider, dort ermittelt haben. Und Peter und Peter (Kurth und Schneider) alias Kloitzsch und Lehmann sind ganz andere Typen. Gleichwohl ist hier auf Anhieb ein großartiges Team entstanden, das wir auf jeden Fall wiedersehen werden. Weshalb ich mir da so sicher bin?

Spoiler-Alarm im nächsten Absatz!

Es liegt am Ende. Für Tatorte und Polizeirufe immer noch ungewöhnlich, lakonisch, elegisch, melancholisch und auf jeden Fall einen weiteren Film bedingend. Denn anders als bei Open Endings, die zum Beispiel zeigen, wie die kleinen Fische verhaftet werden und die Hintermänner davonkommen, ist dieses Mal der Kapuzenmann noch nicht ermittelt, und das ist ein anderes paar Schuhe, zumal die Schuhspuren (DDR-Ausdruck für Fußspuren) nicht zum Mörder geführt haben, der drei gezielte Messerstiche so ausführte, dass die Ermittler von einem Profi ausgehen.

Weiter zum Film

Manches wirkt auf den ersten Blick nicht so recht logisch, wenn man sich genau auf die Handlung konzentriert, was gut funktioniert, weil sie so gemächlich daherkommt. Wenn man diese Konzentration beibehält und gleichzeitig den Geschichten der Menschen lauscht und was uns der Film sagen will, dann ist klar, warum so viele Zeugen aussagen, warum so viele Menschen mit nicht sehr grandiosen Biografien hier ein Panoptikum der Seltsamen und Gestrandeten einrichten, der Einsamen und der Ausrastenden. „Das hat es damals nicht gegeben“, sagt Thomas Grawe zu seinem Schwiegersohn Lehmann. Zeugen, die behaupten, sie seien der Mörder und Zeugen, die bei der Einvernahme ein Messer zücken und den Polizeibetrieb in Aufruhr versetzen. Alles ging aus dem Ruder, nachdem der strenge Staat weg war, der auch solche Menschen umgehend eingebuchtet hätte. Die Verhöre der Zeugen sind mit den deutlichsten Erinnerungen an die „alten“ Polizeirufe verknüpft, weil sie entsprechende Unteritel tragen:

Zwischen den Gleisen“ ist der 36. Polizeiruf und wurde 1975 erstausgestrahlt. Der alte Mann vom Rangierbahnhof, einer der möglichen Zeugen der Tat, ist zwischen den Gleisen gelandet. Er bricht nachts sogar auf dem Gelände ein, auf dem sein altes Wärterhäuschen steht und sieht dabei zwei „Gammler“, die etwas tragen. Es ist eine Leiche. Seine Biografie ist die eines Menschen, der in der DDR seinen Platz hatte und der später ausrangiert wurde. Er lässt sich von seiner Frau immer noch die Arbeitstasche mit Vesper und Thermoskanne packen. Allerdings wäre er dann schon recht jung verrentet worden, denn der Mann, der darauf besteht, immer noch alles zu erfassen, aber nicht mehr zum Zeugen taugt und sich sinnbildlich sogar in der eigenen Stadt verirrit, dürfte etwa 80 Jahre alt sein.

Der erste Zeuge wird mit dem Polizeiruf „Kein Tag ist wie der andere“ eingeführt, was wohl auf diesen Mann, der den Boden unter den Füßen verloren hat und jeden Tag mit neuen Herausforderungen und seinen eigenen Mängeln, den Brüchen seiner Vergangenheit konfrontiert ist, als es darum geht, die kleine Familie zusammenzuhalten, und dann muss er auch noch zur Polizei. „Kein Tag ist wie der andere“ ist der 107. Polizeiruf aus dem Jahr 1986 und stellte Oberleutnant Zimmermann heraus, dessen Privatleben darin eine wichtige Rolle spielt, das wurde in diesem Film erstmals in einem Polizeiruf so ausführlich gezeigt.

