Eins, zwei, drei (One, Two, Three, USA 1961) #Filmfest 521

Filmfest 521 Cinema

Eins, zwei, drei, im Sauseschritt

Eins, zwei, drei ist eine US-amerikanische Filmkomödie von Billy Wilder vor dem Hintergrund des Ost-West-Konflikts. Wilder verfasste zusammen mit I. A. L. Diamond auch das Drehbuch, für das sie das Bühnenstück Eins, zwei, drei (Originaltitel: Egy, kettő, három) von Ferenc Molnár aus dem Jahr 1929 adaptierten und die Handlung in das geteilte Berlin verlegten. Die Dreharbeiten fanden von Juni bis September 1961 in Berlin und in München statt; dabei wurde das Team vom Bau der Berliner Mauer überrascht.

Ist „Manche mögen’s heiß“ Billy Wilders bester Film? Oder „Das Appartement“? Oder „Frau ohne Gewissen“? oder „Sunset Boulevard“? Bei einem so großartigen Regisseur eine Frage des persönlichen Geschmacks, denn wie kaum ein anderer konnte Wilder, der Österreicher, der in Berlin das Filmbusiness erlernt hatte, die düsteren und die leichten Filme. Auch wenn man dem mehrfachen Oscarpreisträger manchmal angelastet hat, er habe keinen ausgeprägten eigenen Stil, so liegt für uns gerade darin sein Genie: Die Inszenierung eines Films perfekt dem Thema unterordnen zu können, und natürlich der gewünschten Stimmung.

Nun ist es kein Geheimnis, dass bei „Eins, zwei, drei“ die ausgelassene Stimmung nicht mehr zur politischen Lage passte, als der Film veröffentlicht wurde. Wir spüren in der –> Rezension der Wilderness des großen Kinos und der besonderen Situation von „Eins, zwei, drei“ nach, nachdem wir kürzlich dessen Nachfolger „Irma la Douce“ auf dem Filmfest vorgestellt haben.

Handlung (1)

R. MacNamara ist Direktor der Coca-Cola-Filiale in West-Berlin vor dem Mauerbau. Da er Europachef in London werden möchte, plant er, das Brausegetränk auch hinter dem Eisernen Vorhang zu vertreiben. Doch W. P. Hazeltine, der Vorstandsvorsitzende in Atlanta, will mit den Kommunisten keine Geschäfte machen und lehnt dies ab. Er bittet MacNamara stattdessen, seine Tochter Scarlett während deren Berlin-Visite zu betreuen. Widerwillig stimmt MacNamara zu. Eigentlich sollte seine Frau mit den Kindern verreisen, und so hätte er Gelegenheit gehabt, mehr Zeit mit seiner jungen hübschen Sekretärin Ingeborg zu verbringen.

Scarletts Besuch verläuft zunächst reibungslos, bis sie eines Tages plötzlich verschwunden ist. Ausgerechnet jetzt kündigen Scarletts ahnungslose Eltern für den nächsten Tag ihren Besuch in West-Berlin an. Als Scarlett wieder auftaucht, stellt sich heraus, dass sie heimlich Otto Ludwig Piffl, einen linientreuen und gutaussehenden Jungkommunisten aus Ost-Berlin, geheiratet hat. MacNamara sieht seine Karriereträume bedroht und fädelt deshalb mit Hilfe seines unterwürfigen Assistenten Schlemmer eine Intrige ein, um Piffl wieder loszuwerden: Der Kommunist Piffl wird als vermeintlicher Westspion am Brandenburger Tor von den ostdeutschen Grenzwächtern verhaftet und der Volkspolizei übergeben. Um die Eheschließung rückgängig zu machen, arrangiert McNamara heimlich außerdem im Ostberliner Standesamt die Aufhebung der Ehe. Aber der Schuss geht nach hinten los: Als Scarlett erfährt, was mit Otto geschehen ist, bricht sie zusammen. Zu allem Unglück stellt sich auch noch heraus, dass sie von Piffl schwanger ist. Ein uneheliches Enkelkind ohne Vater wäre für den erzkonservativen Mr. Hazeltine aber noch schlimmer als ein kommunistischer Schwiegersohn und damit das Ende von MacNamaras Laufbahn. Daher muss nun die Annullierung der Ehe wieder rückgängig gemacht, Piffl aus den Fängen der Volkspolizei befreit und der Jungkommunist innerhalb weniger Stunden in einen standesgemäßen Schwiegersohn verwandelt werden. (…)