Etwas später versetzt Katrin Sommer die Dienststube von Kloitzsch und Lehmann in Aufregung und ihr Leben wird von Lehmann als das einer umtriebigen Einsamen charakterisiert. Der klassische Polizeiruf, der mit ihrer Person verbunden wird, ist „Verdammte Sehnsucht„, ein Nachwende-Tatort mit Johanna Herz und Horst Krause, er spielt weitgehend in einem Internat und zeigt eine Verbindung zwischen einem Schüler, der zu Hause wenig Liebe erfährt und einer Küchenhilfe, die ebenfalls auf der Suche nach menschlicher Wärme ist und die durch ein Verbrechen zerstört wird.

Schließlich wird „Der Teufel hat den Schnaps gemacht“ als Motto für die versoffene Gemeinschaft verwendet, die in dem beinahe abbruchreif wirkenden Haus lebt, in dem auch der ermordete Kellner seine Wohnung hatte. Einer von vieren dieser Combo ohne Strom tötet sich selbst, als er versucht, den Strom von einer anderen Wohnung zu überbrücken, damit wieder „Saft“ da ist. „Der Teufel hat den Schnaps gemacht“ ist der 69. Polizeiruf aus dem Jahr 1981, der Titel seinerseits spielt auf ein Lied von Udo Jürgens ein, das er 1973 eingespielt hat. Regisseur Manfred Mosblech, den ich für seine Polizeiruf-ARbeiten besonders schätze, hat in diesem Film erstmals den Alkoholismus in den Mittelpunkt gerückt, der schon in vielen Polizeirufen zuvor nicht verschwiegen wird und für manche Wendung und manche Verfehlung verantwortlich ist. „Unheil aus der Flasche“ zeigte wenige Jahre später erstmals eine Alkoholikerin. Nicht nur die beschriebene Gruppe von Menschen frönt sehr dem Hochprozentigen, auch KHK Kloitzsch wird mit 1,6 Promille am Steuer erwischt und die Kollegen drücken alle Augen zu.

Das Leben ist nur mit viel Bölkstoff zu ertragen, kann man als eine der zentralen Botschaften des Films ansehen, das Leben an sich führt dazu, während in den DDR-Polizeirufen der Verlauf oft umgekehrt dargestellt wird: Der Alkohol führt zum Ausscheiden aus der sozialistischen Gemeinschaft. Bis auf Lehmann, der durch gezielte Abstinenz, die er im Umgang mit Ermittlungspartner Kloitzsch nicht ganz durchhält, sprechen alle, die im Film außerhalb der Polizeidienststelle gezeigt werden, dem Alkohol zu.

Der neue Halle-Polizeiruf hat etwas von der Düsternis des Magdeburger Pendants, zeigt viele Reminiszenzen an die DDR-Polizeirufe, reflektiert die sonnigeren Zeiten in Halle mit Schmücke und Schneider, indem er eine Art von Gegenwelt zeigt, die selbst den einstigen Dresden-Kommissaren Ehrlicher und Kain alle Ehre gemacht hätte, die in den ersten Nachwendejahren wie kein anderes Team die Nachwende-Tristesse des Ostens thematisiert hatten und immer bereit waren, dem Westen eins mitzugeben dafür, dass er dies alles verursacht hat; besonder in Person von Bruno Ehrlicher, was in Person seines Darstelles Peter Sodann sehr, sehr authentisch wirkte.

Die Vergangenheit wird im 391. Polizeiruf aber nicht besprochen, sie ist einfach da. Sie lugt aus jeder Mauerritze, bricht aus allen Fugen ins Hier und Jetzt und wirft einen langen Schatten auf ebenjenes Hier und Jetzt. Kloitzsch versucht, privat Anschluss zu finden, der Annonce, während die Familie Lehmann inklusive Opa Grawe im Grunde das Normalitätszentrum darstellt und auch die Hoffnung darauf, dass eine Generation ohne Traumata aufwachsen darf, sogar in Halle; seine beiden Kinder. Ein kleines Licht inmitten der Welttristesse, die aber nie so hermetish wirkt wie in der erwähnten Magdeburg-Schiene, die so radikal inszeniert ist, dass selbst Kritiker*nnen damit nicht immer etwas anfangen können und sich fragen, worauf man mit Doreen Brasch hinauswill. Sie würde eigentlich ganz gut ins Hallenser Kommissariat passen, aber wieder einmal nur auf den ersten Blick. Sie würde die beiden traurigen Männer, die dort ihren Dienst tun, wegmobben.

Obwohl – Kloitzsch hat trotz seiner persönlichen Probleme einen ziemlich stabilen Kern, wie das Duell ausgehen würde, kann ich nicht einschätzen. Peter Kurth, den ich seit seinem Kommissar Wolter in „Babylon Berlin“ besonders schätze, spielt den Kloitzch herausragend. Das ist in allen Nuancen stimmig, wenn nicht perfekt, und Peter Schneider als KHK Lehmann ist eine wunderbare Ergänzung, weil er schneller angefasst wirkt als der verwitterte Kloitzsch und sich schon mal darüber aufregt, dass Zeugen offensichtlich lügen, obwohl er auch schon einige Dienstjahre auf dem Buckel hat. Kloitzsch kann sich nicht mehr groß aufregen und wenn doch, dann wirkt es inszeniert, um etwas aus Menschen rauszukriegen. Die ganze Welt ist verlogen, soll das wohl heißen, warum sollten ausgerechnet Zeugen eines Verbrechens eine Ausnahme sein?

Finale

Alle telefonieren, während sie sich zur Mordzeit in der Nähe des Tatorts befinden, nur deswegen funktioniert die Funkzellenabfrage. So sind sie in dieser Welt mit der Welt verbunden, mehr oder weniger. Aber als die Leiche des Hobbyelektrikers nach draußen getragen wird, ist alles leer. Waren sie alle Insassen der Straßenbahn, die hier ausgestiegen waren, die Zeugen? Sie kamen aus verschiedenen Richtungen, begegneten sich, kannten einander nicht. Selbst der alte Bahnwärter verfügt über ein historisches Klapphandy und einige Smartphones, die man sieht, haben auch schon einige Dienstjahre hinter sich, wenn auch nicht so viele wie Lehmann und besonders Kloitzsch, der sich nach dem Beamtenruhestand sehnt und ohne seinen Job doch verloren wirken würde. So viele Schicksale sehen wir, komprimiert zu einem beinahe dystopischen Panorama, in dem die Eingangsleuchten flackern, es keinen Strom mehr für Privathaushalte gibt und keine intakten Tage für sicher im Leben stehende Menschen mehr.

Für Freund*innen des schnellen, aktionsreichen Krimis, wie wir ihn mittlerweile sogar in Tatorten und Polizeirufen zuweilen dargeboten bekommen, ist „An der Saale hellem Strande“ nicht das Richtige, aber für Menschen, die das tolle Spiel zu schätzen wissen, das die Darsteller*innen abliefern, in Rollen, in denen sie überwiegend alle andere als vorteilhaft wirken. Es handelt sich auch um eine Betandsaufnahme all dessen, was liegengelassen wurde, ein Elaborat über alle jene, welche von der Zeit und deren Lauf höchst ungnädig behandelt wurden. Alles klingt dabei an, was die Polizeirufe ausmacht, selbst bei mir, obwohl ich erst vor drei Jahren mit dem Schreiben über die Reihe begann und keine Ostsozialisierung habe. Vielleicht ist es so: Durch diese konzentrierte Arbeit innerhalb eines recht kurzen Zeitraums sind mir die Menschen aus der DDR und deren Umstände so vertraut geworden, besonders natürlich die Ermittler*innen, dass ich die Linie von damals ins heute recht gut ziehen kann und darauf hoffe, zu verstehen. Vieles, was wir in „An der Saale hellem Strande“ sehen, zeichnet sich lange vor der Wende ab und das ist das eigentlich Tragische. Das beinahe unausweichlich wirkende, die Tatsache, dass jener erwähnte Lauf der Zeit, wie er sich im Osten darstellte, viele Opfer fordern würde. Wessen Opfer aber wurde der Mann, der ein wenig aussieht wie Edgar Selge und von einer Person erstochen wurde, die mit ihrer dunklen Kapuzenjacke, mit tief ins Gesicht gezogener Kapuze, ein wenig aussieht wie Edgar Selge als Kommissar Tauber als München? War dieser optische Anklang Absicht?