Rezension

Bereits als Drehbuchautor leistete Billy Wilder Herausragendes und gleich ob einer seiner Filme ernst oder heiter ist, es gibt Dialoge zum Niederknien darin. Da wir eine starke Affinität zum Sprachlichen in einem Film haben, gehört Billy Wilder schon wegen seines Wortwitzes zu unseren Tops of the Tops. Noch mehr gilt dies für die Zeit, in welcher er mit Drehbuchautor I. A. L. Diamond zusammenarbeitete (ab 1955, also auch bei „Eins, zwei, drei). Wir haben allerdings eine leichte Präferenz für „Das Appartement“, wenn es gilt, unter seinen Filmen den schönsten zu benennen. Das mag an der einmaligen Kombination von Tragik und Komik liegen. Wie man Emotionen und Satire so miteinander verbinden kann, das haben wir in vielen Sitzungen mit diesem Film zu analysieren versucht und konnten lediglich feststellen, es gibt Momente in der Filmgeschichte, in denen kommt alles zusammen und was uns berührt und erfreut gleichermaßen, das können wir nicht vollkommen rational beschreiben.

Es hat auch damit zu tun, dass wir uns bei diesem Film in beinahe jede der Figuren hineinversetzen konnten und das Spiel mit den Gefälligkeiten, der karrierefördernden Dienstleistungen umwerfend auf den Punkt gebracht und gleichermaßen realistisch fanden. Dieser Wilder-Film hat am meisten mit unserer eigenen Biografie zu tun.

Nach „Das Appartement“, das Wilder auf dem Höhepunkt seines Schaffens zeigt, was konnte anschließend kommen? Wir haben den Verdacht, dass er sich mit „Eins, zwei, drei“ noch einmal selbst übertreffen wollte, sozusagen „Some like it Hot“ und „Das Appartement“ in einem Film bündeln, ein Werk schaffen, das satirischer ist als „Das Appartement“ und quirliger als „Manche mögen’s heiß“.

Und das ist leider unmöglich. Nicht umsonst gilt „Manche mögen’s heiß“ vielen als die Filmkomödie des 20. Jahrhunderts.

„Eins, zwei, drei“ hingegen zeigt schon die Erscheinungen, die amerikanische Filme in den nächsten Jahren stark dominieren sollten: Einen solchen Überfluss von allem, was für sich genommen super witzig, gut, anrührend sein kann, aber in dieser atemlosen Abfolge wie in „Eins, zwei, drei“ des Guten zu viel. Die Gags in dieser Komödie, die in unserer Wahlheimatstadt spielt, hätten für drei Filme locker ausgereicht. Es ist absolut bewundernswert, wie Wilder es geschafft hat, sie eben doch in einem Streifen unterzubringen, und unsere Übung in der Rezeption moderner, schneller Medien sollte es uns erlauben, den Film anzuschauen, ohne außer Atem zu kommen, aber wir haben eben doch eine innere Uhr, die etwas anders tickt als die Yankee-Doodle-Kuckucksuhr, die man McNamara zum zehnjährigen Dienstjubiläum im Jahr 1958 geschenkt hat.

Für romantische Momente zwischen dem jungen Liebespaar, das Wilder und Diamond dieses Mal eingebaut haben, ist ebensowenig Zeit wie für irgendeine Form von Reflexion, und so ist man hauptsächlich damit befasst, zu ermitteln, wie dieser Film nun wirklich ausgerichtet ist. Denn hinter viel kann man auch viel verstecken. Das Offensichtliche ist nicht immer das Wichtige.

Die Kritik ist sich heute weitgehend einig, dies sei ein großartiger, typischer Billy Wilder-Film. Wir möchten hinzufügen, zeittypisch ist er auch. Wir erwähnten den Drang des klassischen US-Kinos in den sprudelnden frühen 1960ern in ihrem Kennedy-Optimismus, dem beinahe vollständigen Wohlstand für alle, der einmalig in der Geschichte des Kapitalismus bleiben wird, es ein wenig zu übertreiben. Das Klima war heiß, weil der Krieg so extrem kalt war, in den Jahren des Mauerbaus und der Kuba-Krise, aber gleichzeitig war man noch ein letztes Mal so grundguter Stimmung, dass Komödien wie „Eins, zwei, drei“ überhaupt nicht aus dem Zeitrahmen fielen. Man vergleiche den Film zum Beispiel mit „Eine total, total verrückte Welt“ aus dem Folgejahr, einem Kassenschlager, der mehr ein Heist-Movie ist, aber ebenfalls einen Gag nach dem anderen abfeuert. Es gibt große Stilähnlichkeiten zwischen diesen beiden Streifen.