Selbst das Lied „An der Saale hellem Strande“ pass sich ein. Es ist einen hübschen Text, wird vom Geist der Romantik getragen, wie in der Vorschau dargestellt, aber es kündet auch vom Vergehen der mittelalterlichen Pracht. Der Bezug zur Nachwendezeit ist sehr offensichtlich, überhaupt ist die Musikuntermalung sehr gelungen, weil man auf viele beziehungsreiche moderne Klassiker zurückgegriffen hat. Wenn jedoch eine hübsche, einsame Frau und ein Mann, der schon so viel gesehen hat, auf dem Revier zusammen das Saale-Lied intonieren, das sie vielleicht schon als Kinder gelernt haben, dann leben sie mit uns in dieser Zeit, über die Epochenwechsel hinweg und mit ihnen der Polizeiruf 110.

8,5/10

© 2021 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Vorschau: Die Überraschung zum 50. Geburtstag!

Liebe Leser*innen, vor drei Jahren, im März 2019, begannen wir, neben den Tatorten auch Polizeirufe zu rezensieren und dürfen vermelden, dass wir mittlerweile über 300 von derzeit 391 Episoden zumindest betextet haben. Nicht alle diese Rezensionen sind bisher veröffentlicht. Obwohl wir glaubten, uns mit der Reihe mittlerweile etwas auszukennen, sind wir vom Ereignis dieses Wochenendes komplett überrascht worden. Dazu schreibt die Redaktion von Tatort-Fans: Polizeiruf 110: An der Saale hellem Strande – Tatort Fans (tatort-fans.de):

„Herzlichen Glückwunsch, lieber Polizeiruf 110! Fünfzig Jahre wird die Krimireihe im Sommer 2021 alt. Die erste in Schwarz-Weiß gezeigte Folge „Der Fall Lisa Murnau“ (Erstausstrahlung: 27.06.1971 im DFF) kam der Polizeiruf als Gegenstück zum „großen Bruder“ Tatort im DDR-Fernsehen auf – und wurde schnell zum absoluten Publikumsliebling. Seit Anfang der 1990er-Jahre sind die ostdeutschen Produktionen im gesamtdeutsche Fernsehen zu empfangen.

Anlässlich des runden Geburtstags hat sich der MDR eins besondere Überraschung für die Fans der Krimireihe ausgedacht: Ein brandneues Team löst seinen ersten Fall „An der Saale hellem Strande“. Die zwei renommierten Schauspieler Peter Kurth und Peter Schneider schlüpfen fortan in die Rollen der Kommissare Henry Koitzsch und Michael „Michi“ Lehmann, die für die Kripo Halle/Saale tätig sind.“

Ein Special zum 50-jährigen Jubliäum ist bei uns auch vorgesehen, nachdem wir dasselbe letztes Jahr, als es beim Tatort anstand, eher dezent begangen haben. Für dieses Special sammeln wir Dokumentationen und werden die Einstellung weiterer eigener Kritiken zu Polzeiruf-Episoden aller Epochen im Juni beschleunigen. Wegen des besonderen Events verlinken wir ausnahmsweise in einer Vorschau auch mal ein Social-Media-Posting, das einen Trailer enthält. Mit dem Titel des Films hat es übrigens auch etwas auf sich, oder es hat eine „Bewandtniß“, wie man es in der Zeit eher ausgedrückt hätte, als es entstand.

https://www.facebook.com/33214866692/videos/181593640427859

Zurück zum Event des letzten Maisonntags 2021.