Dass „Eins, zwei, drei“ in Deutschland kein Erfolg war, als er in die Kinos kam, lässt sich leicht verstehen. Schon das allererste Bild vermittelt das Problem: Es wird rasch erwähnt, dass man es auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs mit jenen Typen zu tun hat, welche in der Realität nach dem Dreh die Mauer gebaut hatten. Man musste also die Handlung des Films rahmen, denn in diesem kann sie noch kein Thema sein – und damit auch nicht die Ernüchterung und die Trauer, die sich mit ihrer Errichtung verband. Der Film kam also zur falschen Zeit, außerdem karikiert er die Deutschen so derb, dass sich gerade nach der Abriegelung der innerdeutschen Grenze die Leute, die mehrheitlich die Nazi-Zeit erlebt, zuweilen auch mitgestaltet hatten, auf den Spießer-Schlips getreten fühlen mussten. Selbst wir können nachempfinden, dass nicht alle als Hacken zusammenschlagende Büro-Roboter, früher Nazi-Marionetten klassifiziert werden mochten, schließlich gab es auch ein paar Antifaschist:innen.

Dass der Kommunismus ebenso durch den Kakao gezogen wird, versteht sich von selbst, und während alle anderen Schauspielleistungen gut bis hervorragend sind, wird Horst Buchholz als junger Werktätiger in eine Rolle gezwungen, die ihm erkennbar Mühe macht. Im Vorjahr war er durch „Die glorreichen Sieben“ international bekannt geworden. Darin spielt er einen jungen, stolzen, wilden Typ, ein Greenhorn und er ist der Sympathieträger, der letztlich als einziger der sieben Pistoleros ein normales Leben beginnt und Völkerverständigung in die Praxis umsetzt.

Seine Rolle in „Eins, zwei, drei“ ist jedoch zu sehr ins Groteske gezogen und James Cagney, der Superstar des 1930er-Gangsterfilms, fühlte sich von ihm an die Wand gespielt. Da war sicher genau das Konkurrenzdenken drin, das Wilder in mehreren seiner Filme karikiert, aber wir meinen, Buchholz hatte keine Möglichkeit, den Otto Piffl etwas differenzierter anzulegen. Für Cagney hingegen war der Wilder-Film die letzte Paraderolle und eine seiner wenigen komödiantischen. Die Anspielungen auf frühere Filme, denen er seinen Stempel aufgedrückt hat, sind deutlich: Als er Otto gerne eine Orange oder Grapefruit ins Gesicht drücken möchte, wird „The Public Enemy“ aus dem Jahr 1931 in Bezug genommen, in dem Cagney als Gangsterboss seiner Freundin eine solche Frucht ins Gesicht drückt – die Szene erregte damals großes Aufsehen und wäre ab 1934, nach der Installierung des Production Codes, nicht mehr möglich gewesen. Die erwähnte Kuckucksuhr spielt auf Cagneys einzige, aber höchst gelungene Musical-Rolle in „Yankee Doodle Dandy“ (1942) an, die ihm einen Oscar brachte.

Das Großraumbüro in der Berliner Coca Cola-Zentrale (es war das echte Firmengebäude, bis 1992 in Betrieb) ähnelt stark demjenigen aus „Das Appartement“, in dem C. C. Baxter (Jack Lemmon) als Versicherungsangestellter tätig ist. Die drei Herren von der russischen Handelskommission sind eine klare Anspielung auf die drei Genossen aus „Ninotchka“ (1939), die in Paris einen wichtigen Auftrag zu erledigen haben und den Verführungen des Kapitalismus erliegen – für jenen Klassiker schrieb Billy Wilder das Drehbuch und sein Vorbild Ernst Lubitsch führte Regie. Scarlett Haseltine aus Atlanta ist natürlich eine Anspielung auf Scarlett O’Hara aus „Vom Winde verweht“ (ebenfalls 1939 erschienen).

Die deutschsprachigen Schauspieler:innen mit wichtigeren Rollen sind sehr gut. Hanns Lothar zwielichtig wie meistens als Assistent von McNamara und mit Unklarheiten in seiner Vergangenheit, Liselotte Pulver als eine Mischung aus Fräuleinwunder und Marilyn Monroe-Karikatur darf sogar einmal an gewollt unpassender Stelle ihr berühmtes herzhaftes Lachen hören lassen und außerdem auf dem Tisch tanzen. Ralf Wolter als einen der drei Herren von der sowjetischen Kommission hätten wir ohne künstlichen Sam-Hawkens-Skalp beinahe nicht erkannt.

Wenn der Film als Screwball-Comedy bezeichnet wird, zieht man unwillkürlich Verbindungen, die ebenfalls in die 1930er Jahre zurückreichen – etwa zu „Bringing up Baby“ (1938). In der Tat ist die Kombination aus Wortwitz und Slapstick nicht unähnlich, wobei die echten Screwball-Comedys in erster Linie Gesellschaftskomödien waren und in einem relativ geschlossenen Universum ihren Verlauf nahmen. Oft spielten sie in der Welt der Reichen und waren für den normalen Kinozuschauer vergnüglich, weil die Reichen so exzentrisch waren und man merkte, dass sie nicht durch Skills, sondern durch Glück bzw. Herkunft, wahlweise Ausbeutung von Arbeitenden in den Stand versetzt worden waren, sich diese Exzentrik leisten zu können. Die klassen- und systemübergreifende Karikatur, die „Eins, zwei, drei“ auf den ersten Blick gleichmäßig auf alle Nationen und Wirtschaftsordnungen münzt, ist eher eine neue Genrevariante, die selbstverständlich Elemente der Srewball-Comedy beinhaltet, aber auch solche der Slapstick-Komödien und des anarchischen Humors à la Marx Brothers.

Es ist eben diese zu große Vielfalt, die eine gewisse Naivität erfordert, damit man sie ungeteilt bewundern kann. Denn hinter dieser Vielfalt verstecken sich auch Gewichtungen, und es gab immer auch die eine oder andere negative Kritik zu dem Film, die ein Gespür für ebenjene Gewichtungen hatte. Es ist eben ein Unterschied, ob man ein System im Ganzen lächerlich macht oder eine Nation, oder ob man lediglich bestimmte Auswüchse oder Spezialitäten milde auf die Schippe nimmt, wie etwa die ausgeprägte Geschäftstüchtigkeit der Amerikaner oder ihren Hang zum Product Placement. Tatsächlich ist die Pepsi-Cola-Schlussszene einer Beschwerde der Starschauspielerin Joan Crawford zu verdanken, die zu jener Zeit bei Pepsi Cola in leitender Stellung war und sich über die massive Werbung für die Konkurenz von Coca-Cola ärgerte. Auch diese Schlussszene ist natürlich eine Ironie, denn nie zuvor in der Filmgeschichte wurde ein Unternehmen so massiv promotet wie Coca Cola in „Eins, zwei, drei“. Hätte die Firma die Idee nicht schick gefunden, dabei auch ein wenig hochgenommen zu werden, hätte sie wohl kaum ihr deutsches Hauptquartier in Berlin für die Dreharbeiten zur Verfügung gestellt.

Kritikenspecial

Fast amüsanter als der Film selbst ist, was die Wikipedia in seltener Süffisanz bereithält. Aus vielen Meinungen zu diesem Werk greifen wir zwei heraus, die im selben Medium veröffentlicht wurden:

„Billy Wilder drehte 1961 in Berlin die Filmkomödie ‚Eins, zwei, drei‘, die derzeit als sogenannte Wiederentdeckung in die Off-Kinos gebracht wird. (…) Der Dümmlichkeit der Geschichte entspricht auch die Art der Komik: Sie spekuliert mit der Dummheit in den Köpfen. (…) Das sogenannte Szenen-Publikum, das die Off-Kinos besucht, genießt an diesen alten Schinken unverhohlen gerade das, was es bei neuen Werken aufs schärfste übelnehmen würde. (…) Aber lassen wir es, weiter aus dem Film zu zitieren; es gibt angenehmere Brechmittel. Dieser Film mit seiner reaktionären Komik paßt allerdings in das momentane geistige Klima in unserer Republik.“– Die Zeit, Mai 1985[12] 

 „Noch heute kann man sich mit ‚Eins, Zwei, Drei‘ (1961) intelligent amüsieren (…) Kein Kultur-Klischee über Deutsche und Amerikaner, Kommunisten und Kapitalisten wird ausgespart, aber eben so ironisch gespiegelt, wie es nur Wilder, der Berliner aus Hollywood, konnte. Allein wegen Lilo Pulver lohnt es sich, diesen Film 44 Jahre später immer wieder anzuschauen. Sekretärin und Geliebte von McNamara, spielt die ansonsten als Quietschente berühmt gewordene Pulver den Part so sexy wie selbstironisch – subtiler als Mae West, witziger als Marilyn Monroe in Manche mögen’s heiß.“ – Die Zeit, August 2005[14]

Da sieht man, wie die sogenannte geistig-moralische Rolle rückwärts sich in Form von Verbitterung auf den Duktus damals noch eher linker Publikationen ausgewirkt hat und wie durch den Schröderismus alles ins heute Mittelmainstreamige transzendiert wurde. Die Kritik aus dem Jahr 1985 ist komplett überzogen, aber es ist schon ein Gag, wie sich innerhalb von 20 Jahren das Ganze ins überbordend Hymnische gedreht hat. Sinnbildlich für die Entwicklung der „Zeit“ oder nur ein Merkmal des Wandels der Zeiten hin zu unserer Gesellschaft, in der Billy Wilder Ideen ohne Ende für satirische Filme finden würde?