Wenn Peter Kurth tatsächlich nicht nur Überraschungsgast ist, sondern künftig regelmäßig für den MDR Fälle lösen wird, dann sind wir auf jeden Fall dabei. Welch ein Coup, im Jahr 2021 noch ein reines Männerteam zu präsentieren, zumindest in den Haupt-Ermittlerrollen. Das wäre dem NDR niemals passiert, wo künftig in Tatorten alle Rollen exakt nach Bevölkerungsanteil der jeweiligen Gruppe besetzt werden muss. Trotzdem, ich freue mich ganz persönlich, einen meiner Lieblingsschauspieler seit „Babylon Berlin“ (Staffeln 1 und 2) als Ermittler zu sehen. Zum Glück hat er sich aus allen Corona-Diskussionen herausgehalten, zumindest habe ich nichts anderes mitbekommen und das macht es noch einmal leichter. Gibt es denn zu „An der Saale hellem Strande“ überhaupt Vorab-Kritiken oder hat der MDR alles bedeckt gehalten, damit die BILD nicht wieder hingeht und vorher Dinge ausplaudert, die nach journalistischem Comment hätten zurückgehalten werden müssen, damit das Publikum im Film selbst noch etwas Neues erfährt?

Und steht beim MDR ein Paradigmenwechsel an? Aufgabe des Weimar-Tatorts („Der höllische Heinz„, in dem Peter Kurth die Titelfigur spielt, war der letzte Film mit ihm, den ich gesehen habe, oder war es doch „In den Gängen“?, die Rezension dazu ist noch nicht veröffentlicht). Dafür Rückkehr an die Saale, nach Halle, wo einst Schmücke und Schneider die Erfolgsgeschichte des Polizeirufs fortspannen und auf herausragende 50 Einsätze kamen, die mit Abstand größte Zahl eines Polizeiruf-Teams nach der Wende. Insgesamt liegt immer noch Peter Borgelt mit 85 Filmen vorne, allerdings mit einer Einschränkung, die sich nun daraus ergibt, dass ich faste alle Filme aus seiner Zeit kenne: Ab den 1980ern, speziell, als Grawe und Zimmermann endlich den geglückten Übergang zur nächsten Generation vollziehen konnten, begnügte er sich vermehrt mit Leitungsfunktionsrollen als Doyen der „K“, manche davon waren nur Kurzauftritte. Die Münchener Tatort-Ermittler Batic und Leitmayr (derzeit 84 Filme) werden ihn demnächst nominell einholen, nach Spielzeit sind sie ohnehin weit vorne.

Zurück zum Fernseh-Event des Wochenendes.

Gibt es nun die üblichen Kritiker*innen-Stimmen? Ja, gibt es. Und gleich die erste, die wir regelmäßig ansteuern, verschafft in einer wichtigen Sache Klärung:„An der Saale hellem Strande“ war eigentlich nur als ein einmaliger Jubiläumsfilm geplant. Zum 50. Geburtstag des Polizeirufs 110. Aber dann entschied man sich doch, den Polizeiruf aus Halle wieder für mehrere Folgen aufleben zu lassen. Wann und wie oft die beiden Schauspieler Peter Kurth und Peter Schneider in der Rolle der Ermittler Koitzsch und Lehmann zu sehen sein werden, das ist noch offen“, schreibt der SWR3-Tatort- (und notabene Polizeiruf-) Check. Was wir nach dem Lesen noch verraten: Einer der beiden Kommissare hat ein massive Alkoholproblem. Ist ja fast wieder wie in der DDR. Auf die oben erwähnten Kommissare Fuchs (Peter Borgelt), Grawe und Zimmermann soll das nicht anspielen, eher auf die sehr offensive Darstellung der Alkoholkrankheit in mehreren DDR-Polizieirufen. Vergleichbare Plots, die wirklich um die Alkoholsucht herum gestrickt wurden und wo sie bereits im Titel auftaucht, gab es in West-Tatorten nicht. Insgesamt sieht Brigitte Egelhaaf den Film eher als Milieustudie denn als packenden Krimi, aber die Studie ist nach ihrer Ansicht gelungen, sie vergibt vier von fünf Elchen.

Die Readaktionsmeinung von Tatort-Fans reichen wir an der Stelle ebenfalls nach: Fünf von fünf Sternen auf der einen, etwas verhaltener aber „unbedingt einschalten!“ die andere. Vor allem das Team scheint allen Spaß zu machen, deren Meinung ich bisher gelesen habe.

In seiner Publikation „Tittelbach-TV“ hat sich Rainer Tittelbach persönlich mit dem neuen Polizieiruf beschäftigt und meint: „Der Mensch hat hier das Sagen – und auch sonst stimmt in diesem Krimi-Drama einfach alles: das Milieu, die dazu passenden Kommissare, die wiederum perfekt besetzt sind mit dem unnachahmlichen Peter Kurth und mit Peter Schneider, ein stimmiger Typus-Kontrapunkt. Ihre Charaktere passen zum Erzählkonzept und sie sind perfekt für diese vermeintlich altmodische Art von Realismus, der von den Gewerken – allen voran dem Szenenbild – kongenial umgesetzt wird. Schneider und vor allem Kurth sind die Taktgeber der Geschichte. Sie halten alles zusammen, geben maßgeblich Stimmung, Tonlage & Tempo vor. Auch die Überraschung am Ende passt zu diesem trockenen Realismus.“ Dafür gibt es herausragende 5,5/6. Eine 6/6 von Tittelbach-TV meine ich noch nicht gesehen zu haben, seit wir die Crimetime-Vorschauen anhand der Kritiken anderer aufbauen.

Von Christian Buß habe ich leider dieses Mal nichts gefunden, dabei hatte ich mich so darauf gefreut, dass er einen nochmal besseren Titel findet, als man ihn für den Film dem eines Liedes nachgebildet hat. Also schnell Polizeiruf 110: An der Saale hellem Strande – Filmkritik – Film – TV SPIELFILM Nicht, dass das so unüblich wäre, wenn es um neue Polizeirufe und Tatorte geht, aber eine Ausnahme hätte man umso mehr als Warnsignal verstehen können. „Starkes Team jagt Phantom, mit überraschendem Ende“, lautet die Headline.

Damit sind auch wir am Ende, nämlich am Ende der Kritikenschau. Hoffentlich noch lange nicht am Ende des Schreibens über die Reihen Tatort und Polizeiruf, denn mit dem neuen Halle-Team, das nun doch kein Eintagsfliegenpärchen bleiben soll, sind auf jeden Fall wieder zwei starke Typen hinzugekommen.

Das Lied zum Film (1)

An der Saale hellem Strande ist ein deutsches Volkslied, das 1826 von Franz Kugler auf der Rudelsburg verfasst wurde. Kugler verwendete dafür die Melodie (op. 27 Nr. 1) von Friedrich Ernst Fesca, die dieser 1822 ursprünglich zu Friedrich („Maler“) Müllers Text Soldatenabschied (Heute scheid ich, morgen wandr’ ich) geschrieben hatte.[1]

Bezug genommen wird hier neben der Rudelsburg selbst vor allem auf die Gegend um Halle (Saale), so ist eine der in der ersten Strophe erwähnten Burgen die Burg Giebichenstein, eine andere die Moritzburg.

An der Saale hellem Strande
Stehen Burgen stolz und kühn.
Ihre Dächer sind gefallen,
Und der Wind streicht durch die Hallen,
Wolken ziehen drüber hin.