Finale

Auch hier gibt es wieder eine Verbindung zu „Ninotschka“, die recht logisch erscheint, da Billy Wilder für beide Filme in unterschiedlicher Funktion verantwortlich war. Letztlich sind die Segnungen des Kapitalismus das alles Versöhnende und sind selbst Paradekommunisten wie der junge Otto zu bekehren, wenn man ihn in anständige Klamotten steckt. Da ist sogar etwas dran, wie schon Ninotschka zeigte, denn den Einzelnen aus dem Verband herauszulocken, indem man ihn privilegiert, ist nicht schwierig. Da muss jemand schon sehr stabil solidarisch sein, vor allem, wenn er noch so jung ist, um nicht weich zu werden. Das ist das eigentlich Perfide an diesem Film, dass er vorgaukelt, alles außerhalb eines hier nur etwas furios dargestellten Kapitalismus sei eine Chimäre, die sich in Luft auflöst, wenn der Kapitalismus erst einmal die Chance hat, seine Verzauberungskräfte am einzelnen Individuum wirken zu lassen.

Es versteht sich von selbst, dass ein eher auf Gleichheit aufgebautes System keinen Reichtum wie den der Coca-Cola-Bosse zulässt, es versteht sich leider auch, dass es bisher kein reales System gegeben hat, in dem nicht doch wieder Funktionäre ihre Privilegien und Freiräume für sich geschaffen haben; jene Kader, die geschickter und nicht so naiv waren wie die gerne zitierte, aber nie wirklich gleichgestellte „breite Masse“. Das bedeutet aber nicht, dass ein System nicht sozialer sein kann und muss als der US-Kapitalismus, der seit dem Zusammenfall des kommunistischen Machtblocks immer mehr seine Raubtierzähne zeigt und für immer größere Ungleichheit sorgt. Auch das ist leicht, denn es gibt ja kein Gegenmodell mehr, dessen alleinige Existenz schon dafür gesorgt hatte, dass die kapitalistische Seite ihre Untertanen einigermaßen bei Laune halten musste.

Einerseits ist „Eins,  zwei, drei“ etwas zu überzogen und vollgestopft mit allen möglichen Anspielungen, Gags, Dialogkaskaden, andererseits verheimlicht er gerade dadurch seine Tendenz recht gut. Billy Wilder wäre nicht einer der größten Regisseure geworden, als Wanderer zwischen Europa und den USA, wenn er solche Doppelbödigkeit als scharfer Beobachter und gleichzeitig als kreativer Macher nicht hätte in Bewegtbilder umsetzen können. In diesem Fall fällt es uns allerdings schwerer als sonst, diese Fähigkeiten zu bewundern, daher verbleiben wir bei für Wilder-Verhältnisse unterdurchschnittlichen

71/100.

Die IMDb-Nutzer:innen vergeben zum  Zeitpunkt der Veröffentlichung der Rezension durchschnittlich 7,9/10 und nähern sich damit den 8,1 Punkten an, die aktuell notwendig sind, um in die „IMDb-Top-250“ zu gelangen. Bisher stand der Film aber nicht auf dieser Liste, deshalb ist er kein Gegenstand unseres Projekts, alle Werke, die dort jemals enthalten waren, im Laufe der Zeit auf dem Filmfest vorzsutellen. Offenbar kam es aber im Laufe der Zeit zu einer Aufwertung und vielleicht schafft es „Eins, zwei, drei“ noch. Ein erstmaliger Eintritt nach 2020 wäre für einen so alten Film eine bemerkenswerte Ausnahme.

© 2021 (Entwurf 2015) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1) und kursiv: Wikipedia

Regie Billy Wilder
Drehbuch Billy Wilder
I.A.L. Diamond
Produktion Billy Wilder
für Mirisch Corporation
und United Artists
Musik André Previn
Kamera Daniel L. Fapp
Schnitt Daniel Mandell
Besetzung

 

 

 

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