Zwar die Ritter sind verschwunden,
Nimmer klingen Speer und Schild;
Doch dem Wandersmann erscheinen
In den altbemoosten Steinen
Oft Gestalten zart und mild.

Droben winken holde Augen,
Freundlich lacht manch rother Mund.
Wandrer schauet in die Ferne,
Schaut in holder Augen Sterne,
Herz ist heiter und gesund.

Und der Wandrer zieht von dannen,
Denn die Trennungsstunde ruft;
Und er singet Abschiedslieder,
Lebewohl tönt ihm hernieder,
Tücher wehen in der Luft.

Franz Kugler kenne ich eher vom Lesen seiner Biografie über Friedrich II. von Preußen, genannt „der Große“, aber dass es aus der Stilepoche der Romantik stammt, darauf hätte ich getippt. Wie auch darauf, dass einige im Film verwendete Musikstücke mittlerweile Klassiker sind.

Playlist

Titel Komponist Interpret
An der Saale hellem Strande Friedrich Ernst Fresca Dresdner Kreuzchor / Martin Flämig
A sleeping Wonderland Friedrich Sehl Friedrich Sehl
People are strange Jim Morrison, Raymond D. Mazarek, Robert Krieger, John Paul Densmore The Doors
Streets of Laredo Johnny Cash Johnny Cash
P*$$Y Fairy Micahmi Powell, Jhene Aiko Chilombi, Julia-Quan Viet Le Jhene Aiko
Poor Wayfaring Stranger Joan Baez Joan Baez, Mimi Farina
Yuve Yuve Yu Batjargal, Enkhsaikhan, Bayarmagnai, Dashdongdog, Galsanjamts, Nyamjantsan, Naranbaatar, Temullen; Tsendbaatar, Galbadrakh The Hu
Les Contes D’Hoffmann, Act 2: Barcarolle, Schöne Nacht, Du Liebesnacht Jacques Offenbach Chor der Deutschen Oper Berlin, Berliner Symphoniker, Berislav Klobucar (Dirigent), Hildegard Hillebrecht & Sieglinde Wagner (Gesang)
MYSTIQUE SHIVA Kiran Murti Kiran Murti
Adrift Joe Archer Harry Lightfoot, Joe Arche
A Village Life Lekha Rathnakumar Bing Nathan
Gift Shop Jan Schneeberg Otto Sieben
Spirit of India Kiran Murti Kiran Murti
Baby Did A Bad bad Thing Chris Isaak Chris Isaak
Wer die Rose ehrt Peter Gläser Klaus Renft Combo
The House Of The Rising Sun

Besetzung und Stab

Hauptkommissar Henry Koitzsch – Peter Kurth
Kommissar Michael „Michi“ Lehmann – Peter Schneider
Zeuge Maik Gerster – Till Wonka
seine Ehefrau Alexandra Gerster – Hannah Ehrlichmann
die Tochter Leni Gerster – Magdalene Zedelius
Zeugin Katrin Sommer – Cordelia Wege
Zeuge Bernd Brinkmann – Torsten Ranft
Zeuge Günther Born, Ex-Bahnangestellter – Hermann Beyer
Seine Ehefrau Traudel Born – Eva Weißenborn
Nachbar Olaf Berger – Sebastian Weber
seine Ehefrau Silke Berger – Tilla Kratochwil
Kumpel Ralf Hirschberger – Harald Polzin
Kumpel Rainer – Thomas Gerber
Monika, Blind-Date von Henry Koitzsch – Susanne Böwe
Thomas Grawe – Andreas Schmidt-Schaller
Roman Schuster – Thomas Lawinsky
Marina Schuster – Anita Vulesica
Opfer Uwe B. “Baude”– Sven Reese
Markus – Atef Vogel  

Drehbuch – Clemens Meyer, Thomas Stuber
Regie – Thomas Stuber
Kamera – Nikolai von Graevenitz
Schnitt – Julia Kovalenko
Szenenbild – Jenny Rösler
Ton – Matthias Richter
Musik – Bert Wrede

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